Heinz Liepman (eigentl. Liepmann; Pseudonym: Jens C. Nielsen; * 27. August 1905 in Osnabrück; † 6. Juni 1966 in Agarone, Tessin Schweiz) war ein deutscher Schriftsteller, Dramaturg, Literaturagent und Antifaschist. mini|Zeichnung von Meinhard Raschke, 2026
Herkunft, Kindheit und Jugend Max Heinz Liepmann war Sohn des jüdischen Kaufmannsgehilfen Salomon Liepmann (1878–1917) und der Hermine Liepmann, geb. Holländer (1871–1918). Die Familie siedelte von Osnabrück nach Hamburg über. Der Vater war Soldat im Ersten Weltkrieg und starb 1917 nach einer Verwundung in der Schlacht von Arras. Nach dem Tod der Mutter im Februar 1918 wurde seine zwei Jahre ältere Schwester Else bei Verwandten in Osnabrück untergebracht. Heinz Liepmann kam zu seinem Onkel Max Holländer nach Bielefeld und besuchte dort die Oberrealschule. 1921 floh er vor seinem Onkel zunächst nach Lindau und arbeitete in einer Gärtnerei. Noch im selben Jahr reiste er erstmals in die USA. 1922 kehrte er nach Deutschland zurück und besuchte an der Frankfurter Universität Vorlesungen in Medizin, Psychologie und Philosophie. Als 19-Jähriger erhielt er eine Anstellung als Redaktionsvolontär bei der Frankfurter Zeitung und war als Regie- und Dramaturgieassistent an den Städtischen Bühnen in Frankfurt tätig.
Leben und Wirken vor dem Zweiten Weltkrieg Zeit seines Lebens blieb Heinz Liepmann dem Theater verbunden. Ab 1927 war Liepmann als Dramaturg bei den Hamburger Kammerspielen angestellt, möglicherweise war er dort schon seit 1925 als Hilfsdramaturg beschäftigt. Unter der Leitung von Erich Ziegel, der das Theater 1918 gegründet hatte, entwickelten sich die Hamburger Kammerspiele mit ihrer literarisch ambitionierten Bühne für junge Autoren zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Theater der 1920er Jahre. Autoren wie Bertolt Brecht, Frank Wedekind, Georg Kaiser oder George Bernard Shaw standen auf dem Spielplan. Für viele junge Schauspieler wie Gustaf Gründgens oder Axel von Ambesser waren die Kammerspiele das Sprungbrett ihrer Karriere. Als Ziegel 1928 beim Deutschen Schauspielhaus, welches er von 1926 bis 1928 zusätzlich leitete, ausschied, endete auch Liepmanns Engagement dort.
Bis heute ist die tatsächliche Anzahl der Stücke Liepmanns nicht abschließend geklärt. Das Schauspiel Der Tod des Kaisers Wang-Ho (1926) soll als Manuskript existiert haben, ist aber vermutlich verschollen; Liepmann verwendete den Stoff für eine Kurzgeschichte gleichen Titels, die er 1927 in Die Propyläen publizierte. Die Kammer ist schuld daran (1927) ist vermutlich ein Arbeitstitel für das 1933 unter dem Pseudonym Jens C. Nielsen publizierte und am Deutschen Künstlertheater Berlin am 29. Mai 1933 uraufgeführte Stück Drei Apfelbäume. Der Diener ohne Gott ist als Bühnenmanuskript nachgewiesen, nicht aber eine Aufführung. Columbus (1931) wurde am 23. Februar 1932 vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt.
Liepmanns Engagement für ein modernes Theater spiegelte sich in seinen, Hans Henny Jahnns und Justin Steinfelds Protestaktionen auf dem 4. Internationalen Theaterkongress in Hamburg 1930, über den er in der Weltbühne berichtete, wider. Seine Tätigkeit am Theater begleitete Liepmann mit zahlreichen Beiträgen für die Publikationsorgane der Kammerspiele (Der Freihafen, 1926–1928), und des Deutschen Schauspielhauses (Die Rampe, 1925–1932), denen er somit auch nach seinem Ausscheiden noch verbunden blieb. Schauspieler- und Autorenportraits stehen hier neben Rezensionen, Kurzgeschichten und Auszügen aus seinen Romanen.
Im Juni 1929 erschien im Wiener Phaidon Verlag (später Phaidon Press) Liepmanns erster Roman unter dem Titel Nächte eines alten Kindes. Das Erstlingswerk behandelt die Geschichte des Erwachsenwerdens eines Kriegswaisen. Liepmann galt durch die Werbung des Verlags von da an als exemplarischer Vertreter der „jungen Generation“. Im gleichen Jahr lebte Liepmann in einer Beziehung mit der Schauspielerin Mira Rosowsky.
Liepmanns zweiter Roman Die Hilflosen, eine im vorrevolutionären Russland und Nachkriegsdeutschland spielende Geschichte um Schuld und Unschuld, erschien im März 1930 im Verlag Rütten & Loening, Frankfurt/Main. 1931 wurde die englischsprachige Übersetzung unter dem Titel Wanderers in the Mist publiziert. Hierfür erhielt er umgehend den renommierten Harper-Literaturpreis, einen Internationalen Literaturpreis des Harper & Brother Verlags. Der Roman bedeutete für Liepmann den Durchbruch als Schriftsteller. Das Deutsch-Israelitische Gemeindeblatt in Hamburg schrieb am 10. Juni 1930: Nur ein halbes Jahr später kam wiederum im Phaidon Verlag Liepmanns dritter Roman Der Frieden brach aus in den Handel. Der Roman spielt während der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg; vom Verlag angekündigt als der große Roman aus Deutschlands Leidenszeit. Unbestätigten Berichten zufolge wurde Liepmann in dieser Zeit, nach der Behandlung eines schmerzhaften Nierenleidens mit Morphium, morphiumsüchtig. Die Abhängigkeit sollte ihn sein weiteres Leben begleiten.
1931 nahm Liepmanns politisches Engagement zu. Er wurde Mitglied im Schutzverband deutscher Schriftsteller (SDS) und stellte in den Monaten August und September 1931 dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller seine Hamburger Wohnung als Kontaktadresse zur Verfügung. Mit Justin Steinfeld und anderen gründete Liepmann die Schauspielergruppe Kollektiv Hamburger Schauspieler.
Liepmanns im Jahr 1927 konzipiertes Drama Columbus, erschienen 1931 im Chronos Bühnenverlag, Berlin, wurde am 23. Februar 1932 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt. Das Premierenpublikum reagierte begeistert und entsprechend positiv vielen die Kritiken aus. Selbst der Völkische Beobachter blieb relativ zurückhaltend, betonte aber, dass das Stück von dem stammt. Die Tageszeitung der Hamburger NSDAP, das Hamburger Tageblatt, berichtete dagegen mit dem Fazit: Am 14. April 1932 organisierte er das in Hamburg. Am 8. Mai 1932 trat das Kollektiv mit dem Stück Unser Schaden am Bein. Ein ungelehrtes Lehrstück mit Chören erstmals an die Öffentlichkeit. Der angegebene Autor Jan Mangels Prigge ist zweifellos ein Pseudonym; ob sich dahinter Liepmann, Justin Steinfeld oder ein anderer Autor verbirgt, ist ungeklärt.
Der Artikel „Der Beginn der Barbarei. Eine Antwort an Joseph Goebbels“ erschien am 31. Juli 1932 in der Beilage des Hamburger Echo als Liepmanns Antwort auf eine Rede von Goebbels im Berliner Rundfunk. Er warnt darin deutlich vor dem zunehmenden Nationalsozialismus: Weiterhin kritisiert Liepmann scharf den Umgang auf allen Gebieten kulturellen Daseins und die sinnlose Zerstörungswut. Sie beweise die geistige Brutalität der neuen Herren. Im Juli 1932 wurde die NSDAP in der Reichstagswahl stärkste Partei und Heinz Liepmann, nach einer weiteren anklagenden Veröffentlichung, zum Hassobjekt der Hamburger Nationalsozialisten.
Sein öffentlicher Protest im April 1933 gegen die Diskriminierung des jüdischen Schriftstellers Justin Steinfeld, den die Nazis trotz einer Eintrittskarte nicht in eine Vorstellung des Altonaer Stadttheaters gelassen hatten, sowie Theaterrezensionen aus dem gleichen Monat wurden in einer öffentlichen Stellungnahme des Presseamtes der Stadt Altona als „jüdische Unverschämtheit“ und Provokation des Deutschtums gemaßregelt und beendeten Liepmanns Verbindung mit dem Theater.https://www.remarque.uni-osnabrueck.de/liepmann/biographie/Liepmanns-Protest-gegen-die-Diskriminierung-Justin-Steinfelds-am-Altonaer-Stadttheater.html Kurzbiographie Liepmanns auf der Homepage Remarque.Uni Osnabrück. Kurz danach musste Liepmann wegen seiner Bedrohung durch die Nationalsozialisten sein Heimatland verlassen.
Am 29. Mai 1933 kam am Deutschen Künstlertheater Berlin Liepmanns Stück Drei Apfelbäume. Ein Hafenstück, eine Komödie in drei Akten mit Musik, unter dem Pseudonym Jens C. Nielsen zur Uraufführung. Regie führte Robert A. Stemmle. Doch noch Ende Mai wurde das Pseudonym aufgedeckt. Stemmle berichtet, dass sich Liepmann zur Flucht nach Paris entschloss. Schon im April war er zu Hause von SA- und SS-Männern heimgesucht worden.Wilfried Weinke: „Ich werde vielleicht später einmal Einfluß zu gewinnen suchen.“. Der Schriftsteller und Journalist Heinz Liepman (1905-1966) - Eine biografische Rekonstruktion. V & R unipress, Universitätsverlag Osnabrück, Göttingen 2017, S. 132–135.
Liepmanns Werke wurden am 26. April 1933 von den Nationalsozialisten (Liste der verbrannten Bücher 1933) verboten.
Vertragsunterlagen mit Verlagen belegen, dass Liepmann spätestens im Juli 1933 in Paris lebte. In den Niederlanden veröffentlichte er im Herbst 1933 seinen „Tatsachenroman“ Vaterland.Wilfried Weinke: „Ich werde vielleicht später einmal Einfluß zu gewinnen suchen.“. Der Schriftsteller und Journalist Heinz Liepman (1905-1966) - Eine biografische Rekonstruktion. V & R unipress, Universitätsverlag Osnabrück, Göttingen 2017, S. 135 f. Darin schildert er die Auswirkungen der nationalsozialistischen Machtergreifung in Hamburg von März bis Juni 1933.Wilfried Weinke: „Ich werde vielleicht später einmal Einfluß zu gewinnen suchen.“. Der Schriftsteller und Journalist Heinz Liepman (1905-1966) - Eine biografische Rekonstruktion. V & R unipress, Universitätsverlag Osnabrück, Göttingen 2017, S. 137–141. Am 21. September 1933 erschien in der in Prag erscheinenden Neuen Weltbühne Liepmanns Artikel „Ein Alltag im Konzentrationslager“, zu dem die Redaktion ammerkte, Liepmann habe „hier nichts als seine eigenen Erlebnisse“ berichtet. Liepmann schildert den Alltag der Schutzhaft im KZ Wittmoor. Sein Biograph Wilfried Weinke bezweifelt, dass Liepmann tatsächlich in einem Konzentrationslager inhaftiert war. Darauf wiesen die schon im Juni bzw. Juli unterschriebenen Verlagsverträge hin. Im Herbst 1933 behauptete Liepmann, zum Reichstagsbrandprozess noch einmal in Deutschland gewesen zu sein.Wilfried Weinke: „Ich werde vielleicht später einmal Einfluß zu gewinnen suchen.“. Der Schriftsteller und Journalist Heinz Liepman (1905-1966) - Eine biografische Rekonstruktion. V & R unipress, Universitätsverlag Osnabrück, Göttingen 2017, S. 141–143.
Exil (1934 bis 1947) Während seines Aufenthaltes in Amsterdam wurde Liepmann am 12. Februar 1934 aufgrund eines auf Paul von Hindenburg und den Osthilfeskandal bezogenen Satzes in seinem Roman Das Vaterland wegen „Beleidigung des Staatsoberhauptes eines befreundeten Staates“ verhaftet und am 21. Februar 1934 zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Internationale Proteste verhinderten die Auslieferung nach Deutschland. Liepmann wurde nach Belgien abgeschoben und reiste weiter nach Paris. Am 17. Februar 1934, während Liepmann inhaftiert war, wurde sein Stück Drei Apfelbäume unter dem Titel De Drie Appelboomen in Amsterdam aufgeführt.
Am 7. Juli 1934 hielt Liepmann im Deutschen Club in Paris einen Vortrag über seine „Erlebnisse in deutschen und holländischen Gefängnissen“. Im Sommer 1934 war Liepmann für Die neue Weltbühne in Wien und für das Pariser Tageblatt tätig. Im Pariser Verlag Die Zone erschien Das Leben der Millionäre. Am 8. Juni 1935 wurde Liepmann die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Auf Einladung des People’s Forum unternahm er im November eine Vortragsreise nach Kanada und in die USA. Zwischen 1935 und Oktober 1937 reiste er mehrmals nach London, New York und Montreal. Während seiner Aufenthalte in London wurde er mehrfach wegen des Verstoßes gegen das Rauschmittelgesetz belangt. Im Oktober 1935 erschien im Europa-Verlag, Zürich, Liepmanns zweiter Exilroman … wird mit dem Tode bestraft, der den beginnenden organisierten Widerstand im nationalsozialistischen Deutschland im Jahr 1933 beschreibt. Im selben Jahr wurde sein dritter Exilroman, in dem er vor der deutschen Aufrüstung mit chemischen Waffen und Giftgas warnt, in England unter dem Titel Death from the Skies. A Study of Gas and Microbial Warfare und wenige Monate später in den USA unter Poison in the Air publiziert.