mini|Büste von Albert Fraenkel, 2004 geschaffen von Helmut Heinze

Julius Albert Fraenkel (* 3. Juni 1864 in Mußbach an der Weinstraße; † 22. Dezember 1938 in Heidelberg) war ein deutscher Arzt, der als Tuberkulose- und Herz­forscher bekannt wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte er eine Behandlung der Herzschwäche durch intravenöse Injektion des Herzglykosids Strophanthin.

Obwohl er 1896 vom Juden- zum Christentum konvertiert war, verlor er in der Zeit des Nationalsozialismus wegen seiner Herkunft nacheinander seine Anstellung, seine Professur und schließlich auch die Zulassung als Arzt.

Familie mini|Albert Fraenkels Geburtshaus in Mußbach

Albert Fraenkel stammte aus einer jüdischen Familie und war ein Sohn des Weinhändlers Jakob Fraenkel (1836–1905) und seiner Ehefrau Emilia geb. Deutsch (1838–1880). Anlässlich seiner Heirat mit Erna Bertha Mathilde Thorade aus Oldenburg im Jahr 1896 konvertierte Fraenkel und wurde Mitglied der evangelischen Kirche.Eintrag Dr. Albert Fraenkel. In:

Das Ehepaar hatte zwei Töchter: Annemarie Fraenkel (1897–1967) erlangte Bekanntheit als Sozialarbeiterin, weil sie sich für die Jugendseelsorge der evangelischen Kirche einsetzte. Sie promovierte im Juni 1921 an der Universität Heidelberg mit einer 306 Seiten umfassenden Arbeit über „Die Berufsorganisation der Krankenschwestern“.Hubert Kolling: Annemarie Fraenkel (1897–1967), in: Hubert Kolling (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte „Who was who in nursing history“, Band 8; hpsmedia Nidda 2018, S. 61–65. Von den Nationalsozialisten wurde Annemarie Fraenkel am 1. Oktober 1933 trotz ihres christlichen Bekenntnisses wegen ihrer jüdischen Herkunft für kurze Zeit in sogenannte Schutzhaft genommen und als Leiterin des Evangelischen Gemeindedienstes Heidelberg entlassen. Die zweite Tochter Liselotte Fraenkel (1902–1992) war Lehrerin.

Leben Fraenkel besuchte zunächst die Schule in Neustadt, dann bis zum Abitur 1883 das Humanistische Gymnasium (heute Eduard-Spranger-Gymnasium) in Landau in der Pfalz. Danach studierte er Medizin in München und Straßburg, wo er 1888 das Staatsexamen ablegte. Während seines Dienstes als Assistenzarzt in München erkrankte er an Lungentuberkulose. Deshalb erweiterte er bei seiner weiteren Assistenzarzttätigkeit in Berlin konsequent sein Wissen über diese Infektionskrankheit.

1891 ließ sich Fraenkel in dem kleinen Schwarzwaldort Badenweiler (Baden) als Landarzt nieder. Unter seinem Wirken entwickelte sich die Gemeinde zu einem Kurort besonders für Tuberkulosepatienten. Zwei Sanatorien gründete und leitete er: ab den 1890er Jahren die „Villa Hedwig“ zur Diätbehandlung internistischer Erkrankungen und ab 1903 die „Villa Paul“ für Lungenkranke.

mini|Albert Fraenkels Familiengrab auf dem Heidelberger Bergfriedhof

Neben seiner auf den Sommer konzentrierten Kliniktätigkeit forschte er ab 1893 in den Wintern am Pharmakologischen Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, damals geleitet von Waldemar von Schroeder (1850–1898) und dann Rudolf Gottlieb, und an der Medizinischen Klinik der Kaiser-Wilhelm-Universität Straßburg, damals geleitet von Ludolf von Krehl, über die Wirkung von Herzglykosiden. Im Jahr 1906 führte er die intravenöse Strophanthintherapie zur Behandlung der HerzinsuffizienzPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 58. ein.

Während des Ersten Weltkriegs war er Chefarzt des Beobachtungslazaretts Heidelberg und fungierte zudem als beratender Arzt im Krankenhaus Rohrbach im heutigen Heidelberg-Rohrbach. 1927 gründete er in Heidelberg das internistische Mittelstands-SanatoriumWeiss 1964, S. 12. Speyererhof und wurde dessen Ärztlicher Direktor. Nachdem 1928 unter der Federführung der Landesversicherungsanstalt Baden die Krankenhaus Rohrbach GmbH gegründet worden war, die wenig später in Tuberkulose-Krankenhaus Rohrbach GmbH umfirmierte, wurde Fraenkel auch dort Ärztlicher Direktor und gleichzeitig zweiter Geschäftsführer.

1928 wurde er Professor an der Heidelberger Medizinischen Fakultät mit einem Lehrauftrag für Tuberkulose.

Gleich nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Fraenkel am 1. April 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft aus allen Ämtern entlassen. Dem Entzug seines Lehrauftrags in Heidelberg kam er zuvor, indem er auf eine weitere Lehrtätigkeit verzichtete. Im September 1938 wurde ihm – wie allen jüdischen Ärzten – die Approbation entzogen.Eberhard J. Wormer: Strophanthin. Comeback eines Herzmittels, Kopp, Rottenburg 2015, S. 51–55

Drei Monate später starb er im Alter von 74 Jahren in Heidelberg. Die Urnenbeisetzung auf dem Bergfriedhof Heidelberg konnte erst nach dem Zweiten Weltkrieg stattfinden. Im Familiengrab Fraenkel fanden auch seine Tochter Annemarie Fraenkel und seine Ehefrau Erna Fraenkel ihre letzte Ruhe. Im September 2013 wurde das Familiengrab in die Liste der Ehrengräber der Stadt Heidelberg aufgenommen.

Forschung Mit wenigen Ausnahmen, etwa die Tuberkulose betreffend, hat sich Fraenkel mit der Pharmakologie und therapeutischen Anwendung der Herzglykoside wie des Digitalis-Inhaltsstoffs Digitoxin und des Strophanthins beschäftigt, so schon 1898, als er mit einer neuen Messmethode den Glykosiden eine „gesteigerte Herzthätigkeit“ zuschrieb. Retrospektiv am bedeutsamsten ist die sorgfältige Beobachtung der „Kumulation“, Anhäufung der Glykoside im Körper bei Gabe über längere Zeit, im Tierversuch. Fraenkels Begründung kann für Tierexperimente allgemein gelten:

Besonders deutlich kumulierte das Digitoxin. Den Grund dafür hat fünfzig Jahre später der Berliner Pharmakologe Kurt Repke erkannt. Das Strophanthin beeindruckte Fraenkel durch die Schnelligkeit seines Wirkungseintritts.

Nach den Tierversuchen in Heidelberg beschloss Albert Fraenkel, intravenöses Strophanthin bei Herzkranken in der Straßburger Klinik zu erproben. Der Erfolg erregte Aufsehen. Die Firma C. F. Boehringer & Soehne brachte das Präparat in den Handel. 1910 schrieben Rudolf Gottlieb und der Pharmakologe Hans Horst Meyer in der ersten Auflage ihres Pharmakologie-Lehrbuchs, die intravenöse Einverleibung habe sich „seit der Empfehlung … durch Fraenkel und Schwartz … als ein wichtiger Fortschritt der Therapie erwiesen“.Hans H. Meyer und R. Gottlieb: Die experimentelle Pharmakologie als Grundlage der Arzneibehandlung, S. 259–260. Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1910. Ähnlich heißt es 1936 in der 9. Auflage:Hans H. Meyer und Ernst P. Pick: Die experimentelle Pharmakologie als Grundlage der Arzneibehandlung. Neunte Auflage, S. 376. Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1936. „Gerade die rasch eintretende Herzwirkung in dem Augenblicke, in dem der Kranke ‚des neuen heilsamen Anstoßes‘ bedarf, macht die intravenöse Strophanthininjektion bei der Behandlung der akuten Herzinsuffizienz zu einem unentbehrlichen therapeutischen Eingriff.“ 1933 erschien Fraenkels mit seinem Assistenten Rudolf Thauer verfasstes Buch „Strophanthin-Therapie“.A. Fraenkel unter Mitarbeit von R. Thauer: Strophanthin-Therapie. Verlag von Julius Springer, Berlin 1933. 1935 sprach er vor der British Pharmacological Society in Cambridge. Der spätere Nobelpreisträger Henry Hallett Dale kommentierte seinen Vortrag und den des Pharmakologen Hellmut Weese:Weiss 1964, S. 30. „Es schien mir … daß klinische Beobachtung und Laborversuche endlich eine gemeinsame Basis für aktive Zusammenarbeit gefunden hatten, von wo aus experimentelle Pharmakologie und klinische Therapie das Ziel – die Linderung menschlicher Leiden und Gebrechen – gemeinsam angehen können.“

Aus heutiger Sicht hat man damals das Strophanthin überbewertet, das gilt aber für die Herzglykoside allgemein. Die 9. Auflage des Lehrbuchs von Meyer und Gottlieb behandelt sie auf 50 von 741 Seiten (6,7 %). Ein Pharmakologie-Lehrbuch von 2009T. Eschenhagen: Pharmakologie des cardiovaskulären Systems – das Herz. In: K. Aktories, U. Förstermann, F. Hofmann und K. Starke: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 10. Auflage, München, Elsevier GmbH 2009, S. 395–448. ISBN 978-3-437-42522-6. beschreibt sie auf 5 von 1224 Seiten (0,4 %), und Strophanthin insbesondere wird nur noch bei der Aufzählung der Stammpflanzen der Herzglykoside erwähnt. Bei klinischen Studien mit Kontrollgruppen haben sich andere Behandlungsprinzipien als wirksamer erwiesen.

Anerkennung mini|hochkant|Ehrenbürgerurkunde von Badenweiler

1914 verlieh der badische Großherzog Friedrich II. Fraenkel den Titel „Professor“. Im Ersten Weltkrieg erhielt Fraenkel mehrere militärische Auszeichnungen. Badenweiler ernannte ihn 1920, im Jahr seines Umzugs nach Heidelberg, zum Ehrenbürger. Sein Geburtsort Mußbach ehrte ihn in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einer Straßenwidmung. Auch in Heidelberg ist eine Straße nach ihm benannt.

1957 stiftete die Firma Boehringer Mannheim zu seinem Andenken den heute von deren Rechtsnachfolgerin Hoffmann-La Roche mit 5200 Euro dotierten, von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung verliehenen Albert-Fraenkel-Preis,Albert-Fraenkel-Preis auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung. Abgerufen am 7. November 2012. 1976 die Bezirksärztekammer Südbaden die Albert-Fraenkel-Plakette, mit der Ärzte ausgezeichnet werden, die sich um den ärztlichen Beruf und dessen Ansehen in der Öffentlichkeit besonders verdient gemacht haben.Bezirksärztekammer Südbaden: Stiftung der Albert-Fraenkel-Plakette und Verleihungsgrundsätze. (PDF; 12 kB) Abgerufen am 7. November 2012.

In zwei Wandgemälden im Treppenhaus des Nationalen Instituts für Kardiologie in Mexiko-Stadt stellte Diego Rivera im Jahr 1946 Pioniere der Kardiologie dar. Neben William Withering, der als Entdecker des arzneilichen Nutzens der Herzglykoside eine Fingerhut-Pflanze in der Hand hält, zeigt der Maler Fraenkel, wie er intravenös das Strophanthin injiziert.

Zitate Der Pharmakologe Wolfgang Heubner, der ab 1901 zuweilen als Assistenzarzt bei Fraenkel in Badenweiler arbeitete:Wolfgang Heubner in Weiss 1964, S. 6–15.

Der Philosoph Karl Jaspers an Fraenkel am 1. Juni 1934:Karl Jaspers in Weiss 1964, S. 17–20.

Der Dichter Hermann Hesse:Hermann Hesse in Weiss 1964, S. 63–67.

Literatur Eintrag Dr. Albert Fraenkel in:

Dagmar Drüll: Heidelberger Gelehrtenlexikon 1803–1932. (Hrsg.): Rektorat der Ruprecht-Karls-Universität-Heidelberg. Springer Berlin Heidelberg Tokio. 2012. 324 S. ISBN 978-3-642-70761-2

Weblinks

Ausführliche Website der Kliniken Schmieder zu Albert Fraenkel (pdf)

Einzelnachweise

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