mini|Friedrich Myconius (Schaumünze, Hans Reinhart d. Ä. 1539, Münzkabinett Berlin)

Friedrich Myconius (eigentlich Friedrich Mecum; * 26. Dezember 1490 in Lichtenfels; † 7. April 1546 in Gotha) war ein lutherischer Theologe. Er gilt als Reformator der Stadt Gotha. Myconius (dies ist die gräzisierte Form seines Nachnamens Mecum) gehörte zum theologischen Beraterkreis der ernestinischen Kurfürsten. Er nahm an Religionsgesprächen teil und sorgte als Visitator für die Durchsetzung der lutherischen Reformation auf dem Lande. Die von ihm verfasste Reformationsgeschichte (Historia Reformationis) wurde viel rezipiert.

Leben und Wirken Jugend Friedrich Mecum wurde nach alter Überlieferung am Stefanitag, d. h. am 26. Dezember geboren; sein Geburtsjahr 1490 wird gefolgert aus einer Schaumünze von 1539, die sein Alter mit 48 Jahren angibt (Foto). Über seinen familiären Hintergrund gibt es kaum Informationen. Er bezeichnete sich als einzigen Sohn und einzigen Erben seiner Eltern, die anscheinend beide während seiner Klosterzeit starben. Über spätere Kontakte in seine Heimatstadt ist nichts bekannt.Paul Scherffig: Friedrich Mekum von Lichtenfels, Leipzig 1909, S. 3. Die Möglichkeit zum Besuch der Stadtschule in Lichtenfels (Oberfranken) setzt bürgerliche Verhältnisse voraus. Ab 1504 besuchte der Junge die Lateinschule im erzgebirgischen Annaberg, die im mainfränkischen Raum einen guten Ruf hatte.Heinrich Ulbrich: Friedrich Mykonius 1490–1546, Tübingen 1962, S. 11. Die Hauptkirche der Stadt, die dem Patrozinium der heiligen Anna unterstellt war, war zu Mecums Schulzeit im Bau; als Schüler nahm er an der Festprozession teil, mit der 1504 die Annenreliquien in die Stadt eingeholt wurden.Paul Scherffig: Friedrich Mekum von Lichtenfels, Leipzig 1909, S. 5 f.

Klosterjahre Bei einer Begegnung mit Johann Tetzel, der damals als Unterkommissar des Jubelablasses für den Deutschen Orden in Livland seine Vaterstadt durchzog, forderte er 1510 gemäß dem Ausschreiben einen kostenlosen Ablass, da er mittellos sei.Heinrich Ulbrich: Friedrich Mykonius 1490–1546, Tübingen 1962, S. 11. Quelle für die Konfrontation mit Tetzel und die Entscheidung zum Klostereintritt ist ein Brief von Myconius an Paul Eber vom 21. Februar 1546, den Paul Scherffig: Friedrich Mekum von Lichtenfels, Leipzig 1909, S. 8–12 und 17–19 auszugsweise in deutscher Übersetzung bietet. Tetzel lehnte jedoch ab. Der Rektor seiner Lateinschule, Andreas Staffelstein, riet dem deswegen stark beunruhigten 19-Jährigen, ohne Rücksprache mit den Eltern in das neu erbaute Annaberger Franziskanerkloster einzutreten, was er am 14. Juli tat:

mini|Myconius’ autobiografischer Brief an Eber 1546 (Forschungsbibliothek Gotha, Chart. B 153, fol. 47r)

Das Kloster gehörte zur Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia). Nach eigenen späteren Angaben träumte er direkt nach seinem Klostereintritt, dass der Apostel Paulus ihn aus der Einöde zu Christus führe.

Als einziger führender Theologe der Reformationszeit besuchte Myconius keine Universität. In der ordensinternen Ausbildung studierte er die Schriften von Augustinus, Petrus Lombardus, Alexander von Hales, Bonaventura und Gabriel Biel. Als Tischleser eignete er sich eine gründliche Kenntnis der lateinischen Bibel mit den Erläuterungen des Nikolaus von Lyra an.Heinrich Ulbrich: Friedrich Mykonius 1490–1546, Tübingen 1962, S. 11. Eigenen Angaben zufolge hatte er erhebliche Schwierigkeiten mit der scholastischen Theologe und lernte „Handarbeiten, Buchstaben malen, drechseln und mit der Axt die Zeit vertreiben.“Hier zitiert nach: Paul Scherffig: Friedrich Mekum von Lichtenfels, Leipzig 1909, S. 28.

Der Orden versetzte Myconius nach Leipzig und dann nach Weimar, wo er an Pfingsten 1516 die Priesterweihe empfing und in Gegenwart des Herzogs Johann der Beständige und dessen Sohn Johann Friedrich die Primiz feierte. Anschließend wurde er Prediger an der Stadtkirche St. Peter und Paul.Paul Scherffig: Friedrich Mekum von Lichtenfels, Leipzig 1909, S. 28 f.

Im Franziskanerkloster Weimar studierte Myconius ab 1517 ebenso wie sein Mitbruder Johannes Voit Luthers Schriften.Myconius, Friedrich. In: Heinz Scheible (Hrsg.): Melanchthons Briefwechsel, Band 13, Stuttgart–Bad Cannstatt 2019, S. 475. Als Lutheranhänger wurde Myconius im Herbst 1522 in Klosterhaft genommen, die er in den Franziskanerklöstern zu Weimar, Eisenach, Leipzig und Annaberg verbrachte.Heinrich Ulbrich: Friedrich Mykonius 1490–1546, Tübingen 1962, S. 12. Im März 1524 konnte er von dort auf kursächsisches Territorium nach Buchholz fliehen.Heinz Scheible: Myconius, Friedrich. In: RGG, Band 5, Sp. 1633.

Der Buchholzer Bergvogt Matthäus Busch vermittelte Myconius eine Arbeitsmöglichkeit in der bereits ganz evangelischen Stadt Zwickau. Dort konnte er ohne feste Stelle predigen und war Seelsorger am Aussätzigenspital St. Johannis. Er hatte großen Zulauf bei einer Predigt in Buchholz und wurde dort zum Pfarrer gewählt, aber auch aus Zwickau zurückverlangt. Außerdem berief Herzog Johann der Beständige Myconius auf eine Pfarrstelle in Gotha. Er musste nun zwischen drei Optionen wählen und entschied sich für Gotha, wo er vor dem 15. August 1524 eintraf.Heinrich Ulbrich: Friedrich Mykonius 1490–1546, Tübingen 1962, S. 12 f.

Reformator der Stadt Gotha In Gotha war es im Mai 1524 zu heftigen Tumulten gekommen („Gothaer Pfaffensturm“). Auslöser war, dass die Bauern des nahegelegenen Dorfes Bufleben unberechtigterweise Bier gebraut und damit ein Gothaer Privileg verletzt hatten. Bewaffnete Bürger verwüsteten in einer Strafaktion das Dorf. Sie konfiszierten und konsumierten das Buflebener Bier. So alkoholisiert, drangen sie in Gotha in die Kanonikerhäuser auf dem Marienberg ein, zerstörten Mobiliar und Dokumente, stahlen Geld und verschleppten die Konkubinen der geistlichen Herrn „in den Kram under das Rath-Haus“, wie Myconius später schrieb. Der Rat ging erst spät gegen dieses Treiben vor; der kurfürstliche Hof ließ die Randalierer gefangen nehmen und sprach den Kanonikern eine finanzielle Entschädigung zu. Auch der Humanist Mutianus Rufus, der sich stets von der Lebensweise seiner Mitkanoniker distanzierte, hatte im Mai 1524 seine Habe verloren.Eckhard Bernstein: Mutianus Rufus und sein humanistischer Freundeskreis in Gotha. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2014, S. 364–366; Paul Scherffig: Friedrich Mekum von Lichtenfels, Leipzig 1909, S. 54.

mini|Augustinerkloster Gotha, Kreuzgang

Myconius sanierte nach seiner Ankunft in Gotha die kirchlichen Finanzen und gab eine Kirchen- und Schulordnung heraus. Dabei wurde er von mehreren Ratsherren unterstützt: Andreas Schultheiß, Dieterich Tunckel, Matthias Lachenbach, Johann und Heinrich Oswald. Dem Rat war von den sächsischen Herzögen das Patronatsrecht über die Margarethenkirche übertragen worden. Die Augustiner-Eremiten hatten mit dem Rat einen Vertrag abgeschlossen, der dem Rat die Klostergüter übertrug und den Ordensleuten, die nicht auszutreten wünschten, lebenslanges Wohnrecht im Kloster und Versorgung sicherte.Paul Scherffig: Friedrich Mekum von Lichtenfels, Leipzig 1909, S. 54 f. Zu den ersten Maßnahmen Myconius’ in Gotha gehörte die Gründung einer Lateinschule (21. Dezember 1524) als Zusammenschluss der beiden früheren Schulen an der Stiftskirche und der Margarethenkirche. Sie bezog Räume im teilweise leerstehenden Augustinerkloster und stellte sich so in die Kontinuität der klösterlichen Bildungsstätte. Die Doppelbelegung des Augustinerklosters bereitete allerdings auch Probleme, unter anderem wegen der Besuche von Prostituierten. Myconius wünschte sich einen Umbau der Klosteranlage mit stärkerer räumlicher Trennung und separaten Eingängen. Mit Basilius Monner, der in Wittenberg studiert hatte, gewann Myconius eine hochqualifizierte Persönlichkeit als Rektor.Heinrich Ulbrich: Friedrich Mykonius 1490–1546, Tübingen 1962, S. 13; Daniel Gehrt: Die Anfänge des protestantischen Bildungssystems in Gotha, Gotha 2013, S. 13. In der Tradition dieser Schule steht das Gymnasium Ernestinum Gotha.

Bauernkrieg Während des Bauernkriegs 1525 nutzte Myconius seine Begabung als volkstümlicher Redner, um Aufständische im Lager der Bauern nahe Ichtershausen, von der Zerstörung der Burgen Gleichen, Mühlberg und Sachsenburg abzubringen. Hier deutet sich bereits an, dass Myconius’ Einfluss über Gotha hinausreichte. Im Kontext des Bauernkrieges schrieb Luther am 3. Mai 1525 erstmals an Myconius.Heinz Scheible: Myconius, Friedrich. In: RGG, Band 5, Sp. 1633; Heinz Scheible: Myconius, Friedrich. In: RGG, Band 5, Sp. 1633; Heinrich Ulbrich: Friedrich Mykonius 1490–1546, Tübingen 1962, S. 13 f.; Paul Scherffig: Friedrich Mekum von Lichtenfels, Leipzig 1909, S. 57 f.

Visitation des Amts Tenneberg Der sächsische Kurfürst beauftragte Myconius, gemeinsam mit dem zuständigen Amtmann (Dietzmann Goldacker) Leben und Lehre der zwölf Geistlichen im Amt Tenneberg zu überprüfen. Diese Visitation fand im Lauf des Monats März 1526 statt. Je zwei Einwohner eines Kirchspiels wurden zum Lebenswandel ihrer Pfarrer befragt, außerdem mussten die Pfarrer in Waltershausen eine Probepredigt über einen Bibeltext, der ihnen vorgegeben war, halten. Ihr theologisches Grundwissen wurde in einem Examen abgeprüft. Die meisten lebten mit ihrer Köchin zusammen, aber erst drei hatten geheiratet. Zwei waren alkoholkrank, darunter jener eine Dorfpfarrer, der Bücher besaß und als „gelehrt“ galt. Drei Pfarrer bekannten sich offen als altgläubig, alle anderen verstanden sich als evangelisch, bei meist geringen theologischen Kenntnissen. Myconius schlug seinem Kurfürsten vor, dieser solle selbst die Aufgaben eines Bischofs wahrnehmen, Schulen einrichten und einen leitenden Geistlichen für den ganzen Bezirk benennen. Damit initiierte Myconius das Amt des Superintendenten, das 1528 eingerichtet wurde, damals unter der Bezeichnung superattendens. Heinrich Ulbrich: Friedrich Mykonius 1490–1546, Tübingen 1962, S. 14.; Paul Scherffig: Friedrich Mekum von Lichtenfels, Leipzig 1909, S. 67–71.

Reisen als Hofprediger Myconius begleitete den Kurprinzen Johann Friedrich von Sachsen als Hofprediger auf drei Reisen an den Niederrhein. Zwei dieser Reisen fanden im Jahr 1526 statt und gaben Myconius Gelegenheit, in Braunschweig, Soest, Celle, Essen und Düsseldorf zu predigen. Auf der Durchreise hielt er in Paderborn die erste belegte evangelische Predigt in der Bischofsstadt.Vgl. Frank Göttmann (Hrsg.): Paderborn Geschichte der Stadt in ihrer Region; Bd. 2 Die Frühe Neuzeit. Schöningh, Paderborn 2000, S. 85.

mini|Doppelporträt Johann Friedrich von Sachsen und Sibylle von Kleve (Lucas Cranach der Jüngere)