Torture Porn (deutsch: „Folter-Porno“), seltener auch Torture Horror, ist ein Anfang der 2000er Jahre entstandenes Subgenre des Horrorfilms.Steffen Hantke (Hrsg.): American Horror Film: The Genre at the Turn of the Millennium. University Press of Mississippi, 2010, S. 36, 48. Merkmal des Torture-Porn-Films ist, dass Folter, explizite Gewaltdarstellungen, Erniedrigungen und Verstümmelungen nicht wie auch bei anderen Filmen am Rande der Handlung vorkommen, sondern diese weitgehend bestimmen. Dabei dienen diese innerhalb der Handlung keinem höheren Zweck, wie zum Beispiel der Bestrafung oder der Erzwingung von Geständnissen, sondern sind praktisch Selbstzweck.Stefan Geil: Torture Porn - Die Renaissance des Folterns. In: Inge Kirsner, Michael Wermke (Hrsg.): Passion Kino - Existenzielle Filmmotive im Religionsunterricht und Schulgottesdienst. Göttingen 2009, S. 122. Die Zeitschrift Variety nannte das Genre „eine der unerwartetsten Erfolgsgeschichten des Jahrzehnts“ („one of the decade's most unexpected success stories“)Marc Graser: Decade changed film biz. Auf: variety.com vom 18. Dezember 2009, abgerufen am 19. Mai 2019..
Begriff mini|Regisseur Eli Roth (Mitte) und der Cast von Hostel bei der Premiere in Prag (2006)
Die Ursprünge des Torture-Porn gehen bis in die 1970er und 1980er Jahre zurück. Damals waren sie als Subgenre des Grindhouse kommerziell wenig erfolgreiche und billige Produktionen, wie beispielsweise Die Rache der Kannibalen (1981, Regie: Umberto Lenzi). Rückblickend können diese Filme jedoch auch als Torture Porn angesprochen werden.
Der Begriff „Torture Porn“ selbst wurde 2006 von dem US-amerikanischen Filmkritiker David Edelstein geprägt. Er trug zudem als Erster die spezifischen Merkmale des Subgenres zusammen. Edelstein stellte fest, dass eine ganze Reihe von Filmen der jüngeren Vergangenheit wie The Devil’s Rejects (2005, Regie: Rob Zombie), Saw (2004, Regie: James Wan), Wolf Creek (2005, Regie: Greg McLean), Hostel (2005, Regie: Eli Roth) und sogar Die Passion Christi (2004, Regie: Mel Gibson) einen hohen Grad von Sadismus enthalten hätten und diesen in einer brutalen Szenerie explizit zur Schau gestellt hätten. Diese Filme hätten im Gegensatz zu ihren Vorgängern jedoch ein wesentlich größeres Budget und hätten damit schließlich den Mainstream erreicht. Ein weiterer Unterschied zu früheren Horrorfilmen wie Scream (1996, Regie: Wes Craven) bestünde darin, dass hier nicht Teenies von maskierten Mördern für vermeintliche Verfehlungen, wie zum Beispiel ihren Hang zur Promiskuität, bestraft würden, sondern normale, völlig schuldlose Alltagsmenschen grundlos angegriffen würden. Das letzte Opfer hätte außerdem bisher den Mörder fast immer besiegt (Final Girl), doch nunmehr würde das Böse am Ende triumphieren. Selbst am Ende des Films Hostel lasse die Erkenntnis, dass man sich in einer Welt potentieller Serienkiller befinde, ein echtes „Happy End“ nicht zu.David Edelstein: Now Playing at Your Local Multiplex: Torture Porn. In: New York Magazine. 28. Januar 2006.
Manche Autoren meinen, dass die Welle der neuen Torture-Porn-Filme bereits mit der Neuverfilmung von The Texas Chainsaw Massacre (2003, Regie: Marcus Nispel) begonnen habe. Andere wiederum vertreten die Ansicht, dass Ansätze dieses Trends bereits einige Jahre zuvor in europäischen Filmen wie Tras el cristal (1987, Regie: Agustí Villaronga) oder Funny Games (1997, Regie: Michael Haneke) zu finden wären. Und selbst davor seien schon Klassiker wie Beim Sterben ist jeder der Erste (1972, Regie: John Boorman) und Das letzte Haus links (1972, Regie: Wes Craven) mit sehr ähnlichen Motiven gedreht worden.Lars-Olav Beier: Mordsspaß im Schlachthof. In: spiegel-online.de, 24. Juli 2006.Steve Murray: 'Horror porn' a bloody success. 7. Juni 2007. Es wird jedoch seitdem einheitlich betont, dass das neue Phänomen in der Tatsache liege, dass diese Filme nicht mehr nur Billigproduktionen seien, sondern aufwändige Leinwandspektakel mit entsprechender medialer Aufmerksamkeit:
Der deutsche Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger wies den Begriff „Torture Porn“ selbst zurück. Dieser sei letztlich ein „weltweit kolportierte[r] und nie wirklich definierte[r] Kampfbegriff einer konservativen Presse“, der alle Filme diskriminieren solle, „die sich – mal ernster, mal trivialer – mit dem (bürgerlichen) Menschen als Bestie auseinander setzen“. Stattdessen solle man diese Filme als „Reflexion gesellschaftlicher Wirklichkeit“ betrachten. Als Beispiel führte er an, dass Werke wie Jack Ketchum’s Evil (2007, Regie: Gregory M. Wilson) oder An American Crime (2007, Regie: Tommy O’Haver), die unter die Rubrik „Torture Porn“ fallen könnten, letztlich auf wahren Ereignissen beruhten. In seiner Monographie zum Thema wählte er stattdessen den Begriff „Terrorfilme“.Marcus Stiglegger: Terrorkino – Angst/Lust und Körperhorror, Berlin 2010, S. 16f
Interpretationen Körperlichkeit im Horrorfilm Benjamin Moldenhauer, Christoph Spehr und Jörg Windszus betonten: „Die Fasziniertheit vom Körper ist eine typisch postmoderne Qualität des zeitgenössischen Horrorfilms […] Dabei kommt auch die alte Geschichte vom endlichen verletzlichen Körper als großem Gleichmacher zum Tragen. Die Menschen sind sich innen wesentlich ähnlicher als außen und in ihrer Körperlichkeit ähnlicher als in der sozialen Hierarchie.“ Angriffe auf den Körper sind Ängste eines jeden Rezipienten und lösen bei diesem eine körperliche Reaktion aus. In dieser Hinsicht ähnelt der Horrorfilm dem pornografischen Film.Benjamin Moldenhauer / Christoph Spehr / Jörg Windszus: Law of the Dead – 10 Thesen zummodernen Horrorfilm, in: Benjamin Moldenhauer / Christoph Spehr / Jörg Windszus (Hrsg.): On Rules and Monsters – Essays zu Horror, Film und Gesellschaft, Hamburg 2008, S. 10 Ebenso stellte Stefan Geil fest, dass es in den Torture-Porn-Filmen zwar primär um „die Angst vor körperlicher Versehrtheit, Schmerzen und letztendlich vor dem Tod“ ginge, den aktuellen verstärkten Trend in diese Richtung vermutete er jedoch auch im zeitgenössischen „Schönheits- und Gesundheitswahn“.Stefan Geil: Torture Porn - Die Renaissance des Folterns. In: Inge Kirsner, Michael Wermke (Hrsg.): Passion Kino - Existenzielle Filmmotive im Religionsunterricht und Schulgottesdienst. Göttingen 2009, S. 121f.
Reflexion auf politische Realitäten Edelstein hatte darauf hingewiesen, dass aktuelle TV-Serien wie 24 Folter geradezu rechtfertigen und popularisieren würden, und Stefan Geil bemerkte, das Thema „Folter“ sei in den Medien durch Guantanamo und Abu Ghuraib sehr präsent. Auch andere Mainstream-Filme wie Casino Royale (2006, Regie: Martin Campbell) oder Syriana (2005, Regie: Stephen Gaghan) würden deshalb vermehrt Folter enthalten, wenn auch nur als Nebenaspekt. Franz Everschor, der Korrespondent des “film-dienst”, hatte schon zuvor diese Ansicht vertreten und die Geschehnissen auf den Leinwänden als „Reflex auf reale Ereignisse“ bezeichnet.Franz Everschor: “Torture Porn” - Folterszenen in Film und Fernsehen werden zum heißen Eisen. In: film-dienst. 61 (2007), Nr. 6, S. 48f. Auch Regisseur Eli Roth wurde nicht müde, immer wieder zu betonen, dass der Film Hostel eine Reaktion auf die politische Lage der USA sei.David Kleingers: Massaker im Multiplex. In: spiegel-online.de, 25. April 2006. Der Journalist und Filmkritiker Rüdiger Suchsland fasste dies mit den Worten zusammen:
Wirkungsweise beim Rezipienten Edelstein ging jedoch insofern weiter, als er davon ausging, dass diese Filme den Zuschauer trotzdem persönlich ansprächen: „Als potentielle Opfer fürchten wir Serienkiller, aber dennoch wollen wir uns mit ihrer Macht identifizieren.“ Zur Erklärung führte er eine Theorie an, welche der Schriftsteller Will Self 1996 in dem Aufsatz „The American Vice“ formuliert hatte. Dieser meinte, dass Folterszenen eine Art „moralische Entrückung“ hervorrufen würden: „Wir verlieren den Sinn dafür, welchen Standpunkt wir einnehmen. Des Sadisten, der foltert? Des Polizisten [, welcher im gewählten Beispiel Reservoir Dogs das Opfer ist]? Des unbeteiligten Komplizen? Es ist dieses Schwanken im Standpunkt, welches dem Zuschauer den ‘Schwarzen Peter’ der Mitschuld zuschiebt. Denn in einer solchen Situation gibt der Autor die moralische Verantwortung für das, was auf der Leinwand geschieht an den Zuschauer ab - oder schiebt sie ihm eher unter.“Will Self: The American Vice. In: Karl French (Hrsg.): Screen Violence. London 1997. Dieses Phänomen wird auch mit einer Katharsis verglichen.Grundsätzlich gibt es bei der Interpretation der Wirkungsweisen von Horrorfilmen vier Thesen: Katharsisthese (stellvertretendes Ausleben von Ängsten und Macht), Inhibitionsthese (Abschreckung durch eine Identifizierung mit dem Opfer), Stimulationsthese (Enthemmung des Rezipienten und Gefahr der Nachahmung), Habitualisierungsthese (regelmäßiger Konsum führt zu Verrohung des Rezipienten), vgl. Manfred Riepe: Maßnahmen gegen die Gewalt – Der Tanz der Teufel und die Würde des Menschen, in: Julia Köhne u. a. (Hrsg.): Splatter Movies – Essays zum modernen Horrorfilm, Berlin 2005, S. 168–170 So erklärte der Literatur- und Medienwissenschaftler Udo-Franke Penski: „Man durchlebt für eine begrenzte Zeitspanne in der Identifikation mit dem Opfer Angst und kann sich mit Hilfe der Figurenidentifikation von eigenen latenten Angstgefühlen befreien. […] Außerdem kann man nicht nur mit Angstlust die Rolle des Opfers ausleben, man kann sich ebenso mit dem Täter, dem Monster, der dunklen Seite identifizieren. […] In diesem Fall besteht der kathartische Effekt in einer Reinigung von Aggressionen.“Udo Franke-Penski: Kettensägen, Lust und Toleranz – Zur Konsumierbarkeit von Horrorfiktionen, in: Benjamin Moldenhauer / Christoph Spehr / Jörg Windszus (Hrsg.): On Rules and Monsters – Essays zu Horror, Film und Gesellschaft, Hamburg 2008, S. 24f
Die Frage nach dem Erfolg des Torture Porn stellte auch der deutsche Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger in seinem Buch „Terrorkino - Angst/Lust und Körperhorror“, wobei er auf sadomasochistische Tendenzen des Zuschauers verweist: Im Rückgriff auf psychoanalytische Filmanalyse, arbeitete er „ein ständiges Changieren zwischen Täter- und Opferperspektive“ von Seiten des Publikums heraus. Dabei identifiziere sich der Zuschauer zum einen mit dem Täter als verführerische Figur, zum anderen mit dem Opfer, wobei die Konfrontation mit „der Versehrbarkeit der eigenen Physis und Psyche“ in den Vordergrund tritt. Andererseits verweist auch Stiglegger, wie Geil, Everschor und andere, auf die oben genannten realen Ereignisse der vergangenen Dekade, die den Folterdiskurs in den Medien popularisierten.Marcus Stiglegger: Terrorkino - Angst/Lust und Körperhorror, Berlin 2010, S. 56.
Bewertungen mini|hochkant|Darren Lynn Bousman, Regisseur der Saw-Filme