Sigmund Gerhard Rascher (* 12. Februar 1909 in München; † 26. April 1945 im KZ Dachau) war ein deutscher KZ-Arzt und Massenmörder. Die von ihm im KZ Dachau durchgeführten Menschenversuche mit mehr als 150 Todesopfern wurden vom Gericht des Nürnberger Ärzteprozesses als unmenschlich und verbrecherisch klassifiziert. Rascher stellte für die Öffentlichkeit der Nachkriegszeit, besonders in US-amerikanischen Medien, den Prototyp des NS-Medizinverbrechers dar. Verstrickt in Kindesentführungen durch seine Frau, wurde Rascher noch unter dem NS-Regime inhaftiert und wenige Tage vor der Befreiung des KZ Dachau auf Befehl von Heinrich Himmler erschossen.
Leben Herkunft Sigmund Rascher wurde 1909 als drittes Kind des Arztes Hanns-August Rascher in München geboren, ein älterer Bruder war der Musiker Sigurd Rascher (1907–2001).Hubert Rehm: Vom Muttersöhnchen zum Massenmörder – Überlegungen zu einer fatalen Biographie laborjournal.de (Website des LJ-Verlags), 20. April 2009. Sein Vater war ein engagierter Unterstützer des Anthroposophen Rudolf Steiner. Er war 1913 in die Anthroposophische Gesellschaft eingetreten, 1921 Teilnehmer am ersten Medizinerkurs SteinersUwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945). Oldenbourg, München 1999, S. 32. und schickte seinen Sohn auf eine Waldorfschule.Sardar Ziauddin, Robin Yassin-Kassab: Critical Muslim 5: Love and Death. Oxford University Press, 2013, S. 86. 1930 oder 1931 (die Angaben unterscheiden sich in zwei handschriftlichen Lebensläufen) machte Sigmund Rascher sein Abitur an der Zeppelin-Oberrealschule in Konstanz.Matthias Michael Jantze (2020), S. 31.
Studium Ab 1933 studierte Rascher an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Medizin. Nach dem Physikum arbeitete er bei seinem nunmehr geschiedenen Vater und bei dem anthroposophisch orientierten Chemiker Ehrenfried Pfeiffer in DornachWinfried Köppelle: Buchbesprechung zu Siegfried Bär: Der Untergang des Hauses Rascher, laborjournal.de, 30. November 2011. und studierte in der Schweiz. 1934 leistete er drei Monate freiwilligen Arbeitsdienst in der Schweiz.Matthias Michael Jantze (2020), S. 31, 39.
Im Oktober 1934 kehrte er zum Studium an die Ludwig-Maximilians-Universität München zurück. Im Jahr 1936 legte er dort das medizinische Staatsexamen ab und promovierte. Rascher versuchte dabei, Wissenschaft mit einem mystischen Holismus zu kombinieren, eine Arbeitsweise, mit der er nach Ansicht des britischen Medizinhistorikers Paul Weindling den Grundstein für alle seine späteren Betrügereien legte. Seine Doktorarbeit thematisierte einen Schwangerschaftstest, was für zeitgenössische Hormonforscher von großem Interesse war. Dabei war er auf die Idee fixiert, man könne Schwangerschaftshormone mit einem Kupferchlorid-Kristall-Test messen. Das Verfahren selbst war von seinem ehemaligen Vorgesetzten in Dornach, Ehrenfried Pfeiffer, eingeführt worden.Paul Weindling: Victims and Survivors of Nazi Human Experiments: Science and Suffering in the Holocaust. London Bloomsbury Publishing 2014. Abschnitt Blood Sampling.
Mitgliedschaft in NS-Organisationen Als Student in Freiburg war Rascher 1933 der NSDAP beigetreten. Er selbst bestand darauf, dass dies März 1933 geschehen sei, er wurde aber zum 1. Mai des Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 3.092.414).Bundesarchiv R 9361-II/1042103
Im Mai 1936 trat er der SA bei, wo er es zum Rottenführer (Obergefreiten) brachte.
Am 11. Oktober 1939 wechselte er von der SA zur SS. Am 20. April 1941 wurde er SS-Untersturmführer und am 9. November SS-Hauptsturmführer. Himmler ermöglichte ihm am 2. Dezember 1943 seine Freistellung von der Luftwaffe und seinen Einsatz in der Waffen-SS.Eric Kurlander: Hitler’s Monsters: A Supernatural History of the Third Reich. Yale University Press, New Haven 2017, ISBN 978-0-300-18945-2, S. 370.
Krebsforschung 1936 bis 1939 war Rascher unbezahlter Volontärassistent in der chirurgischen Klinik des Schwabinger Krankenhauses in München. Mit unauffällig betrügerischen Ergebnisdaten, die der deutsche Biochemiker Benno Müller-Hill als Scharlatanerie bewertete, hatte er ein Stipendium der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft (Vorgängerorganisation der DFG) erhalten.Benno Müller-Hill: Murderous science: elimination by scientific selection of Jews, gypsies, and others in Germany 1933–1945. Nachwort James D. Watson. Cold Spring Harbor Laboratory Press, Plainview NY 1998, ISBN 0-87969-531-5, S. 108, 242. Unterstützt durch das Stipendium, führte er anatomische Untersuchungen über Kristallographie im Zusammenhang mit der Krebsforschung durch. Seine Ergebnisse publizierte er in der Münchner Medizinischen Wochenschrift.Schneider-Schwerte-Gutachten für die Landesregierung NRW: Zwischenbilanz der Historischen Kommission zur Untersuchung des Falles Schneider / Schwerte und seiner zeitgeschichtlichen Umstände. Nordrhein-Westfälisches Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, August 1996, S. 85.
Himmler empfing Rascher am 23. April 1939 zum ersten Mal. Kurz darauf wurde dem 30-jährigen Rascher von Professor Walther Wüst die Forschungsaufgabe Frühdiagnose bei Krebserkrankung übertragen.Vernehmung von Sievers, NOR 1, S. 5737–5738 G. siehe Stanislav Zamečnik: Das war Dachau. Luxemburg 2002.
Am 1. Mai 1939 wurde Rascher in die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe der SS aufgenommen. Am gleichen Tag legte er Himmler eine Denkschrift vor, in der er vorschlug, mit fünf Fragestellungen die Krankheit Krebs zu erforschen. Neben Fragen, die an seine Münchener Arbeiten anknüpften, sollte der Zusammenhang zwischen Kunstdüngereinsatz und Krebs bei Kühen untersucht werden.Himmler, der ein landwirtschaftliches Diplom besaß, war einmal Vertreter für Kunstdünger gewesen. Außerdem versuchte Rascher, bei weißen Mäusen Krebs zu erzeugen, um ein infektiöses Mittel zur Rattenbekämpfung zu finden. Auf Himmlers Wunsch sollte Rascher auch eine langfristige Kontrolle des Blutbildes von „lebenslänglich“ Inhaftierten aufzeichnen, damit eine mögliche Erkrankung von Beginn an dokumentiert sei. Die Erkenntnisse daraus sollten später anhand von Blutbildergebnissen bei anderen Patienten eine Früh-Diagnostik ermöglichen. Der Plan stand in Widerspruch zur damaligen offiziellen Regelung: Die Dauer der Schutzhaft durfte nicht festgesetzt werden, sondern es sollte alle drei Monate überprüft werden, ob sie noch nötig war. Eine „lebenslange“ Inhaftierung war offiziell nicht vorgesehen.Stanislav Zamečnik: Das war Dachau. Luxemburg 2002, S. 263–264. Raschers Ergebnisse sollten in einem Krebsregister festgehalten werden, in das auch Ahnenforschung und regionale Untersuchungen einfließen sollten.
Im bescheidenen Rahmen begann Rascher seine Forschung in seiner Privatwohnung, in der er ein Labor unter anderem für die Blutuntersuchungen einrichtete. Himmler bewilligte am 13. Mai 1939 schriftlich die Kostenübernahme durch das Ahnenerbe, unter anderem für Licht und Wasser. Raschers Verlobte Karoline Diehl lebte im selben Haushalt, ebenso deren Freundin Julie Muschler, die als Laborassistentin und Haushälterin fungierte.
In der Zeitschrift Die Woche erschien etwas später ein Artikel über seine glänzenden Erfolge bei der Erforschung von Krebskrankheiten. Wolfram Sievers, der Geschäftsführer des Ahnenerbes, und Wüst waren aufgrund des schnellen Erfolges und der Tatsache, dass Rascher als „Abteilungsleiter des Ahnenerbes“ betitelt wurde, erstaunt.Vernehmung von Sievers, NOR 1, S. 5738-G.
Einberufung zur Luftwaffe Im August 1939Stanislav Zamečnik: Das war Dachau. Luxemburg 2002, S. 264. wurde Rascher trotz seiner SS-Zugehörigkeit zur Luftwaffe mit Dienstort in der Flak-Artillerie-Schule Schongau als Stabsarzt der Reserve einberufen. Bei der Luftwaffe entwickelte er auf militärischen Befehl eine Testmethode „zur ärztlichen Auswahl von Soldaten, welche zum räumlichen Sehen geeignet sind“, die bei der Auswahl für die Pilotenausbildung angewandt wurde.Schneider-Schwerte-Gutachten für die Landesregierung NRW: Zwischenbilanz der Historischen Kommission zur Untersuchung des Falles Schneider / Schwerte und seiner zeitgeschichtlichen Umstände. Nordrhein-Westfälisches Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, August 1996, S. 85.
Am 1. Dezember 1940 wandte er sich schriftlich an den SS-Standartenführer Enno Lolling im KZ Dachau. Er bat mit Hinweis auf seine Aufgabe in der Krebsforschung im Rahmen des Ahnenerbes und auf einen Befehl Himmlers darum, seiner Laborassistentin Muschler wöchentlich Blutproben auszuhändigen.
Medizinverbrechen Unterdruckversuche 1941 versuchte die Luftwaffe Düsenjäger zu entwickeln, die größere Flughöhen erreichen konnten. In der Luftschlacht um England (1940) hatte sie ihren britischen Gegenspieler, die Royal Air Force, nicht bezwingen können. Anlässlich einer Danksagung an Himmler für Glückwünsche und Blumen zur Geburt seines zweiten Sohnes formulierte Rascher folgende Anfrage:Im Gegensatz zu anderen NS-Dokumenten ist ein großer Teil der Korrespondenz zwischen Himmler und Rascher erhalten geblieben.
Himmler befand sich zu diesem Zeitpunkt in Oslo. Sein persönlicher Referent Brandt antwortete, der Reichsführer werde selbstverständlich und gern Häftlinge zur Verfügung stellen.IMG XXVII, Dok. 1582-PS, S. 348. Luftwaffe und SS verhandelten über die Modalitäten. Es wurde vereinbart, dass die SS die erforderliche Anzahl Häftlinge bereitstelle. Deren Bedingung war, dass die Versuche im KZ Dachau unter der Aufsicht der SS durchgeführt würden und Rascher beteiligt sei. Rascher wurde an das Münchner Institut für Luftfahrtmedizin versetzt. Im Dezember 1941 begannen die Versuchsvorbereitungen. Die Versuchsstation wurde in Revierblock 5 eingerichtet. Die Luftwaffe kommandierte den wissenschaftlich erfahrenen Mediziner Wolfgang Romberg ab und stellte eine fahrbare Unterdruckkammer zur Verfügung, die zwischen Block 3 und Block 5 aufgestellt wurde. Außerdem wurde ein Raum für Sektionen eingerichtet.Ulf Schmidt: Die Angeklagten Fritz Fischer, Hans W. Romberg und Karl Brandt aus der Sicht des medizinischen Sachverständigen Leo Alexander. In: Klaus Dörner, Angelika Ebbinghaus: Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozess und seine Folgen. Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH, Berlin, S. 392; Stanislav Zamečnik: Das war Dachau. Luxemburg 2002, S. 268f.Karl-Heinz Roth: Tödliche Höhen: Die Unterdruckkammer-Experimente im Konzentrationslager Dachau und ihre Bedeutung für die luftfahrtmedizinische Forschung des „Dritten Reichs“. In: Klaus Dörner, Angelika Ebbinghaus (Hg.): Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozess und seine Folgen. Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH, Berlin 2002, S. 123.
mini|Bewusstloser Häftling bei einem Unterdruckversuch in Dachau, 1942
Die Unterdruckversuche, auch „Höhenversuche“ genannt, begannen Mitte Februar 1942 und dauerten bis Mitte Mai 1942. Sie wurden von Rascher und Romberg im KZ Dachau gemeinsam durchgeführt. Georg August Weltz, Leiter des Münchner Instituts für Luftfahrtmedizin, hatte die wissenschaftliche Aufsicht. Rascher wollte sich dieser Aufsicht entziehen und weigerte sich hartnäckig, seinem Vorgesetzten Weltz Bericht zu erstatten, obwohl Weltz sich darüber empörte. Rascher berief sich auf angebliche Geheimhaltungsvorschriften Himmlers.Matthias Michael Jantze (2020), S. 113–115.