mini|hochkant=1.3|Luftbild des Großen Gartens

Der Große Garten im hannoverschen Stadtteil Herrenhausen zählt zu den bedeutendsten Barockgärten in Europa. Die von einer Graft umschlossene Gartenfläche stellt das historische Kernstück der Herrenhäuser Gärten dar, zu denen außerdem der Berggarten, der Georgengarten und der Welfengarten gehören. Die rechteckige Anlage hat eine Fläche von 50,2 Hektar (905 m × 555 m).Christina Steffani: Hannover Colibri Reiseführer, Compact Verlag, München 2000, ISBN 3-8174-4495-8. Ausgangspunkt der Planungen war das im 17. Jahrhundert errichtete Schloss Herrenhausen.

Geschichte Anlage des Gartens mini|Goldenes Tor und Galeriegebäude mini|Glockenfontäne, im Vordergrund Broderiemuster mini|Blick vom Hardenbergschen Haus in die Lindenallee an der Graft

Herzog Georg von Calenberg ließ 1638 bei dem Dorf Höringehusen einen Küchengarten mit Gebäuden anlegen. Als Georgs Sohn Johann Friedrich 1665 an die Macht kam, benannte er das Dorf um in Herrenhausen und ließ sich hier ein Lusthaus, den Vorgängerbau des Schlosses Herrenhausen, erbauen. Seinen Gärtner Michael Grosse beauftragte er mit der Anlage eines Lustgartens, der in etwa die Größe des heutigen Großen Parterres besaß.

Ab 1674 konkretisierten sich die Planungen für den Lustgarten unter der vermutlichen Beteiligung des italienischen Architekten Girolamo Sartorio. Die Bauaufsicht unterlag dem Hofbaumeister Brand Westermann. 1675 wurde der Fontänenmeister Marinus Cadart (Cattare) engagiert. Er entwarf die Grotte und die Große Kaskade. Als Gärtner war der in Celle und Osnabrück für die Welfen beschäftigte Henry Perronet († 1690) beratend tätig. Die Ausführung unterlag dem 1675 eingestellten Hofgärtner Anton Heinrich Bauer. Außerdem stand von 1673 bis Herbst 1675 der italienische Gärtner Pietro Meccage im Dienst von Herzog Johann Friedrich. 1676 begannen die wesentlichen Arbeiten im Garten, dessen Aussehen sich mangels Quellen nur noch vage rekonstruieren lässt. Vermutlich haben die beteiligten Gärtner eine weite Skala an Gestaltungselementen des Renaissance- und frühen Barockgartens eingebracht. Das Gartenareal umfasste nun 14 Hektar und entsprach damit in etwa der Größe der heutigen nördlichen Gartenhälfte ohne die seitlichen Alleen. Als Johann Friedrich 1679 starb, war der Garten noch nicht vollendet.Heike Palm: „Die Geschichte …“, S. 19–20.

Ausbau und Glanzzeit der barocken Gartenanlage (1680–1755) Der Ausbau des Herrenhäuser Gartens ist auf das Engste mit dem Aufstieg der hannoverschen Linie der Welfen verbunden. Die Erschaffung und Pflege großer Gartenanlagen besaßen einen hohen Rang im System der fürstlichen Repräsentation. Drei Regenten prägten die Glanzzeit des Großen Gartens zwischen 1680 und 1755: Ernst August (1679–1698), der 1692 zum Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg ernannt wurde, sein Sohn Georg Ludwig, der 1714 als Georg I. zum König von England gekrönt wurde, und Georg II, der 1683 in Schloss Herrenhausen geboren wurde. Er machte bis zu seinem letzten Besuch 1755 die Sommerresidenz zum Ort von glanzvollen Festen und diplomatischen Begegnungen, wozu er den Garten in bestem Zustand erhielt.

Erweiterung durch Ernst August und Sophie von der Pfalz Ernst August setzte nach 1680 zunächst den von seinem Bruder begonnenen Ausbau des Lustgartens fort. Sein Geschmack war wie der Johann Friedrichs durch die italienische Kultur geprägt. Von mehrmaligen Besuchen in Italien hatten beide eindrückliche Gartenerlebnisse vor allem aus dem Veneto mitgebracht. Weiterhin hatten Ernst August und seine Frau Sophie von der Pfalz 1664 römische Villen besucht.Urs Boeck: „Zwei höfische Festräume …“, S. 67. Ernst August erwartete die im Kreis der anderen deutschen Regenten nicht unumstrittene Ernennung zum Kurfürsten. Sein Bestreben erforderte neben diplomatischem Geschick auch eine den politischen Ambitionen entsprechende prachtvolle Gestaltung seiner Residenz. Das vor deren Toren gelegene Sommerschloss sollte die kulturelle Bildung und finanzielle Potenz des Regenten widerspiegeln. 1683 holten Ernst August und Sophie den Gärtner Martin CharbonnierHelmut Knocke: Charbonnier, in: Hannoversches Biographisches Lexikon, S. 84, online über Google-Bücher nach Herrenhausen, der ihnen bereits den Park von Schloss Osnabrück angelegt hatte. Er stellte die nördliche Gartenhälfte fertig. Die Sommerresidenz erlangte erste beeindruckende Wirkung.Heike Palm: „Die Geschichte …“, S. 20.

In besonderer Konkurrenz stand Ernst August mit den Herzögen aus der Vetternlinie der Welfen, dem Neuen Haus Braunschweig mit ihrer Residenz in Wolfenbüttel. Auch sie erhoben Anspruch auf den Kurfürstentitel. Nach 1687 begann Herzog Anton Ulrich im Wettstreit mit Herzog Ernst August das Lusthaus Salzdahlum zur Sommerresidenz auszubauen. In der Folge kam es zu einer Neukonzeption und einem verstärkten Ausbau der Gartenanlage in Herrenhausen.Urs Boeck: „Zwei höfische Festräume …“, S. 70. Auch jetzt schöpfte das Herzogspaar aus seiner Kenntnis europäischer Gärten. Insbesondere soll Sophie die Gartengestaltung prägend beeinflusst haben. Aus eigener Anschauung kannte sie neben den maßgebenden französischen Anlagen, die sie 1679 besucht hatte, vor allem Barockgärten in den Niederlanden, wo sie mit ihrer Familie die Jugend im Exil verbracht hatte. Zu Beginn der neuen Ausbauphase entstanden 1689–1694 das Gartentheater und 1694–1696 das Galeriegebäude als zweiter wichtiger Bezugspunkt der Anlage. Ab 1696 begann Martin Charbonnier den Garten auf die doppelte Größe zu erweitern und die Anlage mit der Graft einzufassen.Heike Palm: „Die Geschichte …“, S. 20–21.

Ausbau der Fontänenanlagen Im August 1689 entließ Ernst August den Fontänenmeister Cadart, der über dreizehn Jahre die Konzeption der zahlreichen Wasserspiele bestimmt hatte. An der Hauptaufgabe, diese für einen dauerhaften Betrieb mit ausreichend Wasser und Druck für das Betreiben auch höherer Springstrahlen zu versorgen, scheiterte er, trotz zahlreicher Anläufe. Zuletzt reiste Cadart 1686 mit Hofbaumeister Westermann und dem Zimmermeister Heimsohn nach Bremen, um die dort bereits 1393 errichtete Bremer Wasserkunst zu besichtigen. Die drei schlugen vor, auch im Fluss Leine bei Herrenhausen ein Schöpfrad wie in Bremen zu erbauen. Man konnte sich aber zunächst nicht darüber einigen, wo das Rad aufgestellt werden sollte. 1687 begann man, vom Benther Berg Wasser nach Herrenhausen zu leiten.Bernd Adam: „Die Herrenhäuser Wasserkünste“, S. 47.

An Stelle des erfolglosen Cadart beauftragte Ernst August 1690 den Celler Hofbauarchitekten Johann Friedrich de Münter, Sohn des Fasanenmeisters Benedictus de Münter, mit der Verbesserung der Wasserspiele. Unter anderem erneuerte er die von Cadart angelegten, nordwestlich des Schlosses im Bereich der 1962–1965 erbauten ehemaligen Werkkunstschule gelegenen Wasserreservoirs, die bis 1956 in Betrieb blieben. Nach einer Erkrankung im Vorjahr starb De Münter im August 1693.Vgl. Teichert, Oscar, Geschichte der Ziergärten und der Ziergärtnerei in Deutschland während der Herrschaft des regelmässigen (sic!) Gartenstyls, Berlin, Verlag von Wygandt & Hempel, 1865, S. 208. Hannoversche Geschichtsblätter, Band 7, Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1904, S. 341. Nun holte man den Kunstmeister Pierre Dénis aus Paris, der 1694 seinen Dienst in Herrenhausen antrat. Er führte die begonnenen Vorhaben weiter. Im Frühjahr 1696 nahm sich der für Ernst August tätige Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz des Fontänenprojekts an. Seine nicht realisierte Planung für den Betrieb der Wasserspiele bezog sich noch auf den alten Lustgarten. Sie lieferte eine Antwort auf die beiden grundlegenden Probleme, die auch nach der Erweiterung des Gartens Gültigkeit besaß. Leibniz schlug als Erster den Einsatz einer Wassermaschine unter Nutzung von Göpelwerken und Druckpumpen sowie eine Aufstauung der Leine vor.Bernd Adam: „Die Herrenhäuser Wasserkünste“, S. 47–48.

Während seiner Regentschaft gab Ernst August zirka 65000 Reichstaler für die architektonische Ausgestaltung von Schloss, Garten und der höfischen Bauten in deren Umfeld aus. 16000 Reichstaler gingen in die Vergrößerung des Gartens. Im Verhältnis dazu erwiesen sich Betrieb und Ausbau der Wasserspiele als besonders kostspielig. In das Herrenhäuser Fontänenprojekt flossen ungefähr 46000 Reichstaler, ohne eine grundlegende Steigerung der Leistung zu erreichen.Bernd Adam: „Die Herrenhäuser Wasserkünste“, S. 48.

Fortführung der Arbeiten unter Kurfürst Georg Ludwig mini|Vogelschauplan (Prospekt) der kurfürstlichen Sommerresidenz Herrenhausen (Großer Garten) von Norden, im Vordergrund das Schloss, Kupferstich, 1708

Mit dem Tod Ernst Augusts bekam Kurfürstin Sophie 1698 Herrenhausen als Witwensitz einschließlich eines Betrags für den Unterhalt des Gartens und der Wasserspiele zugesprochen. Da die finanziellen Mittel nicht ausreichten, die begonnenen Arbeiten fortzuführen, übergab sie den Garten ihrem Sohn Kurfürst Georg Ludwig, residierte aber weiterhin in Herrenhausen. Georg Ludwig ließ das Große Parterre anlegen und schloss die Erweiterung um die südliche Gartenhälfte mit dem Bau der beiden von Louis Remy de la Fosse entworfenen Rundpavillons in den südlichen Ecken ab. Um 1708, nachdem Georg Ludwig mit dem Act of Settlement (1701) die Anwärterschaft auf den englischen Thron erworben und das Fürstentum Lüneburg von seinem Onkel geerbt hatte, erfolgte die Fertigstellung des Gartens. Der Garten nahm nun eine Fläche von 36 Hektar ein, einschließlich der Graft und dem äußeren Wall waren es zirka 50 Hektar. Somit entsprach er fast der Fläche der Altstadt von Hannover, in der über 7000 Menschen in etwa 1000 Häusern lebten. Das von Georg Ludwig bevorzugte Bauprojekt war die Anlage der Großen Fontäne, mit der um 1700 begonnen und die 1720 beendet wurde.Heike Palm: „Die Geschichte …“, S. 23–24.

Im Umfeld des Großen Gartens ließ Georg Ludwig weitere Vorhaben realisieren, die großenteils im Zusammenhang mit der aufwendiger gewordenen Hofhaltung standen. Zu den noch existenten Bauten gehören das 1706 errichtete Meiereigebäude, das 1708 von de la Fosse entworfene Pagenhaus und die 1723 fertiggestellte Orangerie.Bernd Adam: „Die Orangerie …“, S. 105, 108. 1726–1727 schuf der Gartenkünstler Ernst August Charbonnier, der 1717 die Nachfolge seines Vaters Martin Charbonnier angetreten hatte, die vierreihig mit Linden bestandene Herrenhäuser Allee als repräsentative Zufahrt von Hannover zum Großen Garten. Gleichzeitig entstand die vom Schloss nach Norden in die damals noch freie Landschaft führende Lindenallee.

1748–1751, unter Georg II., wurde das alte Hofgärtnerhaus für den ersten Direktor der nun eigenständigen Behörde für Bau- und Gartenwesen Friedrich Karl von Hardenberg abgerissen und durch einen von ihm selbst in Zusammenarbeit mit dem Hofarchitekten Johann Paul Heumann 1747 entworfenen massiven Neubau ersetzt. Das Hardenbergsche Haus zeigt Züge des französischen Klassizismus und passt sich in die Achse der westlichen Seitenallee des Großen Gartens ein.Bernd Adam: „Die Orangerie …“, S. 106–107. Es setzt einen Endpunkt für den Ausbau des Großen Gartens. Etwa zeitgleich übernahm ab 1747 der Gartenkünstler Matthias Charbonnier die Nachfolge seines Vaters Ernst August Charbonnier.

Mitte 18. Jahrhundert bis 19. Jahrhundert mini|hochkant|Parkordnung, Steintafel von 1777