Georg Friedrich Ludwig Max August Tessin (* 16. Juni 1899 in Rostock; † 18. Oktober 1985 in Koblenz) war ein deutscher Militärhistoriker und Archivar, der insbesondere zu heereskundlichen Themen forschte.
Zur Zeit des Nationalsozialismus arbeitete er in erster Linie zur mecklenburgischen Militärgeschichte und zur regionalen Bauernforschung. In der Forschung wird Georg Tessin aufgrund seiner Unterstützung der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung in Mecklenburg auch als „Haus- und Hofhistoriker“ des dortigen NSDAP-Gauleiters Friedrich Hildebrandt bezeichnet.
Von 1954 bis 1964 arbeitete Tessin als Archivar am Bundesarchiv. In dieser Zeit fiel auf, dass er NS-Verbrechen beschönigte. In seinen Veröffentlichungen klammerte er diese Verbrechen aus, auch wenn die Quellenlage eine Thematisierung erlaubt hätte. Gleichwohl gelten seine auf dieser Archivarbeit basierenden Listen und Veröffentlichungen zu den deutschen Heeresverbänden unter Militärhistorikern als schätzenswertes Hilfsmittel.
Leben Herkunft, Sozialisation und Werdegang bis 1933 Georg Tessin war der Sohn des Realschullehrers Georg (Johann Karl) Tessin (1861–1921) und dessen Ehefrau Hermine (Marie Sophie), geborene Rein(e)cke (* 1869), die das Lehrerinnenseminar in Wolfenbüttel besucht hatte und als Erzieherin und Lehrerin tätig war. Sein Vater war der Sohn eines Erbpachtmüllers auf dem zwischen Rostock und Wismar gelegenen Gut Steinhagen; seine Mutter stammte aus kleinbäuerlichen Verhältnissen in der Magdeburger Börde. Nach den unveröffentlichten Lebenserinnerungen Tessins, die im Landeshauptarchiv Schwerin liegen und von dem dortigen Historiker und Archivar Matthias Manke ausgewertet wurden, war die Lieblingsbeschäftigung Georg Tessins und seiner beiden jüngeren Brüder als Kinder in der „Hauptsache […] das Soldatenspielen“. Immer wieder ist in diesen Erinnerungen eine große Nähe zu allem Militärischen seit Kindheitstagen zu erkennen. So hätten der Kaisergeburtstag, der Sedantag, die Verleihung des Namens „Kaiser Wilhelm“ an das mecklenburgische Füsilier-Regiment Nr. 90 oder manöverbedingte Einquartierungen prägende Eindrücke hinterlassen. Als besonders bereichernd habe Tessin den Zusammenschluss von Kindern erlebt, „die dieses Soldatenspielen nicht nur in den Ferien, sondern auch zu Hause und in der Schulzeit betreiben wollten“.Matthias Manke: Vom Hofhistoriker des Gauleiters zum Militärarchivar des Bundes – Der Archivar Georg Tessin im Staatsarchiv Schwerin und im Bundesarchiv Koblenz. In: Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart. Redaktion: Robert Kretzschmar in Verbindung mit Astrid M. Eckert, Heiner Schmitt, Dieter Speck und Klaus Wisotzky. Hrsg. vom Verband deutscher Archivarinnen und Archivare. Klartext Verlag, Essen 2007, S. 281–312, hier S. 284 f. Die Erinnerungen Tessins wurden nach seiner Pensionierung 1964 verfasst; daraus auch die beiden Zitate.
Obwohl Tessin wegen verkrüppelter Zehen und mehrfach operierter Oberschenkelknochen nur schwerfällig gehen konnte, wurde er vom Militär als verwendungsfähig gemustert. Nachdem er 1917 in seiner Heimatstadt das Abitur abgelegt hatte, wurde er an seinem 18. Geburtstag einberufen und nahm nach der Grundausbildung als Flugmelder am Ersten Weltkrieg teil. Nach dem Krieg trat er gemeinsam mit seinem Vater in die Deutsche Volkspartei (DVP) ein, weil es ihm, so Tessin in seinen Erinnerungen, reichte, wie sehr Linke hofften, dass „die rote Flut kommt“, und er wie sein Vater „von dieser Demokratie genug [hatte]“.Matthias Manke: Vom Hofhistoriker des Gauleiters zum Militärarchivar des Bundes – Der Archivar Georg Tessin im Staatsarchiv Schwerin und im Bundesarchiv Koblenz, S. 285. Von 1917 bis 1922 studierte er an der Universität Rostock zunächst Latein, Griechisch und Geschichtswissenschaften und wechselte dann von den beiden altsprachlichen Fächern zur Geographie und Volkswirtschaftslehre. Seinen Schwerpunkt in Geschichte legte er auf Vorlesungen bei Hermann Reincke-Bloch.Matthias Manke: Vom Hofhistoriker des Gauleiters zum Militärarchivar des Bundes – Der Archivar Georg Tessin im Staatsarchiv Schwerin und im Bundesarchiv Koblenz, S. 286f. Während seines Studiums wurde Tessin 1919 Mitglied der Burschenschaft Redaria Rostock.Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 497. Deren Mitglieder meldeten sich auf seinen Antrag vom 6. Januar 1920 hin geschlossen zu einem örtlichen Zeitfreiwilligen-Regiment, das am Kapp-Putsch teilnahm und ab dem 13. März 1920 zur Sicherung der von der Reichswehr geräumten Stadt Rostock eingesetzt wurde. 1922 wurde Tessin mit der Dissertation Geschichte des mecklenburgischen Militärwesens 1648–1718 promoviert. Das Thema hatte er sich mit dem Einverständnis Reincke-Blochs selbst gestellt, der die Studie jedoch nicht bis zu deren Abschluss betreuen konnte, so dass sie bei dessen Nachfolger Hans Spangenberg fertiggestellt wurde.Matthias Manke: Vom Hofhistoriker des Gauleiters zum Militärarchivar des Bundes – Der Archivar Georg Tessin im Staatsarchiv Schwerin und im Bundesarchiv Koblenz, S. 285–288.
Nach der Promotion wurde Tessin Lohnbuchhalter bei der Rostocker Neptun-Werft, im Jahr darauf Statistiker bei der DERUTA (Deutsch-russische Transport- und Lagergesellschaft) in Hamburg; er wurde bald zum Geschäftsführer des Reisedienstes dieser HAPAG-Tochtergesellschaft bestellt und nahm selbst an mehreren Reisen in die Sowjetunion teil. 1926 heiratete er seine Frau Vera. Nach Auflösung der DERUTA wurde er Leiter des HAPAG-Reisebüros in Hamburg. Von 1929 bis 1932 war er in gleicher Funktion in Magdeburg tätig. Da das dortige Büro aufgelöst werden sollte, bewarb er sich um die Zulassung für den Vorbereitungsdienst am Preußischen Institut für Archivwissenschaft in Berlin-Dahlem. Zum Erfolg der Bewerbung trug ein Empfehlungsschreiben seines Doktorvaters Hans Spangenberg an den Generaldirektor der preußischen Archivverwaltung bei.Matthias Manke: Vom Hofhistoriker des Gauleiters zum Militärarchivar des Bundes – Der Archivar Georg Tessin im Staatsarchiv Schwerin und im Bundesarchiv Koblenz, S. 290. Den Vorbereitungsdienst schloss Tessin mit einer Arbeit über das Archivwesen in Lateinamerika ab.Brün Meyer: Georg Tessin gestorben. [Nachruf]. In: Der Archivar. Jahrgang 39, 1986, Heft 3, Sp[alten] 403–406, hier Sp. 405; auf der Abschlussarbeit basierend Georg Tessin: Das Archivwesen Ibero-Amerikas. In: Archivalische Zeitschrift. Bd. 45, Dezember 1939, S. 239–289.
Zeit des Nationalsozialismus Parteieintritt und Einstellung als Archivar Zum 1. März 1932 trat Tessin der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.010.933)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/44271536 und schloss sich zu der Zeit auch der SA an.Matthias Manke: Vom Hofhistoriker des Gauleiters zum Militärarchivar des Bundes – Der Archivar Georg Tessin im Staatsarchiv Schwerin und im Bundesarchiv Koblenz, S. 290 f. 1933 wurde Tessin Archivar am Geheimen und Hauptarchiv Schwerin.
Das Prozedere der Einstellung war kompliziert: Nachdem Tessin bereits in den Sommerferien des Jahres 1932 einen Monat unentgeltlich im Geheimen und Hauptarchiv gearbeitet hatte, bewarb er sich für 1933 auf eine dort frei werdende Stelle. Da diese Archivratsstelle aber vom mecklenburgischen Finanzministerium zur Einsparung vorgeschlagen und damit zumindest vorübergehend blockiert war, wandte sich Tessin an den damaligen Unterrichts- und späteren Staatsminister Friedrich Scharf, der als Mitglied der Rostocker Burschenschaft Redaria sein „Bundesbruder“ war. Scharf wies seinen Referenten Reinhold Lobedanz an, Tessin zum 2. Mai 1933 zunächst ohne Vergütung ein Praxishalbjahr absolvieren zu lassen, was der Schweriner Archivdirektor Friedrich Stuhr als für den „Angehörigen einer der ältesten Behörden des Landes unmöglich“ bewertete, da Tessin nun „auf Geld vom Arbeitsamt angewiesen“ sei. Ab November 1933 erhielt er dann die kommissarische Stelle eines 2. Archivrates mit entsprechender Bezahlung und am 21. März 1934 wurde er zum Staatsarchivrat befördert.Matthias Manke: Vom Hofhistoriker des Gauleiters zum Militärarchivar des Bundes – Der Archivar Georg Tessin im Staatsarchiv Schwerin und im Bundesarchiv Koblenz, S. 292f.
Bauernforschungen In seinen Erinnerungen beschreibt Tessin den 1. Mai 1933 als seinen ersten Arbeitstag im Archiv, an dem er mit den Kollegen vom Staatsarchiv an der Maikundgebung „in SA-Uniform in Reih und Glied“ teilgenommen habe.Matthias Manke: Vom Hofhistoriker des Gauleiters zum Militärarchivar des Bundes – Der Archivar Georg Tessin im Staatsarchiv Schwerin und im Bundesarchiv Koblenz, S. 295. Im Rahmen seiner Archivtätigkeit arbeitete Tessin primär zur mecklenburgischen Militärgeschichte und zur regionalen Bauernforschung. Bei seinen Untersuchungen gelang es ihm einerseits, das bisher eher tabuisierte Bauernlegen durch die Ritterschaft mit Quellen sachlich zu belegen. Andererseits hatten diese Forschungen eine klare Stoßrichtung gegen die mecklenburgischen Großgrundbesitzer.Bernd Kasten: Politik und Landesgeschichte in Mecklenburg 1918–1945. In: Thomas Stamm-Huhlmann, Jürgen Elvert, Birgit Aschmann, Jens Hohensee (Hrsg.): Geschichtsbilder. Festschrift für Michael Salewski zum 65. Geburtstag. Franz Steiner, Stuttgart 2003, ISBN 978-3-515-08252-5, S. 443–451, hier S. 445.
In seinen historiographischen Veröffentlichungen befürwortete Tessin zudem den Nationalsozialismus, indem er hervorhob, „die Schäden der vergangenen Epoche konnte erst der nationalsozialistische Staat aus einer ganz anderen Auffassung von Individuum und Gesamtheit des Volkes heraus, aus einem instinktsicheren Blick für Verbundenheit von Volk und Boden durch das Erbhofgesetz beseitigen. […] Der nationalsozialistische Staat zerbricht um des deutschen Volkes willen jeden Widerstand. […] Die Siedlung schreitet fort. Mecklenburg soll wieder Bauernland werden, […] der deutsche Bauer aber marschiert, so lange es noch ein deutsches Volk gibt.“Georg Tessin: Der Mecklenburgische Bauer, seine Geschichte und sein Recht. In: Mecklenburg 29 (1934), S. 103. Zit. nach Matthias Manke: Vom Hofhistoriker des Gauleiters zum Militärarchivar des Bundes – Der Archivar Georg Tessin im Staatsarchiv Schwerin und im Bundesarchiv Koblenz, S. 296. In diesem Sinne publizierte Tessin auch zu bauerngeschichtlichen Themen im „Kampfblatt der NSDAP Mecklenburg“, dem Niederdeutschen Beobachter.Georg Tessin: Bauernlegung in Mecklenburg. Ein Beitrag zur Entstehung des Landarbeiterstandes. In: Niederdeutscher Beobachter. Kampfblatt der NSDAP Mecklenburg. Schwerin 1934 Nr. 105 u. 106, weiterhin Georg Tessin Ritter und Bauer in Mecklenburg. Die Tendenzschrift des H.J. von Gadow im Lichte der Wissenschaft. In: Niederdeutscher Beobachter. Schwerin 1935, Nr. 248.
Engagement für NS-Geschichtsschreibung und Zweiter Weltkrieg