Der Essay Die Funktion der Vernunft (FV) ist ein zuerst 1929 unter dem Originaltitel The Function of Reason erschienenes Werk des britischen Philosophen und Mathematikers Alfred North Whitehead (1861–1947). Der kurze Text – im Original 72 Seiten – ist aus den Louis Clark Vanuxem Foundation–VorlesungenEintrag im Princeton University Library Catalog entstanden, die Whitehead im März 1929 an der Princeton University gehalten hatte. Er ist der Spätphilosophie Whiteheads zuzurechnen, die ihre volle Ausformulierung in den Schriften Prozess und Realität (Process and Reality) sowie Abenteuer der Ideen gefunden hat. Der Autor knüpft an Überlegungen an, die er an den Anfang von Prozess und Realität gestellt hatte, formuliert seinen wissenschaftstheoretischen Anspruch und ordnet ihn in die Ideengeschichte ein, so dass die Arbeit auch als Einführung in seine Philosophie gelesen werden kann.Eberhard Bubser, der Übersetzer des Werks im Nachwort (FV 75) Der Titel ist zweideutig. Zum einen weist er auf die Wirkungsweise der Vernunft innerhalb eines Zusammenhangs, zum Beispiel bei einem Erkenntnisakt, innerhalb der Gesellschaft oder im Naturgeschehen allgemein hin, zum anderen auf die innere Funktionsweise der Vernunft. In dieser Publikation spricht Whitehead beide Aspekte an.Christoph Kann: Fußnoten zu Platon. Philosophiegeschichte bei A.N. Whitehead, Hamburg: Meiner 2001, 71 Er erläutert sein wissenschaftstheoretisches Grundverständnis, wonach der Fortschritt, d. h. die Entwicklung von neuen Ideen, auf eine in vernünftigen Grenzen angewandte spekulative Philosophie zurückzuführen ist, während die praktische Vernunft vor allem der Bewahrung des Bestehenden und der Bewältigung des alltäglichen Lebens dient.

Das Werk ist eine tiefgründige Untersuchung der Rolle der Vernunft im menschlichen Leben und im Universum. Die Veröffentlichung erfolgte im selben Jahr wie sein metaphysisches Hauptwerk „Process and Reality“. Dies unterstreicht die enge Verbindung zwischen den in „Die Funktion der Vernunft“ dargelegten Ideen und seiner umfassenden Kosmologie. Das Buch ist eine direkte Auseinandersetzung mit den vorherrschenden reduktionistischen Tendenzen in Wissenschaft und Philosophie seiner Zeit, insbesondere dem logischen Positivismus und Behaviorismus. Diese hatten die Metaphysik und Zweckursachen aus dem wissenschaftlichen Diskurs verbannt. Whitehead hat das Ziel, die Vernunft neu zu definieren und ihre fundamentale Bedeutung für das Leben, die Evolution und die Zivilisation hervorzuheben. Er tut dies, indem er sie als eine organische, zweckgerichtete Kraft darstellt.

Das international übliche Sigel des Werks ist FR.

Inhalt Praktische und theoretische Vernunft Allgemein befasste sich Whitehead mit der traditionellen philosophischen Frage nach dem „Wesen der Vernunft“, die jeweils im Licht der aktuellen Verhältnisse neu zu überdenken ist.Alfred North Whitehead: Die Funktion der Vernunft. Reclam, Stuttgart 1974, S. 5. Aufgabe der Vernunft ist es zunächst, „dass sie die Kunst zu leben fördert.“Alfred North Whitehead: Die Funktion der Vernunft. Reclam, Stuttgart 1974, S. 6. Diese Aussage enthält bereits Whiteheads Auffassung der Zweckorientierung (Teleologie) in der Natur.Christoph Kann: Fußnoten zu Platon. Philosophiegeschichte bei A.N. Whitehead, Hamburg: Meiner 2001, 72 Im Weiteren differenzierte er zwischen praktischer und theoretischer Vernunft und symbolisierte diese mit Odysseus, der das unmittelbare Handeln plante sowie nach pragmatischen Problemlösungen suchte, und Platon, dem es um die Vollständigkeit der Einsicht ging.Alfred North Whitehead: Die Funktion der Vernunft. Reclam, Stuttgart 1974, S. 33–34. Ein besonderer Gesichtspunkt der theoretischen Vernunft ist die spekulative Vernunft. Der deutsche Philosoph Michael Hampe spricht von einem naturphilosophischen und einen wissenschaftstheoretischen Aspekt in der Untersuchung der Vernunft durch Whitehead.Michael Hampe: Alfred North Whitehead, München: C.H. Beck 1998, 91 Ursprünglich ist die Vernunft pragmatisch ausgerichtet, indem sie hilft, die Anforderungen des praktischen Lebens zu bewältigen und den Zustand des Lebens zu verbessern. Hierin liegt ihr Zweck. Darum ist eine Interpretation der Evolution unzureichend, die biologistisch, kausal auf das Überleben des Tüchtigsten abstellt. Überlebenstüchtigkeit allein ist nicht der Grund des Überlebens. „Tatsächlich ist alles, was lebt, ja schon allein deshalb nicht besonders überlebenstüchtig. Die Kunst zu überdauern, ist ein Attribut des Toten. Nur anorganische Objekte überdauern wirklich große Zeiträume.“Alfred North Whitehead: Die Funktion der Vernunft. Reclam, Stuttgart 1974, S. 6.

Die Evolutionstheorie Darwins ist mechanistisch wie die traditionelle Physik. In ihr gibt es keine Kreativität.Joachim Klose: Prozessphilosophie und Quantentheorie. In: Tobias Müller und Bernhard Dörr (Hrsg.): Realität im Prozess. A.N. Whiteheads Philosophie im Dialog mit den Wissenschaften. Schöningh, Paderborn 2011, 57-74, hier 59 Sie kann deshalb nicht erklären, wie es zu Fortschritt kommt.Vgl. Alfred N. Whitehead: Function of Reason, 1929, dt. Die Funktion der Vernunft, Stuttgart, Reclam 1974, Kapitel I. Deshalb ist nach einer anderen Erklärung der Wirkmechanismen der Evolution zu fragen. „Warum hat die Evolution in ihrer Gesamttendenz zur Herausbildung immer höherer Lebensformen geführt? Weder die Tatsache, daß aus irgendwelchen Verteilungen unbelebter Materie lebende Organismen hervorgegangen sind noch der Sachverhalt, daß sich im Lauf der Zeit immer höhere Formen von Organismen herausgebildet haben, lassen sich durch die Begriffe der Anpassung an die Umwelt oder des Kampfs ums Dasein irgendwie erklären. Tatsächlich hat sich im Laufe der Aufwärtsentwicklung mehr und mehr ein entgegengesetztes Verhältnis zur Umwelt ergeben, mathematisch ausgedrückt: die zur Anpassung inverse Relation.“Alfred North Whitehead: Die Funktion der Vernunft. Reclam, Stuttgart 1974, S. 8. Während klassische Evolutionstheorien betonen, dass Lebewesen sich ihrer Umwelt anpassen, beschreibt Whitehead, dass höher entwickelte Lebewesen zunehmend die Umwelt ihren eigenen Bedürfnissen anpassen – also eine „zur Anpassung inverse Relation“ eingehen. So bauen z. B. Vögel Nester, Biber errichten Staudämme und Korallen formen Riffe. Der Kampf ums Überleben ist ein Faktor, der in der organischen Welt eine wichtige Rolle spielt, aber für die Erklärung der Evolution nicht hinreichend ist. Hinreichend bedeutet. dass eine Bedingung ausreicht, damit eine Aussage wahr ist. Die Individuen machen sich im Laufe der Evolution ihre jeweilige Umwelt vor allem aufgrund ihrer praktischen Vernunft zunutze. Dies gilt in zunehmendem Maße mit der wachsenden Ausbildung des Bewusstseins. Die Beschränkung der Evolutionstheorie auf mechanische Erklärungen liefert keine Begründung für die Entwicklung immer höherer Stufen des Lebens. Hieraus entwickelt Whitehead seine Position: „Meine These ist nun, daß sich dieser aktive Angriff auf die Umwelt durch ein dreifaches Bestreben erklärt: erstens, überhaupt zu leben, zweitens, gut zu leben und drittens, noch besser zu leben. Die Kunst zu Leben besteht darin, daß man erstens überhaupt lebt, zweitens auf eine befriedigende Weise lebt und drittens einen noch höheren Grad von Befriedigung erreichen kann.“Alfred North Whitehead: Die Funktion der Vernunft. Reclam, Stuttgart 1974, S. 9.

Für eine materialistische Weltsicht gibt es keine kohärente (zusammenhängende, schlüssige) Begründung. Die üblichen Argumente beruhen auf einem vordergründigen Schein. Der Mensch handelt in allen seinen Lebensbereichen nach seinen Interessen. „Wir alle fangen als gute Empiristen an. Aber unsere Aufgeschlossenheit für die Erfahrung hält sich in den Grenzen unserer unmittelbaren Interessen;“Alfred North Whitehead: Die Funktion der Vernunft. Reclam, Stuttgart 1974, S. 12. Ohne jeden direkten Bezug auf die Debatte stellte sich Whitehead mit dieser Auffassung gegen Max Webers Position, der Wertfreiheit der Sozialwissenschaften, im Werturteilsstreit. „Zwischen den materiellen Bestandteilen eines Organismus sind noch nie Reaktionen beobachtet worden, die irgendwie gegen die physikalischen oder chemischen Gesetze der anorganischen Natur verstoßen. Aber dies ist eine Aussage, die sehr verschieden von der weitergehenden Behauptung ist, daß es keinerlei andere Prinzipien gibt, die bei diesen Vorgängen eine Rolle spielen.“Alfred North Whitehead: Die Funktion der Vernunft. Reclam, Stuttgart 1974, S. 12–13. Das ganze menschliche Leben ist von Zwecken und Absichten (Zweckursachen) bestimmt. Hierfür gibt es überwältigendes „Beweismaterial“. Wie könnte nur aufgrund kausaler Verhältnisse, argumentierte er, ein großes Schiff überhaupt gebaut werden und dann auch noch geplante Ziele in Übersee in einer vorherberechneten Zeit ansteuern.

Whitehead kritisierte wie später der polnische Biologe und Erkenntnistheoretiker Ludwik FleckLudwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Suhrkamp, Frankfurt 1980 oder Thomas S. KuhnThe Structure of Scientific Revolutions die defensive, positivistische Selbstgenügsamkeit in den Einzelwissenschaften, in denen sich die praktische Vernunft an die Erfahrungen klammert, d. h. auf tatsächliche, sinnlich wahrnehmbare und überprüfbare Befunde besckschränkt wird. „So mancher Wissenschaftler hat mit viel Geduld und Scharfsinn Experimente konstruiert, deren Zweck die Bestätigung seiner Überzeugung war, daß tierisches Verhalten nicht durch Zwecke gelenkt wird. Und möglicherweise hat er daneben in seiner Freizeit noch Aufsätze geschrieben, in denen der Nachweis geführt wird, daß Menschen sich in nichts von den übrigen Tieren unterscheiden, weshalb ‚Zweck’ ein für die Erklärung ihrer körperlichen Betätigungen (einschließlich seiner eigenen) vollkommen irrelevanter Begriff sein muß. Ich finde, Wissenschaftler, deren Lebenszweck in dem Nachweis besteht, daß sie zwecklose Wesen sind, sind ein hochinteressanter Untersuchungsgegenstand.“Alfred North Whitehead: Die Funktion der Vernunft. Reclam, Stuttgart 1974, S. 16. Den Behaviorismus, der das Verhalten von Menschen und Tieren ausschließlich mit naturwissenschaftlichen Methoden erklärt, lehnte Whitehead hier klar ab, wieder, ohne explizit auf die entsprechende Debatte einzugehen. Zu einem späteren Zeitpunkt (1934) kam es zu einer Begegnung mit B.F. Skinner, der dieses kontroverse Gespräch als Anregung für sein Werk Verbal Behavior ansah.Burrhus Frederic Skinner: A psychological analysis of verbal behavior. Class notes made by R. Hefferline, Summer, 1947, in a course at Columbia University, given by B. F. Skinner. ,VB 76 Whitehead konstatierte hingegen eine Höherentwicklung der praktischen Vernunft und begründete ihre große Bedeutung auch mit damit verbundenen positiven Emotionen: „Das urtümliche, tiefsitzende, mit seinen Wurzeln in eine unübersehbare Vergangenheit reichende Gefühl der Befriedigung, das die Betätigung der Vernunft mit sich bringt, wird durch das eindrucksvolle Klarwerden einer Methode verursacht, die einem bei unmittelbar anstehenden praktischen Aufgaben weiterhilft. Die Methode funktioniert, und die Vernunft ist zufriedengestellt. Es besteht kein Interesse, das über den unmittelbaren Anwendungsbereich der Methode hinausreicht – was, genauso genommen, eine zu gemäßigte Aussage ist. Es existiert nämlich ein aktives Interesse, die forschende Neugier innerhalb des Anwendungsbereiches der Methode festzuhalten; und jede Niederlage dieses Interesses löst ein emotionales Widerstreben aus, das die Offenheit gegenüber der Erfahrung zum Verschwinden bringt.“Alfred North Whitehead: Die Funktion der Vernunft. Reclam, Stuttgart 1974, S. 17–18.