Die Neue Richtung war eine Bewegung, die angesichts der gesellschaftlichen Situation Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg mit Volksbildung zur Volkbildung beitragen wollte. Dazu sollten in der Volksbibliothek und in der Volkshochschule neue Methoden beitragen, die sich an den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Leser und Teilnehmer orientierten. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war für die ErwachsenenbildungZur Terminologie: Der Begriff "Erwachsenenbildung" wird hier als Oberbegriff gebraucht. "Volksbildung" wurde in der Weimarer Zeit im Sinne von "Erwachsenenbildung" verwandt, bedeutete aber auch "Bildung zum Volk". Der Begriff "Weiterbildung" bezeichnete berufliche Fortbildung. Gegenstand ist hier die "freie" bzw. "neutrale" Volksbildungsarbeit der "Neuen Richtung". Damit ist eine thematische Abgrenzung vorgenommen gegenüber der weltanschaulich (z. B. konfessionell) "gebundenen" Erwachsenenbildung. eine Zeit der Veränderung und des Aufblühens. Viele Volkshochschulen entstanden 1919.Man sprach später auch vom "Volkshochschulrummel" (Wilhelm Stapel) Besonders anschaulich formuliert das Walter Hofmann, der Ende September 1919 einen Vortrag mit folgenden Worten einleitet: Die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung In Deutschland gab es seit den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts unter anderem Arbeiterbildungsvereine, die zum Teil Selbsthilfegruppen waren und sich "zwecks Befähigung zum praktischen Lebenskampf" um Aufklärung und Wissenserweiterung bemühten.vgl. Wirth, 1978, S. 679. Die Institutionalisierung erreichte 1871 mit der Gründung der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung eine neue Phase. Geschäftsführer und Generalsekretär war von 1891 bis 1933 Johannes Tews.In der folgenden Zeit wurde die Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrt der preußischen Regierung 1906 in die Zentralstelle für Volkswohlfahrt mit einer Abteilung für Volksbildung umgewandelt, die Robert von Erdberg leitete. Eine ihrer Aufgaben war die Vereinigung der Volksbildungsvereine. Man konstatierte eine geringe öffentliche Anerkennung der Volksbildung; die Ursache wurde in der anhaltenden "Zersplitterung der Bewegung in verschiedene Richtungen" gesehen. (vgl. Henningsen 1958, S. 14f) Erst 1916 gelang wenigstens der Versuch einer Kooperation im Ausschuss der deutschen Volksbildungsvereinigungen. Die Bildungsarbeit der Gesellschaft sollte "alle Gebiete umfassen" und "allen Menschen zukommen".Henningsen, 1959, S. 16. ??
Individualisierung der Bildungsarbeit Gegen Tews und die Gesellschaft richtete sich die Kritik der Neuen Richtung. Mit dem Stichwort "Individualisierung"vgl. v. Erdberg 1911, S. 382. der Bildungsarbeit auf Seiten der Neuen Richtung ist der zentrale Unterschied zu den Vorträgen der Gesellschaft immer noch treffend beschrieben, obwohl es auch Zweifel an der Eindeutigkeit dieses Bildes gibt.Vgl. dazu W. Scheibe in: Pöggeler 1975, S. 62ff; Wirth 1978, S. 202ff und D. Langewiesche 1989, S. 338f. Der einzelne Mensch sollte im Vordergrund der Bildungsbemühungen stehen, im Gegensatz zu einer Verbreitung von Kultur und Wissen, bei der nicht nach individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten gefragt wurde. Ein weiterer Aspekt war die "Neutralität" im Sinne einer "Problem- und Wertabstinenz", die der Gesellschaft zum Vorwurf gemacht wurde.Tietgens 1969, S. 127. "Man wollte anbieten, und zwar 'ohne jede Tendenz'."Henningsen, 1959, S. 19.
Die Volksbibliothek Walter Hofmann hatte seit 1906 in Dresden-Plauen eine Bücherei nach seinen Vorstellungen ausgebaut, in der "das richtige Buch an den richtigen Mann" gebracht werden sollte.Hofmann 1909; zit. n. Henningsen, S. 87. Hier ist der Ursprung der "Neuen Richtung" zu sehen. Hofmann gebrauchte diese Wendung zuerst 1913,vgl. Henningsen, 88f und ders. 1960, S. 163. Aber: "Dieser Terminus wurde von Eugen Sulz in seinem Aufsatz Fortschritt und Reaktion in der deutschen Bücherhallenbewegung ursprünglich in polemischer Absicht eingeführt". Peter Vodosek: Innovation und Ideologie, Walter Hofmann und sein Büchereiwerk in Dresden-Plauen und Leipzig. In: Lifelong Education and Libraries 6 (2006), März, S. 12. auf dem Höhepunkt des Streites mit seinem Hauptgegner im Bibliothekswesen Eugen Sulz.Eugen Sulz: Eine Kriegserklärung gegen die moderne Volksbibliothek. Aus: Blätter für Volksbibliotheken und Lesehallen. Jg. 18, 1917, S. 92–96. Diesem Text ist zu entnehmen, dass auch die Bibliothekare der Alten Richtung eine individuelle Beratungsarbeit leisten wollten – nur zurückhaltender und ohne den Leser "mit fachmännischem Blick auf Bildungsfähigkeit" zu untersuchen (S. 96). Mit dem Schlagwort "Gestaltende Volksbildung", so der Titel einer Veröffentlichung Hofmanns (1925), wurde ein weiteres Merkmal gegenüber der "verbreitenden", Alten Richtung geschaffen. Hofmann untermauerte mit seiner empirischen Forschung die Forderung nach individualisierenden Methoden: Es gibt nicht den Proletarier, lautete sein Ergebnis.Hofmann 1910, S. 288f. Hofmann betrieb „eine bewußte Auswahlpolitik in der Bücheranschaffung, und damit auch den Lesern gegenüber, um dadurch die bloßen Vielleser auszuschalten und sich desto mehr den 'Qualitätslesern' widmen zu können.“Herrigel in der FZ vom 5. Mai 1917 Hofmann berichtet 1910 über die Einführung des "bedingten Lesegeldes", das die "Schmarotzer", die "in maßloser Weise" die Bibliothek als "reines Unterhaltungsinstitut" benutzen, fernhalten sollte.Hofmann (1910b): Die "schmarotzenden Elemente", die "Vielleser" stammten vorwiegend aus "bürgerlichen Kreisen ... Denn um viel lesen zu können, bedarf es auch vieler Zeit" (169). 1917 schätzte er den Kreis der "Empfänglichen" und "Bibliothekreifen" auf 6 % der Einwohnerschaft einer Stadt.Vortrag auf dem Ersten deutschen Volksbüchereitag am 27. September 1917 In: Volksbildungsarchiv Bd. 5, S. 417.
Robert von Erdberg Walter Hofmann und Robert von Erdberg lernten sich 1908 kennen und waren, bis zu v. Erdbergs Tod (1929), freundschaftlich verbunden.Hofmann nannte Robert v. Erdberg: "der Baron, der Prinz aus Exotien" (vgl. Seitter 1998) R. v. Erdberg, später neben Theodor Bäuerle eine der führenden Persönlichkeiten im Hohenrodter Bund,vgl. Laack 1984, 571ff. war in Berlin Referatsleiter für Volksbildung im Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung. In der Reichsschulkonferenz von 1920 war er stellvertretender Vorsitzender im Ausschuß für Volkshochschule und freies Volksbildungswesen. Berühmt wurde seine Einteilung der Geschichte der Erwachsenenbildung in drei Phasen: "vom Staat aus", "von der Kultur aus" (Alte Richtung) und "vom Menschen aus" (Neue Richtung). In diesem Aufsatz fällt auch die Bemerkung: "Volksbildung darf nicht mit Massenmitteln arbeiten, wenn sie auf Erfolg rechnen will".v. Erdberg 1911 S. 382. Jürgen Henningsen sah in ihm "die bedeutendste Persönlichkeit der deutschen Volksbildungsbewegung."Hans Tietgens kommt – 40 Jahre später – zu einem anderen Schluss: "Der Art. 148.4 [Förderung des Volksbildungswesens] der Reichsverfassung blieb so eine leere Formel, eine ungenutzte Möglichkeit, wie ein Staatsbeamter mit einer ungewöhnlichen Mischung von hyperidealistischem Starrsinn und fast charismatischer Wirkungskraft ihm eine elitäre Auslegung gab, die der Realität nicht gerecht wurde. Erdberg ist damit ein Verhinderer, um nicht zu sagen Zerstörer von Volkshochschulen als Institution geworden." (Tietgens 2001 S. 22) v. Erdberg und sein Mitarbeiter Werner Picht vertraten die Berliner Position der Neuen Richtung.In der Weimarer Zeit entstanden verschiedene Strömungen der N.R.: Die Leipziger (Gertrud Hermes, Paul Hermberg) und die Thüringer Richtung (Wilhelm Flitner, Reinhard Buchwald). Staatlicherseits wurde in Preussen, unter Mitwirkung von Picht und v. Erdbergs, das Aufblühen der Volksbildung unterstützt. Das Interesse kam in einer Broschüre des Preussischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung von 1919 zum Ausdruck. Henningsen bemerkt, dass sich in den amtlichen Schriftstücken, "in erfreulich klarer und entschiedener Form Grundgedanken der Neuen Richtung" spiegeln.Henningsen 1960, 155; dort auch der Abdruck der Dokumente, S. 133ff. Deutlich wird die Ablehnung der alten, "verbreitenden" Richtung. In den "Richtlinien" heißt es:
Eine Ursache für die fehlende Volkseinheit wurde in der Trennung des Volkes in "Kopf- und Handarbeiter" gesehen, und die Volkshochschule war für viele das Mittel, um diese Trennung zu überwinden. In der genannten Broschüre findet sich ein Erlass des damaligen Kultusministers Haenisch, der dieses Problem anspricht: "Wir müssen Brücken schlagen zwischen dem kleineren Volksteil, der geistig arbeitet, und dem immer größer bleibenden Teile unserer Volksgenossen, der mit der Hand schafft aber geistig hungrig ist."Zit. n. Henningsen, 133
Wenig später sollte sich dieser Sachverhalt in dem Schlagwort "Volksbildung = Volkbildung" (A. Mann) ausdrücken. Das Ziel war die Volksgemeinschaft, und der Weg wurde in den kleinen Arbeitsgemeinschaften der Volksbildung gesehen.
Kritik an der Neuen Richtung durch Hermann Herrigel In einer Tat-Flugschrift von 1916 stellt Hermann Herrigel – zu dieser Zeit Bibliothekar bei Walter Hofmann – das Projekt "Volkbildung durch Volksbildung" grundsätzlich in Frage. Herrigel kritisiert die Volksbildner nicht, weil sie bevormundend oder gönnerhaft "ihre" Kultur dem "ungebildeten" Volke einflößen wollen, sondern er will die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen zeigen: Aus einem "Ungebildeten" könne (und soll) man keinen "Gebildeten" machen.Herrigel 1916, S. 13. Der Gebildete in Herrigels Sinne ist darüber hinaus noch der "Beherrschende". Herrigel will zeigen, dass die Volksbildung mit ihren Mitteln einer "Zersplitterung" des Volkes nicht entgegenwirken kann: Die Verbreitung von Kultur sei vergeblich und schädlich. Eine individualisierende Volksbildung führe zu mehr Individualisierung. Es sei denn, es würde gelingen, den Menschen wieder zur "Ehrfurcht" zu erziehen. Auf dem betretenen Weg der Aufklärung gelängen nur noch wenige "Empfängliche" zu den Höhen einer Bildung, die sie in eine metaphysisch/religiöse Einheit integrieren könnte. Bei allen anderen, man möchte sagen "Gottlosen", die die "überindividuellen" Werte nicht anerkennen, besteht die Gefahr, dass sie in ihren egoistischen Einzelinteressen verharren. Diese Situation ist für Herrigel nahezu ausweglos.
Daraus resultiert seine eher diffuse Kritik an der Aufklärung, damit ist Herrigel aber sehr nah an der Meinung vieler deutscher Gelehrter dieser Zeit (vgl. Ringer 1983). "Aufklärung" wird von Herrigel nicht nur im Sinne von "bloßer Verstandesbildung" kritisiert, sondern sie steht deutlich in direktem Gegensatz zu einer Tradition, die durch "Herrschaft und Dienst"Herrigel 1916, S. 31. eine Volkseinheit garantiert.
Erlebnis und Naivität Im Novemberheft der Neuen Rundschau von 1919 erscheint Hermann HerrigelsHerrigel ist mittlerweile Redakteur der Frankfurter Zeitung Aufsatz, der eine umfangreiche Debatte auslösen wird: "Erlebnis und Naivität und das Problem der Volksbildung".Ein Schlagwort der Zeit war Erlebnis und es war in der Jugendbewegung und in der Volksbildung verbreitet. In einem Flugblatt des Preussischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung von 1919, dessen Formulierung Werner Picht zugeschrieben wird, heißt es: "Die Volkshochschule ... hat vom Wissen zum Begreifen, vom Eindruck zum Erlebnis zu führen". In einer Tat-Flugschrift schrieb Eduard Weitsch 1918: "Nicht Literaturgeschichte sondern Erlebnis der Dichtung" (S. 11).
Jürgen Henningsen hat 1959 in seinen Studien "Zur Theorie der Volksbildung" die Bedeutung des "schwierigen theoretischen" Aufsatzes hervorgehoben, der die "Aufmerksamkeit aller verantwortlich Tätigen erzwang" (S. 25) und zu einem "geistig über alle Maßen hochstehenden Dialog" (S. 26) geführt habe.