Gehrde ist eine Gemeinde innerhalb der Samtgemeinde Bersenbrück im Norden des niedersächsischen Landkreises Osnabrück.
Geografie
Lage Gehrde liegt im Osten des ehemaligen Landkreises Bersenbrück, der heute den Norden des Landkreises Osnabrück bildet. Die Hase streift das Gemeindegebiet im Nordwesten. mini|Ortsteile Gehrde
Gemeindegliederung Die Gemeinde setzt sich aus den folgenden Ortsteilen zusammen: Dorf Gehrde – Sitz der Gemeindeverwaltung Bauerschaft Gehrde Groß Drehle Helle (Klein-Helle und Groß-Helle) Klein Drehle Rüsfort
Nachbargemeinden Gehrde grenzt im Norden an Badbergen, im Westen an Bersenbrück, im Süden an Rieste (alle Landkreis Osnabrück) sowie im Osten an Neuenkirchen-Vörden und Holdorf (beide Landkreis Vechta).
Oberflächengewässer, Moore und andere Feuchtgebiete Das Gemeindegebiet von Gehrde gehört zum Einzugsgebiet der Hase und damit zum Flusssystem der Ems.
Im Nordwesten des Gemeindegebiets verläuft die Hase, die eine zentrale Rolle für den lokalen Wasserhaushalt einnimmt. Am östlichen Rand von Gehrde fließt der Möllwiesenbach, der dort den Heller Binnenbach aufnimmt und in den Seitenkanal Wrau mündet, welcher wiederum zur Hase gehört.
Im Hase-Einzugsgebiet führten Begradigungen, Eindeichungen und Entwässerungsmaßnahmen zu tiefgreifenden Veränderungen des natürlichen Wasserhaushalts. Zahlreiche Gewässerabschnitte gelten als stark verändert, wodurch natürliche Retentionsräume eingeschränkt und Überschwemmungsdynamiken reduziert wurden. Zur Gewährleistung des Hochwasserschutzes und der Standsicherheit werden entlang der Hase, auch im Bereich Gehrde-Rüsfort, regelmäßig Damm- und Deicherneuerungen durchgeführt.
Die ökologische Qualität der Hase und ihrer Auen ist in vielen Bereichen beeinträchtigt. Ursachen sind insbesondere intensive landwirtschaftliche Nutzung, Gewässerverbauung und der Verlust naturnaher Auenlandschaften. Dies führte zu einer Verringerung der Habitatvielfalt und zu Einschränkungen für auentypische Tier- und Pflanzenarten.
Zur Verbesserung der hydrologischen und ökologischen Situation wurde die Haseaue bei Gehrde-Rüsfort zwischen 1999 und 2012 auf einer Fläche von rund 46 Hektar renaturiert. Dabei wurden ehemals intensiv genutzte landwirtschaftliche Flächen in naturnahe Auenlandschaften mit extensivem Grünland, Röhrichten, Stillgewässern, Blänken und neu angelegten Seitenarmen der Hase umgewandelt. Die Maßnahmen schufen vielfältige Lebensräume, unter anderem für zahlreiche Libellenarten, verbesserten den Hochwasserschutz und stellten einen ökologisch bedeutsamen Biotopverbund entlang der Hase wieder her.
Untergrundverhältnisse Gehrde liegt in der Norddeutschen Tiefebene. Das Gebiet um Gehrde besteht hauptsächlich aus glazio-fluvialen Ablagerungen, die in erster Linie aus lehmigen und sandigen Ablagerungen des Pleistozäns bestehen. Bohrungen zeigten, dass die oberste Bodenschicht eine Stärke von ca. 5–7 m hat. Diese Schicht ist unterlagert von einer ca. 10 m starken lehmigen und marligen Sedimentschicht.
Der oberste Grundwasserleiter befindet sich in einer Tiefe von 2–6 m. Sandige Schichten in einer Tiefe von 25–30 m bilden einen ertragreichen Aquifer für Grundwasserförderung.
Klima In Gehrde herrscht ein durch feuchte Nordwestwinde von der Nordsee beeinflusstes gemäßigtes Seeklima mit milden Wintern, warmen Sommern und ganzjährig gleichmäßig verteilten, mäßigen Niederschlägen. Die Sommer sind häufig trocken und sonnig, während im Winter gelegentlich Schnee fällt.
2023 betrug die durchschnittliche Temperatur 11,2 °C. Sie ist tendenziell steigend. Sie betrug in den letzten zehn Jahren durchschnittlich 10,6 °C und in den letzten 100 Jahren waren es durchschnittlich 9,2 °C.
Zwischen Mai und August kann mit durchschnittlich 20–25 Sommertagen (klimatologische Bezeichnung für Tage, an denen die Maximaltemperatur 25 °C übersteigt) gerechnet werden.
Es gibt je nach Messmethode und Definition durchschnittlich etwa 1627–2275 Sonnenstunden pro Jahr.
Es fällt jährlich ca. 700 mm Niederschlag.
Geschichte Entstehung Die Bauerschaft Gehrde wurde 977 als Girithi in einer Urkunde Kaiser Ottos II. erstmals erwähnt. Der Ortsteil Drehle findet bereits 973 als trele Erwähnung in einer Kaiserurkunde Ottos I. Der Ortsteil Rüsfort wurde 880 in Schriftzeugnissen genannt. Helle erscheint seit 1309 und Klein Drehle seit 1350 in den Quellen. Das Dorf Gehrde entstand um 1251.
Laut dem Namenkundler Jürgen Udolph deutet der Ortsname Gehrde in seiner ältesten Form als girithi sprachgeschichtlich auf germanische Wurzeln. Es wird angenommen, dass die kontinuierliche Besiedlung der Gehrder Gegend in die Zeit der Völkerwanderung zu Beginn des frühen Mittelalters (6. Jahrhundert) zurückreicht.
Erst um 880 wird im Werdener Urbar (Abgabenliste für die Reichsabtei Werden, heute Essen an der Ruhr) mit hriasforda erstmals ein Ortsteil von Gehrde (heute Rüsfort) genannt. Rüsfort war damals eine Station auf dem Weg der Mönche nach Nordosten in den Lerigau. Nach Rüsfort, das an der Hase liegt, kamen 885/86 Wikinger zum Plündern. Sie kamen 885 beispielsweise auch nach Duisburg. Sie fuhren auch die Ems und die Hase hoch und stießen auf Rüsfort.
Die Gegend um Gehrde wurde danach zu einem regionalen Machtzentrum. Den Herren von Rüsfort, die 977 urkundlich genannt wurden, gehörten weite Bereiche am östlichen Ufer der mittleren Hase. Darunter auch Drehle, Gehrde und Wehdel. Der Besitz war so bedeutend, dass Otto der Große der Gegend 973 einen Besuch abstattete und in Drehle (treli) eine Urkunde ausfertigen ließ. Daran wurde 2013 mit einem Fest in Groß Drehle erinnert. Mit den schriftlichen Erwähnungen von 880, 885/6, 973, 977 liegen vier Zeugnisse aus der Zeit vor 1000 vor.
In dieser Zeit war die Gegend noch dünn mit drei weilerartigen Gehöftgruppen (treli, girithi und hriasforda) besiedelt. Es wird kaum mehr als sechs Hauptwohnungen je Weiler gegeben haben. Hinzu kam ein befestigter Haupthof, der etwa dort lag, wo heute das Kriegerdenkmal an der Langen Straße liegt. Dort stand auch eine Kapelle in Fachwerk als sogenannte Eigenkirche der Herren von Rüsfort, die dort wohnten. Das heutige Dorf Gehrde samt Kirche gab es noch nicht.
Mittelalter und Reformationszeit Gehrde entstand erst nach 1225. Damals lebten die zuständigen Grundherren nicht mehr auf dem Haupthof an der Langen Straße, sondern hatten ihren Wohnsitz auf eine „Burg“ in der Nähe eines Baches verlegt, den sie aufstauen ließen, um so nicht nur durch eine Gräfte geschützt zu sein, sondern auch eine Wassermühle betreiben zu können.
Mit Ausweitung der Besiedlung gründeten die Rüsforter Herren eine Gemeindekirche. Dieser Holzbau lag schon dort, wo heute die Kirche steht. Entlang der Achse Burg (am Ende der Feldstraße) und Kirche entwickelte sich nun eine Besiedlung von Handwerkern und Händlern, aus der sich sehr langsam das heutige Dorf Gehrde entwickelte.
Ein Schwerpunkt lag dabei am Rande des Friedhofs, der rund um die Kirche angelegt worden war. Diese Hütten wurden später zu Kirchhofspeichern, aus den später Häuser wurden. Sie stehen an der Südseite der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, nunmehr aus Stein errichteten, Kirche.
Die Steine der Kirche, die haseaufwärts aus den Steinbrüchen bei Üffeln stammen, wurden vermutlich auf dem Wasserweg nach Gehrde transportiert. Bei Fundamentierungsarbeiten kam in den 1990er Jahren ein breites Grabenprofil direkt am Kirchhof zutage. Urkundlich lässt sich dort eine weitere Mühle nachweisen.
Die Gehrder Gegend war früher in weiten Bereichen eine Wasserlandschaft, ähnlich dem Spreewald. Weite Bereiche wurden immer wieder überschwemmt und Äcker konnten nur auf wenigen höheren „Inseln“ angelegt werden.
Heinrich Böning, bis 2015 Leiter des Stadtmuseums Quakenbrück, weist darauf hin, dass unter dem Begriff „Artland“ bereits in der Reformationszeit das Gebiet der evangelisch gewordenen Kirchspiele Badbergen, Gehrde und Menslage sowie der Stadt Quakenbrück verstanden worden sei, dass Gehrde also im Bewusstsein seiner Einwohner seitdem als Teil des „Kern-Artlandes“ betrachtet wurde und zum Teil heute noch wird. Erkennbar ist Letzteres am Einbezug Gehrdes in das Projekt Kulturschatz Artland.Heinrich_Böning: Das Artland. 2015. S. 7. ISBN 978-3-86680-845-4
19. Jahrhundert In Gehrde lebten Handwerker (z. B. Tabakspinner, Färber, Bäcker) und Händler (Garnkäufer, Viehhändler), die kaum Land hatten. Sie waren selbständig und frei, während fast alle Landbewohner den adeligen Grundherren gehörten. Dennoch wuchs die Bevölkerung seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges immer stärker an, so dass die Menschen in Scheunen, Backhäusern und Torfhütten leben mussten. Erst nach 1830 eröffnete sich ihnen die Möglichkeit, in die USA auszuwandern. Tausende verließen in den folgenden hundert Jahren die Gehrder Gegend. Heute kommen immer wieder Nachfahren der Auswanderer nach Gehrde und suchen nach ihren Wurzeln.
In New York gab es viele Einwanderer aus Gehrde, sodass man dort einen Gehrder Klub und einen Gehrder Schützenverein gründete, in dem Plattdeutsch gesprochen wurde. Fast alle Gehrder Familien hatten Verwandte in den USA. Einige Familien aus Gehrde wurden in den USA reich, wie die Familie Schulte aus Rüsfort, der bis zur Enteignung im Jahr 1917 große Teile der Stadt San Francisco gehörten.
In Gehrde entstanden im 19. Jahrhundert prächtige Bauernhäuser, die heute touristisch das Bild vom reichen Artland prägen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebte aber unter beengten Verhältnissen in kleinen Heuerhäusern, wie die Knechte, die ihre Schlafkammer in der Regel über den Pferdeställen hatten.
Aus Anlass des 400. Geburtstages von Martin Luther wurde eine Luthereiche gepflanzt, unter dessen Blätterdach im Juni 2017 ein Gottesdienst mit dem Thema „500jähriges Reformationsjubiläum“ stattfand.
Am 10. Juni 1895 suchte ein schweres Hagelunwetter das Dorf Gehrde und Rüsfort heim. Auch der heutige Bersenbrücker Ortsteil Talge und der Badberger Ortsteil Langen waren betroffen.
20. Jahrhundert Die ärmlichen Verhältnisse besserten sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allmählich. Der Strom der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, der nach 1945 auch Gehrde erreichte, ließ ähnliche Wohnverhältnisse wieder entstehen. Dabei löste die Gruppe der Flüchtlinge die Gruppe der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter ab, die während des Zweiten Weltkriegs in großer Zahl in der Landwirtschaft eingesetzt worden waren.
Juden gab es in Gehrde nur wenige. Der jüdische Viehhändler Hermann van Pels wanderte in der Zeit des Nationalsozialismus mit seiner Familie unter dem Druck der Verhältnisse nach Amsterdam aus. Dort wurde die Familie Pels Nachbarn von Anne Frank.
Gehrde wurde, wie das gesamte Artland, schon früh von den Nazis „erobert“. Offener Widerstand ist nicht bekannt. Insbesondere die Schullehrer waren sehr linientreu und haben zur Indoktrination der Bevölkerung beigetragen. Wer Feindsender hörte, wie die Familie Twelbeck, lief auch in Gehrde Gefahr, angezeigt zu werden. Dennoch war der Standesbeamte Twelbeck mutig genug, um in verschiedenen Fällen Personen zu einer „arischen Großmutter“ zu verhelfen.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs kurz vor Einmarsch der Briten wurden alle Gemeindeakten von einem Trupp der SS in der örtlichen Mühle verbrannt. Nur wenige Gehrder kamen nach 1945 in die Umerziehungslager der Briten.
Mit dem beginnenden Wirtschaftswunder kam es auch in Gehrde zu einer starken Abwanderung in die Industriezentren. Dadurch entstand im Bereich der Landwirtschaft ein großer Druck zur Maschinisierung und Rationalisierung. Diesen Prozess haben auch in Gehrde nur wenige Höfe überstanden. Auch viele kleine Geschäfte im Dorf mussten aufgegeben werden. Aus einer überwiegend bäuerlichen Besiedlung ist eine vielschichtige Bevölkerung geworden.