Der Prager Aufstand () bezeichnet eine militärische Erhebung des tschechischen Widerstandes gegen die deutschen Besatzer in Prag am Ende des Zweiten Weltkrieges. Er begann am 5. Mai 1945 durch eine Meldung im tschechischen Radio und endete mit einem Waffenstillstand sowie mit dem Abzug der Wehrmacht aus Prag am 8. Mai 1945. Einen Tag später zog die Rote Armee in die befreite Stadt ein.
Ausgangslage Nach dem Münchner Abkommen war die Tschechoslowakei zerschlagen worden und auf großen Teilen ihres Staatsgebietes vom Deutschen Reich unter Adolf Hitler das Protektorat Böhmen und Mähren errichtet worden. Der Name sollte an die Zeit österreichischer Herrschaft erinnern und den politischen Zustand unverfänglich umschreiben (Euphemismus). Tschechische Intellektuelle wurden verhaftet und deportiert, die Karls-Universität geschlossen und das öffentliche Leben wie im NS-Staat gleichgeschaltet.
Massive Repressalien erlebte die tschechische Bevölkerung – neben der Judenverfolgung – bei den Vergeltungsmaßnahmen infolge der Ermordung des stellvertretenden Reichsprotektors Reinhard Heydrich durch Tschechoslowaken im Mai 1942. Weiterhin wurden viele deutsche Exilanten, die im liberalen Nachbarland Schutz gesucht hatten, von der Gestapo verhaftet und deportiert.
Ende April 1945 hatte die Rote Armee Berlin eingeschlossen. Im Osten durchstieß sie die Karpaten und befreite die Slowakei (vgl. Slowakischer Nationalaufstand). Im Südosten endete die Schlacht um Budapest, und in der Wiener Operation wurde Wien erobert. Im Westen erreichte die 1. US-Armee bei Torgau die Elbe und traf dort auf die sowjetischen Truppen. München und Nürnberg waren ebenfalls gefallen. Die 3. US-Armee stieß in Westböhmen auf Pilsen vor. Damit war ein großer Teil des früheren tschechoslowakischen Gebiets von alliierten Einheiten eingenommen.
Im Frühjahr 1945 existierten in Böhmen und Mähren kleinere und größere Partisanenverbände mit einer Gesamtstärke von 7.500 Mann, die systematisch die Nachschubwege der deutschen Front angriffen. In manchen Gebieten war es Deutschen nachts nicht mehr möglich, diese ohne Schaden zu betreten.
Der Aufstand hochkant=1.4|mini|Lage am 7. Mai 1945. mini|Moderator Zdeněk Mančal Ende April 1945 standen die Alliierten bereits in der Nähe Prags. Ein Großteil der Stadtbewohner strömte in die Straßen, um die kommenden Befreier willkommen zu heißen. Am 30. April und 1. Mai 1945 ließ deshalb der SS-Obergruppenführer und General der Polizei Karl Hermann Frank über das Radio in Prag verbreiten, dass jeder Versuch eines Aufstandes in einem „Meer aus Blut“ enden würde. In der allgemeinen Unruhe ordnete er an, die Straßen zu räumen, und erteilte einen Schießbefehl, sollte sich jemand der Anordnung widersetzen.
Am 5. Mai wurde der Aufstand durch die Morgensendung im tschechischen Rundfunk (Reichssender Böhmen) ausgelöst. In einer Mischung aus deutscher und tschechischer Sprache begann der Moderator Zdeněk Mančal seine Sendung mit den Worten Je právě sechs hodin (dt.: Es ist genau sechs Uhr) und führte fortan nur noch in Tschechisch durch das Programm.Radio Prag: Geschichte im Rückblick – wie man sich in Tschechien an den Prager Aufstand erinnert, vom 5. Mai 2005. Damit unterlief er die strikte Anweisung des deutschen Intendanten nach zweisprachigen Sendungen. Der Intendant Ferdinand Thürmer rief daraufhin deutsche Soldaten zum Sender, die dort auf tschechische Widerstandskämpfer trafen. Der Moderator schickte darauf einen Notruf über den Äther: „Wir rufen die tschechische Polizei, die tschechische Gendarmerie und die staatliche Armee auf, dem Tschechischen Rundfunk zu helfen.“Till Janzer: Prager Aufstand 1945 – militärisch nicht entscheidend, aber wichtig für die Moral In: Radio Prague International vom 8. Mai 2012 Der Gefechtslärm war im Radio zu hören, woraufhin sich immer mehr Prager gegen die deutsche Herrschaft erhoben. Deutsche Schilder wurden heruntergerissen, tschechoslowakische Fahnen gehisst und Barrikaden gebaut. Die Kampfhandlungen befehligte auf tschechischer Seite General Karel Kutlvašr, der insbesondere von den Kampfeinheiten der Widerstandsgruppen Alex (Befehlshaber General František Slunečko) und Bartoš (Befehlshaber General František Bürger-Bartoš) unterstützt wurde.Kutlvašr Karel. In: Vojenské osobnosti československého odboje 1939–1945. Veröffentlichung des Historischen Militärinstituts des Verteidigungsministeriums der Tschechischen Republik, AVIS, Prag 2005, S. 168, online (archiviert) auf: Slunečko František, ausführlicher Lebenslauf in: Vojenské osobnosti československého odboje 1939–1945, Veröffentlichung des Historischen Militärinstituts des Verteidigungsministeriums der Tschechischen Republik, AVIS, Prag 2005, S. 262, online (archiviert) auf: Bürger (Bartoš) František, ausführlicher Lebenslauf in: Vojenské osobnosti československého odboje 1939–1945, Veröffentlichung des Historischen Militärinstituts des Verteidigungsministeriums der Tschechischen Republik, AVIS, Prag 2005, S. 39, online (archiviert) auf: Martin Čáp, Jindřich Marek: Hrdinové z barikád: Kapitulace pro generála Kutlvašra, Sendung des Rundfunksenders Český rozhlas vom 22. April 2015, online (Abschrift) auf: dvojka.rozhlas.cz/...
Der Aktion schlossen sich in Prag augenblicklich die verbliebenen Reste der Regierungstruppen in Stärke von etwa dreihundert Mann an, die gesamte Protektoratspolizei, Wachleute, Feuerwehrmänner, das öffentliche Sanitätspersonal, die Straßenbahner (sechstausend Mann); Tausende von Freiwilligen, frühere Soldaten und Nicht-Soldaten meldeten sich.
Der spontan ausgebrochene Aufstand überraschte mit seiner Heftigkeit die Alliierten und die Tschechoslowakische Exilregierung wie auch den kommunistischen Widerstand, der sich nicht vorstellen konnte, dass Bürger ohne Leitung der Parteifunktionäre einen Aufstand organisieren könnten.Peter Demetz: Mein Prag S. 363
Im Laufe des 5. Mai konnte der tschechische Widerstand die SS-Einheiten am Radiogebäude überwältigen und das Hauptquartier der Gestapo und das Hauptamt der Sipo einnehmen. Am Nachmittag zog das Nationalkomitee des Widerstandes im Altstädter Rathaus ein. Währenddessen breitete sich der Aufstand immer weiter aus. Immer mehr deutsche Einheiten in der Stadt wurden attackiert und entwaffnet. Ebenso konnte der Ministerpräsident der Protektoratsregierung, Richard Bienert, auf dem Weg zum Radiosender festgenommen werden. Offiziell wollte er dort das Ende des Protektorats verkünden.Radio Prag: Die Protektoratsregierungen, vom 27. März 2004. In den Abend- und Nachtstunden des Tages begann ein deutscher Gegenangriff mit schweren gepanzerten Kräften.
Am Aufstand beteiligten sich bis zu 30.000 Prager, sie errichteten Barrikaden. Dem Aufstand stand eine Übermacht von 80.000 Soldaten der neuaufgestellten Heeresgruppe Mitte in der Umgebung Prags gegenüber. Diese befanden sich jedoch außerhalb der Stadt, wollten eine Verbindung zu den Einheiten in der Stadt aufbauen und schließlich den Aufstand niederschlagen. Durch den Angriff der deutschen Kräfte änderte sich das Kräfteverhältnis; die deutschen Militäreinheiten erzwangen ein Patt sowie eine Stabilisierung ihrer Situation.
Am Morgen des 6. Mai waren über 1.000 Barrikaden errichtet worden. Die tschechischen Truppen hatten die Hälfte der Stadt unter ihre Kontrolle bringen können. Die über die ganze Stadt verteilten deutschen Garnisonen waren eingekesselt worden. Die Aufständischen kappten deren Strom-, Wasser- und Telefonverbindungen. Mit der gezielten Lahmlegung der Telefonnummern der Behörden der Besatzer, der Gestapo, der Wehrmacht, der SS-Einheiten und einem Kreis deutscher Zivilisten, hatten die Deutschen keine Verbindung und auch keine Informationen mehr.Jakub Šiška: Selbstbefreiung zwischen den Fronten: Das Kriegsende in Prag Radio Prague International vom 8. Mai 2015 Auf beiden Seiten begannen in dieser Frühphase bereits Ausschreitungen gegen unbewaffnete Opfer. Ab Mittag des 6. Mai wurde vom tschechischen Widerstand willkürlich auf deutsche Zivilisten geschossen, zum Teil auf Gäste in Prager Hotels.
Deutscher Gegenangriff mini|hochkant|Massengrab mit zwei Generälen und 187 unbekannten ROA-Soldaten, Olšany-Friedhof, Prag Die außerhalb der Stadt stehenden deutschen Verbände rückten sofort in die Stadt ein und versuchten die dortigen Kräfte zu unterstützen. Hauptziel war die Einnahme und Sicherung der Eisenbahnlinien und der Kommunikationszentren der Stadt, um rechtzeitig einen gesicherten und schnellen Rückzug zur amerikanischen Front herstellen zu können, bevor die Rote Armee die Stadt erreichte.
Am 6. Mai versuchten die deutschen Kräfte das Radiogebäude zurückzuerobern. Heftiger tschechischer Widerstand im Gebäude selbst und an den Barrikaden auf den benachbarten Straßen ließ dieses Vorhaben scheitern, so dass der Einsatz von Bombern der Luftwaffe folgte. Daraufhin mussten die Tschechen die Leitung des Aufstandes an einen anderen Ort verlegen.
Mit dem Erreichen der westböhmischen Stadt Pilsen durch die US-Armee am 6. Mai waren die Hoffnungen der Aufständischen groß, dass amerikanische Panzerspitzen bald die Hauptstadt erreichen würden. Unbekannt war ihnen die vereinbarte Demarkationslinie der Alliierten, die 70 km westlich von Prag verlief.Demarkationslinie Rokycany, Mai 1945. Museum an der Demarkationslinie Šťáhlavská ulice, 337 01 Rokycany Aufrufe des tschechischen Radios an die Amerikaner, den Aufstand zu unterstützen, blieben deswegen unbeantwortet. Der Standort der sowjetischen Front war genauso unbekannt, wie auch die Tatsache, dass sich die deutsche Wehrmacht nach der Prager Operation auf dem Rückzug vor der Roten Armee befand.
Am 5. Mai hatte der Chef des sowjetischen Generalstabs General Antonow in Erfüllung der früher abgeschlossenen Vereinbarung gefordert, dass die Amerikaner auf der Linie Karlsbad-Pilsen-Budweis ihren Vormarsch beenden sollten.Erinnerungen Václav Černýs an den Prager Aufstand, Schilderung wichtiger Ereignisse und Faktoren In: Themenmodul Protektorat Böhmen und Mähren Herder Institut abgerufen am 11. November 2024
Am Nachmittag des 7. Mais wurde die Lage für die Aufständischen kritisch. Die Deutschen besetzten zunächst den Hauptbahnhof und anschließend auch den Masaryk-Bahnhof, wo es zu einem Massaker kam. Insgesamt wurden 53 Personen, die im Verdacht standen, an den Kämpfen teilgenommen zu haben, einschließlich mehrerer Eisenbahnangestellten und zufällig anwesender Reisender erschossen.Stanislaw Kokoška: Prag im Mai 1945. S. 251.
Aus mehreren Richtungen fuhren deutsche Panzer auch auf den Altstädter Ring. Das Gefecht verwandelte sich in eine systematische Beschießung des Rathauses.
Am 7. Mai kündigte Schwerin von Krosigk, Mitglied der letzten Reichsregierung in Flensburg-Mürwik, über den Reichssender Flensburg die bevorstehende Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht an. Die an diesem Tag ebenfalls noch sendende Rundfunkstation Prag I behauptete, die Meldungen aus Flensburg würden auf einem Propagandatrick der Alliierten beruhen und forderte die Fortsetzung der Kampfes.
Angriff der Waffen-SS Wegen der geringen Fortschritte der Wehrmacht griffen am 7. Mai Verbände der Waffen-SS mit schweren Waffen in die Kämpfe ein. Dabei handelte es sich in der Hauptsache um Militäreinheiten vom SS-Truppenübungsplatz Böhmen in Benešov, die sich als Gefechtsverband „Wallenstein“ formierten.Stanislaw Kokoška: Prag im Mai 1945. S. 176. Gepanzerte Einheiten drangen in die Stadt ein, Artillerie und Luftwaffe verursachten schwere Schäden an zahlreichen historischen Gebäuden. Bereits nach wenigen Stunden befanden sich die deutschen Kräfte im Vorteil gegenüber den Aufständischen, die nur wenige Panzerabwehrwaffen und für diese auch nur wenig Munition besaßen. Der Befehlshaber der Waffen-SS in Böhmen und Mähren, SS-Gruppenführer (Generalleutnant) Carl Friedrich Graf von Pückler-Burghauss forderte, das historische Stadtzentrum durch Brandbomben dem Erdboden gleichzumachen, mit den Worten „Das ganze Nest muss brennen“. stern.de, 5. Mai 2005.