mini|Die Lage von Campona am niederpannonischen Donaulimes mini|Wolfgang Lazius, Verfasser der ersten Beschreibung des Kastells mini|Befundplan des Kastells, Forschungsstand: 1990er Jahre mini|Blick über das Kastellareal zum beflaggten, nordöstlich gelegenen Sankt-Florian-Platz, der 2012/2013 in seiner heutigen Form eingerichtet wurde. mini|Zustand der Ausgrabungen an der Ecke Via principalis sinistra–Via praetoria, 2013

Das Kastell Campona war ein römisches Reiterlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am pannonischen Donaulimes (Limes Pannonicus) zuständig war. Der Strom bildete hier in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Das Bodendenkmal liegt im heutigen Nagytétény (), einer ehemals selbständigen Gemeinde am südwestlichen Stadtrand der ungarischen Hauptstadt Budapest (XXII. Budapester Bezirk). Das Fundmaterial aus dem Kastell zeugt von einer nachmilitärischen Nutzung durch die Zivilbevölkerung im 5. Jahrhundert. Einen breiten Raum im Fundbestand nimmt auch das relativ reiche Vorkommen an Inschriften, insbesondere von Grabsteinen und Altären, ein.

Lage Seit der Jungsteinzeit lässt sich eine kontinuierliche Besiedlung auf dem Gebiet von Nagytétény beobachten. So konnte Alföld-Linearkeramik der Želiezovce-Gruppe, der Bükker Kultur, der Badener Kultur und noch andere frühe Gruppen nachgewiesen werden.Jan Filip u. a.: Enzyklopädisches Handbuch zur Ur- und Frühgeschichte Europas. Band 1, Kohlhammer, Stuttgart 1966, S. 199. Bei der Ausgrabung eines römischen Turms der Wehrmauer fand sich unter den römischen Kulturschichten gleichfalls ein jungsteinzeitliches Hockergrab,Edit Thomas, László Vértes: Archäologische Funde in Ungarn. Corvina, Budapest 1956, S. 56. das Sándor Gallus jun. erstmals 1936 beschrieb.Sándor Gallus jun.: A nagytétényi neolitikus sír (Das Grab von Nagyteteny). In Archeológiai Értesítő. Bd. 49, Budapest 1936, S. 85–88. Später siedelte hier bis in die römische Zeit das spätkeltische Volk der Eravisker, das seinen Hauptsitz auf dem nördlicher gelegenen Gellértberg besaß. Aus Nagytétény sind unter anderem sogenannte Sechspfostenhäuser (Grubenhäuser) dieser Kultur beobachtet worden.Katalin Ottományi: Die spätlatènezeitlich-römische Siedlung von Budaörs. In: Acta archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae. Band 55, Nr. 1–3, Akadémiai Kiadó, Budapest 2005, S. 67–132, hier: S. 85. Im 20. Jahrhundert wurden im Werk Nagytétény der Budapester Chemischen Werke Lagerstätten mit Bleicherde abgebaut. Das Kastell Campona stand nahe am Donauufer, rund acht Kilometer südwestlich vom nächsten Garnisonsstandort Budapest-Albertfalva entfernt.Kastell Budapest-Albertfalva bei .Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 89.

Forschungsgeschichte Der Garnisonsort, dessen antiker Name in keiner der überlieferten römischen Quellen zu finden ist, geriet aufgrund seiner auch noch nach tausend Jahren – zumindest teilweise – noch aufrechtstehenden Baureste nie gänzlich in Vergessenheit. Der älteste Bericht über das Kastell stammt von dem Wiener Humanisten und Geschichtsschreiber Wolfgang Lazius (1514–1565). Er erwähnte dabei eine mächtige Basilica, deren Überreste damals noch zu sehen waren, identifizierte Campona allerdings noch irrtümlicherweise als Potentiana.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 89–90. Bei der Errichtung des um 1766 in seiner heutigen Form ausgebauten Schlosses Nagytétény (in der Literatur auch unter dem Namen Schloss Großteting bekannt) wurden seine rückwärtigen Gebäude – aufgrund der teilweise noch flurbestimmenden antiken Strukturen – exakt am Rand der östlichen Wehrmauer aufgezogen und überdecken deshalb auch nicht das Kastellareal. Während der Trassierung der Eisenbahnlinie zwischen Budapest und Fünfkirchen im 19. Jahrhundert kamen östlich des Kastells – zwischen den einstigen Kastellgräben und dem Donauufer – im Bereich des Vicus (Lagerdorf) – auch eine große Anzahl an Steindenkmälern, einige Sarkophage, die Überreste einer Wagenbestattung und diverse Grabbeigaben ans Tageslicht.László Kocsis: Campona Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 106.

Die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen im Kastellareal setzten ab 1935 unter der Leitung des Provinzialrömischen Archäologen István Paulovics (1892–1952) ein. Seine von ihm aus dem Lager und dem umgebenden Vicus geborgenen Funde wurden jedoch bedauerlicherweise im Zweiten Weltkrieg zerstört. Ein wichtiges Ergebnis seiner Untersuchungen war u. a. die zweifelsfreie Identifizierung des Lagers als das antike Campona. Dieser Name konnte bis heute nur an der Fundstelle selbst inschriftlich nachgewiesen werden. Eine Forschergeneration später trat Ferenc Fülep (1919–1986) die Nachfolge Paulovics’ an. Fülep war in den Jahren 1949 und 1952 sowie zwischen 1954 und 1957 in Campona tätig und schloss seine Feldforschungen 1960 mit einer umfangreichen Grabung ab. An eine Rettungsgrabung 1995 schloss sich ab Juli 1996 wieder eine größere Grabungskampagne im Kastellareal an, die von dem Provinzialrömischen Archäologen László Kocsis geleitet wurde.László Kocsis: Campona Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 107. Das Kastell ist heute zum größten Teil überbaut. Lediglich der Bereich des Vorlagers, die sog. Praetentura, blieb als Forschungs- und Grabungsareal erhalten. Die dort gelegenen Baureste, wie die Mauerstümpfe eines direkt an der Kreuzung der Via praetoria mit der Via principalis situierten Gebäudes sowie die Fundamente der Porta principalis sinistra (Osttor) und der Porta praetoria (Südtor) wurden konserviert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Baugeschichte Wehrmauer, Tore und Türme Das frühe Holz-Erde-Kastell wurde von der aus Aquincum (Budapest) abkommandierten germanischen Ala I Tungrorum Frontoniana möglicherweise noch während der letzten Regierungsjahre des Kaisers Domitian (81–96) auf dem Siedlungsgebiet der Eravisker, das damals zur Provinz Pannonia inferior (Unterpannonien) gehörte, errichtet..Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 90. Kocsis datierte den Erbauungszeitraum in das frühe 2. Jahrhundert.László Kocsis: Campona Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 108.

Der Ausbau des Kastells in Stein erfolgte durch die aus Thrakien stammende Ala I Thracum veterana sagittariorum cives Romanorum. Während viele Forscher diese Umbauten in die Frühzeit der Herrschaft von Kaiser Antoninus Pius (138–161) taxieren, sieht Kocsis die Zerstörung des Kastells während der Markomannenkriege (166–180) als Ursache für den Ausbau in Stein an.

Die Ausgrabungen von Paulovics und Fülep lieferten zahlreiche Belege der beiden Bauphasen. Anhand dieser Befunde wurde sehr bald deutlich, dass das rechteckige, 178 × 200 Meter große Steinkastell direkt über den einplanierten Resten des Holz-Erde-Lagers errichtet worden war. Die Fortifikation besaß den für römische Militärbauten dieser Zeit typischen Grundriss mit abgerundeten Ecken (Spielkartenform) und war mit einem doppelten Wehrgraben umgeben. In den vier Ecken stand je ein trapezförmiger Turm, der zeitgleich mit dem Bau der Wehrmauer – jedoch erst nach deren Vollendung – errichtet worden war. Der Bauplan sah auch je ein Tor an den beiden Längs- und Breitseiten vor, das von je zwei 4 × 3,5 Meter großen, quadratischen Türmen flankiert wurde. Die Prätorialfront mit der Porta praetoria war dem Feind zugewandt. In Campona waren dies die sarmatischen Jazygen, die im – am gegenüberliegenden Donauufer gelegenen – Barbaricum siedelten. Alle vier Durchfahrten waren doppelspurig ausgeführt und in der Mitte durch eine Spina (Trennmauer) voneinander separiert. Die Porta principalis sinistra maß insgesamt 21,1 × 5,3 Meter.

In einer späteren Umbauphase scheint das Kastell noch mit zwei zusätzlichen Zwischentürmen an jeder seiner vier Flanken ausgestattet worden zu sein. Dazu wurde die Wehrmauer in der gewünschten Turmbreite niedergelegt und dann der um eine Mauerbreite aus der Umwehrung vorspringender Zwischenturm eingebaut. Am Ende des 2. oder zu Beginn des 3. Jahrhunderts wurde vor die beiden Ecktürme an der Prätorialfront noch ein halbrunder Turm angebaut. Wie Fülep nachweisen konnten, waren baugleiche Exemplare auch an dem nordwestlichen und nordöstlichen Eckturm an der Dekumanfront (Rückseite) vorhanden, diese wurden bei der späteren Errichtung der nachfolgenden mächtigen fächerförmigen Türme fast vollständig abgebrochen.Ference Fülep in: Archaeologiai értesítő 84. Akadémiai Kiadó, Budapest 1957

Der Bau dieser an vielen Donaukastellen nachweisbaren Fächertürme, die aus allen Ecktürmen fächerförmige Bastionen machten, geschah in Campona möglicherweise aufgrund schwerer Verwüstungen, die unter anderem durch einen in diesem Raum gestoppten Angriff der Jazygen während der Regierungszeit Konstantins des Großen (306–337) im Jahr 322 verursacht worden waren.Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In Archaeologiai Értesitő 134, Budapest 2009, S. 33; Adolf Lippold (hrsg. von Gerhard H. Waldherr): Die Historia Augusta. Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07272-1, S. 377. Die Bauarbeiten könnten jedoch auch in die nachfolgenden Jahre vor der Mitte des 4. Jahrhunderts datieren.Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In Archaeologiai Értesitő. 134, Budapest 2009, S. 38. Eine in Zusammenhang mit gleichen Umbauten am Kastell Annamatia geborgene Münze aus der Regierungszeit des Kaisers Konstantin II. (337–340) könnte dabei den Terminus post quem liefern.Péter Kovács: Annamatia Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 120. Da die Fächertürme weit aus der Kastellmauer und dabei bis in den Bereich des inneren Kastellgraben ragten, musste dieser zugeschüttet werden. Er wurde durch einen etwas weiter entfernten Doppelgraben ersetzt. Die Ziegel für die damaligen Umbauarbeiten lieferte die in Aquincum stationierte Legio I Adiutrix (1. Legion „die Helferin“).

In dieselbe Zeit oder etwas später datiert der Verschluss der beiden Tore an den Längsseiten, der Porta principalis sinistra und der Porta principalis dextra, die mit einer U-förmigen Vormauer beziehungsweise einem entsprechenden Turm verschlossen wurden. Im Schutt der U-förmigen Vermauerung an der Porta decumana in Baracspuszta fand der Archäologe Péter Kovács 2005 insgesamt 50 gestempelte Ziegel des damaligen Oberkommandeurs der Provinz, Terentius, was eine ganz konkrete zeitliche Zuordnung dieser Baumaßnahme während der Regierungszeit des Kaisers Valentinian I. (364–375) zumindest für diesen Garnisonsort möglich macht.Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. Archaeologiai Értesitő 134. Budapest 2009, S. 52.