mini mini|Werksgelände um 1910, Schutzmarken und Luftdruckreifen „Excelsior“, Stich auf einem Rechnungsvordruck Die Hannoverschen Gummiwerke Excelsior waren ein gummiverarbeitendes Unternehmen in Hannover-Limmer, das 1928 in der Continental AG aufging.Hans Theodor Schmidt: Continental. Ein Jahrhundert Fortschritt und Leistung, 1871 bis 1971. (Jubiläums-Festschrift) Hannover 1971. Die Firma Hannoversche Gummiwerke Excelsior geht zurück auf die älteste Gummiwarenfabrik Hannovers, die 1862 gegründete Gummi-Kamm-CompagnieHans Theodor Schmidt: Die Excelsior AG, Hannovers älteste Gummiwarenfabrik. In: Tradition, Zeitschrift für Firmengeschichte, 8. Jahrgang 1963, S. 24–43. Seine Blütezeit erlebte das Unternehmen als Hersteller von technischen Gummiartikeln und Reifen zwischen 1890 und 1928 mit bis zu 6.000 Beschäftigten. Am Standort Limmer begann die Produktion 1899 und lief 100 Jahre bis 1999.
Die umfangreichen Fabrikhallen wurden danach weitgehend abgerissen. Erhalten geblieben sind neben dem markanten, unter Denkmalschutz stehenden Wasserturm die Verwaltungsgebäude und ein mehrgeschossiger ehemaliger Produktionstrakt entlang des Stichkanals zum Lindener Hafen. Das 170.000 m² große Gelände soll als „Wasserstadt Limmer“ in eine Wohnnutzung überführt werden.
Geschichte Hannoversche Gummikammfabrik 1862 bis 1883 mini|Hannoversche Gummikamm Comp., Werk 1862 an der Striehlstraße / Nicolaistraße Das Unternehmen geht zurück auf die Hannoversche Gummi-Kamm-Compagnie, die als älteste Gummiwarenfabrik Hannovers bezeichnet wird. Als Gründungsdatum wird April 1862 genannt. Das Unternehmen bestand zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahre als Manufakturbetrieb, der von Johann Louis Martiny als Kammsägerei gegründet worden war und zur Steuerersparnis außerhalb des damaligen Stadtgebiets angesiedelt wurde. 1862 wurden neue Räumlichkeiten an der Striehlstraße in Hannover-Mitte bezogen, die u. a. mit einer eigenen Dampfmaschine mit 6 PS Leistung ausgestattet waren.Stadtplan Hannover von 1873, Planquadrat F2 / Meyers Konversations-Lexikon 1895, Planquadrat C3 Ende 1862 wurden 80 Mitarbeiter beschäftigt, das Werk war zu einem für damalige Verhältnisse großen Betrieb herangewachsen.
Neben dem traditionellen Werkstoff Horn wurde Hartkautschuk verwendet, damals als Ebonit bezeichnet. Zunächst wurde dieses Material aus Großbritannien bezogen, bis mit der Betriebserweiterung die eigene Herstellung aus Rohkautschuk möglich wurde. Bereits in der Phase des Manufakturbetriebs wurden die technischen Kenntnisse erweitert, so dass die üblichen Anlaufschwierigkeiten mit dem damals neuen Naturprodukt Kautschuk schnell überwunden wurden. Die Eingliederung des Königreichs Hannover in den preußischen Staat erweiterte ab 1866 die Absatzmöglichkeiten. Das Unternehmen wuchs in den Folgejahren schnell und dehnte das Produktionsprogramm auf Modeschmuck (Broschen, Armringe, modische Kämme, Fibeln u. a.), medizinisch-hygienische Artikel und Raucherartikel (u. a. Mundstücke für die französischen Bryère-Pfeifen) aus. Die Produktion wurde schon nach wenigen Jahren um zwei Waschwalzwerke für Rohgummi und zwei Mischwalzwerke sowie eine 40 PS starke Dampfmaschine erweitert.Hannoversche Gummiwerke Excelsior AG. Festschrift zum 50-jährigen Firmenjubiläum. Selbstverlag, Hannover 1912.
mini|Hannoversche Gummikamm Comp., Werk 1892 an der Striehlstraße / Nicolaistraße Der Unternehmensgründer Johann L. Martiny schied 1865 mit der Umwandlung in die Hannoversche-Gummi-Comp. oHG und der damit verbundenen Kapitalerhöhung aus dem Unternehmen aus, blieb ihm aber verbunden, wie die späteren Vorgänge 1871 bei der Gründung der Continental AG zeigten. Der Kaufmann Otto Stockhardt sowie die Bankiers Moritz G. Meyer und dessen Bruder Ferdinand Meyer als Gesellschafter kamen als Gesellschafter hinzu. Das Unternehmen wurde in der Folgezeit kurz „Gummi-Kamm“ genannt, es wuchs in den Folgejahren kontinuierlich weiter und wurde 1883 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. In den 1890er Jahren waren die Erweiterungsmöglichkeiten auf dem angestammten Werksgelände erschöpft, dort arbeiteten mittlerweile 1.100 Beschäftigte. Ein neues Fabrikgelände wurde in Hannover-Limmer erschlossen und die Produktion dorthin verlegt. Das alte Werksgelände wurde verkauft.
Verflechtungen bei der Gründung der späteren Continental AG 1871 mini|Hannoversche Gummiwerke, Kamm aus Hartgummi, um 1912 mini|Modifizierte „Streichholzbüchse“ mit der Patentschrift der Hannoverschen Gummi-Kamm-Compagnie (Hann. G.K.C.);patentiert ab dem 3. Januar 1878 Im Jahr 1871 beteiligten sich die drei Gesellschafter der „Gummi-Kamm“ an folgenreichen Verhandlungen nach dem Konkurs einer anderen Gummiwarenfabrik. Im Ergebnis kam es zur Gründung der Continental-Caoutchouc- & Gutta-Percha-Compagnie AG, dem Vorläufer der heutigen Continental AG, an deren Stammkapital von 300.000 Talern die drei Gesellschafter mit 80.000 Talern (26,7 %) beteiligt waren. Mit dieser Beteiligung, die auf Vermittlung des Gründers der Hannoverschen-Gummi-Comp., Johann L. Martiny, und dessen Sohnes zustande kam, gelang anfangs eine gesicherte Einflussnahme auf das neu gegründete Unternehmen – auch durch personelle Präsenz. Otto Stockhardt blieb über mehrere Jahre Vorstandsmitglied als Aufsichtsratsdelegat. Außerdem konnte eine Trennung der Produktionsschwerpunkte vereinbart werden: Die Hannoversche-Gummi-Comp. oHG sollte weiterhin die angestammten Hartgummiwaren herstellen, die neue Continental-Caoutchouc- & Gutta-Percha-Compagnie AG (kurz „Continental“, wegen des anfänglichen Produktionsprogramms auch „Gummi-Ball“) sollte ausschließlich Weichgummi-Produkte produzieren. Diese Trennung hielt bis in die 1890er Jahre.
Hannoversche Gummikamm AG 1883 bis 1912 mini|links|Waschen von Rohgummi im Excelsior-Werk 1912 mini|Hannoversche Gummikamm AG, Werk 1899 am neuen Standort Hannover-Limmer mini|Skizzenhafte Vogelperspektive der Gebäudegruppe am Dreieck der Wunstorfer Straße mit den Wasserwegen Stichkanal Hannover-Linden und Leineabstiegskanal, darunter etwa die Schutzmarke mit dem hannoverschen dreiblättrigen Kleeblatt und Gummiprodukte wie Spielzeug oder ein Kamm der Marke Gloriavierfarbiger Rückendeckel der Illustrirten Zeitung, Sondertitel Hannover und Grenzgebiete, vom 20. April 1911, mit der Künstlersignatur der Grafikerin Änne Koken über dem Impressum Hartgummi ließ sich vielfältig nutzen, da es nur gering wärme- und stromleitend sowie leicht zu verarbeiten ist, da es bei 70° bis 100° Celsius weich und biegsam wird, aber beim Erkalten die ursprünglich Festigkeit zurückgewinnt. Eine erhebliche Produktionsausweitung gelang in den 1880er Jahren mit Isolationsbauteilen für das expandierende Telegrafie- und Telefoniewesen, die als „Gloria-Isolit“ und „Eisengummi“ (u. a. für Batteriekästen) vermarktet wurden. Im Zuge der Umwandlung der „Gummi-Kamm“ in die Hannoversche Gummikamm Co. AG fanden 1883 Gespräche mit der Continental AG über eine Fusion statt. Für beide Unternehmen hätte sich die Entwicklung zu einem „schlagkräftigen diversifizierten Gummikonzern“Paul Erker: Vom nationalen zum globalen Wettbewerb. Die deutsche und amerikanische Reifenindustrie im 19. und 20. Jahrhundert. Schöningh, Paderborn 2005, ISBN 3-506-71788-X. ergeben können, für die „Gummi-Kamm“ wäre außerdem die Stärkung der Kapitalkraft auf diesem Weg vorteilhaft geworden. Die industrielle Führung beanspruchte der Vorstand der Continental AG, Siegmund Seligmann, der auch die Initiative für die Gespräche ergriffen hatte. Die Lösung kam nicht zustande, in der Folge dehnte die „Gummi-Kamm“ ihre Produktion auch auf Weichgummiwaren aus, insbesondere Fahrradreifen, später auch Autoreifen. Bereits in den 1880er Jahren wurden erfolgreich Fahrradreifen produziert, zunächst aus Vollgummi, ab 1888 kurzzeitig als sog. Kissenreifen aus geschäumten Gummi und ab 1890 als Schlauchreifen. 1892 kamen Pressluftreifen mit Luftschlauch hinzu, womit die „Gummi-Kamm“ zu den ersten Produzenten gehörte, allerdings etwas später als die Continental AG die Produktion aufnahm und deren Vorsprung später technologisch und beim Umsatz nicht aufholen konnte.
Mit der Aufnahme der Weichgummi-Produktion wurde zwar die Produktionsabsprache von 1871 gesprengt, es kam dennoch zu weiteren strategischen Allianzen. So verpflichtete sich die Continental AG dazu, keine chirurgischen Produkte und Artikel für elektrische Zwecke zu produzieren, im Gegenzug strich die „Gummi-Kamm“ die Herstellung von Weichgummiartikeln und Spielbällen. Dagegen durften beide Unternehmen gummierte Stoffe herstellen, wobei die „Gummi-Ball“ drei Prozent der zugehörigen Umsätze an die „Gummi-Kamm“ zu vergüten hatte. 1893 kam es zwischen beiden Unternehmen zu einer Verkaufskonvention für Fahrradreifen, die fortan auf gemeinsame Rechnung im Verhältnis 30 : 70 („Gummi-Kamm“ / Continental AG) erfolgte.
Zu dieser Zeit wurde das Unternehmen von Kommerzienrat Georg Heise geleitet, der sich vom Lehrling zum Generaldirektor emporgearbeitet hatte und durch den das Unternehmen im großen Stil expandierte.
Hannoversche Gummiwerke Excelsior AG 1912 bis 1928 mini|links|Plakat „Excelsior Pneumatic“Druck von Hollerbaum & Schmidt (Berlin), um 1910 links|mini|hochkant|Aktie über 1000 Mark der Hannoverschen Gummiwerke Excelsior AG vom 27. September 1920 mini|Hannoversche Gummiwerke Excelsior AG Hannover-Limmer, 1912 zur 50-Jahr-Feier Zum 50-jährigen Bestehen 1912 wurde die Firma in Hannoversche Gummiwerke Excelsior AG geändert, fortan war das Unternehmen als „Excelsior“, in Hannover auch als „Die Ex“ geläufig. Der Name „Excelsior“ hatte sich vorher bereits als Markenname für Reifen etabliert.
Die wirtschaftliche Situation lässt sich u. a. an der Dividende ablesen, die bis 1892 bei durchschnittlich 10 % lag, mit der Herstellung der Fahrradreifen auf 17 % anstieg (1893 bis 1905) und danach bis 1913 im Mittel sogar 23 % erreichte. Allerdings war die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg von einem deutlich zunehmenden in- und ausländischem Konkurrenzkampf mit entsprechenden „Schleuderpreisen“ geprägt. Der Kriegsausbruch unterbrach diese Entwicklung, die danach umso heftiger wieder einsetzte. mini|Kammschneiderei der Excelsior Werke 1912 mini|Hannoversche Gummiwerke Excelsior, Autoreifenherstellung
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Produktion auf kriegswichtige Güter ausgerichtet, vor allem Reifen und medizinische Artikel. Durch Einberufung vieler Mitarbeiter zum Kriegsdienst kam es zu organisatorischen Problemen, die durch vermehrten Einsatz von Frauen aufgefangen wurden. Der Mangel an Rohkautschuk führte durch Einsatz von aufbereitetem Gummi („Regenerat“) zu Qualitätsminderungen.
Nach Kriegsende gab es einen beträchtlichen Nachholbedarf für Konsumgüter aus Gummi und für Reifen, da deren Produktion kriegsbedingt eingeschränkt war und die Qualität durch vermehrten Einsatz von aufbereitetem Altgummi gesunken war. Die Fertigungsanlagen waren stark verschlissen, die Fertigungsmethoden unrationell. Auf diese Gegebenheiten reagierte die Unternehmensleitung mit dem Ausbau der Fertigungsstätten in Hannover-Limmer. Das Verwaltungsgebäude wurde aufgestockt, und eine neue Vulkanisierhalle entstand. Von 1920 bis 1922 wurde nach Plänen des Architekten Franz-Otto Lutz „der imposante viergeschossige Produktionsbau am Zweigkanal Linden errichtet, der eindrücklich die klassizistisch anmutende Industriebaukunst der Zeit um den Ersten Weltkrieg vorführt“.Ilse Rüttgerodt-Riechmann Die Beschäftigtenzahl stieg bis 1922 auf annähernd 6.000 Arbeiter und Angestellte an.