mini|hochkant|Erwin Rotermund
Erwin Rotermund (* 28. November 1932 in Münster; † 9. Januar 2018 in Mainz) war ein deutscher Literaturwissenschaftler (Venia Legendi für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Allgemeine Literaturwissenschaft). Er begann seine Laufbahn an der Justus-Liebig-Universität Gießen (1961–1968) und erhielt Rufe an die Julius-Maximilians-Universität Würzburg (1968–1973) und die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (1973–1998).
Leben Erwin Rotermund studierte Deutsche Philologie, Geschichte, Philosophie und Musikwissenschaft in München und Münster und promovierte 1960 mit der Untersuchung Die Parodie in der modernen deutschen Lyrik zum Dr. phil. Als Wissenschaftlicher Assistent an der Justus-Liebig-Universität Gießen (1961–1968) nahm er an den ersten drei Tagungen der interdisziplinären Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik (Hans Robert Jauß, Clemens Heselhaus, Wolfgang Iser, Hans Blumenberg) teil. Er habilitierte sich 1968 mit einer Schrift über Hoffmann von Hoffmannswaldau. Im selben Jahr wurde er ordentlicher Professor an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. 1973 erhielt er einen Ruf an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz, wo er bis zu seiner Emeritierung (1998) lehrte.
Als Gastdozent weilte Rotermund im Sommer 1977 am Middlebury College, German School, Vermont (USA) und in der ersten Hälfte der 1980er Jahre zweimal für längere Zeit an der Universität Graz. Er gab zusammen mit Gunther Nickel das Carl Zuckmayer-Jahrbuch heraus (seit 1998).Zuckmayer-Jahrbuch. Hg. im Auftrag der Carl-Zuckmayer-Gesellschaft von Gunther Nickel, Erwin Rotermund und Hans Wagener. Bd. 1-4. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag 1998ff. / Bd. 5-12. Göttingen: Wallstein Verlag 2001ff. Von 1991 bis 2009 war er auch Mitherausgeber von Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch (Bd. 9–27).Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch. Hg. im Auftrag der Gesellschaft für Exilforschung / Society for Exile Studies von Claus-Dieter Krohn, Erwin Rotermund, Lutz Winckler und Wulf Koepke. München 1983ff. Rotermunds aktive Mitarbeit dauerte von 1991 bis 2009 und umfasste die Bände 9 bis 27 (Vgl. dazu die Würdigung von Rotermunds Engagement im Vorwort des Jahrbuchs 27, 2009, S. IX–X). Rotermund war zudem Ehrenmitglied der Anna Seghers-Gesellschaft.
Forschungsgebiete Parodieforschung Mit seiner Dissertation Die Parodie in der modernen deutschen Lyrik gelang Rotermund 1963 ein grundlegendes Werk.Noch heute verweist der Parodie-Artikel von Wikipedia in seiner Literaturliste auf Rotermunds Buch Die Parodie in der modernen deutschen Lyrik und auf seine Anthologie Gegengesänge. Zu Erwin Rotermunds „Pionierleistungen auf dem Gebiet der Parodieforschung“ vgl. Nikola Roßbachs Besprechung: Erwin Rotermund. Parodiestudien. Begriff – Geschichte – Textanalysen. Gesammelte Schriften und Vorträge 1963–2006. Mit einem Aufsatz von Bernhard Spies. Hrsg. u. eingel. v. Heidrun Ehrke-Rotermund. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2023, 286 S. In: Zeitschrift für Germanistik. Neue Folge XXXIII (2023), H. 3, S. 737–738. Die Forschung knüpft bis heute an den dort entwickelten Parodiebegriff fachübergreifend an.Zu Rotermunds Parodiebegriff vgl. Erwin Rotermund: Die Parodie in der modernen deutschen Lyrik. München 1963, S. 9, 17f., 21. Jetzt auch in Erwin Rotermund: Parodiestudien. Begriff – Geschichte – Textanalysen. Gesammelte Schriften und Vorträge 1963–2006. Mit einem Aufsatz von Bernhard Spies, herausgegeben und eingeleitet von Heidrun Ehrke-Rotermund. Würzburg 2023, S. 21f., 31–33, 37. Auch die ein Jahr später publizierte Textsammlung Gegengesänge. Lyrische Parodien vom Mittelalter bis zur Gegenwart (1964) mit ihrem einleitenden historischen Überblick basiert darauf.Einleitung. In: Gegengesänge. Lyrische Parodien vom Mittelalter bis zur Gegenwart, ausgewählt und eingeleitet von Erwin Rotermund. München 1964, S. 11–36. Jetzt auch in Erwin Rotermund: Parodiestudien. Begriff – Geschichte – Textanalysen. Gesammelte Schriften und Vorträge 1963–2006. Mit einem Aufsatz von Bernhard Spies, herausgegeben und eingeleitet von Heidrun Ehrke-Rotermund. Würzburg 2023, S. 47–84. Die Anthologie wurde vielfach rezensiert, unter anderem in Die Zeit, Die Weltwoche (Zürich) und im Echo der Zeit.Vgl. dazu den Klappentext von Gegengesänge und den Flyer des Eidos Verlags München 42.
Der Parodie-Begriff des Autors, insbesondere sein Verfahren, die parodistische Veränderung eines Originals mit Hilfe der Änderungskategorien der antiken Rhetorik (Übertreibung, Verzerrung/Karikatur, Unterschiebung, Hinzufügung, Auslassung)Vgl. zu diesen Begriffen die vier Änderungskategorien der antiken Rhetorik: adiectio (Hinzufügung), detractio (Weglassung), transmutatio (Umstellung), immutatio (Ersatz/Substitution) in Heinrich Lausberg: Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft. München 1960, bes. § 462. zu analysieren, dient als Instrument für eine differenzierte Untersuchung von Parodien unterschiedlicher Zeiten und Gattungen. Das belegen Rotermunds spätere Aufsätze zum Thema, die sich neben moderner Lyrik (Stefan George/1971, Hans Arp/1987) auch mit Heinrich Heine (1998), Christoph Martin Wielands Abderiten-Roman (1978), Jacques Offenbachs Operette Orpheus in der Unterwelt (2006), den Dramenparodien der Jahrhundertwende (1996) und der parodistischen Goethe-Rezeption in der deutschen Exilliteratur (2003) beschäftigen.Die erwähnten Aufsätze sind jetzt verfügbar in Erwin Rotermund: Parodiestudien. Begriff – Geschichte – Textanalysen. Gesammelte Schriften und Vorträge 1963–2006. Mit einem Aufsatz von Bernhard Spies, herausgegeben und eingeleitet von Heidrun Ehrke-Rotermund. Würzburg 2023. Darüber hinaus behandelte Rotermund in Die Parodie in der modernen deutschen Lyrik (1963) Hanns von Gumppenberg, Christian Morgenstern, Arno Holz, die Dadaisten, Walter Mehring und Bertolt Brecht in jeweils einem eigenen Kapitel.
Barockforschung In seinem dritten Buch, der Habilitation Affekt und Artistik,Erwin Rotermund: Affekt und Artistik. Studien zur Leidenschaftsdarstellung und zum Argumentationsverfahren bei Hofmann von Hofmannswaldau. München 1972. wandte sich Rotermund der Barockzeit und in ihr dem Dichter Hoffmann von Hoffmannswaldau zu, dessen Sprachartistik von der Forschung vernachlässigt und missverstanden worden war. Mit der Fokussierung auf das Leidenschaftsthema beschritt er wiederum neue Wege: In Band III von Poetik und Hermeneutik entwickelte er im Aufsatz Der Affekt als literarischer Gegenstand: Zur Theorie und Darstellung der Passiones im 17. JahrhundertErwin Rotermund: Der Affekt als literarischer Gegenstand: Zur Theorie und Darstellung der Passiones im 17. Jahrhundert. In: Die nicht mehr schönen Künste. Grenzphänomene des Ästhetischen. Hg. von Hans Robert Jauß. München 1968 (= Poetik und Hermeneutik III), S. 239–269. die Grundzüge einer Affektforschung.Dazu Jörn Steigerwald: „Im Rahmen eines der wohl am nachhaltigsten wirkenden Kolloquien der Forschergruppe Poetik und Hermeneutik, dem Kolloquium zu Die nicht mehr schönen Künste. Grenzphänomene des Ästhetischen, publizierte Erwin Rotermund seine heute noch grundlegende Studie zu Der Affekt als literarischer Gegenstand: Zur Theorie und Darstellung der Passiones im 17. Jahrhundert. Diese Untersuchung, die er 1972 nochmals umfänglich ergänzte durch die Veröffentlichung seiner Habilitationsschrift zu Affekt und Artistik: Studien zur Leidenschaftsdarstellung und zum Argumentationsverfahren bei Hofmann von Hofmannswaldau, leistet gleich zweierlei: Erstens skizziert Rotermund in ihr die Felder, in denen die Affekte und Leidenschaften im 16. und 17. Jahrhundert behandelt wurden, und zweitens betrachtet er kursorisch die Darstellungen der Passiones in den europäischen Literaturen des Barock, wobei er zwar einen Schwerpunkt auf die deutsche Literatur dieser Zeit legt, jedoch auch die französische, italienische und englische Literatur gleichermaßen mit bedenkt“ (Jörn Steigerwald: Implicite – Theorie und Praxis der Affekte im Zeitalter des Barock. Rezension über: Johann Anselm Steiger [Hg.]: Passion, Affekt und Leidenschaft in der Frühen Neuzeit. Wiesbaden 2006. In: IASLonline [23.07.2011], Absatznummerierungen: 1–3, 6–8, 13, hier Absatz 1). Affektforschung
Exilforschung Seit den 1980er Jahren widmete sich Rotermund verstärkt einem neuen großen Thema, dem literarischen Exil. Er verfasste Aufsätze wie Beharrung und Anpassung. Die ersten Jahre des deutschen Exildramas (1987),Erwin Rotermund: Beharrung und Anpassung. Die ersten Jahre des deutschen Exildramas (1933–1936). In: Theaterwesen und dramatische Literatur. Beiträge zur Geschichte des Theaters. Hg. von Günter Holtus. Tübingen 1987, S. 343–358. die Überblicksdarstellung Deutsche Literatur im Exil für Viktor Žmegač` weit verbreitete Literaturgeschichte (1984, 19942)Erwin Rotermund: Deutsche Literatur im Exil 1933–1945. In: Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hg. von Viktor Žmegač. Band III,1 1918–1945. Königstein/Ts. 1984, S. 186–317 (2. Aufl. Weinheim 1994). und den Artikel Exilliteratur für das Lexikon Moderne Literatur in Grundbegriffen (1987, 19942).Erwin Rotermund: Exilliteratur. In: Moderne Literatur in Grundbegriffen. Hg. von Dieter Borchmeyer und Viktor Žmegač. Frankfurt a. M. 1987, S. 115–126 (2., neu bearbeitete Auflage. Tübingen 1994, S. 123–134. Sein Interesse galt auch den Diskussionen über das „Andere Deutschland“ in der deutschen ExildichtungErwin Rotermund und Heidrun Ehrke Rotermund: Lord Vansittart und die Folgen. Diskussionen über das „Andere Deutschland“ in der deutschen Exildichtung – am Beispiel von Dosio Kofflers Spiel „Die Deutsche Walpurgisnacht“ (1941). In: Literarische und politische Deutschlandkonzepte 1938–1949. Beiträge zu einer Tagung des deutschen Literaturarchivs Marbach und der Evangelischen Akademie Tutzing in Verbindung mit der Arno-Schmidt-Stiftung und der Carl-Zuckmayer-Gesellschaft. Zuckmayer-Jahrbuch. Bd. 7. Hg. von Gunther Nickel. Göttingen 2004, S. 141–161. sowie der Remigration, zu der er mit Thomas Koebner zusammen den Band Rückkehr aus dem Exil herausgab. Darin behandelte er Leonhard Franks prekäre Position Zwischen Ost und West (1990).Erwin Rotermund: Zwischen Ost und West: Leonhard Frank im Nachkriegsdeutschland (1950–1961). In: Rückkehr aus dem Exil. Emigranten aus dem Dritten Reich in Deutschland nach 1945. Essays zu Ehren von Ernst Loewy. Hg. von Thomas Koebner und Erwin Rotermund. Marburg 1990, S. 67–81.