Die Mitgliederentwicklung der deutschen Parteien ist durch langfristige Trends geprägt. Seit dem Höhepunkt Mitte der 1970er Jahre gingen die Mitgliederzahlen, abgesehen vom Sonderfall der Parteienentwicklung in den neuen Bundesländern nach der Wende und friedlichen Revolution in der DDR, bis 2016 zurück. Seither ist die Gesamtzahl weitgehend konstant, die einzelnen Parteien entwickeln sich jedoch deutlich unterschiedlich. Von 1990 bis 2015 wurde bei den Mitgliederzahlen aller im Bundestag vertretenen Parteien in Deutschland ein deutlicher Mitgliederschwund verzeichnet.Verena Schule: Parteienverdrossenheit. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), 28. August 2009, S. ??. Als Ursachen galten Politikverdrossenheit, Individualisierung und Überalterung der Mitgliederschaft. Von 2016 bis 2023 waren die Mitgliederzahlen in der Summe weitgehend konstant. Seit 2024 steigen sie an.

Historische Entwicklungen Deutsches Kaiserreich bzw. Deutsches Reich 1871–1918 Nationalliberale Partei Die 1867 gegründete Nationalliberale Partei blieb lange Zeit eine Honoratiorenpartei ohne Mitglieder. Lediglich zu Kandidatenaufstellung vor Wahlen entstanden Komitees. Nach und nach entstanden Nationalliberale Vereine, die der Partei nahestanden, und es kam zu einer Mitgliederentwicklung. 1907 gab es ca. 10.000 Parteimitglieder und 1914 ca. 15.000 Mitglieder. Die Nationalliberalen Vereine hatten 1910 ca. 200.000 Mitglieder und 1915 ca. 280.000 Mitglieder.Robert Hofmann: Geschichte der deutschen Parteien. Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart, Sonderdruck Bundeszentrale für politische Bildung, Verlag R. Piper GmbH & Co.KG, München 1993, ISBN 3-492-11648-5, S. 49, 50 Nationalliberale Partei

Sozialdemokratische Partei Deutschlands 1863 wurde der ADAV gegründet, 1869 die SDAP, 1875 Zusammenschluss zur SAP und 1890 Umbenennung in Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Die SPD hatte 1906 rund 384.000 Mitglieder, 1908 rund 633.000 Mitglieder, 1911 rund 836.000 Mitglieder und 1914 rund 1.086.000 Mitglieder.Michael Reschke, Christian Krell, Jochen Dahm: Geschichte der Sozialen Demokratie, Friedrich Ebert Stiftung, 3. Auflage, Bonn 2013, ISBN 978-3-86498-443-3, S. 158 Mitgliederentwicklung SPD 1906-2011Bundeszentrale für politische Bildung, Frank Decker: Etappen der Parteigeschichte der SPD

Deutsche Reichs- und Freikonservative Partei 1866 gründete sich die Freikonservative Vereinigung die 1867 als Freikonservative Partei auftrat und sich 1871 in Deutsche Reichspartei umbenannte. Die Partei verfügte in den ersten Jahrzehnten über nahezu keine Organisation und war der Prototyp einer Honoratiorenpartei.Volker Stalmann: Die Partei Bismarcks. Die Deutsche Reichs- und Freikonservative Partei 1866-1890, Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Band 121, Droste Verlag GmbH, Düsseldorf 2000, ISBN 3-7700-5226-9, S. 37 Von der Freien Konservativen Vereinigung Freikonservativen Partei, S. 90 Die Reichspartei, S. 250 Die Organisation der Reichspartei.

Deutsche Zentrumspartei Die Deutsche Zentrumspartei wurde 1870 gegründet und hatte bis 1920 keine eingeschriebenen Mitglieder. Die Verbindung zu den Wählern lief über die katholische Presse und den katholischen Vereinen. 1877 hatten diese Vereine 110.000 Mitglieder.Robert Hofmann: Geschichte der deutschen Parteien. Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart., Sonderdruck Bundeszentrale für politische Bildung, Verlag R. Piper GmbH & Co.KG, München 1993, ISBN 3-492-11648-5, S. 107 Organisation Zentrum

Deutschkonservative Partei Die 1876 gegründete Deutschkonservative Partei war de facto eine preußische Honoratiorenpartei. Neben den Abgeordneten gab es auf den Parteitagen kooptierte Parteimitglieder. Durch vielfache Personalunion war der Bund der Landwirte mit 300.000 Mitgliedern der Partei eng verbunden.Robert Hofmann: Geschichte der deutschen Parteien. Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart., Sonderdruck Bundeszentrale für politische Bildung, Verlag R. Piper GmbH & Co.KG, München 1993, ISBN 3-492-11648-5, S. 92 Organisation Deutschkonservative Partei.

Fortschrittliche Volkspartei 1861 gründete sich die Deutsche Fortschrittspartei, 1884 die Deutsche Freisinnige Partei, 1910 die Fortschrittliche Volkspartei. Die Angehörigen der Wahlkomitees waren zunächst die einzigen festen Parteimitglieder. Örtliche Wahlvereine unterstützen die Parteien.Robert Hofmann: Geschichte der deutschen Parteien. Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart., Sonderdruck Bundeszentrale für politische Bildung, Verlag R. Piper GmbH & Co.KG, München 1993, ISBN 3-492-11648-5, S. 30 Programm-, Organisations- und Wirkungsgeschichte der liberalen Parteien, Linksliberale Parteien.

Weimarer Republik bzw. Deutsches Reich 1918–1933 SPD Die SPD besaß 1929 etwas mehr als eine Million Mitglieder.zeitklicks.de

KPD Die KPD hatte im Jahr 1920 rund 90.000 Mitglieder, 1922 rund 360.000 Mitglieder, 1924 rund 267.000 Mitglieder, 1928 rund 150.000 Mitglieder, 1930 rund 120.000 Mitglieder, 1932 rund 200.000 Mitglieder.Holger Onken: Parteiensysteme im Wandel. Deutschland, Grossbritannien, die Niederlande und Österreich im Vergleich. Springer VS Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-02501-4, S. 145 Mitgliederentwicklung KPD

DDP Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) hatte im Jahr 1920 rund 900.000 Mitglieder, 1922 rund 210.000 Mitglieder, 1926 rund 132.000 Mitglieder, 1928 rund 117.000 Mitglieder, 1930 rund 113.000 Mitglieder.Holger Onken: Parteiensysteme im Wandel. Deutschland, Grossbritannien, die Niederlande und Österreich im Vergleich. Springer VS Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-02501-4, S. 145 Mitgliederentwicklung DDP

DVP Die Deutsche Volkspartei (DVP) hatte 1920 rund 800.000 Mitglieder und 1930 rund 250.000 Mitglieder.LeMO: Die Deutsche Volkspartei (DVP)

Zentrum Die Deutsche Zentrumspartei (Zentrum) hatte zwischen 1919 und 1932 rund 200.000 Mitglieder.Holger Onken: Parteiensysteme im Wandel. Deutschland, Grossbritannien, die Niederlande und Österreich im Vergleich. Springer VS Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-02501-4, S. 145 Mitgliederentwicklung Zentrum

BVP Die Bayerische Volkspartei (BVP) hatte rund 55.000 Mitglieder und war die stärkste Regionalpartei.DHM-LEMO – Bayerische Volkspartei (BVP)

DNVP Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) hatte 1919 rund 350.000 Mitglieder und konnte deren Anzahl bis 1923 auf etwa 950.000 steigern. Die Partei profitierte stark vom Frauenwahlrecht. Danach waren Mitgliederzahl und Wahlergebnisse rückläufig.DHM-LEMO – Der Traum von der Wiedererrichtung der Monarchie, 3. Abschnitt

NSDAP

1938 wurden folgende Angaben zur Entwicklung der Mitgliederzahl der NSDAP zwischen 1919 und 1933 gemacht (1919 als DAP):Bibliographisches Institut Leipzig: Schlag nach! Wissenswerte Tatsachen aus allen Gebieten. 1. Auflage, Leipzig 1938.

Datum MitgliederEnde 1919 64Ende 1920 3.000Ende 1921 6.00023. November 1923 55.787Ende 1925 27.117Ende 1926 49.523Ende 1927 72.590Ende 1928 108.717Ende 1929 176.426Ende 1930 389.000Ende 1931 806.294April 1932 1.000.000Ende 1932 1.200.000Ende 1933 2.635.919

Abweichend davon berichten andere Quellen, dass die NSDAP zur Zeit der „Machtergreifung“ 849.009 Mitglieder (parteieigene Statistik) hatte; in den folgenden Jahren sei diese Zahl auf 5,3 Millionen (1939) und schließlich auf 7,7 Millionen im Mai 1943 gewachsen.Michael Grüttner, Das Dritte Reich. 1933–1939 (=Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte, Band 19), Stuttgart 2014, S. 101. Anfangs (und immer wieder) wurde versucht, die „Märzgefallenen“ (Opportunisten, die sich nach der Machtergreifung, insbesondere nach dem Wahlsieg im März 1933 zur NSDAP bekannten) von der Partei fernzuhalten. Dazu wurde 1933 eine umfassende Aufnahmesperre verhängt (siehe Hauptartikel Mitglieder-Aufnahmesperre der NSDAP). Der Bedarf an neuen Mitgliedern war aber stets so groß, dass solche Maßnahmen nicht lange durchgehalten wurden, zumal ja auch eine Verknüpfung mit der Gesellschaft hergestellt wurde.

NS-Staat bzw. Deutsches Reich 1933–1945 Das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien vom 14. Juli 1933 verbot alle Parteien neben der NSDAP und war die gesetzliche Grundlage für den Einparteienstaat. Zuvor waren bereits die KPD und die SPD verboten worden. Um einen Verbot zuvor zukommen lösten sich die übrigen Parteien, wie die DStP (früher DDP), DVP, DNVP, Zentrum und BVP die im Reichstag vertreten waren, selbst auf.LeMO: Die Errichtung des Einparteienstaates 1933. Etablierung der NS-Herrschaft, abgerufen am 13. Januar 2021.

Hochgerechnete ZahlenJürgen W. Falter: Junge Kämpfer, Alte Opportunisten. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945, Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-593-50614-2, S. 11 Grundlage NSDAP Mitgliedskarteien: „Die Bestände der Reichspartei sind nur noch zu 45 Prozent erhalten, die der Gaukartei zu rund 78 Prozent. Anhand der (unvollständigen) Überschneidungen zwischen beiden Karteien lässt sich jedoch berechnen, dass … rund 90 Prozent … Mitgliedskarteien aufgeführt sind.“ zu den NSDAP Netto-Mitgliedern (Berücksichtigung Eintritte, Austritte, Ausschlüsse, Verstorbene):Jürgen W. Falter: Junge Kämpfer, Alte Opportunisten. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945, Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-593-50614-2, NSDAP Netto-Mitglieder S. 187, Spalte 9, Brutto-Mitglieder S. 182/183.

JahrMitglieder1934 2.554.2051935 2.616.6751936 2.668.9391937 5.629.9391938 6.283.9661939 6.606.1361940 7.700.3051941 8.105.4371942 8.389.9291943 8.466.5121944 8.791.1261945 8.787.968

Westliche Besatzungszonen und Bundesrepublik Deutschland bis 1990 Nach dem Zweiten Weltkrieg Nach der Wiederzulassung der Parteien Ende 1945 wuchs die Zahl der Parteimitglieder in den westlichen Besatzungszonen zunächst rapide. Der Wunsch und die Möglichkeit, die zentralen Weichenstellungen der unmittelbaren Nachkriegszeit mit zu beeinflussen, war hierzu genauso ursächlich wie Karriereüberlegungen. Im Rahmen der Entnazifizierung war ein großer Teil der Eliten aus staatlichen Funktionen entfernt worden. Maßgeblich für die von den Siegermächten neu berufenen Führungskräften war das Eintreten für die neue demokratische Ordnung.

Im Jahr 1947 erreichte die Mitgliederzahl der Parteien einen Höhepunkt.

Anfangsjahre der Bundesrepublik Die Demokratie in der Bundesrepublik war als Parteiendemokratie ausgelegt. Während die Zustimmung zu Demokratie hoch war, war das Ansehen der Parteien nach der Euphorie der unmittelbaren Nachkriegszeit schnell gesunken. Die gesamten 1950er Jahre lang herrschte eine „Ohne-mich-Stimmung“ in Bezug auf parteipolitisches Engagement.Sebastian Höhn: Die Parteiendemokratie in der Krise? Politische Entfremdung und Parteienverdrossenheit in der Bundesrepublik. 2007, ISBN 978-3-638-61974-5, S. 10, books.google.de

Die Mitgliederzahl der Parteien sank wieder und erreichte Mitte der 1950er Jahre einen Tiefpunkt. Dies galt für alle Parlamentsparteien. Bei der Bundestagswahl 1957 hatte sich das Drei-Parteien-System herausgebildet, das die nächsten Jahrzehnte Bestand haben sollte (formal waren zwar 5 Parteien im Bundestag; Aber DP und CSU waren eng mit der CDU verbunden). Die im Rahmen der Konsolidierung des Parteiensystems aus den Parlamenten ausgeschiedenen Parteien erlitten noch stärkere Mitgliederverluste.

Anstieg in den 1960er- und 1970er-Jahren Die folgenden Jahre waren durch einen durchgehenden Anstieg der Mitgliederzahlen gekennzeichnet. Dieser war bei CDU und SPD besonders stark ausgeprägt, was die Polarisation des Parteiensystems deutlich machte. Das Aufkommen der 68er-Bewegung und die Sozialliberale Koalition 1969 führte zu einer wahren Explosion der Mitgliederzahlen. Während dies bei der SPD schon 1973 den Höhepunkt fand, weiteten CDU/CSU während der ganzen Oppositionszeit die Mitgliederbasis aus. Die Mitgliedszahlen erreichten hier mit der Wende 1982/83 ihren Höhepunkt.

Parteienverdrossenheit der 1980er