Ludwig Fischer (* 28. Mai 1939 in Leipzig) ist ein deutscher Literaturwissenschaftler, Naturphilosoph und Schriftsteller. Bis 2004 lehrte und forschte er als Ordinarius für Neuere Deutsche Literatur und Medienkultur an der Universität Hamburg.
Leben Fischer wuchs ab 1949 in Oldenburg auf und studierte zunächst Biologie an der Universität Tübingen. Er wechselte zu den Fächern Germanistik und Evangelische Theologie. Nach Studienjahren in Basel und Zürich legte er 1965 das Staatsexamen in Tübingen ab und wurde 1967 im Fach Allgemeine Rhetorik bei Walter Jens mit einer Arbeit über Barockpoetik promoviert. 1968 bis 1970 arbeitete er in Schweden als Ausländischer Lektor an den Universitäten Linköping und Stockholm. 1971 bis 1976 war er Wissenschaftlicher Assistent bei Walter Höllerer am Institut für Deutsche Philologie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der TU Berlin. Dort habilitierte er sich 1976 für das Fach Deutsche Philologie. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel erhielt er 1978 den Ruf an die Hamburger Universität.
Fischer beschäftigte sich insbesondere mit der deutschen Literatur nach 1945, mit der Massen- und Unterhaltungsliteratur, der Popularkultur und der Entwicklung der Neuen Medien. Schwerpunkte bildeten Studien zur Lyrik der Gegenwart, zur Gruppe 47, zu Peter Weiss und Hans Magnus Enzensberger, zum Dokumentarfilm und zu Programmstrukturen des Fernsehens. Fischer verstand seine Arbeit immer als eingebunden in interdisziplinäre Zusammenhänge. So veröffentlichte er auch sozial- und mentalitätsgeschichtliche, volks- und landeskundliche Beiträge, publizierte Bücher und Aufsätze zu Thomas Müntzer und dem Bauernkrieg, zur norddeutschen Regionalgeschichte, in späteren Jahren insbesondere zur Naturästhetik und Landschaftswahrnehmung. Er stand in Verbindung mit dem Journalisten und Schriftsteller Horst Stern und brachte mit ihm und über ihn sowie zu Fragen des Naturschutzes mehrere Bücher heraus. Fischer war von 2000 bis 2004 Sprecher des interdisziplinären und internationalen Forschungsprojekts ‚Natur im Konflikt. Naturschutz, Naturbegriff und Küstenbilder’ (gefördert von der VW-Stiftung). Zudem arbeitete Fischer an Projekten der Trilateral Working Group on Cultural and Landscape Heritage in the Wadden Sea Region mit. Die Beschäftigung mit der Kultur-, Sozial- und Wahrnehmungsgeschichte der Nordseeküste mündete in eine Vielzahl von Veröffentlichungen. 1987 stellte Fischer einen großen, dreiteiligen Dokumentarfilm für das Fernsehen über Geschichte und Entwicklung der Halbinsel Eiderstedt fertig und organisierte 1991 bis 1994 die aufwändige Ausstellung ‚Westerhever. Ein Dorf an der Nordsee‘ (Freilichtmuseum Kiel-Molfsee).
Nach der Emeritierung verlagerte sich der Schwerpunkt der Forschungs- und Publikationstätigkeit immer mehr auf grundsätzliche Fragen des neuzeitlichen Naturverständnisses und des gesellschaftlich maßgeblichen Naturverhältnisses. Fischer, passionierter Gartenbauer, Gärtner und Kräuterexperte, brachte erfolgreiche Bücher zur Brennnessel, zur Konzeption und Geschichte des Nature Writing und schließlich – im Anschluss an einen Begriff von Ernst Bloch – zu ‚Naturallianz‘ als Grundlage eines veränderten Naturverhältnisses heraus.
Seit der Studienzeit hat er Gedichte und kleine Prosa in vielen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, es sind mehrere Gedichtbände und eine CD (zusammen mit dem Saxofonisten Daniel Gebauer) und unter dem Pseudonym Eschel Gneis ein Buch mit Geschichten für Kinder erschienen.
Publikationen (Auswahl) Gebundene Rede. Dichtung und Rhetorik in der literarischen Theorie des Barock in Deutschland. Tübingen 1968. Salz. Gedichte. Darmstadt 1969. Die Produktion von Kopfarbeitern. Spätkapitalistische Bildungspolitik am Beispiel des schwedischen Hochschulwesens. Berlin 1974. Die Schlacht unter dem Regenbogen. Frankenhausen, ein Lehrstück aus dem Bauernkrieg – Belege, Berichte und Ansichten. Berlin 1975. Alexander Weiss. Bericht aus der Klinik und andere Fragmente. Frankfurt/M. 1978 (zus. mit Wolfgang Butt). (Unter dem Pseudonym Eschel Gneis) Dr. Rettichs Zwölf-Minuten-Geschichten. München 2008. Folgelandschaften. Gedichte. Ottersberg 2015. Brennnesseln. Ein Portrait. Matthes & Seitz Berlin (Naturkunden Bd. 32), Berlin 2017, ISBN 978-3-95757-407-7. Natur im Sinn. Naturwahrnehmung und Literatur. Matthes & Seitz Berlin 2021, ISBN ISBN 978-3-95757-703-0. Naturallianz. Perspektiven für ein verändertes Naturverhältnis. Matthes & Seitz, Berlin 2024, ISBN 978-3-7518-2026-4.
als Herausgeber Gebrauchstexte. (Zus. m. K. Hickethier und K. Riha.) Stuttgart 1975. Die lutherischen Pamphlete gegen Thomas Müntzer. Tübingen 1976. Zeitgenosse Büchner. Stuttgart 1979. Zur Archäologie der Popularkultur. (Zus. mit D. Pforte, K. Zerges, H. Dunger) Berlin 1979. Literatur in der Bundesrepublik bis 1967. München 1986. Unerledigte Einsichten. Der Journalist und Schriftsteller Horst Stern. (Beiträge zur Medienästhetik und Mediengeschichte. Nr. 4.) Hamburg 1997. Horst Stern: Das Gewicht einer Feder. Reden Polemiken Filme Essays. München 1997. Kulturlandschaft Nordseemarschen. Bredstedt/Westerhever 1997. Landwirtschaft und Naturschutz. Neue Überlegungen und Konzepte. (Zus. mit Ulf Hahne) Eckernförde 2002. Projektionsfläche Natur. Zum Zusammenhang von Naturbildern und gesellschaftlichen Verhältnissen. Hamburg 2004. Küstenmentalität und Klimawandel. Küstenwandel als kulturelle und soziale Herausforderung. (Hg., zus. mit Karsten Reise) München 2011. Welche Natur? Und welche Literatur? Traditionen, Wandlungen und Perspektiven des Nature Writing. (Zus. mit Tanja van Hoorn) Heidelberg 2024. Thomas Müntzer: Die Gewaltigen vom Stuhl stoßen. Schriften und Briefe. Berlin 2025.
Essays Vom Beweis der Güte des Puddings. Zu Jörg Drews’ und Jürgen Theobaldys Ansichten über neuere Lyrik. In: Akzente Jg. 23/1977, Heft 4, S. 371–379. Bäume, Nachbarn, Arbeit, Geschichte. In Tintenfisch 12 – Thema: Natur. Berlin 1977, S. 34–49. Aus einer Phantasieübung: Prügel-Zeremonie. In: Tintenfisch 15 – Thema: Deutschland. Berlin 1978, S. 68–72. Aus einem Entwurfsbuch: Stadt-Utopie. In: Freibeuter 3/1980, S. 92–96. Vater Staat und die ungeliebte Literatur. Anmerkungen zur Literaturpolitik jüngster Zeit in Schweden. In: Sprache im technischen Zeitalter. Heft 77/1981, S. 26–70. Alle Wetter. Begegnung mit einem Gesprächssammler. In: Kursbuch 64/1981, S. 13–23. Erklärung des Satzes ‚Der Bauer zieht in die Stadt‘. In: Freibeuter 6/1980, S. 81–85. Literatur – ein Loch in diesem unserem Lande? In: Akzente Jg. 33/1986, Heft 2, S. 179–191. Nach Nicolas Borns ‚Ein paar Notizen aus dem Elbholz‘. In: Jan Röhnert/Christoph Seelinger (Hrsg.): Poesie der Ströme. Flussläufe in Literatur und Geowissenschaften. Heidelberg 2025, S. 83–98.
Aufsätze Die wiederholte Verwandlung des Bürgers in den natürlichen Menschen und umgekehrt. Thesen zur ideologischen Funktion des Western-Romans. In: Annamaria Rucktäschel/Hans Dieter Zimmermann (Hrsg.): Trivialliteratur. München 1976, S. 296–338. Dokument und Bekenntnis oder Von der Schwierigkeit, durchs Schreiben ein Sozialist zu werden. Erwägungen zum schriftstellerischen Weg des Peter Weiss. In: Text & Kontext 5/1977, Heft 1, S. 73–124. Die Arbeit des Peter Weiss am Garten des Briefträgers Cheval. Über einen vergessenen Text. In: Beat Mazenauer/Severin Perrig (Red.): Ästhetik, Revolte und Widerstand im Werk von Peter Weiss. Luzern, Mannenberg 1980, S. 22–37. Lokalton, Sozialgeschichte und die Macht des Schicksals. In: Wilfried Barner u. a. (Hrsg.): Literatur in der Demokratie. Für Walter Jens. München 1983, S. 390–400. Die soziale Logik der Felder und das Feld der Literatur. Einleitende Anmerkungen zum kultur- und literaturtheoretischen Ansatz Pierre Bourdieus. In: Sprache im technischen Zeitalter 25/1987, Heft 102, S. 164–172 (zus. mit K. Jarchow). Kurzes Nachdenken über lange Gedichte. In: Norbert Miller u. a. (Hrsg.): Bausteine zu einer Poetik der Moderne. München 1987, S. 93–98. „Es ist zu Ende“ Über den langsamen Hingang der Gruppe 47. In: Akademie der Künste (Hrsg.): Dichter und Richter. Die Gruppe 47 und die deutsche Nachkriegsliteratur. Berlin 1988, S. 67–76. Trank Wasser wie das liebe Vieh. Marginalien zur Sozialgeschichte des Umgangs mit Wasser. In: Hartmut Böhme (Hrsg.): Kulturgeschichte des Wassers. Frankfurt/M. 1988, S. 314–352. Gute Literatur und schlechtes Publikum? Die ‘Buchkrise’ von 1949 als Indikator für das Bewußtsein der literarischen Intelligenz. In: Justus Fetscher/Eberhard Lämmert/Jürgen Schutte (Hrsg.): Die Gruppe 47 in der Geschichte der Bundesrepublik. Würzburg 1991, S. 44–66. Perspektive und Rahmung. Zur Geschichte einer Konstruktion von ‘Natur’. In: Harro Segeberg (Hrsg.): Die Mobilisierung des Sehens. Zur Vor- und Frühgeschichte des Films in Literatur und Kunst. München 1996, S. 69–86. Die Ästhetisierung der Nordseemarschen als ‘Landschaft’. In: L. F. (Hrsg.): Kulturlandschaft Nordseemarschen. Bredstedt/Westerhever 1997, S. 201–232. Arbeit an der Natur. Ein Torso. In: Lukas Bäschlin u. a.: Das gedoubelte Paradies. Natur in Philosophie und Praxis. Bergisch-Gladbach 1999, S. 91–138. Das Feste und das Flüssige. Zur Ideologie und Wahrnehmungsgeschichte des Wattenmeers und der Halligen. In: Bernd Busch/Larissa Förster (Red.): Wasser. Bonn 2000, S. 624–652 (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland. Schriftenreihe Forum Bd. 9). Das Erhabene und die ‘feinen Unterschiede’. Zur Dialektik in den sozio-kulturellen Funktionen von ästhetischen Deutungen der Landschaft. In: Rolf Wilhelm Brednich u. a. (Hrsg.): Natur – Kultur. Volkskundliche Perspektiven auf Mensch und Umwelt. Münster u. a. 2001, S. 347–357. Historical and Current Perceptions of the Landscapes in the Wadden Sea Region. In: Manfred Vollmer et al. (ed.): Lancewad. Landscape and Cultural Heritage in the Wadden Sea Region. Wilhelmshaven 2001, S. 72–97 (zus. mit Jürgen Hasse) (Wadden Sea Ecosystem No. 12). Der Mord an der Kentaurin. Zur Modernisierung der Antike in Horst Sterns Roman Klint. In: Gerhard Lohse (Hrsg.): Aktualisierung von Antike und Epochenbewußtsein. Erstes Bruno-Snell-Symposium der Universität Hamburg am Europa-Kolleg. München u. Leipzig 2003, S. 403–428. Mediale Apokalypse – Inszenierung einer Flutkatastrophe im Film. In: Heike Brandstädter/Katharina Jeorgakopoulos (Hrsg.): ÜberFluten. Hamburg 2004, S. 91–133. Der fliegende Robert. Zu Hans Magnus Enzensbergers Ambitionen und Kapriolen. In: Christine Künzel/Jörg Schönert (Hrsg.): Autorinszenierungen. Autorschaft und literarisches Werk im Kontext der Medien. Würzburg 2007, S. 145–175. Lesen, weiterlesen und festlesen oder Kurzer Gedankenaustausch über lyrische Fußnoten. In: Ulrike Bergermann/Elisabeth Strowick (Hrsg.): Weiterlesen. Literatur und Wissen. Festschrift für Marianne Schuller. Bielefeld 2007, S. 279–303. Reflexionen über Landschaft und Arbeit. In: Thomas Kirchhoff/Ludwig Trepl (Hrsg.): Vieldeutige Natur. Landschaft, Wildnis und Ökosystem als kulturgeschichtliche Phänomene. Bielefeld 2009, S. 101–118. Die „rhythmische Gestalt“ und das Politische. Borns Lyrik im Schein einer ‚verhinderten Zeitgenossenschaftֺ‘ diesseits und jenseits der Elbe. In: Sven Kramer/Martin Schierbaum (Hrsg.): Nicolas Born und die politische Literatur, 1967–1982. Berlin 2010, S. 99–126. Überhöhung der Bergwelt – Zur Geschichte einer Ideologisierung und zu ihren Folgen. In: Verein zum Schutz der Bergwelt e. V. (Hrsg.): Jahrbuch 2009/2010 (74./75. Jg.). München 2011, S. 47–60. Landschaft – überall und nirgends? Nachdenklichkeiten zu ‚alten‘ und ‚neuen‘ Vorstellungen von Landschaft. In: Stefanie Krebs/Manfred Seifert (Hrsg.): Landschaft quer Denken. Theorien – Bilder – Formationen. Leipzig 2012, S. 23–36. Wir machen Landschaften, die wir eigentlich gar nicht wollen. In: Bernd Demuth u. a. (Bearb.): Landschaften in Deutschland 2030. Erlittener Wandel – gestalteter Wandel. [Bonn] 2012 (BfN–Skripten 314), S. 5–16.