mini|Ignaz Bing mini|Verkehrskarte des westlichen und mittleren Oberfranken aus dem Jahr 1912 mit der Binghöhle
Die Binghöhle ist eine natürliche Karsthöhle bei Streitberg, einem Ortsteil der oberfränkischen Gemeinde Wiesenttal im Landkreis Forchheim (Bayern). Die Höhle reicht im Frankendolomit des Malm Beta bis zu 60 m unter die Erdoberfläche und erstreckt sich als einzige der fränkischen Höhlen in geschichtetem Kalkstein. Sie stellt eine heute trockenliegende Flusshöhle dar, die einstmals von einem Zubringer der damals höher fließenden Wiesent durchflossen wurde.
Die Binghöhle gehört zur Erlebniswelt Jurahöhle. Sie wurde 1905 von dem Unternehmer Ignaz Bing aus Nürnberg entdeckt, nach dem sie auch benannt ist, und wird seit 1906 als Schauhöhle geführt. Da ein Gang durch die Binghöhle in unmittelbarer Nähe die verschiedensten Tropfsteinformationen zeigt, wird die Bezeichnung Tropfstein-Galeriehöhle verwendet.
Geographie Die Tropfsteinhöhle liegt in der Fränkischen Schweiz am südwestlichen Steilhang des Schauertals, das von Norden her ins Wiesenttal mündet. Die Höhenlage beträgt , die Höhle erstreckt sich etwa 60 m oberhalb der Gemeinde. Bis zum Eingang sind es 375 m in westnordwestlicher Richtung von der Kirche von Streitberg aus. Die Höhle im Städtedreieck von Nürnberg, Bayreuth und Bamberg ist über die B 470, die von Forchheim nach Pegnitz führt, zu erreichen.
Geschichte Von der Binghöhle war ursprünglich eine Länge von etwa 230 m bekannt. 1936 wurden weitere 70 m Ganglänge entdeckt und der heutige Ausgang gebaut.
Entdeckung und Erschließung mini|Außenbereich der Höhle
Der Kommerzienrat Ignaz Bing, Besitzer der Nürnberger Bing-Werke, erwarb 1899 von der Witwe Fürst eine Villa in Streitberg, das er von Kuraufenthalten kannte. Eine Leidenschaft von Bing war das Graben nach Altertümern in den Höhlen der Umgebung.
Von seinem Nachbarn Braungart wurde Bing auf einige Felsspalten am Hang oberhalb der Villa Marie hingewiesen. Mit dem Einverständnis des Försters, der diese Fuchs- und Dachslöcher in seinem Revier kannte, ließ Bing ab Juli 1905 in einer dieser Felsspalten graben.
In einer Felsnische, die als „Grotte im Petersholz“ bezeichnet wurde und der Familie Braungart gehörte, kamen bei den Grabungen alsbald fossile Knochen und prähistorische Scherben zum Vorschein. Zunächst wurde ein 30 m langer Gang untersucht, wobei bis zu 1,8 m hohe Sedimente ausgegraben wurden. In seiner Villa bewahrte Bing diese auf, nachdem er sie sorgfältig beschriftet und auf Papptafeln montiert hatte. Bei den Grabungen wurde bald ein begehbarer Raum erschlossen. Über diesen Fund berichtete der Wiesent-Bote, die Lokalzeitung der Fränkischen Schweiz, am 10. August 1905:
„Ebermannstadt, 9. Aug. In der Waldung des Gutsbesitzers Braungart in Streitberg entdeckte Herr Kommerzienrat Bing von Nürnberg, welcher dort eine Villa besitzt und während seines Aufenthaltes häufig Grabungen nach prähistorischen Funden vornehmen läßt, vor einigen Tagen eine Höhle. Fast täglich werden Grabungen in derselben vorgenommen, und man hofft, dieselbe bald dem Besuche eröffnen zu können. Verschiedene Versteinerungen u. Knochengebilde wurden bis jetzt gefunden.“Wiesent-Bote Nummer 178 vom 10. August 1905.
Die Höhle ging ein paar Tage später in den Besitz von Bing über. Am 18. August berichtete die Zeitung:
„Streitberg, 16. Aug. In der von Hrn. Kommerzienrat Bing aus Nürnberg entdeckten und in dessen Besitz übergegangenen Tropfsteinhöhle wurden neue Abteilungen von großer Ausdehnung eröffnet, in welchen sich Tropfsteinbildungen von märchenhafter Schönheit vorfinden. Die Höhle selbst liegt nur 5 Minuten von Streitberg entfernt an einem waldigen Abhang des romantischen Schauertales und kann schon heute als eine der interessantesten und schönsten Höhlen der Fränkischen Schweiz bezeichnet werden. Es wird damit für Streitberg ein hervorragender Anziehungspunkt geschaffen, welcher für die Entwicklung dieses Kurortes selbst eine große Bedeutung haben dürfte.“Wiesent-Bote Nummer 184 vom 18. August 1905.
Zusätzliche Informationen über die Erschließung der Höhle liefert ein weiterer Bericht im Wiesent-Boten:
„Streitberg, 13. Sept. (Instandsetzungsarbeiten) Die von dem Großindustriellen Herrn Kommerzienrat Bing aus Nürnberg unweit Streitberg entdeckte und käuflich erworbene Höhle wird wahrscheinlich den Namen ihres Besitzers erhalten. Die Arbeiten an derselben werden jetzt und wahrscheinlich auch während des Winters fortgesetzt werden, damit bei Beginn der nächstjährigen Saison die Höhle dem Besuch unterstellt werden kann. Nach dem Ergebnis der bisherigen Forschungen zu schließen, dürfte diese Höhle allen anderen Höhlen der hießigen Gegend an Sehenswürdigkeiten übertreffen und einen weiteren Anziehungspunkt der ohnedies an Naturschönheiten reichgesegneten fränkischen Schweiz bilden. Unter den verschiedenen Versteinerungen hat man auch einzelne sehr schöne Tellinarien gefunden.“Wiesent-Bote Nummer 207 vom 15. September 1905.
Weitere Erschließung mini|Stalagmit im Höhlenlehm
Durch Sprengarbeiten konnte am Ende des ersten Höhlenteils eine feste Sinterschicht beseitigt und so eine Fortsetzung geschaffen werden. Dieser neue Höhlenteil mit einer Länge von etwa 50 m endete wiederum an einer Verfüllung. Dieser Höhlenteil, die heutige Tropfsteingalerie, war sehr niedrig, so dass man an den meisten Stellen nur schwer hindurchschlüpfen konnte. In vier Monaten schwerer Arbeit wurde ein schmaler Gang angelegt, wobei die mächtige Sinterschicht durchbrochen werden musste.
Am Ende dieses Abschnittes wurde seitlich, nahe bei der Höhlendecke, eine kleine, etwa 1½ m lange enge Öffnung im Felsen entdeckt. Durch diese Öffnung war es möglich, den dahinterliegenden Raum auf einige Meter Tiefe auszuleuchten. Man konnte feststellen, dass sich die Höhle dahinter fortsetzte, nachdem eine brennende Kerze einen schwachen Luftzug anzeigte. Für einen Erwachsenen war das Loch jedoch viel zu eng, und da Sprengungen ausgeschlossen waren, war es vorerst nicht möglich, die Öffnung zu erweitern. Am 31. Oktober erklärte sich schließlich der 13-jährige Konrad Braungart bereit, durch den Spalt zu kriechen. Er berichtete nach einer Weile, dass sich jenseits des kleinen Felsdurchganges noch eine weitere große Höhle befinde.
Um Tropfsteine im Deckenbereich nicht zu beschädigen, ging man in die Tiefe unter den hier niedergebrochenen Fels. Man folgte zunächst einer mit Höhlenlehm gefüllten Spalte und durchschlug eine den Höhlenboden bildende 2 m dicke Sinterdecke, die einst durch einen Höhlensee gebildet worden war. So wurde ein künstlicher Durchgang geschaffen zum Vorraum des neuen Höhlenteils, den man zum großen Teil aufrecht durchschreiten konnte. Dieser Höhlenteil endete in der Kristallgrotte, später Prinz-Ludwig-Grotte genannt. Ein vor dieser Grotte liegender Höhlensee, der die ganze Höhlenbreite einnahm, wurde mit einem Steg überbrückt.
Über diese neu entdeckten Höhlenbereiche berichtete der Wiesent-Bote: mini|Altar
„Streitberg, 2. Novbr. (Großartiger Höhlenfund.) Wohl Niemand hatte bisher geglaubt, daß die fränkische Schweiz in sich noch Höhlen unentdeckt berge, wie eine solche vorgestern neuerdings im Schauertale bei Streitberg entdeckt wurde und die an Schönheit, Form und Größe alle bisherigen Höhlen der fränkischen Schweiz übertrifft. Bereits vor einigen Monaten hatte Kommerzienrat Bing von Nürnberg, der sich hier niedergelassen hat, eine Höhle mit prächtigen Gebilden entdeckt, in der in letzter Zeit fleißig gearbeitet wurde, um sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Vorgestern stießen nun die Arbeiter unvermutet auf eine noch weit größere und an Naturschönheiten viel prächtigere Höhle, als die erste und die bisherigen Höhlen. Sie ist ca. 180 m lang und 40 bis 80 m breit. Die überaus reichlich und sehr verschiedenartig vorhandenen Tropfsteingebilde wie Säulen, Pfeiler, Gardinen, Figuren an Wänden und Decken sind von blendend weißer Farbe, glänzend wie Kristall und geben hellen Klang. Das Ende dieser Höhle schließt ein mehrere Meter großes Wasserbassin ab, das dem ganzen noch einen besonderen Reiz verleiht. Durch diese Entdeckung ist unser Ort um eine unschätzbare Sehenswürdigkeit reicher geworden.“Wiesent-Bote Nummer 250 vom 5. November 1905.
Christian Kellermann, Rektor in Nürnberg, fasste die Vorgänge über die Entdeckung und Erschließung in einen ausführlichen Bericht, der in mehreren Zeitungen im November 1905 erschienen ist, zusammen:
„Auf die Idee, daß hinter der unscheinbaren Felsspalte im Petersholz etwas Größeres stecken könnte, kam Bing wohl durch die Erzählungen des Jagdpächters, daß dessen Hund gelegentlich für längere Zeit dort verschwunden seien. So beschloß er, als die ersten 30 m der Höhle ausgegraben waren und keine Funde mehr kamen, am Ende des Ganges die dort anstehende Sinterdecke durchbrechen und den darunter befindlichen Höhlenlehm ausräumen zu lassen, und man gelangte so in den Teil, der heute als ,Tropfstein-Galerie' gezeigt wird. Der Durchgang ist in die alte Höhlenfüllung eingetieft, so daß man den reichen Sinterschmuck, auf Augenhöhe' betrachten kann. Nach 40 m schien auch dieser Gang wieder zu enden; doch nahm man unter der Decke eine enge Öffnung wahr. Da von den Erwachsenen keiner hindurchpaßte, ließ sich – am 31. Oktober – der 13-jährige Konrad Braungart überreden, hindurchzuschlüpfen, blieb lange aus und berichtete so begeistert von den nachfolgenden Räumen, daß wiederum ein Felsdurchbruch gewagt wurde, der auch in einen weiterführenden, nun hohen Spaltengang mündete. Der Charakter der Höhle ändert sich gegenüber dem ersten Teil vollständig, indem hier hohe Spaltengänge vorherrschen, die aber stellenweise auch reich mit Sinterformen geziert sind. An einem kleinen See mit einer darüberliegenden prächtigen Tropfsteinkammer endete dieser dritte, 180 m lange Höhlenteil.“zitiert nach Fabian Brand u. a. Die Binghöhle bei Streitberg – Auf den Spuren eines unterirdischen Flusses, S. 8. Siehe auch: Literatur.
1906–1916 Erste Jahre als Schauhöhle mini|Stalagmiten in der Kellermannsgrotte
Die Höhle wurde während des Winters 1905/1906 für Besucher ausgebaut, und im Frühjahr 1906 begann der Führungsbetrieb. Als Höhlenaufseher wurde Bings bewährter Grabungshelfer Konrad Arndt eingesetzt. Seine höhlenbegeisterte Nichte Olga Hirsch wirkte gelegentlich als Führerin mit. Ein Raum der Höhle wurde nach ihr benannt. Eine kostenlose Broschüre mit Fotos, die an die Besucher ausgegeben wurde, erschien Ende Februar. Im ersten Jahr wurden über 7000 Höhlenbesucher mit Hilfe von Acetylenlicht (Karbidlampen) durch die Höhle geführt. Für das nächste Frühjahr plante aber Bing schon eine elektrische Beleuchtung, die dann auch im Winter 1907/1908 installiert wurde. Der dazu benötigte Gleichstromgenerator und die Pufferbatterie wurden in einem dazu beim Höhleneingang erbauten Maschinenhaus untergebracht.
Die Nachbargemeinde Muggendorf sah sich mit ihrer Rosenmüllerhöhle in ihrer touristischen Anziehungskraft plötzlich überflügelt und warb mit einer Serie von Anzeigen, die in ein- bis dreiwöchigem Abstand, insgesamt 16-mal, während des Sommers 1906 im Wiesent-Boten erschien, für einen Besuch ihrer Höhle.
1909 lief im Nürnberger Kinematographen-Salon Noris-Theater ein Film über die Binghöhle. Die Höhle wurde daraufhin die größte Attraktion der Gegend. Der Wiesent-Bote berichtete immer wieder, dass Vereine und Gruppen ihren Ausflug in die Fränkische Schweiz mit einem Besuch der Binghöhle krönten.