mini|Maskierung der Gäste. Illustration von Aubrey Beardsley, 1894 Die Maske des Roten Todes (engl. The Masque of the Red Death) ist eine Erzählung von Edgar Allan Poe, die erstmals im Mai 1842 in Philadelphia in Graham’s Magazine erschien, in dessen New Yorker Redaktion E. A. Poe ein Jahr lang als Chefredakteur arbeitete. In ihr beschreibt Poe das Scheitern des Versuchs einer Gruppe von Privilegierten, sich vor einer Seuche oder einem Unheil in Sicherheit zu bringen.

Inhalt Nachdem eine Seuche (der Rote Tod, Red Death) die Hälfte seiner Untertanen dahingerafft hat, zieht sich Prinz Prospero, Herzog eines ungenannten Reiches, mit eintausend Gefolgsleuten hinter die Mauern einer von ihm entworfenen Abtei zurück: „Der Rest der Welt sollte sehen, wo er bleibt.“„The external world could take care of itself.“ E.A. Poe: The Masque of the Red Death, Milton Crane: 50 Great Short Stories, New York: Bantam Books 2005, S. 169. Nach fast einem halben Jahr Abgeschlossenheit gibt Prinz Prospero einen pompösen Maskenball. Er liebt das Außergewöhnliche, sein Geschmack ist bizarr: Er hat Vorlieben für eine bestimmte Beleuchtung, einen Wechsel der Farben und eine besondere Raumgestaltung. Das getönte Glas in den gotischen Fenstern entspricht der jeweils dominierenden Farbe der Räume: Blau im ersten, dann Purpur, im dritten Grün, im vierten Orange, dann Weiß, Violett und schließlich ein dominierendes Schwarz in einem Saal mit scharlachroten Fenstern.

Die Kette der mehrmals in genau dieser Reihenfolge erwähnten Räume erstreckt sich von Ost nach West und lässt in Korrespondenz mit den wechselnden Farben an den Sonnenlauf oder an Lebensphasen und allgemein an Vergänglichkeit denken, auf die durch die Standuhr aus Ebenholz im letzten Raum angespielt wird. Wie im echten Leben kann wegen der ungewöhnlichen verwinkelten Anordnung der sieben Räume niemand voraussehen, was oder wer auf ihn zukommt und wem die Stunde schlägt.„The apartments were so irregularly disposed, that the vision embraced but little more than one at a time. There was a sharp turn at every twenty or thirty yards.“ E.A. Poe: The Masque of the Red Death, Milton Crane: 50 Great Short Stories, New York: Bantam Books 2005, S. 169. Alle Räume werden außen von Gängen begleitet, deren Kandelaber ihr Kerzenlicht durch die farbigen Fenster in die Räume werfen, die keine Türen zu den umgebenden Korridoren haben.„In the middle of each wall [of the apartments] a tall and narrow Gothic window looked out upon a closed (!) corridor which pursued the windings of the suite.“ E.A. Poe: The Masque of the Red Death, Milton Crane: 50 Great Short Stories, New York: Bantam Books 2005, S. 169.

Während das ausschweifende Fest stattfindet, schlägt jede volle Stunde die Uhr im letzten Zimmer, deren Ton die ganze Abtei durchdringt und auch den Ausgelassensten und Verrücktesten erschreckt. Jedes Mal erstarrt das Fest bis zum Ende des Geläutes, woraufhin die Festgesellschaft in erleichtertes Gelächter ausbricht. Als die Uhr Mitternacht schlägt, tritt eine Gestalt in der Maske des Roten Todes unter die Feiernden, deren Erscheinung zuerst Ablehnung, dann Überraschung und schließlich Ekel und Horror auslöst.E.A. Poe: The Masque of the Red Death, Milton Crane: 50 Great Short Stories, New York: Bantam Books 2005, S. 172: „And the rumor of this new presence having spread itself whisperingly around, there arose at length from the whole company, a buzz, or, murmur, expressive of disapprobation an surprise – then, finally, of terror, of horror, and disgust.“

Um die Feststimmung zu retten, fordert der Prinz im ersten, dem blauen Raum, seine Höflinge auf, den Unbekannten zu überwältigen, aber der durchschreitet ungehindert alle Räume bis zum letzten, dem schwarzen. Da die Gäste zurückweichen, zieht Prinz Prospero seinen Dolch und nimmt die Verfolgung auf – die Maske jedoch wendet sich ihrem Verfolger zu, ein Schrei ertönt und Prospero sinkt tot zu Boden. Nun endlich versuchen die Gäste den Unbekannten zu demaskieren, müssen aber erkennen, dass er tatsächlich der Rote Tod ist: Unter der Maske befindet sich nichts, kein Gesicht, kein Skelett – die Maske ist nur sie selbst. Der Rote Tod ist ins Schloss eingezogen und tötet alle Höflinge: „Und Dunkelheit und Verfall und der Rote Tod hatten grenzenlose Herrschaft über alle.“„He had come like a thief in the night. And one by one dropped the revellers in the blood-bedewed halls of their revel, and died each in the despairing posture of his fall. And the life of the ebony clock went out with that of the last of the gay. And the flames of the tripods expired. And Darkness and Decay and the Red Death held illimitable dominion over all.“ E.A. Poe: The Masque of the Red Death, Milton Crane: 50 Great Short Stories, New York: Bantam Books 2005, S. 174. mini|Prinz Prospero stürzt tot zu Boden. Illustration von Arthur Rackham 1935

Inspiration Die Opfer des „Red Death“ sterben an einer Art hämorrhagischem Fieber unter furchtbaren Blutungen. Poe hatte Mutter und Stiefmutter durch Tuberkulose verloren, seine Ehefrau litt und starb ebenfalls an dieser Krankheit und den mit ihr verbundenen Blutstürzen. Zugleich verweist der Name durch das hervorhebende Attribut auf die Pest, den „Schwarzen Tod“.

Poe war 1831 in Baltimore Zeuge einer großen Cholera-Epidemie und der von ihr ausgelösten Reaktionen geworden. Ähnlichkeiten weist Poes Kurzgeschichte mit der Rahmenhandlung von Boccaccios Decamerone auf, in der sich vermögende Florentiner in ein Landhaus/Schloss zurückziehen, um nicht mit der Pest angesteckt zu werden.

Auch der italienische Name Prospero, der auf Italienisch wie auf Englisch (prosperous) „wohlhabend“ bedeutet, verweist auf Poes Namenswahl, vergleichbar dem Fortunato (lat./ital./span. „glücklich“ oder „begünstigt“) in Das Fass Amontillado. Weitere Bezüge finden sich zu Thomas Campbells Life of Petrarch – in einer Besprechung des Buches hatte Poe 1841 gerügt, der Verfasser habe die Pest in seinem Werk nicht angemessen dargestellt. Außerdem trägt Poes Protagonist den Namen des Zauberers aus William Shakespeares Romanze Der Sturm, der infolge einer Intrige sein Land zeitweilig verlassen muss und schiffbrüchig auf eine Insel verschlagen wird.

Interpretation Der allwissende auktoriale Erzähler bringt sich nur dreimal beiläufig als Beobachter ins Spiel in diesem mit der Anlage des Schlosses gegebenen sozialen Laboratorium: Die Vergnügungssäle sind für die Festgesellschaft wegen ihrer Verwinkelung nicht überschaubar und wegen der türenlosen, nur gefensterten Korridore um sie herum von außen nicht betretbar, wohl aber von dort einsehbar. Statt der nie erwähnten Bediensteten, die ja wenigstens gelegentlich neue Kerzen auf die Kandelaber setzen und Speisen und Getränke auftischen müssten, können immerhin die Leser diesem Experiment beiwohnen.

Die allegorische Bedeutung der Erzählung wird durch die ungewöhnliche Einschließung der Festräume mit Korridoren und die mystische Handlung unterstrichen. Sie ist im zeitlosen Raum einer gotischen Fantasiearchitektur angesiedelt, in die eine tödlichen Seuche einbricht, die ihre Opfer unter den adligen Gästen Prinz Prosperos sucht, da das Schloss für das niedere Volk abgeriegelt ist – das Schicksal löscht die Privilegierten und nicht die Diskriminierten aus. Die Geschichte kann als Prognose des Untergangs einer auch absoluten Macht gelesen werden, die sich gegen ihren Untergang auch durch Abgrenzung nur zeitweilig behaupten kann. Der „Rote Tod“, kann siegen, weil der Prinz, sich vor allem um sich und sein eigenes Vergnügen kümmert, das er auch seinen Gästen bei der Gestaltung ihrer grotesken Masken aufzwingt:„It was his own guiding taste which had given character to the masqueraders. Be sure they were grotesque.“ E.A. Poe: The Masque of the Red Death, Milton Crane: 50 Great Short Stories, New York: Bantam Books 2005, S. 171. So wird ja nicht nur der äußere Rahmen, sondern auch die Erscheinung und der Ablauf des Maskenballs von Prospero bestimmt und bleibt damit seinen Gästen äußerlich. Die Erzählung kann als Studie über den unausweichlichen Tod eines Exzentrikers und seiner AnhängerVgl. z. B. die Deutungsansätze in , S. 7, 9, 16 und 28 ff. oder verallgemeinernd auch als Warnung vor dem Untergang einer sich um ihre gesellschaftliche Verantwortung drückenden Elite verstanden werden.Die Handlung könnte beispielsweise auf die französischen Revolutionen anspielen: Nach der großen Revolution von 1789 gegen den Adel führte die Julirevolution von 1830, Les Trois Glorieuses („Drei Glorreiche [Tage]“) zum endgültigen Sturz der Bourbonen in Frankreich und mit der erneuten Machtergreifung des Bürgertums zu einer wenigstens liberalen Monarchie.

Mit Bezug auf den amerikanischen Traum der Erlösung durch das permanente Erfolgsstreben, den pursuit of happiness, und im Kontext von Poes Gesamtwerk kann Die Maske des Roten Todes auch als Kritik an den Versprechungen eines massenhaften individuellen Reichtums gelesen werden: Immer wieder habe Poe der in der zeitgenössischen amerikanischen Weltanschauung vertretenen Apotheose des individuellen Aufstiegs die Apokalypse des Individuums gegenübergestellt. So könne diese Erzählung Zapf zufolge auch als „Parodie und apokalyptische Umkehrung eines verabsolutierten pursuit of happiness und damit als Apokalypse des amerikanischen Traums“ gedeutet werden. Angeführt von Prinz Prospero jagen die Menschen mit ihren unter den Masken verborgenen individuellen Persönlichkeiten der Verheißung eines falschen Glückstraums nach,Vgl. z. B. die Deutungsansätze in , S. 22 ff. der in der Realität ebenso wenig erfüllbar ist wie der „American Dream“.Vgl. zu diesem alternativen Deutungsansatz Hubert Zapf: Edgar Allan Poe: Romantische Autonomieästhetik und amerikanische Apokalypse. In: Hubert Zapf u. a.: Amerikanische Literaturgeschichte. Metzler Verlag, 2. akt. Auflage, Stuttgart und Weimar 2004, ISBN 3-476-02036-3, S. 110–116, hier S. 114.

Deutsche Übersetzungen (Auswahl) um 1900: Johanna Möllenhoff: Die Maske des roten Todes. Reclams Universal-Bibliothek, Leipzig. 1901: Hedda Moeller und Hedwig Lachmann: Die Maske des roten Todes. J.C.C. Bruns, Minden. 1909: Bodo Wildberg: Der rote Tod. Buchverlag für das Deutsche Haus, Berlin. 1912: unbekannter Übersetzer: Die Maske des roten Todes. Kiepenheuer, Weimar. 1922: M. Bretschneider: Die Maske des roten Todes. Rösl & Cie. Verlag, München. 1922: Gisela Etzel: Die Maske des roten Todes. Propyläen, München 1923: Wilhelm Cremer: Die Maske des roten Todes. Verlag der Schiller-Buchhandlung, Berlin. 1925: unbekannter Übersetzer: Die Maske des Roten Todes. Mieth, Berlin. 1925: Stefan Hofer: Die Maske des roten Todes. Interterritorialer Verlag „Renaissance“, Wien ca. 1930: unbekannter Übersetzer: Die Maske des roten Todes. Fikentscher, Leipzig. 1947: Wolf Durian: Die Maske des roten Todes. Ullstein, Wien 1948: Ruth Haemmerling und Konrad Haemmerling: Die Maske des Roten Todes. Schlösser Verlag, Braunschweig. 1953: Richard Mummendey: Die Maske des Roten Todes. Hundt, Hattingen. 1953: Günther Steinig: Die Maske des Roten Todes. Dietrich’sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig. 1958: Gerhard Hermann: Die Maske des Roten Todes. Hoffmann, Heidenheim. 1966: Hans Wollschläger: Die Maske des Roten Todes. Walter Verlag, Freiburg i. Br. 1989: Gerlinde Völker: Die Maske des Roten Todes. Reclams Universal-Bibliothek, Stuttgart.

Rezeption Sprache und Literatur In Gaston Leroux’ Roman Das Phantom der Oper (1909/10) erscheint das Phantom als Roter Tod verkleidet auf dem Maskenball. Im Roman Shining (1977) von Stephen King vergleicht Jack Torrance einen Maskenball, der im Overlook Hotel stattgefunden hat, mit dem Maskenball der Erzählung Poes. Tom Wolfe betitelte ein Kapitel seines Romans Fegefeuer der Eitelkeiten (1984/85) mit Die Maske des roten Todes. Kulisse der Handlung ist dabei eine New Yorker Gesellschaftsparty.