mini|hochkant=1.5|Dorf der Florida-Seminolen, die bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in freiwilliger Isolation lebten (1929)

Isolierte Völker ist ein Sammelbegriff für ethnische Gruppen, die keinen oder nur geringfügigen Kontakt mit der Mehrheitsbevölkerung eines Landes (und damit auch mit der globalisierten Gesellschaft) haben. Zu anderen indigenen Gruppen können durchaus Kontakte bestehen,María Cristina Blohm: Zugang zu humangenetischen Ressourcen indigener Völker Lateinamerikas: Eine Stakeholderanalyse. 1. Auflage, Gabler, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-8349-2439-1. S. 95–99. vielfach wird jedoch der Kontakt aufgrund von Krankheits- und Gewalterfahrungen von außerhalb gemieden.

Definition Diese Bezeichnung wird in der Regel verwendet, um indigene Gruppen der Gegenwart oder der jüngsten Vergangenheit zu bezeichnen. Sie leben (mit Ausnahme der Völker auf den Andamanen) alle in sehr abgelegenen Wildnisregionen. In Südamerika – wo die meisten dieser lokalen Gemeinschaften existieren – werden sie in drei Kategorien untergliedert: Gruppen in freiwilliger Isolation (Indígenas en aislamiento voluntario u. ä.) nicht kontaktierte Gruppen (No contactados u. ä.) unentdeckte indigene Gruppen (Pueblos ocultos u. ä.)

Die Mashco-Piro in Peru bilden mit etwa 750 Stammesangehörigen das wahrscheinlich größte unkontaktierte Volk der Welt.

Aufgrund ihrer Isolation repräsentieren die isolierten Ethnien die sogenannten traditionellen Gesellschaften. In diesem Zusammenhang entsprechen sie zudem am ehesten den „kalten“ Kulturen der strukturalen Ethnologie, deren Leitbild das Bestreben ist, die traditionellen Kulturmerkmale möglichst unverändert zu bewahren (vor allem Subsistenzweisen, Ethnische Religionen, Sprachen und materielle Kulturen). Im deutschsprachigen Raum werden sie populär gern als Inbegriff der sogenannten „Naturvölker“ betrachtet.

Begrifflichkeit Bei der Bezeichnung herrscht große Uneinigkeit. In jedem Falle handelt es sich nicht um „Steinzeitmenschen“, „bei denen die Zeit stehen geblieben ist“, wie romantisierende Publikationen und Filmbeiträge bis heute glauben machen wollen, und wovon touristische Unternehmen zu profitieren versuchen. Meistens handelt es sich um indigene Völker, die mit der übrigen Gesellschaft schlechte Erfahrungen gemacht haben und deshalb jeden Kontakt meiden (fürchten). In diesem Fall ist die oftmals verwendete Bezeichnung „unkontaktierte Völker“ unzutreffend, denn sie fliehen ja gerade, seitdem sie „kontaktiert“ wurden. Im englischen Sprachgebrauch erscheint zuweilen auch der fälschliche Begriff lost tribes (verlorene Stämme, nach den verlorenen Stämmen Israels).

In freiwilliger Isolation lebende Gemeinschaften Diese Gruppen hatten bereits Kontakt, den sie jedoch aufgrund von negativen Erfahrungen bewusst abgebrochen haben. Sie haben sich notgedrungen in abgelegenere Regionen zurückgezogen, um auf diese Weise ihre Gesundheit zu schützen (Übertragung unbekannter Krankheiten) sowie ihre Traditionen und ihre kulturelle Identität zu bewahren oder wiederherzustellen. Ungewollter Kontakt und Vertreibung entstehen häufig durch Rodung, Bergbau, Straßenbau und Eindringen von Prospektoren wie etwa Goldsuchern.

Dass indigene Gruppen nach dem ersten katastrophalen Kontakt die westliche Zivilisation mit allen Mitteln meiden, ist kein neues Phänomen, wie beispielsweise die Flucht der Seminolen im frühen 19. Jahrhundert in die Everglades zeigt. Sie wahrten ihre freiwillige Isolation bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.Photo Exhibit Offers Stunning View of Seminole History. In: indiancountrytodaymedianetwork.com, abgerufen am 13. September 2015.

Nicht kontaktierte Gemeinschaften Diese Gruppen wurden erst kürzlich von der nicht-indigenen Mehrheitsgesellschaft „entdeckt“; ein (physischer) Kontakt hat jedoch noch nicht oder nur in sehr geringem Maß stattgefunden.

Bei den berühmt gewordenen Luftbildern aus Acre, die 2008 um die Welt gingen, handelt es sich um eine Gruppe, die der brasilianischen Indianerbehörde (FUNAI) seit 20 Jahren bekannt war, zu der jedoch bislang kein direkter Kontakt aufgenommen wurde. Die Veröffentlichung von Bildern ist immer mit einem Risiko für die Betroffenen verbunden. In diesem Fall wurde sie nur deshalb vorgenommen, um der Regierung Perus einen Beweis zu liefern, dass in der Grenzregion schutzwürdige Ethnien existieren, die durch geplante Rodungen und Ölbohrungen gefährdet würden.

Unentdeckte indigene Gemeinschaften In den tropischen Regenwäldern der Erde gibt es auch heute noch einige unerforschte Gebiete, in denen vermutlich indigene Gruppen existieren. Ihre Existenz ist demnach unbewiesen und ihre Anzahl kann nur geschätzt werden. Allein die Berichte von neuen „Sichtungen“ durch Angehörige der Mehrheitsbevölkerung, die in diese Gebiete vorgedrungen sind, beweisen ihre prinzipielle Existenz.

Vorkommen und Umstände links|mini|hochkant=5|Gebiete, in denen isolierte Völker leben oder vermutet werden

Die meisten isolierten Gruppen leben in dicht bewaldeten Gebieten Lateinamerikas und Westneuguineas. Verfechter der Rechte dieser Menschen fordern zunehmend, dass die Isolierung aufrechtzuerhalten sei. Das zentrale Motiv dieser Forderung liegt in der Tatsache begründet, dass die meisten Angehörigen dieser Gruppen gegen die Krankheiten der übrigen Welt, wie Grippe oder Masern, nur eine schwache Immunität aufweisen, so dass die historische Erfahrung lehrt, dass ein Drittel bis neun Zehntel der Menschen beim Erstkontakt stirbt. Das Argument des Rechts auf Selbstbestimmung und des Rechts auf Isolation tritt dahinter zwar zurück, wird aber gleichfalls angeführt.

Die Gefährdung dieser Gruppen resultiert einerseits aus dem Bevölkerungswachstum neuer Siedlergruppen, andererseits aus der wirtschaftlichen Nutzung ihrer natürlichen Umgebung. In Südamerika sind es vor allem Holz- und Palmölplantagen sowie die Suche nach Öl und Gas, die die natürlichen Grundlagen der meist sehr kleinen Gruppen Amazoniens zerstören. Nach den Sklavenjägern des 16. und 17. Jahrhunderts flohen viele Gruppen vor den bewaffneten Banden der Gummibarone in den 1880er bis 1920er Jahren, der Holzkonzerne und der Gas- und Ölunternehmen des 19. bis 21. Jahrhunderts. Die Abgeschiedenheit der sich zurückziehenden Gruppen ist also oftmals ein koloniales Produkt, das nur durch die extreme Notlage, in der sich die um ihr Überleben kämpfenden Gruppen sahen, erklärbar ist.Mark Dowie: Conservation Refugees. The Hundred-Year Conflict between Global Conservation and Native Peoples, Massachusetts Institute of Technology 2009, S. 202. Einige der Gruppen brachte auch die Feindschaft mit ihren Nachbarn in eine vollständig isolierte Lage. Häufigster Grund dürfte aber die Flucht vor Epidemien und Gewalt gewesen sein. Der Zusammenbruch der Gummipreise nach 1910 führte in einem langsamen Prozess dazu, dass in einigen Regionen die angeworbenen Plantagenarbeiter bis in die 1980er Jahre wie Sklaven oder Schuldknechte gehalten wurden.

Sowohl in Neuguinea als auch in Südamerika stellen auch die Missionare römisch-katholischer Ordensgemeinschaften sowie evangelikaler Gruppen seit der Kolonialzeit eine Bedrohung für die isolierten Gruppen dar. In den eingerichteten Missionen starben früher die meisten Konvertiten an ihnen unbekannten Krankheiten. Die Missionsstationen sind zwangsläufig die äußeren Vorposten der Zivilisation, die weitere Fremde in die Lebensräume der Indigenen locken. Die Christianisierung brachte häufig Streit, so dass Gruppen, die nicht so leben wollten wie von den Missionaren oktroyiert, oftmals die Konvertiten bekämpften.

Vor allem seit den 1980er Jahren wurde der Straßenbau vorangetrieben. Zahlreiche Fahrzeuge konnten in die abgelegenen Regionen Amazoniens gelangen, was eine schnellere Ausbeutung der Bodenschätze nach sich zog. Heute besteht in der schnellen Erreichbarkeit der Regionen die größte Gefahr für die isolierten und indigenen Gruppen, denn sie bringt die bekannten Gefährdungen. Familienstrukturen werden zerschlagen und die Gruppen werden in extrem weite Räume verstreut. 2008 richtete Google Earth Outreach für zwanzig Vertreter indigener Völker im Amazonas-Regenwaldgebiet Brasiliens, unter ihnen die Suruí, Schulungen ein, um in ihrem Reservat illegalen Holzeinschlag per Satellit zu beobachten. Bei Bedarf erhalten sie von Google aktuellere und höher aufgelöste Bilder.Google Earth, Training.

Besonders gefährlich ist für diese Gruppen der Glaube, ein Zauber sei die Ursache einer solchen für ihr Weltbild unerklärlichen Katastrophe. So vermuten dies Anthropologen und Religionswissenschaftler, was sie in einigen Fällen auch nachweisen konnten. Darüber hinaus kamen die Flüchtlinge meist nicht in unbewohntes Land und gerieten – schon aufgrund der vielfach fehlenden Verständigungsmöglichkeiten in einer sprachlich überaus zersplitterten Region – wohl häufig in Konflikt mit ihren neuen Nachbarn. So wurden die Yora von Unterauftragnehmern von Shell und Holzfällern Richtung Manú-Nationalpark vertrieben, wo sie die Gemeinden der Matsigenka, Tayacome und Yomibato angriffen.Beatriz Huertas Castillo, S. 21. Gruppen wie die Mashco-Piro mussten den Wanderfeldbau, den sie seit langer Zeit betrieben hatten, komplett aufgeben und zu einem nomadischen Leben als Jäger und Sammler zurückkehren.

Die UNO bemüht sich, in der Erkenntnis, dass die lokalen Regierungen den ökonomischen Versuchungen unzureichenden Widerstand entgegensetzen, eine Deklaration durchzusetzen, die die isolierten Völker schützen soll.Andrew J. Hosmanek: Indigenous Homeland Security: A Proposed United Nations Draft Declaration on the Rights of Indigenous Peoples and the International Law of First Contact, 2005 (online beim Social Science Research Network). Verschiedene Menschenrechtsorganisationen setzen sich für die isolierten Völker ein: Besonders bekannt ist hier vor allem Survival International. Aus Deutschland kommt Unterstützung vom Verein Rettet die Naturvölker e. V.

Die Situation in den einzelnen Ländern ist sehr verschieden. Die meisten isolierten Völker Amerikas finden sich im Gebiet des Amazonas sowie in einigen Grenzgebieten Brasiliens. In Asien gibt es wenige Gruppen auf den Andamanen und in Malaysia, dazu bis vor wenigen Jahrzehnten auch eine in Vietnam sowie einige in Australien. Neuguinea weist eine unbekannte, aber wohl sehr hohe Zahl an isolierten Völkern auf. Weltweit dürfte es weit über 100 von ihnen geben, allein in Brasilien ließen sich bisher knapp 70 nachweisen, im indonesischen Neuguinea sind mindestens 44 Gruppen bekannt.

Südamerika Bolivien In Bolivien waren 2006 vier isolierte Völker bekannt, weitere drei ließen sich bisher nicht nachweisen. Als bestätigt gelten die Ayoreo im Nationalpark Kaa-Iya del Gran Chaco, die Mbya-YuquiZu den Mbya im Osten Paraguays gibt es eine Studie von Donatella Schmidt: Legislation, Development, and the Struggle for Land. The Case of the Mbya of Eastern Paraguay, in: Latin-American Antthop. Review 6,1 (1994) 11-28. im Yuqui-Reservat und die Rio Usurinta (nur wenige Familien leben noch isoliert), die Pacahuara im Chacobo-Reservat und die Araona im Araona-Reservat. Noch unbestätigt ist die Existenz der Toromona und Nahua im Madidi-Nationalpark.

Zu den isolierten Gruppen zählen nach den meisten Quellen die weniger als 200 Angehörige zählenden Sinabo/Kapuibo (Nahua) am unteren Beni und am unteren Yata; sie sprechen Pano und stehen in engem Verhältnis zu den Chakobo. Die zweite Gruppe sind die etwa 100 bis 200 Yanaigua zwischen dem Rio Grande und dem oberen Río San Miguel. Ob sie Pano sprechen oder eher Tupí-Guaraní ist nicht gesichert. Sie stehen in Beziehung zu den Yuqui und leben meist im Guarayos-Waldreservat. Hinzu kommen die etwa 100 Yuqui zwischen dem oberen Ichilo und dem oberen Yapacaní. Sie sprechen Tupí-Guaraní; eine kleine isolierte Gruppe lebt im Amboró-Nationalpark.

Brasilien mini|Indianerreservate in Brasilien