mini|Seite aus dem Register der Sainte-Croix in Bernay (16. Jahrhundert) Eine (‚Bruderschaft der Barmherzigkeit‘) ist eine katholische Bruderschaft von Laien einer Pfarrei in der Normandie in Frankreich. Die Bruderschaften werden in französischer Sprache oft kurz und ihre Mitglieder genannt.Confréries de charité en Normandie S. 3 Die Bruderschaften sind dem jeweiligen Schutzpatron ihrer Pfarrei gewidmet. Heute gibt es 116 im Département Eure, fünf im Département Seine-Maritime und 45 im Pays d’Auge im Département Calvados.Confréries de charité en Normandie S. 12Confluence 2011 S. 12 Ihre wichtigste Aufgabe ist der Trauerzug und die Bestattung von verstorbenen Mitgliedern der Pfarrgemeinde.Archives de Normandie S. 174 Bruderschaften, die den ähneln, gibt es auch in anderen Gegenden Frankreichs.

Aufgaben Die ursprüngliche Aufgabe der umfasste außer dem Trauerzug und der Bestattung, die Unterstützung der Brüder und ihrer Familien in Notzeiten, Hilfe für Kranke, Witwen und Waisen. Einige der modernen Bruderschaften konzentrieren sich auf Beerdigungen, andere widmen sich auch der karitativen Arbeit. Am Gedenktag ihres jeweiligen Heiligen veranstalten die Bruderschaften noch heute Prozessionen.Archives de Normandie S. 174–177

Aufbau mini|hochkant|Kleidung eines échevin Eine besteht aus 10 bis 15 Mitgliedern.Confluence 2011 S. 7 Der Leiter der Bruderschaft wird échevin (‚Schöffe‘) genannt. Der nächste in der Rangfolge ist der prévot (‚Propst‘). Die übrigen werden ihrer Funktion nach bezeichnet. Die tintenelliers gehen bei Prozessionen voran, rufen den Namen des Verstorbenen und läuten kleine Glocken,Rituels funéraires en Normandie S. 81 der clerc (‚Kleriker‘) assistiert dem Pfarrer während der Messe, die anderen sind frères (‚Brüder‘) ohne festgelegte Funktion. Der Ausdruck Frère ist synonym zu . Der Schöffe amtiert nur für ein bis drei Jahre, dann wird der Propst zum Schöffen und einer der Brüder wird Propst. Der ehemalige Schöffe wird antique genannt. Der Titel antique wird auf Lebenszeit verliehen.Archives de Normandie S. 176f Nach ihrer Dienstzeit erhalten die ehemaligen Brüder eine Urkunde, die ihre Zugehörigkeit zur bestätigt und ihnen ein freies Begräbnis durch die Bruderschaft zusichert.Confréries de charité en Normandie S. 23f

Geschichte Ursprünge Die ältesten von Eure wurden in Menneval, Folleville und Landepéreuse im Jahr 1080 gegründet, in Orbec in Calvados schon im Jahr 1006. Diese Daten sind allerdings nicht nachweisbar, da sie mündlich überliefert wurden. Die ersten schriftlichen Satzungen stammen aus dem Ende des 14. Jahrhunderts, zum Beispiel das Register der von Bernay.Rituels funéraires en Normandie S. 80fLe registre de la Charité des Cordeliers de Bernay S. 4 Besondere Bedeutung hatten die Bruderschaften von 1348 bis 1349 zur Zeit des Schwarzen Todes. Die Brüder begleiteten zu jener Zeit auch Begräbnisse in anderen Pfarreien, verbrannten nach der Beerdigung die Kleidung des Verstorbenen und sorgten für dessen Familie. Im 15. Jahrhundert litt die Bevölkerung unter den Folgen des Hundertjährigen Kriegs (1337–1453). Das 14. und 15. Jahrhundert war dadurch die Blütezeit der .Confluence 2011 S. 6Confréries de charité en Normandie S. 8

mini|hochkant|Seite aus dem Jahr 1682 im Register der Bruderschaft Sainte-Croix in Bernay

Im 16. Jahrhundert wurden die Bruderschaften zur Rekatholisierung im Zuge der Gegenreformation eingesetzt. Ab dem 17. Jahrhundert gab es Bestrebungen der Kirche, die Unabhängigkeit der Bruderschaften zu überwachen und später auch zu beschneiden. Die Kirche führte Regeln ein, an die sich die Bruderschaften halten mussten. Damit sollte verhindert werden, dass die Bruderschaften eine Konkurrenz zur Kirche darstellten. Nun durfte zum Beispiel bei der Amtseinführung des neuen Schöffen kein Brot und geweihtes Wasser mehr ausgeteilt werden.Confréries de charité en Normandie S. 14f

Laut Michel Bée gab es zu Beginn des 18. Jahrhunderts fast 900 in der Normandie.Confréries de charité en Normandie S. 9

Französische Revolution Am 18. August 1792 wurden die Bruderschaften im Zuge der Entchristianisierung durch die Französische Revolution (1789–1799) aufgelöst und ihre Besitztümer konfisziert. Für die Gemeinden war das Fehlen der Bruderschaften ein Problem. Einige der Bruderschaften formierten sich als säkulare Gemeinschaft neu, andere agierten heimlich im Untergrund.Confluence 2011 S. 11 Die von Honfleur nannte sich ab 1793 Citoyens servant volontairement pour les inhumations (etwa: ‚Bürger, die freiwillig Beerdigungen veranstalten‘).Confréries de charité en Normandie S. 21

Konkordat von 1801 Im Zuge des Konkordats von 1801 wurden die wieder erlaubt. 1805 veröffentlichte Jean-Baptiste Boulier, der Bischof von Évreux, das Regelwerk der . Sie unterstanden der lokalen Gendarmerie nationale und dem Klerus. 1842 erließ der Bischof Nicolas-Théodore Olivier neue Regeln. Er verbot die Anbetung von Kreuzen außerhalb der Kirche und die freie Wahl des Schutzheiligen. Einige Bruderschaften lösten sich daraufhin auf.Confréries de charité en Normandie S. 16f 1843 gab es 550 im Bistum Évreux.Rituels funéraires en Normandie S. 82f mini|hochkant| von Louis-Émile Minet (1841–1923) Im 19. Jahrhundert wurde der Tod distanzierter betrachtet, die Familie des Verstorbenen trat in den Vordergrund. Die sozialen Unterschiede wurden nun auch in den Ritualen der Bruderschaften deutlich.Rituels funéraires en Normandie S. 83 Die Bestattungen waren nur für Mitglieder der Bruderschaft und bedürftige Personen oder Familien umsonst. Andere Gemeindemitglieder mussten für die Dienste bezahlen. Die Bruderschaft von Sacquenville (Eure) bot gegen Ende des 19. Jahrhunderts drei unterschiedliche Versionen der Bestattung an, die besonders prunkvolle Bestattung kostete 200 Francs, die einfache Bestattung 60 Francs und bei der kostenlosen Bestattung waren weniger Brüder anwesend. Die Bruderschaft von Sacquenville unternahm einmal im Jahr eine Spendensammlung in der Gemeinde. Die Spender wurden notiert und brauchten dann für die Bestattung nicht zu bezahlen. Ähnliche Regelungen gab es auch bei den anderen Bruderschaften.Archives de Normandie S. 174–176Rituels funéraires en Normandie S. 84

Schon früher hatte es geringfügige, interne Strafen von einem Franc oder einigen Centimes für Brüder gegeben, die sich während der Zeremonien nicht entsprechend benahmen, oder einer Veranstaltung fernblieben.Archives de Normandie S. 176 Im 19. Jahrhundert wurde der Katalog der Strafen stark erweitert. Bei der von Goupillières (Eure) umfasste der Strafenkatalog 201 Artikel mit mehreren Paragraphen. Dort kostete es zum Beispiel 3 Francs den Körper des Toten wegen Trunkenheit fallen zu lassen, nur 2 Francs, wenn es aus Ungeschicklichkeit geschah.Rituels funéraires en Normandie S. 84f Durch die Landflucht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sanken die Mitgliederzahlen.

Neuorganisation mini|Charitons der von Giverville Per Gesetz vom 28. Dezember 1904 oblag es den Gemeinden, Beerdigungen zu organisieren. Dies war eine Maßnahme im Zuge der Trennung von Kirche und Staat. Dann sanken die Mitgliederzahlen der Bruderschaften durch den Ersten Weltkrieg (1914–1918) erneut bedeutend ab.

1947 kam es in Giverville anlässlich der Feier des 700-jährigen Bestehens der dortigen zu einer Versammlung von über 80 Bruderschaften. 1948 wurde daraufhin die Union des Charités du diocèse d’Évreux gegründet, eine Vereinigung der Bruderschaften des Bistums Évreux. Die Bruderschaften des Pays d’Auge gründeten 1964 einen Verein der Charités du diocèse de Bayeux.Confréries de charité en Normandie S. 19 Die Bruderschaften treffen sich seitdem alle fünf Jahre. 2005 trafen sich über 700 Brüder in Le Bec-Hellouin.

Bedroht wird der Bestand der heute dadurch, dass die Pfarreien umgruppiert und Kirchen geschlossen werden. 1997 wurden die 720 Pfarreien des Bistums Bayeux zu 51 Pfarreien umgruppiert. Die Bruderschaften fühlen sich mit ihren Gemeinden verbunden.Confréries de charité en Normandie S. 20 Außerdem werden die Mitglieder immer älter. Im Jahr 1996 befragte Fabienne Cosset 108 Brüder von 10 Bruderschaften nach ihrem Alter und ihrem Beruf. 40 Prozent waren im Ruhestand und 46 Prozent waren über 60 Jahre alt. Im 19. Jahrhundert waren die Brüder wesentlich jünger und meist in der Landwirtschaft tätig, wo sie ihre Zeit selbst einteilen konnten. Inzwischen müssen viele Bruderschaften andere Dorfbewohner zu Hilfe rufen, da die Brüder den Sarg nicht mehr tragen können.Confréries de charité en Normandie S. 28f

Martine Segalen erklärt das Überleben der im ländlichen Bereich damit, dass Todesfälle immer noch das ganze Dorf interessieren. Das Bestattungsritual hat sich allerdings verändert, es beginnt nicht mehr am Haus des Verstorbenen, sondern in der Kirche. Die meisten Bruderschaften haben ihre internen Regeln modernisiert. Manche Bruderschaften beerdigen wieder umsonst, andere erheben geringe Gebühren, die weit unter denen normaler Bestattungsunternehmen liegen.Rituels funéraires en Normandie S. 85f Vereinzelt gibt es Neugründungen von . In Eure wurde die Bruderschaft von Manneville-sur-Risle 1992 gegründet, La Trinité-de-Réville 1995 und Fontaine-Bellenger im Jahr 2010.

Utensilien Kleidung mini|Zwei Schärpen und ein Tappert Im 19. Jahrhundert bestand die Kleidung der Brüder aus der schwarzen soutanelle, die an eine Soutane erinnert, aber kürzer und weiter geschnitten ist, einem Beffchen, einem eckigen schwarzen Barett mit besticktem Rand, einem Überwurf und einer Schärpe, die über die linke Schulter gelegt und an der rechten Seite in Höhe der Taille befestigt wird. Die Schärpen wurden im Laufe der Jahrhunderte breiter, bunter und stärker verziert. Gesicht und Hände des Patrons der Bruderschaft wurden auf Leinwand gemalt und auf die Schärpe genäht, die Kleidung des Heiligen wurde aufgestickt, darum rankten sich Phantasiemotive aus Gold- oder Silberfäden. Besonders wohlhabende Bruderschaften besaßen zwei Garnituren an Schärpen. Die tintenelliers tragen eine Art Dalmatik, die tabard (‚Tappert‘) genannt wird. Der Tappert ist reich bestickt.Confluence 2011 S. 8 Heute wird meist nur noch die Schärpe, manchmal auch der Tappert getragen.

Sonstige Gegenstände mini|links|Prozessionskerzenständer Bei Prozessionen tragen die Brüder bemalte Kerzenständer, kleine Heiligenfiguren oder Kreuze auf langen Stangen. Die Kerzenständer nennt man toulie. Andere tragen bestickte Fahnen. Die Fahnen sind mit den Namen der Bruderschaften versehen und zeigen auf der Vorderseite den jeweiligen Heiligen, auf der Rückseite die Jungfrau Maria. Die Jahreszahlen auf den Fahnen entsprechen entweder dem Jahr der Gründung der Bruderschaft oder dem Jahr der Herstellung der Fahne.Religion, culture et société S. 278

mini|Das maison de charité von Saint-Cyr-de-Salerne

Andere wichtige Gegenstände der Bruderschaften sind: ein Teller für die Kollekte, ein Register, in dem die Namen der verzeichnet werden und das matrologue genannt wird, eine Truhe mit drei Schlössern, ein besticktes Bahrtuch und ein Leichenwagen. Die Schlüssel für die Truhe besitzen der Schöffe, der Propst und der clerc. Im 18. Jahrhundert hatten die Truhen zwei Schlösser, die Schlüssel besaßen der Pfarrer des Ortes und der Schöffe. Damit sollte vermieden werden, dass die Bruderschaften eigenmächtig Prozessionen oder Beerdigungen veranstalteten.Confrerie de charité en Normandie S. 14 Zur Aufbewahrung der Gegenstände diente ein Verschlag hinter der Kirche oder eine kleine Hütte, die maison de charité (‚Haus der Barmherzigkeit‘) genannt wird. Einige dieser Gebäude existieren noch.

Weibliche