Emil Hermann Werner Ackermann, auch bekannt unter den Pseudonymen Rico Gala, Robert Landmann, W.A. Fieldmann oder W.A. Kermann (* 28. Dezember 1892 in Antwerpen, Belgien; † 10. Mai 1982 in Mbabane, Swasiland) war ein deutschsprachiger Schriftsteller, Verleger und zeitweise Miteigentümer der Künstlerkolonie Monte Verità in Ascona/Schweiz.

Leben Werner Ackermann wurde 1892 in Antwerpen als Sohn des deutschen Buchhändlers Rudolf Ackermann und seiner Frau Elli, geb. Koeving geboren. Seine Eltern betrieben eine internationale Buchhandlung am Place Verte in Antwerpen, unweit der Kathedrale.

Der Vater Rudolf Ackermann stammte aus Könnern in der preußischen Provinz Sachsen, wo die Familie eine Ziegelei und eine Grube besaß, und war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Antwerpen ausgewandert; die Mutter war die Tochter deutscher Emigranten in den USA. Antwerpen hatte sich an der Wende zum 19. Jahrhundert wieder zu einer europäischen Handelsmetropole entwickelt; vor allem niederländische und deutsche Kaufleute (Seehandel, Reederei, Seeversicherung, Fell- und Wollhandel) waren zugewandert. Den deutschen Kaufleuten waren deutsche Handwerker, Hausangestellte, Ladenbesitzer und Gastronomen gefolgt. Um 1910 lebten über 8000 Deutsche in Antwerpen.

Werner Ackermann hegte zeitlebens große Sympathien für den Philosophen Max Stirner und propagierte ein kompromissloses weltbürgerliches Denken der Individuen, das den egoistischen und aggressiven Nationalstaat ablehnt. Er selbst bezeichnete sich als großen Glücksmenschen, worunter er nicht das „Gutestubenglück“ mit Geld und gesicherter Position verstand, sondern seinen steten Glauben an sich und seinen steten Sinn.Brief von Werner Ackermann an die Eltern vom 18. Februar 1925.

Kindheit und Jugend Werner Ackermann verbrachte seine Kindheit mit seinen beiden Geschwistern, dem älteren Eduard und der jüngeren Hilde, in der elterlichen Wohnung über der Buchhandlung am Place Verte in Antwerpen.

Ab 1898 besuchte Werner Ackermann die 1882 gegründete Deutsche Schule in Antwerpen. Die Schule war zweisprachig (Deutsch und Französisch) und genoss einen sehr guten Ruf. Die Geschwister Ackermann galten als unartig.Interview mit der Tochter Sonja Reissmann, geb. Ackermann, am 15. September 1991. Werner Ackermann musste die Schule wechseln und war zeitweise auf einem Internat im Deutschen Reich. Ackermann wuchs in einem bildungsbürgerlichen Milieu mit deutschnationaler, lutherischer Prägung auf. Der Vater war der belesene Buchhändler, die Mutter die Geschäftsfrau. Das Verhältnis zu den Eltern war gut. In einem späteren Brief an die Eltern schrieb Werner Ackermann:

Ackermann verfasste während der Schulzeit erste Theaterstücke, die er an Max Reinhardt schickte. Dieser soll ihn zum weiteren Schreiben ermuntert haben.Interview mit der Tochter Sonja.

1909 entschied sich Werner Ackermann für die deutsche Staatsbürgerschaft, was er später schwer bereute.

Erste berufliche Erfahrungen Nach einem kurzen Studium an der privaten Journalisten Hochschule von Richard Wrede in Berlin (1912/1913) vermittelten ihm die Eltern eine Anstellung beim Touring Club Suisse in Genf. Während dieser Zeit verfasst er die beiden Stücke Größe und Der große Junge.

Erster Weltkrieg Werner Ackermann meldete sich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Kriegsfreiwilliger auf deutscher Seite und kam als Unteroffizier bei der Feldartillerie an der belgischen und französischen Front zum Einsatz. Seine anfängliche Kriegsbegeisterung verwandelte sich schon nach wenigen Monaten über eine Kriegsernüchterung in einen Pazifismus, der für seine weitere politische Entwicklung prägend sein sollte. Im September 1916 wurde er verletzt und landete im Reservelazarett VII in Hannover-Herrenhausen, wo er versuchte seine Genesung so lange wie möglich hinauszuzögern.

Studium und Heirat Am 16. November 1917, also noch vor Kriegsende, nahm er als Leutnant d. R. das Studium der Literaturwissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin auf, das er jedoch im Frühjahr 1919 wieder abbrach. Anfang 1920 heiratete er in Berlin Hedwig Emma Ota Boehme (1894–1986), Tochter eines Eisenbahningenieurs aus Hannover. Beide lehnten die Institution Ehe ab, benötigten aber den Trauschein, um an eine Wohnung zu kommen. Im November 1921 wurde die Tochter Sonja geboren.

Verleger und Miteigentümer des Monte Verità Nach der vorzeitigen Beendigung des Studiums wurde Werner Ackermann in Berlin Teilhaber der Verlage Ackermann & Pungs sowie Morawe & Scheffelt. Er veröffentlichte u. a. Werke von Hans Bethge, Eugen Georg und Jeremias Gotthelf. Auch zwei Farblithographien von Lou Albert-Lasard, die Albert Einstein darstellen, wurden herausgegeben. Die wirtschaftlichen Umstände des Verlagswesens in der Anfangsphase der Weimarer Republik gestalteten sich jedoch immer schwieriger.

Der Zusammenbruch des deutschen Finanzsystems und die Hyperinflation veranlassten Werner Ackermann schließlich im August 1923 die Verlage zu verkaufen und woanders nach einer besseren Zukunft zu suchen. Mit seinen Berliner Freunden, dem Maler Hugo Wilkens und dem Rezitator und Kunstgewerbler Max Bethke, beschloss er, von Henri Oedenkoven die Künstlerkolonie Monte Verità in Ascona zu erwerben. Ein Teil des fehlenden Kapitals wurde von Verwandten seines Schwagers William Werner, der einer reichen Antwerpener Industriellenfamilie entstammte, zugeschossen.

Am 1. Februar 1924 wurde der Monte Verità nach größeren Renovierungs- und Umbauarbeiten als Künstlerhotel offiziell eröffnet. Dem Künstlerhotel Monte Verità war kein wirtschaftlicher Erfolg beschieden. Auf Druck der belgischen Geldgeber mussten Wilkens und Ackermann bereits im Herbst 1924 wieder aus der Eigentümergemeinschaft ausscheiden, wenig später wurde die Künstlerkolonie an den ehemaligen Bankier des deutschen Kaisers, Baron Eduard von der Heydt, verkauft. Ackermann und Wilkens blieben jedoch beide mit ihren Familien in Ascona. Werner Ackermann freundete sich mit dem russischen Baron Eduard von Erdberg, dem Biologen und Naturforscher Karl Soffel, dem Schriftsteller Max Picard und dem späteren Marionettentheaterregisseur Jakob Flach an.

Werner Ackermann war nun freier Schriftsteller. Neben Artikeln für Schweizer Zeitungen entstanden seit 1925 Beiträge für Die Weltbühne, die satirische Zeitschrift Das Stachelschwein von Hans Reimann und Die Annalen von Walter Muschg. Der Schwerpunkt seiner Arbeit lag allerdings bei seinen Theaterstücken. Er schrieb in dieser Zeit u. a. die Stücke Die Brücke, Fünf Akte Lotterie und Flucht nach Shanghai. Gelegentlich trat er mit dem deutschnationalen Dichter Werner von der Schulenburg und dem Dadaisten und Surrealisten Hans Arp bei Lyrik-Lesungen im Haus seines Schwagers William Werner auf.Vgl. Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Frauenfeld 2000. Er sah sich selbst als Kopfarbeiter und verlangte in einer polemischen Replik auf einen Artikel in der Zeitschrift der KPD Die Front, dass der Literat, der frei vom bürgerlichen Dünkel ist, wohl verlangen kann, dass ihm der Handarbeiter ohne Dünkel gegenübertritt.

Ackermann immer wieder interessierendes Thema war der Kolonialismus. In einem Essay nahm er 1927 den kritischen Reisebericht André Gides über den Kongo zum Anlass, sich mit den wieder auflebenden Kolonialinteressen in der Weimarer Republik auseinanderzusetzen, ein Interesse, das bis ins sozialistische Milieu hineinreichte. Für Ackermann war, im Unterschied zu Gide, der Kolonialismus zwangsläufig durch unbegrenzte Gewaltherrschaft charakterisiert und damit verbrecherisch. Daran sollte man sich aus seiner Sicht als Bürger nicht mitschuldig machen. Frühzeitig kritisierte er den Rassismus der weißen Siedler in Südafrika und sah den Befreiungskampf der Schwarzen bereits am Horizont heraufziehen, allerdings mit der Hoffnung, dass sich der Klassenkampf dem Rassenkampf hinzugesellen würde.

Auch an der Debatte um die Paneuropa-Idee von Graf Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi beteiligte sich Werner Ackermann 1926 und 1930. Zu den Mitgliedern der Paneuropa-Union gehörten u. a. Franz Werfel, Thomas Mann und Albert Einstein. Coudenhove und andere, darunter auch der Herausgeber der Weltbühne Carl von Ossietzky, sahen in einem geeinten Europa einen Ausweg aus der heraufziehenden Kriegsgefahr. Ackermann sah in der Paneuropa-Idee eine Gefahr, weil sie „ohne den ständigen Ausblick auf Weltstaat, proletarische Internationale oder herrschaftslose Gesellschaft ein Spielball zwischen unvereinbaren Interessen – also eine Bombe“ (bleiben müsse). Für Ossietzky eine Verkennung der damaligen Etappe europäischer Entwicklung.Vgl. Weltbühne vom 26. Januar 1930.

Die Vorstellung von der Staatenlosigkeit fand sich partiell wieder in den Grundsätzen der Cosmopolitischen Union, die er 1928 zusammen mit Kurt Zube und Ulrich von Beckerath gründete und deren provisorisches Sekretariat in Ascona eingerichtet wurde. Die Cosmopolitische Union wurde mit dem Machtantritt Hitlers 1933 wieder aufgelöst, viele ihrer Mitglieder gingen in die innere oder äußere Emigration. Trotzdem blieb Ackermann der Idee vom Weltstaat treu und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Mitglied in Joe Heydeckers Weltstaatliga.

Erste Erfolge Nach seiner Rückkehr nach Berlin Ende 1928 bemühte sich Werner Ackermann verstärkt um die Aufführung seiner Theaterstücke. Im Februar 1930 wurde sein Stück Flucht nach Shanghai von Fritz Jessner am Schauspielhaus Königsberg uraufgeführt. Eine bereits 1929 geplante Aufführung am Staatlichen Schauspiel zu Berlin unter der Regie von Leopold Jessner kam nicht mehr zustande, nachdem Jessner die Generalintendanz auf politischen Druck hatte aufgeben müssen. Herbert Ihering, einer der führenden Theaterkritiker der Weimarer Zeit, sah darin eine verpasste Gelegenheit für das Berliner Theater und schrieb:

Am 26. Oktober 1930 kam es noch zu einer einmaligen Aufführung des Stücks als „Gastspiel der Gruppe junger Schauspieler“ in einer Nachtvorstellung des Lessingtheaters in Berlin unter der Regie des jungen Max Ophüls.

1930 wurde das Theaterstück Kleists Tod, das Werner Ackermann zusammen mit dem Juden und Kommunisten Siegfried Lönnerstädter geschrieben hatte, als Hörspiel im Schweizer Radio uraufgeführt. Mit Lönnerstädter verfasste er auch die Funkgroteske Dr. Eisenbart. Es folgte im Januar 1931 die Uraufführung von Fünf Akte Lotterie am Frankfurter Künstler-Theater.

Daneben führte Werner Ackermann Auftragsarbeiten durch. Der Käufer des Monte Verità, Baron Eduard von der Heydt, beauftragte ihn ein Buch über die Geschichte der Künstlerkolonie zu schreiben, das 1930 im Adalbert Schultz Verlag, Berlin erschien und bis heute immer wieder aufgelegt wurde. Der pazifistische Druckereibesitzer und Verleger Paul Riechert finanzierte Ackermann 1931 einen halbjährigen Aufenthalt in St. Tropez, um über den Kampf des italienischen Sozialisten Matteotti gegen Mussolini zu recherchieren. Seit 1927 erschien bei Riechert die Deutsche Zukunft, ein Antikriegsblatt, und 1929 das eigenständige Beiblatt Die Friedensfront unter der Leitung von Arnold Kalisch als offizielles Organ der „Bund der Kriegsdienstgegner“. Zu deren Autoren gehörte auch Marcel van Diest, den Ackermann in Brüssel wiedertreffen sollte. Auf der Basis der Recherchen schrieb Ackermann den Roman Wehe dem Sieger und das gleichnamige Theaterstück. Die erste Auflage des Romans wurde kurz vor Auslieferung 1932 durch die SA, die den Riechert-Verlag stürmte und demolierte, fast vollständig vernichtet.

Europäisches Exil