Nachdenken über Christa T. ist ein RomanWilpert, S. 680, rechte Spalte, 26. Z.v.u. von Christa Wolf, der – am 1. März 1967 beendetMagenau, S. 196, 9. Z.v.u. – 1968 im Mitteldeutschen Verlag Halle/SaaleHörnigk, S. 133 erschien. Der Publikation des Romans, der in der DDR zunächst nur in sehr geringer Auflage erscheinen durfte, ging ein langer Zensurprozess voran.Vgl. die Dokumentation in Angela Drescher (Hrsg.): Dokumentation zu Christa Wolf: »Nachdenken über Christa T.«. Luchterhand, München 1991.

Die erzählte Zeit umfasst 1943 bis 1962 im ursprünglichen Ostdeutschland, in den späteren Ländern Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, in Ost- und West-Berlin und in Leipzig. Zwar behandelt das Werk die Geschichte einer Christa T., doch der Text sei als „Nachricht... aus dem innersten Innern“ zu verstehen, so die Autorin.Verwendete Ausgabe, S. 195, 13. Z. Im Nachwort heißt es, die Autorin habe über die Vita ihrer früh verstorbenen Jugendfreundin Christa Tabbert-Gebauer (* 1927; † 1963) nachgedacht (ein Hernach-denken auch als „Hinterher-Denken“, d. h.: Würdigung des individuellen Lebens, wörtlich im Text: „Nachdenken über Christa T. Ihr nach-denken.“).Nachwort der Herausgeberin in der verwendeten Ausgabe, S. 225, 12. Z.v.o.

Inhalt Die Ortschaft, in der sich die Erzählerin und Christa T. im November 1943 in der Schule kennenlernen, liegt zwei Fahrstunden von Berlin entfernt. Beyersdorf und Altensorge sind Nachbarorte. Christa T., Tochter eines Dorfschullehrers, kommt aus dem knapp 50 Kilometer entfernten Eichholz bei Friedeberg. Die jungen Mädchen in der Klasse stehen auch nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 treu zu Adolf Hitler.

Die Erzählerin und Christa T. verlieren sich 1945 aus den Augen, begegnen sich jedoch 1952 an der Uni Leipzig beim Pädagogikstudium wieder. Umdenken ist angesagt; neue Namen stehen auf den Broschüren: Gorki und Makarenko. Christa T. liest Dostojewski und schreibt. Schreibend auf dem „Weg zu sich selbst“Verwendete Ausgabe, S. 194, 2. Z.v.u. (siehe auch Firsching, S. 48, 3. Z.v.o.) entdeckt und behauptet sie sich; nähert sich den Dingen.Verwendete Ausgabe, S. 44, 16. Z.v.o. Während des mehrjährigen Lehrerstudiums in Leipzig verlässt Christa T., die als wirklichkeitsfremd gilt, mitunter – unruhig geworden – ihre Kommilitonen, kommt aber stets wieder zurück. Dem Wunsch der Eltern, die Stelle ihres Vaters zu übernehmen, folgt sie nicht. In den Leipziger Jahren malen sich die künftigen Pädagogen ihre Paradiese aus – gleichviel ob mit Gas oder Atomstrom beheizt, es sind ihre Refugien, es ist ihre Sache.Verwendete Ausgabe, S. 62, 4. Z.v.u. und S. 64, 1. Z.v.o. Mit den Jahren verflüchtigen sich die Luftschlösser. Der Streit über die Ausgestaltung der Utopien geht in einstimmigen Chorgesang über.Verwendete Ausgabe, S. 69, 2. Z.v.u.

Am 22. Mai 1954 beendet Christa T. ihr Studium. In Leipzig hatte sie Justus, einen Veterinär, kennengelernt, den sie 1956 heiratet. Im selben Jahr wird ihre Tochter Anna geboren. Manchmal sucht Justus seine Verwandten in Westdeutschland auf. In der siebenjährigen Ehe kommen noch zwei Kinder zur Welt. Des Öfteren fahren Justus und Christa T. gemeinsam über Land. Für ihre Skizzen „Rund um den See“ lässt sich Christa T. von den Bauern Geschichten erzählen. Später beschließt das Paar, auf dem Land zu bleiben, wo Justus als Tierarzt tätig ist. Das Ehepaar baut ein Haus, einsam gelegen, auf einer kleinen Anhöhe am See. Bauen bedeutet in der DDR für Intelligenzler ohne „Beziehungen“ eine beträchtliche Kraftanstrengung. Die Ehe ist glücklich; nur einmal erlaubt sich Christa T. einen Seitensprung mit einem Jagdfreund von Justus. Der Gehörnte schafft das Problem aus der Welt, indem er seine Frau ein weiteres Mal schwängert.

Christa T. schluckt Unmengen Prednison gegen Leukämie. Auf den Tod an Panmyelophise erkrankt, bringt Christa T. im Herbst 1962 ihr drittes Kind, ein Mädchen, zur Welt. Im darauf folgenden Februar stirbt sie.

Selbstzeugnis „Alles, was ich bisher geschrieben habe, nicht zuletzt dieses Buch, entstand aus Parteinahme für die sozialistische Gesellschaft, in der ich lebe.“zitiert bei Drescher, S. 186, 10. Z.v.o. (aus: Christa Wolf: Notwendige Feststellung vom 22. Dezember 1969)

Form und Interpretation Selbstreflexion Auf den zunächst unergiebig scheinenden Stoff soll Christa Wolf nach der niederdrückenden Erfahrung des 11. Plenums gekommen sein.Magenau, S. 196 unten Das Thema des Romans ist der Individualismus der kritisch denkenden Erzählerin einerseits und der sensiblen Figur Christa T. andererseits. Ihr Individualismus, der Menschlichkeit zum Kern hat, ist kein oppositioneller, beide brechen nicht mit der autoritären Gesellschaft, in der sie leben, doch führt sie ihr Fühlen und Erkennen anhaltend zu den Fragen, wie mit den ungenutzten Möglichkeiten des Lebens umzugehen sei und ob man als Mensch denn richtig lebe. Folglich ist das Thema des Romans, zumindest bei seiner Entstehung in den 1960er Jahren, ein modernes.

Der starke Individualismus der Schullehrerin Christa T. zeigt sich exemplarisch, als sie das Wohnhaus in einer fast unberührten Landschaft erbauen lassen kann, für DDR-Verhältnisse ein ungewöhnlicher Vorgang. Dieses Haus entsteht überdies nach Entwürfen von Christa T. – es verkörpert einen Idealfall von Selbstverwirklichung, ermöglicht durch individuellen Mut und durch Kreativität. Im Gegensatz hierzu ist die Selbstreflexion der West-Berliner Verwandten von Justus, die „Republikflüchtlinge“ sind, wenig ausgeprägt. Sie sprechen im Jargon des Rundfunks im Amerikanischen Sektor. Im Text wird darauf nicht weiter eingegangen, der Sozialismus wird nicht explizit verteidigt.

Gewissensbisse Kähler schreibt, Christa Wolf habe ihr seitenlanges Nachdenken „mit von Gewissensbissen gepeinigtem nervösem Lyrismus“Hermann Kähler im Januar 1969, zitiert bei Drescher, S. 68, 13. Z.v.u. durchsetzt. Damit spricht er das grüblerische Grundelement des Textes an. Nachdem Christa T. gestorben ist, erhält die Erzählerin die nachgelassenen Tagebücher, Briefe, Geschichten und Entwürfe. Zitate daraus sind im Text kursiv wiedergegeben. Den Text niederschreibend, denkt die Erzählerin, vor jenen Papieren sitzend, über das Leben der verstorbenen Freundin nach und kommt auf grundsätzliche Fragen: Wenn die Erzählerin aus den vorliegenden „Kritzeleien“Verwendete Ausgabe, S. 99, 17. Z.v.o. einen vorzeigbaren Text macht, hätte das die Urheberin des Rohmaterials zu Lebzeiten gutgeheißen? Warum, könnte der Leser außerdem fragen, beschäftigt sich die Erzählerin überhaupt mit dem Lebensbild von Christa T.? Wären nicht „größere, nützlichere Lebensläufe“Verwendete Ausgabe, S. 152, 17. Z.v.o. viel eher relevant? Und hat die Erzählerin überhaupt das Recht, all dies zu publizieren? Sie ist ja auf die Letzte nie am Krankenbett von Christa T. gewesen.Verwendete Ausgabe, S. 145, 5. Z.v.u. Aber die Erzählerin muss an das Lachen von Christa T. denken – ein unvergessliches, nicht beschreibbares Lachen. Weitere Erzählgründe werden gefunden: Die „Erbitterung aus Leidenschaft“ der Christa T. (die sich für die Erzählerin in einer Episode im Krankenhaus zeigtVerwendete Ausgabe, S. 147–148) ist einer. Ein zweiter Grund betrifft den vorbildlichen Menschen: Christa T. ist ein Mensch, der nie für immer und ewig angekommen ist.Verwendete Ausgabe, S. 189, 4. Z.v.u. Auch war die Protagonistin alles andere als gewissenlos und schaute mit Phantasie in die Zukunft.Verwendete Ausgabe, S. 192, 5. Z.v.u.

Urteile Die Erzählerin fällt Urteile. Zum Beispiel habe sich Christa T. treiben lassen.Verwendete Ausgabe, S. 72, 17. Z.v.o.

Wiederholung Das Stilelement der Wiederholung kommt verschiedentlich zur Anwendung. Da sind die zahlreichen, auf den Text relativ gleich verteilten Vorgriffe auf das Ende von Christa T. Leukämie, die Todesursache der Christa T., wird zeitig mitgeteilt.Verwendete Ausgabe, S. 61, 6. Z.v.u. Eine andere augenfällige Wiederholung ist die Erwähnung von Christa T. als Trompetenspielerin nach der dieses Motiv einführenden Episode im ersten Kapitel.Verwendete Ausgabe, S. 18, 15. Z.v.o. Wenn die Erzählerin sich darauf bezieht,zum Beispiel verwendete Ausgabe, S. 132, 15. Z.v.o. oder auch S. 189, 1. Z.v.o. möchte sie vermutlich eines ihrer grundlegenden Schreibanliegen artikulieren: Christa T. war eine Frau, die sich stets ihr Recht genommen hat, „nach […] eigenen Gesetzen zu leben“.Verwendete Ausgabe, S. 189, 12. Z.v.u.

Ehrlichkeit In seiner Bitte um Erteilung der Druckgenehmigung schreibt der Hallenser Verleger Heinz SachsMagenau, S. 200, 2. Z.v.u. an den Zensor: „Es ist ein geistvolles, unschematisches, zu tiefem Nachdenken anregendes Buch, ein psychologisch tiefgründiges, ehrliches Buch, ...“Gutachten des Mitteldeutschen Verlages vom 11. Januar 1968, zitiert bei Drescher, S. 49, 19. Z.v.o. Diese Einschätzung bezieht sich vielleicht auf den Umstand, dass Christa Wolf über den ganzen Text hinweg mit der Textgestalt hadert. Eine gewisse Konfusion im Vortrag der Erzählerin wird mit dem Zustand des Nachlasses von Christa T. (lose Zettel) begründet.

Der Text wirkt zum Teil experimentell. Erweckt eine Wiedergabe längerer Überlegungen von Christa T.Verwendete Ausgabe, S. 118–119 zunächst den Eindruck, die bis dato unsichere, an sich zweifelnde Erzählerin habe sich in eine allwissende verwandelt, folgt schließlich die Relativierung: Es könnte so gewesen sein.Verwendete Ausgabe, S. 120, 13. Z.v.u. Gefühlsduselei erlaubt sich die Autorin an keiner Stelle; dennoch beschreibt sie das Sterben der Christa T. in den letzten Kapiteln des Buches sehr intensiv. Brigitte Reimann trifft dieses Lesegefühl am 19. März 1969 mit dem Satz: „Wie stark einen das alles angeht!“Brigitte Reimann an Christa Wolf, zitiert bei Drescher, S. 73, 5. Z.v.u. Auch Sarah Kirsch war „am Schluß... dicht am Heulen“Sarah Kirsch am 23. März 1969 an Christa Wolf, zitiert bei Drescher, S. 74, 6. Z.v.u. und Reiner Kunze resümiert: „Das Buch hat mich äußerst (innerst) berührt.“Reiner Kunze am 14. April 1969 an Christa Wolf, zitiert bei Drescher, S. 78, 13. Z.v.o.

Zensur Ihrem Antrag auf Druckgenehmigung mussten Verleger seinerzeit Außengutachten beifügen. In dem Fall empfahl der Außengutachter Günter Caspar „den Druck in hoher Auflage“Günter Caspar im Spätherbst 1967, zitiert bei Drescher, S. 40, 2. Z.v.u. unter anderem mit der Begründung: „Christa Wolf hat auch soviel historisch-politische Wirklichkeit hereingenommen, wie es bei solchem Stoff und Thema nur möglich ist, und so organisch auf die Figuren bezogen, daß nirgendwo etwas aufgesetzt wirkt.“Günter Caspar im Spätherbst 1967, zitiert bei Drescher, S. 40, 10. Z.v.o. Rückblickend bleibt es ein Rätsel und sicherlich auch bewundernswertsiehe dazu auch eine Stimme aus dem 20. Jahrhundert: Gidion, S. 67, 5. Z.v.u., wie es der Autorin 1968 gelungen ist, diesen Text durch die Zensur zu bringen. Immerhin genehmigten die Zensoren am 2. Mai 1968 den Druck des Manuskripts unter anderem mit der Begründung, der Text sei „voller schöner Bekenntnisse zum Sozialismus“. Christa Wolf hat Anspielungen durch die Zensur gebracht, deren Hintergrund ein Leser aus dem 21. Jahrhundert ohne Kommentar kaum erkennen wird (etwa die Erwähnung der Kämpfe in Budapest)Verwendete Ausgabe, S. 148, 5. Z.v.u.. Andererseits fehlt es nicht an Bekenntnissen zum Sozialismus. Beispielsweise spielen die Erzählerin und Christa T. nicht mit dem Gedanken an eine Flucht aus der DDR.Verwendete Ausgabe, S. 67, 4. Z.v.o.

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