In diesem Artikel soll ein Überblick über die Geschichte der Wasserwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern gegeben werden, wobei vor 1945 Mecklenburg und der westliche Teil Pommerns betrachtet werden. Allgemeine Grundlagen werden unter Geschichte der Wassernutzung sowie im Artikel Wasserwirtschaft dargestellt.
Entstehung des Gewässersystems von Mecklenburg-Vorpommern Während der letzten Eiszeit, der sogenannten Weichseleiszeit, drangen die skandinavischen Gletscher über die Ostsee bis nach Mecklenburg-Vorpommern vor. Das Schmelzwasser der Gletscher konnte jedoch aufgrund des Anstiegs des Reliefs in Richtung Süden nicht nach Süden abfließen, sondern floss parallel zum jeweiligen Eisrand nach Nordwesten in Richtung Nordsee. Dadurch bildeten sich Urstromtäler wie das Mecklenburgisch-Vorpommersche Grenztal oder das Elbe-Urstromtal heraus.Eintrag Urstromtal auf geodz.com Möglicherweise handelt es sich auch beim heutigen Strelasund um ein ehemaliges Urstromtal. Ebenfalls aufgrund der vorherrschenden Geländeneigung bildete sich im Bereich der heutigen Ueckermünder Heide der Haffstausee heraus, dessen Wasser erst mit Ende der Eiszeit über die Urstromtäler abfloss. Nach dem Rückgang des Eises konnte das Wasser wieder in Richtung Norden zur Ostsee abfließen, weshalb die heutigen Flüsse nur abschnittsweise den Urstromtälern folgen und dann oft nach Norden in das jeweils nächste Urstromtal fließen.
Im Bereich der Grundmoränen bildeten sich häufig abflusslose Senken heraus, aus denen in den folgenden Jahrhunderten Moore entstanden.
Frühzeit Über wasserbauliche Maßnahmen in der Frühzeit kann meist nur spekuliert werden, da kaum Aufzeichnungen darüber angefertigt wurden. Die sumpfigen Niederungen wurden aber aufgrund des guten Schutzes vor Feinden schon früh von Jägern und Sammlern genutzt, wie Erdwerke der Trichterbecherkultur in der Lewitz zeigen. In Mitteleuropa wurde bereits seit der Bronzezeit Torf, seit der Eisenzeit Raseneisenerz zur Verhüttung und als Baumaterial abgebaut. Möglicherweise geschah dies auch auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns.
Mittelalter miniatur|Karte des geplanten Elbe-Ostsee-Kanals, 1576. Der Kanal sollte in Wismar (unten) beginnen und sich über den Schweriner See bis nach Dömitz (oben) zur Mündung in die Elbe erstrecken. In slawischer Zeit entstanden häufig Siedlungen und Burgen am Ufer von Seen oder in Feuchtgebieten, zu deren Verteidigung oft Wassergräben und Wällen errichtet wurden. Beispiele dafür sind das Heiligtum Rethra oder die Burg Werle. Eine als Freilichtmuseum wiederaufgebaute Slawenburg befindet sich bei Groß Raden.
Auch für den Verlauf der Handelsstraßen waren die großen Flüsse und Feuchtgebiete von Bedeutung, da sie nur an wenigen Stellen gefahrlos überquert werden konnten. Diese waren oft besonders gegen feindliche Angriffe gesichert. Bei der durch das heutige Mecklenburg-Vorpommern führenden „via regia“ von der Elbmündung nach Stettin konnte der genaue Verlauf teilweise nur durch diese Stellen, wie den Recknitzübergang bei Laage, geklärt werden. Auch bei einigen Schlachten in dieser Zeit, wie beispielsweise der Schlacht an der Raxa, spielte die häufige Unpassierbarkeit der Gewässer eine wichtige Rolle.
Nach der Niederlage der Slawen besiedelten deutsche Siedler das Land, ab etwa 1200 auch die Feuchtgebiete wie die Seenplatte. Im Zuge der Besiedlung wurden im 12. und 13. Jahrhundert viele Mühlen mit den dazugehörigen Mühlenwehren und -gräben angelegt, wodurch vielerorts Mühlenteiche entstanden, zum Beispiel der Friedländer oder der Wismarer Mühlenteich. Dies sind die ersten nachweisbaren größeren Wasserbauarbeiten im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Es kam dadurch auch zu Veränderungen im Wasserspiegel vieler größerer Seen, wie der Anhebung des Seespiegels der Müritz um letztendlich etwa zwei Meter. Die Aufstauungen führten häufig zu beschleunigter Moorbildung.
Ebenfalls im 12. oder 13. Jahrhundert begannen eingewanderte holländische Bauern, zum Schutz vor Hochwassern die ersten Deiche entlang der Elbe zu bauen. Der Deichbau erfolgte jahrhundertelang unkoordiniert, indem jeweils der Grundbesitzer oder später die örtlichen Deichgesellschaften nach ihren eigenen Vorstellungen den Deich ausbauten. Erst nach 1945 wurden die einzelnen Deiche zu einem geschlossenen Deichsystem zusammengefasst.Hochwasserschutz Elbe in Mecklenburg-Vorpommern, Hrsg. Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern, Rediech & Schade, Rostock 1999
Zur Verteidigung der aufstrebenden Hansestädte entstanden ab etwa 1300 Befestigungsanlagen, zu denen auch teilweise künstlich angelegte Gräben gehörten, wie der Lübecker Landgraben oder die Gräben der Rostocker Stadtbefestigung. Erste Entwässerungsgräben im Peene- und Recknitztal entstanden ebenfalls bereits im Mittelalter. In Rostock entstanden ab 1448 die ersten Vorläufer einer Wasserversorgung: Die zu einer Gesellschaft zusammengeschlossenen Bierbrauer leiteten Oberflächenwasser von den Teichen südlich von Rostock mithilfe von Gräben und Holzleitungen in die Stadt. Der Abbau von Torf bekam in Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls erst im Mittelalter eine gewisse Bedeutung, es blieb aber bei vereinzeltem Abbau ab dem 16. Jahrhundert.
miniatur|links|Steinschleuse in Dömitz Der erste große Kanal in Mecklenburg, der Eldekanal, wurde ab 1568 gebaut. Er wurde notwendig, nachdem Lübeck 1398 über den Stecknitzkanal Anschluss an die Elbe erhalten hatte. Durch diese gegenüber dem Landweg bessere Transportroute geriet Wismar beim wichtigen Salzhandel von Lüneburg gegenüber Lübeck ins Hintertreffen. Wegen Streitigkeiten mit Brandenburg über ein kurzes Teilstück der Elde auf brandenburgischem Gebiet begann der Bau der Wasserstraße erst etwa 200 Jahre später, wobei das brandenburgische Teilstück durch einen Kanal auf mecklenburgischem Gebiet bei Dömitz umgangen wurde. 1572 wurde der Eldekanal mit sechs Holzschleusen und einer Steinschleuse bei Dömitz fertiggestellt. Die Schiffe wurden hauptsächlich durch treideln fortbewegt.
Bereits im Jahre 1531 begann mit dem Kanal von Hohen Viecheln am Schweriner See bis zum Lostener See der Bau des ersten Teils einer geplanten Verbindung zwischen dem Schweriner See und der Wismarer Bucht. Der restliche Teil des Kanals, der Wallensteingraben, wurde jedoch aus Geldmangel nie dauerhaft fertiggestellt.
Frühe Neuzeit Im 18. Jahrhundert wurden erstmals große Teile von Mecklenburg-Vorpommern mitsamt der Gräben und Wasserläufe systematisch kartografisch erfasst. Für den damals schwedischen Teil des Landes entstanden von 1692 bis 1709 die Schwedischen Matrikelkarten, für den mecklenburgischen Teil die in den Jahren 1779 bis 1794 von Carl Friedrich von Wiebeking gezeichneten und von Graf von Schmettau herausgegebenen Karten.
Während dieser Zeit wurde der Eldekanal sowie die nach Schwerin führende Stör-Wasserstraße ausgebaut. Auch neue Kanäle entstanden, wie der Torfflößerkanal, der Vorgänger des heutigen Kammerkanals; oder der Ludwigsluster Kanal, der Wasser zum Betreiben der Wasserspiele im Park des Ludwigsluster Schlosses heranschaffen sollte.
In der Lewitz und im Recknitztal wurde Raseneisenerz zur Eisenherstellung und als Baumaterial ab dem 16. Jahrhundert abgebaut. Auch verstärkte Melioration in den Feuchtgebieten begann etwa zu dieser Zeit: In der Lewitz ab dem 16. Jahrhundert, in vielen anderen Gebieten wie der Friedländer Großen Wiese und dem Recknitztal circa zwei Jahrhunderte später. Diese ersten Entwässerungsversuche waren aber noch unplanmäßig und unzusammenhängend.
Nachdem die Stadt Wismar 1675 von den Dänen eingenommen wurde, weil sie die in die Stadt führenden Wasserleitungen gekappt hatten, wurde 1685 ein Wehrturm der Stadtbefestigung zum Alten Wasserturm umgebaut, somit wahrscheinlich der älteste Wasserturm in Mecklenburg-Vorpommern. Während der Belagerung von Wismar (1715) wurde der Turm auch als Wasserturm benutzt.
Die ersten erhaltenen Pegelmarken in Mecklenburg-Vorpommern stammen von der Sturmhochwasser 1625 und befinden sich unter anderem am Mönchentor in Rostock. In Lübeck stand der inzwischen abgerissene Beckergrubenturm, an den bei jeder Sturmflut seit 1625 neue Hochwassermarken angebracht wurden.Flutkatastrophen an der deutschen Ostseeküste, Walter Schumacher, Verlag Rediech & Schade, Rostock 2009
Industrialisierung bis Erster Weltkrieg miniatur|Treideln mit Zugtieren am Finowkanal in Brandenburg, um 1885 miniatur|Bau des Bützow-Güstrow-Kanals 1895/96
Im Zuge der Industrialisierung musste auch in Mecklenburg-Vorpommern das Transportnetz ausgebaut werden, was damals vor allem den Aus- und Neubau von Kanälen bedeutete. Der Eldekanal wurde durch den Bau des Friedrich-Franz-Kanals in der Lewitz, Vertiefungen und Schleusenerneuerungen bis 1873 abermals ausgebaut und durch den Ausbau der Verbindungen zwischen den Seen zur Müritz-Elde-Wasserstraße. Zwischen 1832 und 1837 entstand durch den Bau des Bolter Kanals dann eine schiffbare Verbindung zwischen der Müritz und Berlin.
Der Plan zum Bau einer Verbindung zwischen Rostock und der Seenplatte über die Warnow und die Nebel, der seit 1825 ständig diskutiert wurde, wurde aus Geldmangel nur zwischen Bützow und Güstrow (Bützow-Güstrow-Kanal) realisiert. Eine Verbindung zwischen Rostock und Ribnitz und damit an Peene und Oder war ebenfalls erstmals 1862 im Gespräch. Dieses Vorhaben wäre wesentlich günstiger gewesen, wurde aber dennoch nicht durchgeführt.Güstrow-Plau oder Rostock-Ribnitz?, Dr. H. Asmus, Rats- und Universitätsdruckerei von Adlers Erben GmdH, Rostock 1907 Viele der mecklenburgischen Kanäle wie der Dahmer Kanal wurden während des 19. Jahrhunderts gebaut. Der Kanalbau führte häufig zu Veränderungen der Wasserspiegel benachbarter Seen. Beispielsweise sank der Wasserspiegel der Müritz im Zuge der Kanalbauten um etwa zwei Meter ab.
Während des 17. Jahrhunderts entstanden zum Schutz vor Hochwassern der Ostsee einige Deiche an der Küste; so wurde der Ort Zingst auf der damaligen Insel Zingst, nachdem um 1800 mit der Dünenpflege und dem Deichbau begonnen wurde, 1873 komplett eingedeichtSturmflutschutz Renaturierung Ostzingst, Hrsg. Staatliches Amt für Umwelt und Naturschutz Stralsund, Verlag Rediech & Schade, Rostock 2009. Schon 1848 entstanden auf Rügen die ersten deutschen Buhnen an der Ostsee.Wasserbau und Wasserwirtschaft in Deutschland, Rolf Meurer, Parey, Berlin 2000
Die Überwachung der Pegelstände an der deutschen Ostseeküste begann erst relativ spät; in Wismar im Jahre 1848, in Warnemünde 1855. Zwanzig Jahre später fand die größte belegte Sturmflut an der deutschen Ostseeküste statt, das sogenannte Ostseesturmhochwasser, das unter anderem zur Versandung des Prerower Stroms führte, der zwei Jahre später dann endgültig zugeschüttet wurde. Viele Deiche wurden nach dem Sturmhochwasser neu erbaut bzw. verstärkt.
Ab dem Jahr 1876 bis Anfang des 20. Jahrhunderts fand eine neue kartografische Landesaufnahme statt, die Messtischblätter Tk25.