mini|William Brewster
William Brewster (* 5. Juli 1851 in Wakefield, Massachusetts; † 11. Juli 1919 in Cambridge, Massachusetts) war ein US-amerikanischer Ornithologe, der zusammen mit Joel Asaph Allen und Elliott Coues die American Ornithologists’ Union gründete.
Leben William Brewster war der Sohn von John Brewster, einem angesehenen Bankier aus Boston, der in Wolfeboro, New Hampshire geboren wurde und dort ebenfalls aufwuchs. Seine Mutter Rebecca Parker (Noyes) wurde in East Bradford (heute Groveland) geboren. Zu seinen Vorfahren zählte wahrscheinlich die Brewster-Familie, eine englische Pilgerfamilie zu der auch William Brewster (1566–1643) gehörte und welche mit dem Segelschiff Mayflower nach Amerika einwanderte.Henry W. Henshaw S. 1 William Brewster war das jüngste von vier Kindern. Sowohl seine Schwester als auch seine zwei Brüder starben schon in seiner frühesten Kindheit.Henry W. Henshaw S. 2
Im Jahr 1845 kauft sein Vater das Herrenhaus Riedesel in Cambridge, dessen Name auf Friedrich Adolf Riedesel (1738–1800) und seine Frau zurückging, die das Anwesen nach der Kapitulation von John Burgoyne bei der Schlacht von Saratoga bezogen. Das Haus selbst hatte eine lange Tradition und der junge Brewster verbrachte darin seine gesamte Kindheit. Nach dem Tod seines Vaters riss Brewster im Jahr 1887 das alte Gebäude ab und errichtete stattdessen ein neues Haus.
Seine schulische Laufbahn führte ihn durch die öffentlichen Schulen von Cambridge. Nach dem Besuch der Washington Grammar School wechselte er auf die Cambridge High School, wo er die Vorbereitungen für die Harvard University durchlief, die er aber nie besuchte. Sein schlechter Gesundheitszustand und insbesondere seine eingeschränkte Sehfähigkeit hielten ihn vom Studium ab. So konnte er am Ende seiner Schulzeit kaum lesen und sein Wissen war beschränkt auf die Lektionen, die ihm seine Mutter vorlas.
1869 versuchte der Vater seinen Sohn in seiner Firma unterzubringen. Der Versuch scheiterte kläglich und Brewster gab nach weniger als einem Jahr seine Stellung auf.Henry W. Henshaw S. 6 Am 9. Februar 1878 ehelichte er Caroline Freeman KettellMrs Willima Brewster (Caroline Freman Kettel) aus Boston, die ihren Ehemann schließlich überlebte.
Werdegang Unter den widrigen Voraussetzungen seiner schulischen Karriere war es nicht verwunderlich, dass Brewster den Gedanken an eine universitäre Ausbildung verwarf und seine weitere Karriere nicht gerade vielversprechend aussah. Umso verwunderlich erschien es, warum Brewster ausgerechnet ein Interesse für die Natur entwickelte. Als Zehnjähriger lernte er den späteren Bildhauer Daniel Chester French (1850–1931) kennen, mit dem ihn eine innige Freundschaft verband. Im gleichen Alter schenkte ihm sein Vater ein einläufiges Gewehr und lehrte ihn, dieses zu nutzen, ohne sich oder andere zu gefährden.Henry W. Henshaw S. 3 Auch Frenchs Vater war Jagdsportler und hatte außerdem das Wissen, wie man Tiere präpariert und ausstopft. Diese äußerlichen Umstände erweckten in Brewster das Interesse für Vögel, und es war der Ursprung seiner ornithologischen Karriere. Am 1. Januar 1862 bekam er durch Frenchs Vater seine erste Lektion in Taxidermie. Neben Brewster und French waren auch die Nachbarskinder Ruthven Deane (1851–1934) und Richard Henry Dana, Jr. (1815–1882) lernwillige Teilnehmer dieser Lektionen. Alle sammelten Vogeleier und stopften ihre Vögel aus, die sie in ihren Exkursionen erlegt hatten. Während alle Freunde später eine andere Karriere verfolgten, hatte Brewster in der Ornithologie seine Bestimmung gefunden. Schon mit 14 Jahren hatte er einige erste eigene Vögel präpariert und vielen Nestern mit Eiern gesammelt. Sein Wissen über die örtlichen Vögel Massachusetts war bereits präzise und umfassend ausgeprägt.Henry W. Henshaw S. 4 Nach und nach verfeinerte er das Handwerk der Vogelpräparation, denn in seinen Augen diente sie gleich zwei nützlichen Zwecken. Da wäre zum einen die etikettierte wissenschaftliche Art, die für Studien zurückgelegt wurde, und zum anderen ein Objekt der Schönheit, die ästhetische Sinne befriedigte.
Zu Brewsters Zeit gab es kaum ornithologische Literatur, doch hatte er das Glück, dass in Frenchs Bücherei ein Exemplar von Thomas Nuttalls (1786–1859) A manual of the ornithology of the United States and of Canada vorhanden war. Als seinem Vater das Interesse seines Sohnes klar wurde, schenkte er ihm die Royal Octavo Edition von John James Audubons (1785–1851) The birds of America.Henry W. Henshaw S. 5.
Noch auf der Cambridge High School lernte er im Jahre 1865 Henry W. Henshaw (1850–1930) kennen, dem ähnlich wie Brewster ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen der Universitätsbesuch verwehrt blieb. Beide verbanden sehr ähnliche Interessen, und es entstand eine lebenslange Freundschaft. Mit ihm verbrachte er auf den Feldern und in den Wäldern viel Zeit, immer auf der Suche nach neuen Vögeln und ihren Eiern. Praktisch mit dem Sonnenaufgang streiften beide vorzugsweise durch die Fresh Pond Sümpfe doch auch durch Belmont, Waverley, Lexington oder Concord. Gelegentlich wurden sie von Deane und Henry Augustus Purdie (1840–1911) begleitet. So wuchs Brewsters Sammlung rasch an, und er hatte fast alle lokalen Vogelarten in seinem Besitz. Es wurde eine der größten Sammlungen des Landes, die Brewster schließlich dem Museum of Comparative Zoology vermachte.
Der Vater hatte gute Verbindungen zur Brewster Free Academyin Wolfeboro, New Hampshire, eine Akademie, die er mitbegründet hatte und weiterführte. Die große Zuneigung des Vaters zu seinem Geburtsort und der Glaube an die Produktivität der Akademie in einem weit entfernten ländlichen Gebiet waren wichtige Gründe für diese Unterstützung. Hier brachte er auch seinen Sohn und andere Verwandte unter. William war über die Pläne seines Vaters informiert, einen beträchtlichen Teil seines Vermögens für die Akademie zu verwenden. Dabei gab es von ihm keine Widerstände, ohne dass ihm bewusst war, was für eine weise Entscheidung dies war. Mit der Zeit änderte er seine Einstellung zur Akademie und war überzeugt, dass das Vermögen kaum besser verwendet werden konnte. So diente er bis zu seinem Tode als Fiduziar der Akademie, eine Aufgabe, die ihm sein Vater übertragen hatte.Henry W. Henshaw S. 7.
Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1886 übernahm er dessen Grundstück. Seine erste Handlung war die Errichtung eines Zauns, der den Katzen der Nachbarschaft den Zutritt zum Grundstück verwehrte, um seine geliebten Vögel vor diesen Feinden zu schützen. Gleichzeitig baute er ihnen Bade- und Trinkmöglichkeiten und pflanzte Beerensträucher. Außerdem erbaute er zwischen 1886 und 1887 ein Museum, das ihm zum Schutz seiner Bücher und seiner wachsenden Sammlung diente.Henry W. Henshaw S. 12.
Wie Henry David Thoreau (1817–1862) war Brewster eng mit Concord verbunden. Seine Erfahrungen und Versuche, die er in Concord machte, waren eher zufälliger Natur. Zusammen mit Dan French und Jim Melvin war er in diesem Gebiet oft auf der Jagd. Im Sommer 1886 und 1887 lebte er dort mit seiner Frau in einem alten Pfarrhaus, welches bereits Nathaniel Hawthorne (1804–1864) zu seinem Werk Mosses from an Old Manse und Ralph Waldo Emerson (1803–1882) zu seinem Buch Nature inspirierte. Im Jahr 1890 kam ihn zu Ohren, dass Davis Hill zum Verkauf anstand, ein Anwesen mit vielen ehrwürdigen Kiefern. Nach und nach kaufte er weitere Anwesen dazu, bis er selbst ein Anwesen von mehr als 300 Acre zusammen hatte. Dieses Anwesen nannte er schließlich October Farm. Die Bäume bestanden fast ausschließlich aus Kiefern, Eichen und Buchen und es war eine der schlimmsten Erfahrungen Brewsters, als Goldafter und umherziehende Menschen fast den gesamten Bestand seiner Eichen zerstörten. Nach und nach wurde er Zeuge, wie Motorboote seine Kanutouren störten, der Fluss verschmutzt wurde und zum Verschwinden von Wasserpflanzen und Fischen führte. Es war die Initialzündung dafür seine Jagden am Fluss gänzlich einzustellen. Später lebte er auf seiner Farm, immer umsorgt von seinen farbigen Freund Robert Alexander Gilbert (1870–1942), der als begnadeter, doch unbekannter Fotograf agierte.Henry W. Henshaw S. 8.R. A. Gilbert In den Abendstunden schrieb er oft seine Beobachtungen auf oder diskutierte Thoreaus Bücher, wobei Walden: Or, Life in the Woods zu seinen Favoriten zählte. Ungeeignet für den Ackerbau und die Viehzucht stellte Brewster stets einen Bauern und seine Frau für die beschwerliche Arbeit ein. Die Erträge waren nie exorbitant, doch waren Brewsters Bemühungen, sie wirtschaftlich zu machen, eher bescheiden ausgeprägt. Wenn sich ein Vogel oder ein Hörnchen an seinen Bohnen, Mais oder Erdbeeren vergriff, so sagte er zu den sich beschwerenden Bauern nur lapidar: „OK, erinnern sie sich nächstes Jahr daran, mehr zu pflanzen, damit es für uns alle reicht.“ Sein landwirtschaftliches Interesse beschränkte sich auf die Pflege eines kleinen Apfelgartens. Selbst wenn er nie ein passionierter Botaniker war, pflanzte er viele blühende Pflanzen und seltene Büsche, die er aus vielen Teilen des Landes bekam.Henry W. Henshaw S. 9. Keines der genannten Themen faszinierte ihn so wie die Avifauna. Mehr als zwanzig Jahre wurde kein einziger Gewehrschuss mehr auf dem Gebiet der October Farm abgefeuert, noch wurde je ein Vogel oder Tier durch den Menschen gestört. Ob Falke, Krähe, Blauhäher, Stinktiere, Füchse oder andere Vögel und Wildtiere, alle waren in Brewsters Reich willkommen. Seine einzigen Eingriffe in den natürlichen Kreislauf der Natur waren das Aufstellen von Brutkästen und die Aussaat von Pflanzen für seinen Lebensunterhalt. Das Ergebnis dieses Experimentes war zu dieser Zeit sehr überraschend. Die Population der Vögel blieb über den Zeitraum von 20 Jahren nahezu konstant.Henry W. Henshaw S. 10. Wohl war es wahr, dass sich die Verteilung der Arten verändert hatte, da die Anzahl von Buschvögeln wie Grasmückenartigen und Vireos angestiegen war, doch blieb beispielsweise die Anzahl der Rebhühner konstant, obwohl diese jedes Jahr ihre Brut dort aufzogen. Über viele Jahre nistete ein Paar Gelbbauch-Schopftyrannen in einer Höhle eines ganz bestimmten Baumes und zog ihre Brut auf. Doch jedes Jahr kam immer nur ein Paar zurück, und es gelang ihm nie, ein weiteres in unmittelbarer Nähe zu entdecken. Bei den Rebhühnern konnte er es sich erklären, dass die Altvögel die Jüngeren verscheuchen, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Es fiel ihm schwerer zu erklären, dass der gesamte Vogelbestand aber konstant blieb. So kam er zu dem Schluss, dass man alle Prädatoren vernichten müsste, um einen Anstieg an kleineren Vögel zu erreichen.Henry W. Henshaw S. 11. War er anfangs noch ein leidenschaftlicher Jäger, der sich gern mit anderen dieser Zunft austauschte, wandelte er sich im Laufe seines Lebens zu einer Person, die Tierjagd nur zum Spaß gänzlich ablehnte und diesem Sport vollkommen abschwor.
Zwischen 1886 und 1887 baute er auf dem geerbten Landsitz ein Museum, in welchem er seine wachsende Vogelsammlung und seine Bücher ausstellte. Der Raum diente ihm zu Studienzwecken und vieler seiner Publikationen entstanden in ihm. Außerdem nutze man den Raum bis zu seinem Tode für die zweiwöchigen Treffen des Nuttall Ornithological Clubs. Da die Sammlung beständig anwuchs, half ihm von 1897 bis 1907 Walter Deane (1848–1930) als Kurator. 1891 wurde Brewster in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.