St. Gallus ist die römisch-katholische Pfarrkirche von Kirchzarten, war aber für Jahrhunderte die Pfarrkirche des gesamten Einzugsgebietes der Dreisam von den Schwarzwaldhöhen bis zum Zartener Becken mit Ausnahme des Kappler Tals im Westen. Sie ist benannt nach Gallus, dem Gründungsheiligen des Benediktinerklosters St. Gallen, und gehört zur Seelsorgeeinheit Dreisamtal im Dekanat Neustadt des Erzbistums Freiburg. Mit ihrer Lage inmitten des ummauerten, auch wo er aufgelassen ist als Freifläche erhaltenen Friedhofs, mit dem Pfarrhaus und dem Kaplaneihaus, mit ihrem Reichtum an Geschichtsdenkmälern und mit dem regelmäßig bewohnten Storchennest auf dem Turm ist sie der wenig entstellte, ästhetisch anziehende Mittelpunkt von Kirchzarten. mini|hochkant=1.5|Die St.-Gallus-Kirche von Südosten
Geschichte der Pfarrei Von Zarten zu Kirchzarten Man glaubte bis in die 1980er Jahre, Kirchzarten sei von jeher der Hauptort des Zartener Beckens und seine Pfarrei die Urpfarrei gewesen. Das änderte sich mit dem Fund latènezeitlicher Siedlungsspuren auf der Gemarkung Zarten. Dort (und nicht, wie zuvor gemeint, in einer weiter östlich gelegenen unvollendeten Wallanlage) befand sich also jener keltische Hauptort, den der griechische Geograph Claudius Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. als Polis „Tarodunum“ aufzeichnete. Der Platz blieb von der keltischen über die römische, die alamannische und die merowingische Zeit bis heute kontinuierlich besiedelt, und keltisch „Tarodunum“ wurde über germanisch „Zarduna“ oder „Zartuna“ zu „Zarten“. Erst gegen Ende des ersten Jahrtausends verschob sich das Schwergewicht von Zarten südwärts nach Kirchzarten.Bernhard Mangei: Herrschaftsbildung von Königtum, Kirche und Adel zwischen Oberrhein und Schwarzwald. Dissertation Freiburg 2003 https://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/1295/ Zugriff am 2. Oktober 2011Die Geschichte von Dorf und Pfarrei nach dem Kenntnisstand von 2010 knapp dargestellt in Johanna Pölzl: Wie die Kirche ins Dorf kam. Kleine Ortsgeschichte Kirchzartens. Dreisam Druck, Kirchzarten 2011. ISBN 978-3-9814630-0-2.
Mit dieser neuen Ansicht können auch die ersten mittelalterlichen, aus dem Kloster St. Gallen stammenden Urkunden wörtlicher verstanden werden, darunter die folgenden drei.Hermann Wartmann (Hrsg.): Urkundenbuch der Abtei Sanct Gallen Theil I Jahr 700–840, Seiten 48 und 211, Zürich, Höhr 1863; und Teil 3 Jar 920–1360, Seite 693, Zürich, Höhr 1822
Im Jahr 765 übergibt Drutpertus, wohl ein Gefolgsmann des fränkischen Königs, „in villa, qui dicitur Zarduna – in dem Dorf, das Zarduna genannt wird“, Leibeigene und Grund und Boden an das Kloster St. Gallen. Der Rastatter Historiker Max Weber (1899–1982) bezeichnete dies in seiner ausführlichen „Kirchzartener Geschichte“ von 1965 als „erste Urkunde, die den Namen unserer Gemeinde enthält“.Max Weber: Die Kirchzartener Geschichte. In Günther Haselier (Hrsg.): Kirchzarten. Geographie – Geschichte – Gegenwart. Selbstverlag der Gemeinde Kirchzarten 1966, S. 57–528 Aus heutiger Sicht ist es aber die erste Urkunde über Zarten.
Im Jahr 816 übereignet Cozpert St. Gallen „partem ecclesie in Zartuna et quicquid mee portionis ad eam pertinet – seinen Teil der Kirche in Zarten mit allem Zubehör“. Dies galt, etwa in der Amtlichen Kreisbeschreibung des Landkreises Freiburg von 1965Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (Hrsg.): Amtliche Kreisbeschreibung – Freiburg im Breisgau Band 2 Teil 1. Freiburg im Breisgau 1965 und dem Dehio-Handbuch von 1997,Dagmar Zimdars (Hrsg.): Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler Baden-Württemberg II. Berlin, Deutscher Kunstverlag 1997. ISBN 3-422-03030-1 als erste Erwähnung der Kirchzartener Galluskirche, ist aber wohl die erste Erwähnung der heutigen St.-Johanneskapelle in Zarten.<
Im Jahr 1215 schließlich überträgt das Kloster St. Märgen dem Kloster St. Gallen „predium ad Kilizartun – ein Hofgut bei Kirchzarten“. Hier ist Kirchzarten erstmals genannt, aber die St. Gallen gehörende Kirche heißt in der Urkunde weiter „æcclesia Zartun“. Erst im 13. Jahrhundert setzt sich die Bezeichnung „ecclesia Kilchzarten“ durch. Seit 1974 ist Zarten Ortsteil von Kirchzarten.Internetseite Dreisamportal: Zugriff am 2. Oktober 2011
Die Patronatsrechte Durch diese und weitere Schenkungen wurde St. Gallen Patronatsherr der Zartener und Kirchzartener Kirchen und Grundbesitzer im Zartener Becken. Ursprünglich waren die Kirchen vermutlich Eigenkirchen alamannischer oder fränkischer Adeliger gewesen. Als Patronatsherr hatte der St. Galler Abt das Recht, die Pfarrer vorzuschlagen, die der Bischof von Konstanz dann ernannte, und das Anrecht auf den Zehnt. Über 500 Jahre dauerte die Zugehörigkeit zu St. Gallen. Aus Webers Kirchzartener Geschichte: „Der Historiker weiß ... zu würdigen, daß wir alles das, was wir über unsere Heimat aus dem ersten Jahrtausend wissen, ausschließlich den schreibfreudigen Mönchen in der Cella Sancti Galli verdanken.“ Am 18. April 1297 aber – das Kloster war verarmt, der Konvent geschrumpft – verkaufte Abt Wilhelm von Montfort das Gut Kirchzarten mit allem Zubehör an die Kommende des Johanniterordens in Freiburg. An die Stelle des Abtes von St. Gallen trat der Komtur der Freiburger und später der Heitersheimer Johanniterkommende, die die Freiburger überflügelte.
Über 500 Jahre dauerte auch die Johanniterära. 1806 wurde die Heitersheimer Kommende im Zusammenhang mit dem Frieden von Preßburg dem Großherzogtum Baden einverleibt. Dass sich der evangelische Großherzog als Patronatsherr nun mit dem Erzbischof des 1821 gegründeten Erzbistums Freiburg über die Besetzung der Pfarrstellen einigen musste, war eine letzte Folge des Patronatsrechts. Mit der Abdankung des Großherzogs und der Entstehung der Republik Baden 1918 erlosch es. Die weltlichen Herrschaften Ihren Grundbesitz ließen die Benediktiner und die Johanniter durch adelige Vögte verwalten, die ihrerseits Teilrechte weiter verliehen. Die wichtigsten Vögte in der St. Galler Zeit waren die Herren von Falkenstein, benannt nach ihrer Burg Falkenstein am Eingang des Höllentals. Sie waren Ministerialen der Herzöge von Zähringen mit einem Herrschaftsbereich von Kirchzarten ostwärts bis auf die Schwarzwaldhöhen. Außer auf ihrer Burg residierten sie in ihrem – dem Kloster St. Gallen gehörenden – Dinghof in Kirchzarten. Zur Zeit des Übergangs an die Johanniter war Jakob von Falkenstein Vogt († 1298). Einer seiner Nachfolger war Kuno von Falkenstein, der 1343 in der Kirchzartener Galluskirche beerdigt wurde. 1389 wurde die Burg Falkenstein von Dienstleuten der Stadt Freiburg zerstört. Später kamen Vögte aus anderen Adelsgeschlechtern, auch Bürgerliche wie die Snewlin von Landeck. Die Hoheitsrechte, früher in der Hand des sanktgallischen Vogtes vereinigt, wurden mehr und mehr aufgeteilt, und im Spätmittelalter war das Zartener Becken mit den angrenzenden Bergen territorial aufgesplittert wie wenige Gegenden Deutschlands.
Eine Gegenbewegung setzte ein, als die Stadt Freiburg nach Osten ausgriff. Der erste Schritt war 1315 die Zerstörung der Wilden Schneeburg bei Oberried, die den Snewlin von Landeck gehörte, und der Kauf des Burgplatzes. 1461 bis 1463 kaufte die Stadt den großen Grundbesitz des Klosters St. Märgen sowie – wiederum von den Snewlin von Landeck – die Vogteirechte. 1492 bis 1496 folgte der Erwerb Kirchzartens, 1496 der Erwerb der Vogtei des Wilhelmitenklosters Oberried mitsamt der Grundherrschaft im Kappler Tal, 1499 der Erwerb des nördlich von Zarten gelegenen Attentals. So besaß die Stadt um 1500 im Osten ein großes Territorium, dem zur Geschlossenheit nur die den Freiherrn von Sickingen gehörenden Orte Ebnet und Littenweiler sowie das den Freiherrn von Wittenbach gehörende Buchenbach fehlten.Karte in Dieter Mertens, Frank Rexroth und Tom Scott: Vom Beginn der habsburgischen Herrschaft bis zum „Neuen Stadtrecht“ von 1520. In: Heiko Haumann und Hans Schadek (Hrsg.): Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau Band 1. Stuttgart, Konrad Theiss Verlag 1996, S. 215–301, hier S. 250–251. ISBN 3-8062-0874-3 Sitz der Verwaltung war der Dinghof, der jetzt nach dem Leiter, dem Talvogt, „Talvogtei“ genannt wurde. Kirchzarten teilte nun die Geschicke Freiburgs, in denen es eine Nebenrolle spielte, in die es sich aber einmal – 1525 – mit katastrophalen Folgen einschaltete, als es sich im Deutschen Bauernkrieg dem „Schwarzwälder Haufen“ des Hans Müller von Bulgenbach anschloss. Die Bauern belagerten Freiburg, das am 23. Mai kapitulierte, am 17. Juli aber, als sich die militärische Lage der Bauern verschlechtert hatte, den Kapitulationsvertrag kündigte und furchtbare Rache nahm, indem es seine „Unterthanen ... mit Raub, Brandt und Todtschlag dahin bracht, daß sie jetzunder pitten, sie ... zu Gnaden und Ungnaden anzunemen.“Urkundenbuch der Stadt Freiburg im Breisgau. Der Deutsche Bauernkrieg 1525 Juli bis Dezember http://digilib.ub.uni-freiburg.de/document/252462114/ Zugriff am 2. Oktober 2011 Der Kirchzartener Pfarrer Ulrich Wesiner war Feldschreiber des Schwarzwälder Haufens gewesen.Horst Buszello, Dieter Mertens und Tom Scott: „Lutherey, Ketzerey, Uffrur“. Die Stadt zwischen Reformation, Bauernkrieg und katholischer Reform. In Heiko Haumann und Hans Schadek (Hrsg.): Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau Band 2. Stuttgart, Konrad Theiss Verlag 1994, S. 13–68. ISBN 3-8062-0873-5 Er floh und bat die Stadt in zwei Briefen um freies Geleit, um sich rechtfertigen zu können. Er sei mit den Bauern gezogen, „aber nur von ihnen gezwungen und trungen“; nie habe er lutherisch gepredigt, „daß in der Meß in der Gestalt des Brods und Weins nit sey weder das Fleisch noch Blut Christi“. Sein Amtskollege Pfarrer Andreas Metzger von Niederrimsingen wurde, nachdem er, vermutlich peinlich befragt, gestanden hatte, am 31. Januar 1526 vom Freiburger Stadtgericht verurteilt, „daß man den Pfaffen auf einen Karren soll setzen und hinus zum Galgen zu eim Baum daselbs füren und ihn mit eim Strangen an ein Ast knüpfen und ihn daran also lassen hangen, Andern zu eim Bispil und Exempel“. Was mit Ulrich Wesiner geschah, ist nicht bekannt.
Mit dem Frieden von Preßburg kam wie die Herrschaft Heitersheim auch die Stadt Freiburg an das Großherzogtum Baden, und 1807 endete die städtische Herrschaft über die Talvogtei.
Teilungen und Zusammenfassungen mini|Entwicklung der Urpfarrei KirchzartenMax Weber: Geschichte der Pfarrei Kirchzarten. Nachtragsband zu Günther Haselier (Hrsg.): Kirchzarten. Geographie – Geschichte – Gegenwart. Selbstverlag der Gemeinde Kirchzarten 1967 Der ursprüngliche Pfarrbezirk war riesig – die Entfernung von Ebnet am Westende des Zartener Beckens nach Hinterzarten am Kopf des Höllentals beträgt 20 km. Nur beritten waren bei Versehgängen abgelegene Täler zu erreichen, und Pfarrer, Patronatsherr und Vögte stritten wiederholt, wer für das Pferd aufzukommen hatte. Erste Verkleinerungen ergaben sich durch die Gründung des Benediktinerklosters St. Peter 1093 und des Augustiner-Chorherrenstifts St. Märgen um 1118; sie bildeten von Anfang an Pfarreien zur Seelsorge in diesen Randgebieten. 1148 wurde die heutige Kapelle St. Oswald (Höllental) geweiht, möglicherweise als Filialkirche einer – dann schon älteren – Pfarrkirche in Breitnau. 1252 entstand das Wilhelmitenkloster Oberried. 1631 erhielt Ebnet eine eigene Pfarrei. 1786 wurden im Zuge des Josephinismus Oberried, Eschbach und Buchenbach Pfarreien, ebenso 1810 Hofsgrund. 1958 schließlich wurde der nördliche Bereich des Zartener Beckens einschließlich des Ortes Zarten als neue Pfarrei Stegen abgetrennt.