Gotländisch () ist das auf Gotland und Fårö gesprochene Schwedisch. In Schweden unterscheidet man heute häufig zwischen Gutländska, dem auf Gotland verbreiteten Regiolekt, der sich nur wenig von der Standardsprache unterscheidet, und Gutamål, den alteingesessenen Dialekten Gotlands und Fårös, die stark von den anderen schwedischen Mundarten abweichen.Gotländska mål auf der Website des Institut för språk och folkminnen. Abgerufen am 16. August 2022. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Begriffen sind jedoch fließend und haben keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Distinktion. Dieser Artikel behandelt hauptsächlich die autochthone gotländische Mundart (Gutamål). Wenn im Text der Term „Gotländisch“ benutzt wird, ist damit die traditionelle Mundart gemeint.

Die mittelalterliche Stufe, das Altgutnische (schwedisch Forngutniska), ordnet man traditionell nicht dem Altschwedischen zu, sondern sieht sie als autonome Varietät an.Rune Palm: Vikingarnas språk. 2. Auflage. Norstedts, Lund 2010, S. 329.

Geschichte Das Altgutnische

Das Altgutnische, das auf Gotland in der Wikingerzeit und im MittelalterElias Wessén: De nordiska språken. 11. Auflage. Almqvist & Wiksell Förlag AB, Stockholm 1979, S. 109. gesprochen wurde, kann laut dem schwedischen Nordisten Elias WessénElias Wessén: De nordiska språken. 11. Auflage. Almqvist & Wiksell Förlag AB, Stockholm 1979, S. 110. als eine eigene skandinavische Sprache betrachtet werden. Es darf nicht mit der ausgestorbenen ostgermanischen Sprache Gotisch verwechselt werden, auch wenn die Sprachen einzelne Ähnlichkeiten aufweisen. Das Altgutnische ist in zahlreichen Runeninschriften der Zeit von 900 bis Anfang des 16. Jahrhunderts sowie in einigen mittelalterlichen Handschriften überliefert. Die bekanntesten sind Gutalagen (Guten-Recht) und Gutasagan, die um 1350 aufgezeichnet wurden, höchstwahrscheinlich aber auf ältere Tradition zurückgehen.Herbert Gustavson: Gutamålet – inledning till studium. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Barry Press Förlag, Visby 1977, S. 10. Nachfolgend ein Textbeispiel aus der Gutasaga:

Mangir kunungar stridu a Gutland miþan ha[i]þit war. Þau hieldu gutar e iemlica sigri oc ret sinum. Siþan sentu gutar sendumen manga til Suia rikis. En engin þaira fic friþ gart fyr þan Awair Strabain af Alwa socn. Hann gierþi fyrsti friþ wiþr suia kunung. [...] þaut gutar haiþnir waru, þau sigldu þair miþ caupmannascap innan all land, baþi cristin oc haiþin. Þa sagu caupmenn cristna siþi i cristnum landum: þa litu sumir sic þar cristna och fyrþu til Gutlandz presti. Botair af Acubec hit þann sum fyrsti kirchiu gierþi i þann staþ sum nu haitir Kulasteþar. „Viele Könige kämpften gegen Gotland als es heidnisch war. Jedoch behielten die Guten [das gotländische Volk] immer den Sieg und ihr Recht. Dann sendeten die Guten viele Boten an Svea Reich. Aber keiner von ihnen konnte Frieden schaffen, bevor [es] Aivar Straibain aus Alva Gemeinde [tat]. Er schuf zuerst Frieden mit dem Sveakönig. [...] Obwohl die Guten Heiden waren, segelten sie mit Handelswaren in alle Länder, sowohl christliche als auch heidnische. Dann sahen die Kaufmänner christliche Sitten in christlichen Ländern: dann ließen sich manche da christlichen und führten nach Gotland Priester. Botair aus Akebäck hieß derjenige, der als erster [eine] Kirche baute an der Stelle, die heute Kulesteþar heißt.“Übertragung der schwedischen Übersetzung in: Herbert Gustavson: Gutamålet – inledning till studium. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Barry Press Förlag, Visby 1977, S. 10.

Das Altgutnische unterscheidet sich vom Altschwedischen durch sowohl phonologische als auch morphosyntaktische Besonderheiten. Es zeigt viele archaische Züge, so das Bewahren der urnordischen Diphthonge (im Text: haiþit, haitir) und des urnordischen u (gutar, Gutland). Auch das beibehaltene komplexe Nominal- und Verbalflexionssystem unterscheidet das Altgutnische in gewisser Hinsicht vom Altschwedischen und radikal vom Altdänischen.Herbert Gustavson: Gutamålet – inledning till studium. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Barry Press Förlag, Visby 1977, S. 12. Mehrere Vokale hatten überdies eine geschlossenere Aussprache beibehalten oder entwickelt (im Text: fyrsti, siþan).Elias Wessén: De nordiska språken. 11. Auflage. Almqvist & Wiksell Förlag AB, Stockholm 1979, S. 109f. Weitere Unterschiede von den anderen nordischen Altsprachen ist ein häufigeres Durchführen von i-Umlaut und das Fehlen von w-Brechung bei Wörtern wie singe und sinke.

Späteres Altgutnisch und externe Einflüsse Im Unterschied zum Altschwedischen blieb das Altgutnische von anderen Sprachen relativ lange wenig beeinflusst. Dies kann, anders als von unter anderem Wessén vermutet, nicht mit Isolation erklärt werden, da Visby zu Hansezeiten ein internationales Handelszentrum ausmachte. Man hatte im Mittelalter viel Austausch mit Russland, dem Baltikum, (Nord-)Deutschland, Schweden und Dänemark und hatte damit gute Voraussetzungen für sprachlichen Einfluss.Rune Palm: Vikingarnas språk. 2. Auflage. Norstedts, Lund 2010, S. 330. Dass es zu dieser Zeit nicht zu großen Entwicklungen kam, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass der Handel und damit auch der Sprachkontakt in erster Linie innerhalb der Stadtmauern von Visby stattfand. Als Visby später an Einfluss verlor, verbreitete sich das Gutnische vom Land auch in die Stadt.

Erst im 16. und vor allem im 17. Jahrhundert, als Gotland unter dänischer Herrschaft stand, wurde der sprachliche Einfluss von außen bedeutend. Dänische und niederdeutsche Wörter kamen in den gutnischen Wortschatz, und das Flexionssystem wurde sukzessiv vereinfacht. Bis heute lässt sich entsprechend ein dänischer und niederdeutscher Einfluss erkennen. Beispiele aus dem Dänischen sind någle (dän. nogle, schwed. några, dt. „einige“), saktens (dän. sagtens, schwed. nog visst, dt. „leicht“) oder um en trent (dän. omtrent, schwed. ungefär, dt. „ungefähr, etwa“). Ab 1645, als Schweden die Herrschaft über Gotland gewann, wurde der schwedische Einfluss auf das Gutnische immer stärker. Mit der Einführung der allgemeinen Volksschule 1842 und der Schulpflicht 1882 gewann die schwedische Schriftsprache immer mehr an Boden, auf Kosten des Gutnischen. Man setzt das Ende des Gutnischen auf das Ende des Mittelalters an, aber viele Elemente aus dem Altgutnischen sind in der gotländischen Mundart noch vorhanden.

Phonologie Das prägendste Merkmal der gotländischen Phonologie ist ihr Reichtum an Diphthongen und Triphthongen. Das Gotländische erscheint damit als ein relativ vokalreicher Dialekt.

Vokalismus Das Vokalsystem weist gegenüber dem Standardschwedischen folgende Besonderheiten auf:Das Folgende nach Herbert Gustavson: Gutamålet – inledning till studium. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Barry Press Förlag, Visby 1977, S. 11ff.; Oskar Bandle: Die Gliederung des Nordgermanischen. Mit 23 Karten. Helbing und Lichtenhahn, Basel/Stuttgart 1973 (Beiträge zur nordischen Philologie 1), S. 106ff.; Elias Wessén: Våra folkmål 9. Auflage. Fritzes, Lund 1969, S. 50.

Die urnordischen Diphthonge ai und au sind aus dem Altgutnischen erhalten geblieben und wurden nicht wie im Schwedischen zu ē, ȫ monophthongiert: gotl. aik, haim (schw. ek, hem; dt. „Eiche, Heim“) bzw. augä, staur (schw. öga, stör; dt. „Auge, Stange“). Das urnordische øy wurde im Altgutnischen zu oy/oi gesenkt, blieb aber diphthongisch erhalten und wurde ebenfalls nicht zu ȫ monophthongiert: bloytä/bloitä, snoy/snoi (schw. blöta, snö; dt. „nass machen, Schnee“). Der altnordische Diphthong iū, der schon im Altgutnischen die Aussprache iau bekam, erscheint heute noch als Triphthong: biaude, diaup (schw. bjuda, djup; dt. „bieten, tief“). Neue Diphthonge haben sich entwickelt, die weder im Urnordischen noch im Altgutnischen vorhanden waren: Altes langes ī wurde zu äi, langes ȳ zu öi und langes ū zu äu: sväin, nöi, fäul (schw. und altgutn. svin, ny, ful; dt. „Schwein, neu, hässlich (faul)“). Das altgutnische lange ē (altnordisch ǣ/ē) hat in verschiedenen geographischen Gebieten unterschiedliche Entwicklungen durchgemacht. Im Süden blieb das lange e bewahrt, auf dem restlichen Gotland wurde es entweder zu einem eigenen Diphthong ei oder fiel mit dem aus altem ī entwickelten Diphthong äi zusammen. Kurzes u nach einfachem Konsonanten hat sich zu iu entwickelt: hiul, siun (schw. hål, båge; dt. „Loch, Bogen“). Langes altnordisches a ist bewahrt worden: bat [baːt], nal (schw. båt [boːt], nål; dt. „Boot, Nadel“). Die Qualität von kurzem i und kurzem y blieb erhalten: skip, vit (schw. skepp, vett; dt. „Schiff, Verstand“) und hyllä, yvar (schw. hölja, över; dt. „hüllen, über“). Die Quantität hat sich jedoch in manchen Fällen verändert. Urnordisches kurzes u ist in manchen Stellungen bewahrt: buck (schw. bock; dt. „Bock“), in anderen aber diphthongiert worden (siehe oben). Der schon das Altschwedische prägende a-Umlaut von altnordischem u ist lediglich vor r eingetreten: ård (schw. ord; dt. „Wort“). Grundsätzlich kennt Gotländisch den »europäischen« u-Laut [u], nicht das schwedische palatalisierte [ʉ]. Unbetonte Vokale sind in der Regel abgeschwächt worden: drickä (schw. dricka; dt. „trinken“). An einigen Orten im nördlichen und nordöstlichen Gotland findet sich jedoch die Endung -i erhalten: bälti, minni (sonst wie standardschw.: bälte, minne; dt. „Gürtel, Erinnerung“). Wie im Altgutnischen fehlt die w-Brechung, zum Beispiel singä (schw. sjunga; dt. „singen“).

Konsonantismus Auch im Konsonantensystem zeigt das Gotländische mehrere Besonderheiten: g und k werden auch vor vorderen Vokalen plosiv ausgesprochen und nicht, wie im Standardschwedischen, zu [j] bzw. [ɧ] oder [ʃ] palatalisiert: [gɪ:va], [körke] (schw. [jɪ:va], [ɧʏrka] oder [ʃʏrka]; dt. „geben, Kirche“). In den Konsonantenverbindungen gj, sk, skj und stj wird noch jeder Laut für sich ausgesprochen, und es findet keine Palatalisierung zu [j] bzw. [ʃ] oder [ɧ] statt: [gjautä], [skjautä], [stjennä] (schw. [jʉ:ta], [ɧʉ:ta] bzw. [ʃʉ:ta], [ɧɛ:ɳa] bzw. [ʃɛ:ɳa]; dt. „gießen, schießen, Stern“). In den Konsonantenverbindungen dj, ld, mb, rd und ng finden in den meisten Positionen keine Assimilationen statt: [djaup], haldä, lamb (schw. [jʉ:p], hålla, lamm; dt. „halten, Lamm“). In der Konsonantenverbindung ld und ng werden d und g in den meisten Positionen ausgesprochen: [kvɛld], [drɛŋg] (schw. [kvɛlː], [drɛŋ]; dt. „Abend, Knecht“). Die Assimilation der Konsonantenverbindungen rn und rs, die im Standardschwedischen bis zu den Retroflexen [ɳ] und [ʂ] erfolgt ist, findet sich im Gotländischen vollständig durchgeführt: [baːn], [kɔsː] (schw. barn [baːɳ], kors [kɔʂː]; dt. „Kind, Kreuz“). J schwindet vor der Verbendung: hylle (schw. hölja, altwestnordisch hylja; dt. „hüllen“). Schwachtoniges -t und -n im Auslaut sind, wie verbreitet in den skandinavischen Mundarten, verstummt: häuse, bite, jordi (schw. huset, bitet, jorden; dt. „das Haus, das Stück, die Erde“). Auslautendes -r kann in Pluralformen schwinden: hästa (schw. hästar; dt. „Pferde“).

Morphologie Das Gotländische hat nur Teile des komplizierten Flexionssystems im Altgutnischen bewahrt. Hier werden in erster Linie die Erscheinungen beschrieben, in welchen sich das Gotländische vom Standardschwedischen unterscheidet.

Nominalflexion Das Gotländische weist wie die meisten schwedischen Dialekte, aber im Unterschied zum Standardschwedischen, ein erhaltenes Dreigenerasystem auf.Herbert Gustavson: Gutamålet – inledning till studium. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Barry Press Förlag, Visby 1977, S. 26. Die Substantive sind also in die grammatischen Kategorien Maskulinum, Femininum und Neutrum eingeteilt.

Der unbestimmte Artikel ist für Maskulina änn (änn skog), für Neutra ätt (ätt brev) und für Feminina je nach Region i, a oder ä (i/a/ä dauter).