Die Geschichte Afghanistans seit 2001 umfasst die Entwicklung der Islamischen Republik Afghanistan beginnend vom Oktober 2001.
Durch die Terroranschläge am 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten wurde Afghanistan zum Schauplatz und zum militärisch Beteiligten des Afghanistankrieges. Der Abzug der westlichen Truppen, insbesondere der Abzug der US-Truppen im Jahr 2021, ermöglichte den Taliban innerhalb von einigen Monaten eine Provinz nach der anderen zu erobern und im August 2021 auch die Hauptstadt Kabul einzunehmen (Vormarsch der Taliban in Afghanistan 2021). Am 6. September 2021 nahmen sie als letzte Provinz Pandschschir ein. Die Taliban wiedererrichteten nach der Einnahme Afghanistans das Islamische Emirat Afghanistan.
Zur Vorgeschichte 1989 hatte in Afghanistan ein Bürgerkrieg begonnen. 1994 hatten erstmals Kämpfer in den Bürgerkrieg eingegriffen, die im Oktober 1997 das „Islamische Emirat Afghanistan“ (IEA) ausriefen. Die Milizen der im September 1996 als Verteidigungsbündnis früherer Bürgerkriegsparteien gegründeten Nordallianz waren 2001 in einer militärisch aussichtslosen Lage. Die US-geführte Militäroperation Enduring Freedom unterstützte die Nordallianz 2001 gegen internationale Kämpfer al-Qaidas und gegen weitere islamistische Gruppen, im Wesentlichen durch Luftangriffe gegen Stellungen der Taliban.
Anschließend kehrten über eine Million afghanischer Flüchtlinge aus dem benachbarten Iran und Pakistan nach Afghanistan zurück und der Aufbau staatlicher Institutionen und der Wirtschaft begann. Die Besiegten flohen ins benachbarte Pakistan, wo die Taliban die Quetta Shura gründeten. Zusammen mit weiteren Gruppierungen nahmen sie ab 2003 den Kampf gegen die afghanische Bevölkerung, die afghanischen Institutionen und ausländische militärische und zivile Unterstützer Afghanistans wieder auf, mit dem Ziel, erneut das „Islamische Emirat Afghanistan“ zu errichten.Vgl. auch Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015; ISBN 978-3-492-30858-8, S. 95–126 (Die Kinder des Dschihad in Afghanistan).
Politik Im Dezember 2001 trafen sich Führer der Nordallianz sowie afghanischer Exilgruppen auf der Petersberger Konferenz in Bonn, wo sie sich auf das sogenannte „Petersberger Abkommen“ einigten, das einen Stufenplan zur Demokratisierung des Landes sowie die Bildung der „Afghan Interim Authority“, bestehend aus einer Übergangsverwaltung, dem Obersten Gerichtshof und einer unabhängigen Kommission zur Einberufung einer außerordentlichen Loja Dschirga. Vorsitzender der Übergangsverwaltung wurde Hamid Karzai, Außenminister wurde Abdullah Abdullah, Verteidigungsminister Mohammed Fahim und Innenminister der Delegationsleiter Junus Ghanuni. Neben diesen Vertretern der Nordallianz konnten Vertreter der Rom-Gruppe um Ex-König Mohammed Sahir Schah Positionen besetzen.Kabinett der Interimsregierung 2002 (englisch)
Im Juni 2002 rief die Übergangsverwaltung eine landesweite außerordentliche Loja Dschirga mit etwa 1500 Delegierten ein, die in einem großen Zelt auf dem Campus der Polytechnischen Hochschule Kabul stattfand. Die Delegierten waren entweder durch Wahlen in den verschiedenen Landesteilen bestimmt worden oder von politischen, kulturellen oder religiösen Gruppen entsandt. Kritisiert wurde insbesondere, dass auch ehemalige Warlords eingeladen wurden. Das Ergebnis der Loja Dschirga war, dass die „Afghan Transitional Authority“ mit Karzai als Übergangspräsident die „Afghan Interim Authority“ ersetzte. Am 5. September 2002 wurde in Kandahar der erste Anschlag auf Karzai verübt; der Schütze war in eine Uniform der afghanischen Armee gekleidet.
Am 5. Oktober 2002 wurde eine Verfassunggebende Kommission aus neun Personen gebildet. Am 7. Mai 2003 ernannte Karzai eine 35-köpfige Constitution Commission, die die Arbeit an der Verfassung übernahm und sich auch bei mehreren Gelegenheiten mit der Öffentlichkeit beriet. Ende 2003 wurde eine verfassunggebende Loya Dschirga unter der Leitung von Karzai einberufen. Sie bestand aus 502 Delegierten, darunter 114 Frauen. Zu ihren Aufgaben gehörte unter anderem, über die neue Verfassung für Afghanistan zu beraten. Am 4. Januar 2004 verabschiedete die Loja Dschirga die neue Verfassung.
Am 9. Oktober 2004 fand eine Präsidentschaftswahl statt, bei der Karzai zum Präsidenten gewählt wurde. Im September 2005 wurde das Unterhaus gewählt. Am 19. Dezember konstituierten sich das Unterhaus und das Oberhaus (Meschrano Dschirga).Auswärtiges Amt: Verfassungsmäßiger Staatsaufbau
Im August 2009 kandidierte Karzai bei der Präsidentschaftswahl 2009 erneut als Staatspräsident. Ein gewichtiger Kandidat war Abdullah Abdullah, der, nachdem eine Beschwerdekommission hunderttausende Stimmen für ungültig erklärte, Karzai in eine Stichwahl zwang. Sechs Tage vor der geplanten Stichwahl erklärte Abdullah Abdullah seinen Boykott der Abstimmung und Karzai wurde zum Staatspräsidenten ernannt.
Auf der Dschirga in Kabul 2010 wurde ein Friedens- und Reintegrationsprogramm (APRP), das Kämpfern der Aufständischen unter bestimmten Bedingungen Straffreiheit zusicherte, beschlossen. Im Oktober 2010 gründete Karzai mit internationaler Unterstützung einen Friedensrat, der sich auf die Beschlüsse der Dschirga bezog. Im September 2011 wurden Burhānuddin Rabbāni, zuletzt Vorsitzender des Hohen Friedensrats in Afghanistan, und weitere Personen von einem Selbstmordattentäter getötet. Rabbani sollte mit „moderaten“ Taliban Verhandlungen führen. Es ist unklar, wer den Attentäter schickte.
Sicherheit Die afghanischen Sicherheitskräfte
Nachdem der Warlord Mohammed Fahim im Dezember 2001 tausende Kämpfer nach Kabul gebracht hatte, wurde er von der provisorischen Regierung von Hamid Karzai 2002 zum Verteidigungsminister Afghanistans ernannt. Mehrere tausend seiner Kämpfer und einige seiner Offiziere traten in die neu gegründete Afghanische Nationalarmee (ANA) ein.
Auf der in Tokio tagenden Afghanistan-Konferenz wurde am 21./22. Januar 2002 die Koordination des Aufbaus von afghanischen Institutionen einzelnen Führungsnationen („lead nation“) zugeordnet. Die Vereinigten Staaten bekamen die Zuständigkeit für den Aufbau der Afghanischen Nationalarmee; Deutschland die für den Aufbau der Afghanischen Nationalpolizei. Ergänzend wurde ein Programm zur Demobilisierung, Entwaffnung und Reintegration („Disband, Disarm, Reintegrate“ = DDR) ehemaliger Milizen aufgelegt, für das Japan, in Zusammenarbeit mit der UNAMA, die Verantwortung übertragen bekam. Von Oktober 2003 bis zum 7. Juli 2005 durchliefen 63.000 Kämpfer das Programm, wobei 35.000 leichte Waffen und 9000 schwere Waffen eingesammelt wurden.Japanisches Außenministerium: Report from Afghanistan on Disarmament, Demobilization, and Reintegration of Ex-combatants (DDR)
+ Größe der afghanischen Sicherheitskräfte, Quelle: Brookings Institution, Tabellen 1.5, 1.12, 1.29 Armee 6.000 24.000 26.000 36.000 50.000 68.000 100.000 150.000 180.000 Polizei 0 33.000 40.000 49.700 75.000 80.000 95.000 117.000 144.000 Jahr 2003 2004 2005 2006 2007 Okt. 2008 Dez. 2009 Dez. 2010 Dez. 2011 Am 2. Dezember 2002 verkündete Hamid Karzai, damals Präsident der provisorischen afghanischen Regierung, eine 70.000 Mann starke Armee aufzustellen. (PDF; 20 kB) Von Seiten der USA wurde von Anfang an darauf gedrungen, dass besonders die zwei bestimmenden Ethnien, die Paschtunen und die Tadschiken, in ähnlicher Größenordnung, sowohl in den Offiziersrängen als auch bei den Mannschaften der Armee und der Polizei, vertreten sind. Obwohl die Paschtunen 44 Prozent und die Tadschiken 25 Prozent der afghanischen Bevölkerung ausmachen, stellen beide Ethnien Anfang 2011 in beiden Institutionen je etwa 40 Prozent. Bei der ANA beträgt der Anteil an Soldaten knapp unter 30 Prozent, während der Anteil der Offiziere bei 41 Prozent liegt.
Die ersten zwei Direktoren des afghanischen Inlandsgeheimdienstes waren im Geheimdienst der Nordallianz aktiv gewesen, während der im Juli 2010 ernannte Direktor Rahmatullah Nabil zuvor Leiter der Sicherheit des Präsidentenpalastes war und während der Herrschaft der Taliban für die UN arbeitete.
Damit einzelne Dorfgemeinschaften sich selbst gegen Aufständische verteidigen können, wurde ab August 2010 die dem Innenministerium unterstellte Afghan Local Police aufgestellt.
Aufstandsbekämpfung mini|Talibangebiete von 2003 bis 2006
In den Jahren von 2003 bis 2005 expandierten die Taliban aus ihren Rückzugsgebieten in Pakistan in von Paschtunen besiedelte Landesteile Afghanistans, wobei sie die Kontrolle über große Teile einiger Provinzen gewinnen konnten. In dieser Zeit kam die von den Vereinigten Staaten verantwortete Ausbildung von Rekruten der ANA kaum voran, da deren Aufmerksamkeit von der Besetzung des Irak in Beschlag genommen war. Das erste Korps der ANA, das 201. Korps, wurde 2003 in der Nähe der Hauptstadt Kabul gegründet. Am 19. September 2004 wurde das erste regionale Hauptquartier in Kandahar, für das dort stationierte 205. Korps, eingeweiht.defense.gov: Afghan Army's Kandahar Regional Command Stands Up
Im Dezember 2004 wurde der Paschtune Abdul Rahim Wardak zum Verteidigungsminister ernannt, er ersetzte den Tadschiken Mohammed Fahim.
Die Ausbildung von Armee und Polizei liegt weitgehend bei den Vereinigten Staaten und der NATO. Die Vereinigten Staaten nennen ihre Trainerteams Embedded Training Teams (ETT) und Police Mentoring Teams (PMT). Die NATO nennt ihre Teams offiziell Operational Mentor and Liaison Teams (OMLT) und Police Operational Mentor and Liaison Teams (POMLT).
In den größeren NATO/ISAF-Operationen gegen die Aufständischen sind stets Einheiten der ANA beteiligt. Seit 2011 werden auch zusammen mit der ANA Operationen vorbereitet, durchgeführt und nachbereitet. Mit zunehmender Größe der ANA und mit einer besseren Ausbildung, besseren Bezahlung und besseren Bewaffnung der Soldaten stieg auch die Bedeutung für die Aufstandsbekämpfung. Es wurde ein Rating-System entwickelt, um den Ausbildungsstand von afghanischer Armee und Polizei auszudrücken. In einem im März 2011 veröffentlichten Bericht heißt es:
Gefallene afghanische Sicherheitskräfte + Gefallene afghanische Sicherheitskräfte, Quelle: Brookings Institution Nationalarmee 209 226 282 519 325 Nationalpolizei 803 880 646 961 830 Jahr 2007 2008* 2009 2010 2011** Hinweis: 2008* nur bis Oktober. 2011** nur bis Juli. Weitere Hinweise zu den Zahlen in Quelle vorhanden.
Finanzierung Die Finanzierung der afghanischen Sicherheitskräfte geschieht zum größten Teil über Fonds. Die Vereinigten Staaten bringen über den Afghanistan Security Forces Fund (ASFF) 2010 etwa 10 Milliarden US-Dollar auf. Für weitere Geldgeber gibt es den NATO ANA Trust FundNATO: ANA Trust Fund Fact Sheet – NATO, Oktober 2009 (PDF; 26 kB) und den Law and Order Trust Fund Afghanistan (LOTFA). (PDF; 830 kB) Die afghanische Regierung investierte 2010/11 30 Prozent des nationalen Budgets in die Finanzierung der Sicherheitskräfte, was einem Betrag von 455 Millionendefense.gov: Report on Progress Toward Security and Stability in Afghanistan, S. 95. (PDF; 3,5 MB) US-Dollar entspricht.
Die ausländischen Sicherheitskräfte
Die US-geführte Operation Enduring Freedom (OEF) kam mit relativ wenigen Soldaten aus, erst 2006 wurde die Schwelle von 20.000 US-Soldaten und im April 2009 die Schwelle von 40.000 US-Soldaten, unter dem Mandat von OEF und International Security Assistance Force (ISAF), überschritten.