miniatur|Wilhelm Kobelt (vor 1910)Das Porträtfoto stammt aus einer Serie von Aufnahmen, die am 19. Februar 1910 anlässlich Kobelts 70. Geburtstag in einer Sonderbeilage der Schwanheimer Zeitung veröffentlicht wurden. Auszugsweiser Nachdruck in Die Port Nr. 11, S. 13 Wilhelm Kobelt (* 20. Februar 1840 in Alsfeld; † 16. März 1916 in Schwanheim) war ein deutscher Arzt, Professor, Heimatforscher, Autor und Zoologe, speziell Malakologe (Molluskenkundler). Kobelt war im Jahr 1868 Mitgründer der Deutschen Malakozoologischen Gesellschaft in der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, deren Ehrenmitglied er war.
Leben und Werk Wilhelm Kobelt stammte aus einer Pfarrersfamilie. Sein gleichnamiger Vater (* 1809, † 1874) leitete von 1839 bis 1860 die Alsfelder Lateinschule, in der er auch seinen Sohn unterrichtete. Ein Mitschüler und Jugendfreund war der spätere SdAP-Mitgründer, Pädagoge und Privatgelehrte Samuel Spier, mit dem er anschließend auf das Gymnasium nach Gießen wechselte und am gleichen Ort auch studierte.Hans Michael Hensel (Hrsg.), John Gatt-Rutter: Italo Svevo, Samuel Spiers Schüler. Segnitz: Zenos Verlag 1996, 59, 62, 76–77. Kobelt studierte an der heute nach Justus von Liebig benannten Universität Gießen Medizin und promovierte dort im Jahr 1862 mit einer Arbeit über Kardiologie. Neben dem Studium hatte er sich mit biologischen und zoologischen Studien beschäftigt. Seine Tätigkeit als praktizierender Arzt nahm er nach dem Staatsexamen zunächst in der nassauischen Stadt Biedenkopf auf. 1866 heiratete er Amalie Jüngst. Zu ihr vgl.: Agnes Rummeleit: Schwanheimer WeibsBilder = die Port Nr. 21. Museumsbote des Heimat- und Geschichtsvereins Schwanheim e. V. Frankfurt 2016. ISBN 978-3-944542-12-6, S. 35–50.
Mit 29 Jahren zog Kobelt 1869 ins zuvor ebenfalls nassauische Schwanheim, ein Dorf südwestlich von Frankfurt am Main mit etwa 2000 Einwohnern.Schwanheim war zu Lebzeiten Kobelts ein eigenständiges Dorf. Es wurde erst im Jahr 1928 nach Frankfurt eingemeindet. Im selben Jahr trat er der in Frankfurt ansässigen Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft bei.Die Port Nr. 11, S. 4 In Schwanheim war Kobelt – als Vertragsarzt für den Ärztlichen Verein (Ortskrankenkasse) – der erste niedergelassene Arzt.Willi Nielbock: Professor Dr. Wilhelm Kobelt, in: Suenheim – Sweinheim – Schwanheim, S. 61 ff.Stadt Frankfurt am Main, Forstamt (Hrsg.): Historischer Wanderweg Schwanheim – Wanderweg zur Schwanheimer Geschichte und Vorgeschichte. Darin: Kapitel Kobeltruhe, S. 8 f. Dritte, korrigierte Auflage, Frankfurt am Main 2002 Hier erhielt er wegen seines Engagements für die Rechte der Arbeiterklasse die Beinamen „Roter Doktor“ und „der rote Kobelt“.Carsten Kretschmann: Räume öffnen sich: naturhistorische Museen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, Akademie Verlag 2006, ISBN 3-05-004202-8, Seite 231 online In Schwanheim gründete er unter anderem einen Arbeiterfortbildungsverein und einen Ausschuss für Volksvorlesungen; außerdem war Kobelt Mitgründer und Vorsitzender des Rhein-Mainischen Verbandes für Volksbildung.
mini|Wilhelm Kobelt (unten) im Darwin-Album von 1877 - Blatt 12 Er bekannte sich offen zum Darwinismus und beteiligte sich am Ehrengeschenk der deutschen Anhänger zu Darwins 69. Geburtstag, einem vom Rechnungsrat und Naturforscher Emil Rade (1832–1931) initiierten, von Ernst Haeckel geförderten und im Wesentlichen von Arthur Fitger mit insgesamt 21 Blättern gestalteten mit Silber-(und Gold-)beschlägen reich verzierten 50 cm hohen und 43 cm breiten Album (Darwin-Album von 1877),Das Album enthält insgesamt 165 Porträts und befindet sich heute noch in der Darwin Collection im Down House, London, Luxted Road, Downe, Orpington, BR6 7JT in dem ab Blatt 3 zahlreiche Fotografien seiner Anhänger in je ein bis zehn passepartoutartig geschnittenen Feldern eingefügt sind. Als Dr. W. Kobelt zu Schwanheim am Main wurde er auf Blatt 12 in diesem Album, das Darwin im Februar 1877 überreicht wurde, aufgenommen.Brunhild Gries: Emil Rade (1832–1931), sein Anteil an der naturkundlichen Erforschung Westfalens und das Darwin-Album von 1877. Abhandlungen aus dem Westfälischen Museum für Naturkunde, 68, 2, Münster 2006 (PDF)
Da ihn der Arztberuf nicht erfüllte, gab Wilhelm Kobelt 1880 im Alter von 40 Jahren seine Arztpraxis auf.Die Port Nr. 11, S. 6 Er beschäftigte sich darauf vermehrt mit naturwissenschaftlichen Studien und mit der Geschichte Schwanheims. Im Jahr 1888 war Kobelt der Herausgeber der ersten Chronik des Dorfes Schwanheim; außerdem ist er der Autor zahlreicher sozialpolitischer und kommunalpolitischer Aufsätze, die in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht wurden.
Wilhelm Kobelt wurde darüber hinaus zu einem führenden Mitglied der Frankfurter Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, und 1905 wurde ihm für seine wissenschaftlichen Verdienste der Titel Professor verliehen.Jahrbücher des Nassauischen Vereins für Naturkunde Durch den Einsatz Kobelts für das Frankfurter Senckenberg-Museum konnte dieses bis zum frühen 20. Jahrhundert eine Mollusken-Sammlung von internationalem Rang aufbauen. Wilhelm Kobelt starb am 16. März 1916 im Alter von 76 Jahren in seinem Wohnhaus in Schwanheim. Seine auf internationalen Forschungsreisen zusammengetragenen Tier- und Pflanzensammlungen vermachte er der Senckenbergischen Gesellschaft.
mini|Von Kobelt initiierte Erholungsstätte im Schwanheimer Wald, etwa 1910 mini|Frankfurter Gedenkstein für Amalie und Wilhelm Kobelt an der Kobeltruhe mini|Das Wilhelm-Kobelt-Haus beherbergt das Schwanheimer Heimatmuseum und die Stadtteilbücherei
Kobeltruhe und Kobelt-Zoo Seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte Wilhelm Kobelt sich für die Einrichtung einer öffentlichen Wald-Erholungsstätte an den Schwanheimer Wiesen engagiert – ein weitläufiges Weidegebiet im Wald südlich des Dorfes Schwanheim. Im Sommer 1908 wurde auf Anregung Kobelts am Nordrand der Rechten Wiese der Schwanheimer Wiesen eine Wald-Erholungsstätte für Rekonvaleszente und Invalide eingerichtet. Dies folgte der seit Anfang des 20. Jahrhunderts verbreiteten Praxis der Einrichtung von siedlungsnahen „Luftkurorten“, an denen sich Genesende nach ärztlicher Verordnung an frischer Luft aufhalten konnten. Träger der Einrichtung war ab September 1908 der Schwanheimer Krankenwagen-Verein e.V.Die Port Nr. 11, S. 7 Die Anlage bestand aus einer offenen Schutzhütte mit Bänken und Liegestühlen, einem Trinkwasser-Pumpbrunnen sowie mehreren Blumenbeeten und wurde ganzjährig genutzt. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde der Betrieb eingestellt.
Nach dem Tode von Amalie und Wilhelm Kobelt wurde zum Gedenken an deren Wirken am Ort der ehemaligen Wald-Erholungsstätte im Frankfurter Stadtwald an den Schwanheimer Wiesen ein Wald-Rastplatz eingerichtet, die Kobeltruhe. Mittelpunkt der Anlage ist ein im Jahr 1921 als Gedenkstein errichteter Findling, auf dem mit einer Inschrift an das Ehepaar Kobelt erinnert wird;Stadt Frankfurt am Main, Forstamt (Hrsg.): Vom Altheeg zum Vierherrnstein – Namen im Frankfurter Stadtwald. Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Kreisverband Frankfurt e. V., 1988, S. 72 Informationstafeln berichten vom Werk Kobelts und von der Geschichte des Ortes.
Noch im Jahr des Todes von Wilhelm Kobelt wurde seitens seiner Mitarbeiter und Freunde der Verein Biologische Gesellschaft Prof. Dr. Wilhelm Kobelt gegründet, der seit 1954 im Vereinsregister eingetragen ist. Aus dem Verein ging ab 1920 der Frankfurt-Schwanheimer Kobelt-Zoo hervor, gelegen am Waldrand im Süden des Ortes Schwanheim. Am 20. Dezember 2011 brach im Kobelt-Zoo ein Brand aus, bei dem über 100 Vögel verendeten.rp-online: 100 Vögel verbrannt
Weitere Ehrungen Um an Wilhelm Kobelt und dessen Engagement für Volksbildung und Heimatkunde zu erinnern wurde das ehemalige Schulhaus Alt-Schwanheims, das von 1827 bis 1835 erbaut worden war und das heute das Schwanheimer Heimatmuseum beherbergt, Wilhelm-Kobelt-Haus benannt.Seite des Heimatmuseums Schwanheim auf der Website museen-in-hessen.de (abgerufen am 3. November 2011) Außerdem trägt die Straße im Stadtteil Schwanheim, an der Kobelts Wohnhaus steht, seinen Namen (Wilhelm-Kobelt-Straße).
Werke (Auswahl) Malakologie Die Gattung Crassatella, Bauer & Raspe, Nürnberg 1886 Die Familie Bullidae, Bauer & Raspe, Nürnberg 1896 Die Familie der Columbelliden, Bauer & Raspe, Nürnberg 1897 Die Gattung Turritella, Bauer & Raspe, Nürnberg 1897 Catalog der gegenwärtig lebend bekannten Pneumonopomen zusammen mit Otto Franz von Möllendorf, Separat-Abdruck aus dem Nachrichtsblatt der Deutschen Malakozoologischen Gesellschaft (Nachdruck) (Hrsg.): Hartmann Verlag / Schwanheim, 1899 Online Cyclophoridae, Friedländer, Berlin 1902 Die Gattung Paludina, Bauer & Raspe, Nürnberg 1909 Die Verbreitung der Tierwelt, Tauchnitz, Leipzig 1920 Carlo von Erlanger: 1872–1904, Leinpfad-Verlag, Ingelheim 1997, ISBN 3-9805837-0-8
Heimatkunde Chronik des Dorfes Schwanheim am Main, 1888 Landwirthschaftliche Fragen und Antworten, im Auftrage des Fortbildungs und Bürgervereins in Schwanheim a. M. – Verlag von Max Stephani, Biedenkopf, Hessen-Nassau 1888Die Port Nr. 11, S. 12: Abbildung des Schmutztitels Die Gewann-, Flur- und Wegenamen der Gemarkung Schwanheim (Main). Annalen des Vereins für nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung, Band 39, 1909 OnlineStadt Frankfurt am Main, Forstamt (Hrsg.): Vom Altheeg zum Vierherrnstein – Namen im Frankfurter Stadtwald. Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Kreisverband Frankfurt e. V., 1988, S. 81 Heimatkunde und Heimatarbeit. Rhein-Mainischer Verband für Volksbildung, 1912 Der Schwanheimer Wald. 43. und 44. Bericht der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, 1912/1913 Beiträge zur Geschichte des Dorfes Schwanheim. Nassauische Annalen, Band 42, 1913Stadt Frankfurt am Main, Forstamt (Hrsg.): Historischer Wanderweg Schwanheim – Wanderweg zur Schwanheimer Geschichte und Vorgeschichte. Darin: Literaturverzeichnis, S. 58 f. Dritte, korrigierte Auflage, Frankfurt am Main 2002
Literatur Caesar-Rudolf Boettger: Wilhelm Kobelt, 20. Februar 1840 – 26. März 1916. Broschüre, 10 Seiten, veröffentlicht 1920Broschüre Wilhelm Kobelt, 20. Februar 1840 – 26. März 1916 auf books.google.de (abgerufen am 9. November 2011)
Willi Nielbock: Professor Dr. Wilhelm Kobelt. Biographisches Kapitel in: Josef Henrich (Hrsg.): Suenheim – Sweinheim – Schwanheim, S. 61–70. Verlag Franz Jos. Henrich, Frankfurt am Main 1971 Heimat- und Geschichtsverein Schwanheim e. V. (Hrsg.): Die Port – Museumsbote Nr. 11, November 1990. Themenheft zum 150. Geburtstag Wilhelm Kobelts
Weblinks
Wilhelm Kobelt auf der Website des Kobelt-Zoos in Frankfurt-Schwanheim Wilhelm Kobelt in einer Auflistung deutscher Malakologen auf senckenberg.de
Tagebücher von Dr. W. Kobelt, digitalisiert durch das Heimatmuseum Schwanheim
Einzelnachweise
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