Die Dreyfus-Affäre war eine der großen politischen Affären der Dritten Französischen Republik. Sie kennzeichnet sich durch Handlungsstränge, die zeitweise parallel zueinander stattfanden. Im Folgenden ist die Affäre in ihrem chronologischen Verlauf aufgeführt. Eine detaillierte Beschreibung der Abläufe ist im Hauptartikel Dreyfus-Affäre wiedergegeben.
1894 mini|hochkant|Der wieder zusammengeklebte Bordereau 20.07.: Der französische Offizier Ferdinand Walsin-Esterházy, wegen Frauengeschichten und Glücksspiels hoch verschuldet, bietet dem deutschen Militärattaché Maximilian von Schwartzkoppen seine Dienste an.Ruth Harris: The Man on Devil’s Island. S. 469. 25.09.: Die Putzfrau Marie Bastian entwendet einen zerrissenen und nicht unterschriebenen Brief aus dem Papierkorb des Militärattachés Schwartzkoppen und übergibt diesen gemeinsam mit anderen Papierfragmenten dem französischen Nachrichtendienst. Der Brief, das sogenannte Bordereau („Begleitschreiben“), ist der schriftliche Beleg, dass ein Offizier des französischen Generalstabs vertrauliche Informationen an ausländische Mächte liefert. 06.10.: Die Personen, die im Generalstab mit der Untersuchung des Bordereaus beauftragt sind, kommen zu dem Schluss, dass Alfred Dreyfus der Verräter sei.Louis Begley: Der Fall Dreyfus. S. 236. 11.10.: In einer gemeinsamen Sitzung stimmen mehrere Kabinettsminister der Verhaftung von Alfred Dreyfus zu. Mehrere äußern jedoch Vorbehalte und Bedenken. Ministerpräsident Charles Dupuy nimmt Kriegsminister Mercier das Versprechen ab, nur dann weiter gegen Dreyfus vorzugehen, wenn noch andere Beweise gegen ihn gefunden werden. 14.10.: Kriegsminister Auguste Mercier unterzeichnet den Haftbefehl gegen den jüdischen Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus, nachdem Offiziere des Generalstabs zu der Überzeugung kommen, seine Handschrift entspräche der des Bordereau. Die weitergehenden Untersuchungen werden Armand du Paty de Clam übertragen. 15.10.: Alfred Dreyfus wird verhaftet. 28.10.: Lucie Dreyfus, Ehefrau von Alfred Dreyfus, wird erlaubt, Familienangehörige über die Verhaftung zu informieren. Alfred Dreyfus‘ älterer Bruder Mathieu Dreyfus reist sofort von Mülhausen nach Paris. 29.10.: General Du Paty de Clam weist Generalstabschef Boisdeffre darauf hin, dass die Beweislage gegen Dreyfus sehr dünn ist. 31.10.: Zeitungen berichten über die Verhaftung und nennen dabei zum Teil Name, Rang und Glaubenszugehörigkeit des Verhafteten. 31.10.: Sondersitzung des französischen Kabinetts, in der Mercier behauptet, das Bordereau sei eindeutig von Dreyfus geschrieben. Das Kabinett stimmt einer gerichtlichen Untersuchung des Falls zu. Die weitere Untersuchung liegt nun in der Zuständigkeit des ranghöchsten französischen Offiziers, dem Militärgouverneur von Paris Félix Gustave Saussier.George Whyte: Die Dreyfus-Affäre. S. 45–47. 01.11.: In dem nationalistischen und antisemitischen Blatt La Libre Parole erscheint der erste antisemitisch gefärbte Artikel, der über die Affäre berichtet. 03.11.: General Saussier überträgt den Fall dem Hauptmann Bexon d’Ormescheville, einem Prüfungsrichter am Premier conseil de guerre in Paris. 10.11.: Die deutsche Botschaft teilt in einer im Le Figaro veröffentlichten Presseerklärung mit, dass kein Kontakt zu Dreyfus bestanden habe.George Whyte: Die Dreyfus-Affäre. S. 47. 11.11.: Der Nachrichtendienst erhält vom Außenministerium ein dechiffriertes Telegramm des italienischen Militärattachés Panizzardi, aus dem hervorgeht, dass dieser keinen Kontakt zu Dreyfus gehabt habe. Das Original wird vom Nachrichtendienst an das Außenministerium zurückgesendet, noch am selben Tag wird die Abschrift in den Akten des Kriegsministeriums gegen eine gefälschte Version ausgetauscht, in der es heißt, das Kriegsministerium habe Beweise für die Kontakte von Dreyfus zum Deutschen Reich.George Whyte: Die Dreyfus-Affäre. S. 46–48. 14.11.: Édouard Drumont schreibt in der nationalistischen und antisemitischen Zeitung Le Libre Parole, dass Dreyfus nur mit der Absicht der Armee beigetreten sei, Verrat zu begehen. Als Jude und Deutscher hasse er die Franzosen.George Whyte: Die Dreyfus-Affäre. S. 49. Die katholische Tageszeitung La Croix bezeichnete in einem Artikel die Juden als schreckliches Krebsgeschwür, die Frankreich in die Sklaverei führen werde. 17.11.: Kriegsminister Mercier erklärt im Le Journal, dass die Untersuchung gegen Dreyfus innerhalb von zehn Tagen abgeschlossen sein werde. 19.12.: Der Kriegsgerichtsprozess gegen Dreyfus beginnt. Die Öffentlichkeit ist von dem Prozess ausgeschlossen, Verteidiger von Dreyfus ist Edgar Demange. Während der Verhandlung erhalten die Militärrichter, die alle einen Offiziersrang innehaben, ein Geheimdossier zugespielt, das sie von der Schuld Dreyfus’ überzeugen soll. Der Angeklagte und sein Anwalt erhalten keine Kenntnis von diesem Geheimdossier. 22.12.: Dreyfus wird zu militärischer Degradierung, Deportation und lebenslanger Haft an einem befestigten Ort verurteilt. Es ist die höchstmögliche Strafe für Landesverrat.
1895 mini|hochkant|Darstellung der Menschen, die sich versammelt hatten, um am 5. Januar der öffentlichen Degradierung von Dreyfus beizuwohnen 05.01.: Öffentliche Degradierung von Alfred Dreyfus im großen Hof der École Militaire. 15.01.: Der Präsident der Französischen Republik, Jean Casimir-Perier, tritt von seinem Amt zurück. 17.01.: Félix Faure wird neuer Präsident der Französischen Republik. 31.01.: Die französische Abgeordnetenkammer beschließt auf Antrag von Kriegsminister Mercier, Alfred Dreyfus auf die Teufelsinsel in Französisch-Guayana zu verbannen. 07.02.: Mathieu Dreyfus bittet den Vizepräsidenten des französischen Senats, Auguste Scheurer-Kestner, um Unterstützung im Fall seines Bruders. 21.02.: Dreyfus wird an Bord des Schiffs gebracht, das ihn zur Teufelsinsel bringen wird.Louis Begley: Der Fall Dreyfus. S. 238. Etwa zeitgleich erfährt die Familie Dreyfus erstmals, dass bei der Verurteilung von Dreyfus ein Geheimdossier die entscheidende Rolle spielte. März oder April: Gegenüber dem Dreyfus-Anwalt Demange bestätigt der Justizminister Ludovic Trarieux, dass die Militärrichter einen Brief mit der Wendung Ce canaille de D. gesehen hätten. Juni: Mathieu Dreyfus engagiert Bernard Lazare mit der Verfassung eines Memorandums, aus dem hervorgeht, dass die Verurteilung von Alfred Dreyfus auf einem Justizirrtum beruht. Lazare soll ihm außerdem helfen, Verbindung zu Schriftstellern und anderen Intellektuellen aufzunehmen. 01.07.: Marie-Georges Picquart wird Nachfolger von Jean Sandherr als Leiter des Nachrichtendienstes im Deuxième Bureau.
1896 20.02.: Ferdinand Walsin-Esterházy sucht den deutschen Militärattaché Schwartzkoppen in der deutschen Botschaft auf. Schwartzkoppen weist in dem Gespräch auf seine Unzufriedenheit mit Esterhazys Diensten hin. Anfang März: Ein später als Le petit bleu bezeichneter Eilbrief des Militärattachés Schwartzkoppen an Esterhazy wird von der Putzfrau Bastian in dessen Papierkorb gefunden und gemeinsam mit anderen Papierfragmenten dem französischen Nachrichtendienst geliefert. März: Picquart deutet den Brief richtig als Hinweis fortlaufender Spionageaktivitäten und beginnt, Informationen über Esterhazy zu sammeln. Bei einem Vergleich des Bordereaus mit Handschriftenproben von Esterhazy stellt er fest, dass die beiden Handschriften identisch sind. Das angeforderte Geheimdossier enthält keine beweiskräftigen Dokumente, die eindeutig eine Schuld Dreyfus’ enthalten. Picquart gelangt zu dem Schluss, dass Dreyfus unschuldig und Esterhazy der Landesverräter ist. 16.05.: Der französische Schriftsteller Émile Zola veröffentlicht im Le Figaro unter dem Titel Pour les Juifs (Für die Juden) seinen ersten Artikel über den Antisemitismus in Frankreich.George Whyte: Die Dreyfus-Affäre. S. 97. 01.09.: Picquart legt einen ersten offiziellen Bericht seinen Vorgesetzten vor und versucht vergeblich, sie von der Unschuld Dreyfus’ und der Schuld Esterhazys zu überzeugen. Seiner Meinung nach ist es dringend geboten, das Unrecht gegenüber Dreyfus zu korrigieren, um Schaden von der Armee abzuwenden. Sowohl General Charles Arthur Gonse als auch Generalstabschef Raoul Le Mouton de Boisdeffre teilen diese Ansicht nicht. Sie möchten eine Revision des Militärgerichtsurteils von 1894 um jeden Preis verhindern. 03.09.: Durch Mathieu Dreyfus, die britische Detektei Cook und einen Korrespondenten des Daily Chronicle wird die Nachricht lanciert, dass Dreyfus von der Teufelsinsel geflohen sei. Damit soll die Affäre Dreyfus in den Medien präsent bleiben. Dies gelingt zwar, die Nachricht hat aber auch zur Folge, dass sich die Haftbedingungen für Alfred Dreyfus drastisch verschärfen. Er wird während der nächsten sechs Wochen jede Nacht mit Ketten an sein Bett gefesselt.Louis Begley: Der Fall Dreyfus. S. 239–240. 09.09.: In der Zeitung L’Éclair erscheint ein anonymer Artikel. Der Verfasser ist Dreyfus zwar feindlich gesinnt, weist aber auf Verfahrensfehler im Prozessverlauf hin und fordert das Kriegsministerium auf, einige der Beweise öffentlich zu machen.George Whyte: Die Dreyfus-Affäre. S. 102. 14.09.: In einem zweiten Artikel der Zeitung L’Éclair wird unter anderem öffentlich auf die heimliche Weiterleitung von Beweismaterial an das Gericht Bezug genommen.George Whyte: Die Dreyfus-Affäre. S. 103. Das Kriegsministerium widerspricht dieser Berichterstattung nicht. 15.09.: In einem Gespräch mit General Gonse, über das allerdings nur Aufzeichnungen von Picquart vorliegen, weist Picquart Gonse darauf hin, dass er das Wissen um Dreyfus’ Unschuld nicht mit ins Grab nehmen werde.Ruth Harris: The Man on Devil’s Island. S. 470. 18.09.: Da die Veröffentlichungen in L’Eclair unwidersprochen bleiben, reicht Lucie Dreyfus bei der Abgeordnetenkammer einen ersten Revisionsantrag ein. 27.10.: Kriegsminister General Jean-Baptiste Billot unterzeichnet den Befehl, der Picquart zunächst zu einer Inspektionsreise in die französische Provinz und später in eine Grenzgarnison nach Tunesien abkommandiert. Es wird jedoch noch kein Abreisedatum festgelegt. mini|hochkant|Le faux Henry 30.10. oder 01.11: Hauptmann Hubert Henry fälscht den sogenannten faux Henry (falscher Henry), ein Schreiben, das als Beweis für den Landesverrat Dreyfus’ dienen soll. 02.11.: Hauptmann Henry übergibt den gefälschten Brief an General Gonse. Obwohl Picquart noch nominell Leiter des Nachrichtenbüros ist, wird er über diese angebliche „Entdeckung“ nicht informiert. 06.11.: Mathieu Dreyfus sendet 3.500 einflussreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Lazares Schrift Une erreur judiciaire. La vérité sur l’Affaire Dreyfus (Ein Justizirrtum. Die Wahrheit über die Affäre Dreyfus) zu, in der dieser die Verurteilung von Dreyfus als Justizirrtum anprangert. 10.11.: Le Matin druckt ein Faksimile des Bordereau ab, so dass es jedem Leser möglich ist, selbst einen Schriftvergleich vorzunehmen.Elke-Vera Kotowski u. a.: J’accuse…! …ich klage an! S. 38. Le Matin erwähnt auch die widerrechtliche Übergabe des Geheimdossiers an die Militärrichter im Prozess von 1894 und den ce canaille de D.-Brief. Mathieu Dreyfus lässt Plakate drucken, die das Bordereau neben Briefen in der Handschrift seines Bruders zeigen. Die Plakate werden in ganz Paris verteilt.George Whyte: Die Dreyfus-Affäre. S. 111. 16.11.: Picquart verlässt Paris. 14.12.: Hauptmann Henry fälscht den Speranza-Brief, den er per Post an Picquart absendet, aber abfängt, bevor er den Empfänger erreicht. Es ist der erste von mehreren zweideutigen Briefen, mit denen Henry versucht, Picquart bei den Generälen in Misskredit zu bringen. Sie führen letztlich zur Anklage gegen Picquart.
1897 06.01.: Picquart wird nach Nordafrika versetzt. 02.04.: Picquart hält in einer Nachschrift zu seinem Testament fest, dass er Esterhazy für den Verfasser des Bordereaus hält und verfügt, im Falle seines Todes sollte diese Nachschrift dem französischen Staatspräsidenten übergeben werden.