mini|Ernest Hemingway mit dem Kommandanten der XI. Internationalen Brigade, Ludwig Renn, im Spanischen Bürgerkrieg 1936 Old Man at the Bridge (dt. Alter Mann an der Brücke in der Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst, 1950) ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway, die erstmals im Mai 1938 in der Zeitschrift Ken veröffentlicht wurde und unter den Eindrücken des Spanischen Bürgerkriegs entstand. Vgl. Carlos Baker: Hemingway - The Writer as Artist, Princeton University Press, 4. Auflage 1972, ISBN 0-691-01305-5, S. 238 und 416. Zu der Erstpublikation siehe auch Hemingway and The Magazines. Auf: University Libraries South Carolina. Abgerufen am 26. Mai 2015.
Die im März und April 1938 verfasste Kurzgeschichte wurde in demselben Jahr auch in einen Sammelband mit weiteren kürzeren Erzählungen Hemingways aufgenommen, der u. a. Schnee auf dem Kilimandscharo enthält. Mit der Zeit avancierte sie zu einer der bekanntesten Kurzgeschichten Hemingways.Die Originalfassung wurde in Buchform erstmals 1938 in der Sammlung The Short Stories of Ernest Hemingway : the First Forty-nine Stories and the Play The Fifth Column im Verlag Modern Library in New York veröffentlicht und seitdem in verschiedenen Sammlungen und Anthologien erneut abgedruckt. Die deutsche Übertragung von Anne-Marie Horschitz-Horst wurde erstmals in der Sammlung Ernest Hemingway· 49 stories im Rowohlt Verlag Hamburg 1950 publiziert und später in verschiedenen Lizenzauflagen neu herausgegeben, interessanterweise u. a. 1977 auch in der damaligen DDR im (Ost-)Berliner Aufbau-Verlag.
Inhalt Die äußerst kurze Handlung beschreibt, wie Zivilisten im Spanischen Bürgerkrieg vor der Artillerie der näher kommenden faschistischen Front flüchten. Der Ich-Erzähler ist offensichtlich ein Offizier, der laut eigenen Aussagen den Befehl hat, die für die Flüchtlinge behelfsmäßig eingerichtete Brücke zu überqueren, um den Brückenkopf zu erkunden und die Feindbewegung zu beobachten. Anscheinend soll er sich im Auftrag der republikanischen Regierung um die Evakuierung der Zivilisten kümmern. Der Erzähler gerät in ein Gespräch mit einem alten Mann aus San Carlos, der nach der Aufforderung, seine Heimatstadt zu verlassen, sich jedoch nach dem Überqueren der Pontonbrücke abseits vom Flüchtlingsstrom verstaubt am Straßenrand niedergelassen hat, statt seine Flucht fortzusetzen. Er sagt von sich selbst, dass er zu müde sei weiter zu gehen, und er macht sich Sorgen um seine Tiere, die er auf seiner kleinen Farm zurücklassen musste. Der Ich-Erzähler versucht vergeblich, den alten Mann dazu zu bewegen, die Brücke zu überqueren, um sich vor der heranrückenden Front in Sicherheit zu bringen. Nach einem kurzen Gespräch zieht der Erzähler weiter und lässt den alten Mann zurück. Dieser führt inzwischen ein Selbstgespräch, in dem er von sich sagt, dass er doch nicht mehr getan habe als Tiere zu hüten.
Interpretationsansatz
Die Tatsache, dass der alte Mann seine Tiere hat verlassen müssen, macht für ihn den Versuch, die Flucht fortzusetzen, sinnlos. Die Kurzgeschichte thematisiert damit die Unsinnigkeit der Flucht und indirekt auch die Widersinnigkeit des Krieges überhaupt. Die Schlussbemerkungen des alten Mannes drücken, wie Paul Goetsch in seiner Interpretation der Kurzgeschichte ausführt, „lakonisch den Stoizismus des Hemingwayschen Helden aus, der sich stets in das Unabänderliche“ fügt.Paul Goetsch: Der Umfang von Hemingways „Old Man at the Bridge“. In: Paul Goetsch (Hrsg.): Studien und Materialien zur Short Story. Diesterweg Verlag, 3. Aufl., Frankfurt a. M. et al. 1978, ISBN 3-425-04215-7, S. 92 und 94 f. Erst als der alte Mann nicht mehr für den Ich-Erzähler, sondern für sich die Sinnlosigkeit seiner Situation zusammenfasst (im Original: „I was taking care of animals … I was only taking care of animals“), begreift der Erzähler, dass der alte Mann seine Zukunft mit der Heimat verloren hat. Obwohl die äußere Situation im Hinblick auf den Protagonisten in der gesamten Kurzgeschichte sich nicht ändert, wandelt sich das Verhältnis der beiden Hauptcharaktere zueinander als Prozess der Annäherung und Entfremdung zugleich. Jedes Mal, wenn der Erzähler den alten Mann zum Aufbruch drängt, bedankt sich der alte Mann für die Anteilnahme, distanziert sich aber gleichzeitig, da eine Fortsetzung der Flucht für ihn sinnlos ist. Die Handlung findet ironischerweise an einem Ostersonntag statt.Paul Goetsch: Der Umfang von Hemingways „Old Man at the Bridge“. In: Paul Goetsch (Hrsg.): Studien und Materialien zur Short Story. Diesterweg Verlag, 3. Aufl., Frankfurt a. M. et al. 1978, ISBN 3-425-04215-7, S. 94 ff.
Old Man at the Bridge ist eine der kürzesten Short Stories, die Hemingway geschrieben hat. Trotz der realen historischen Einbettung wird jedoch nicht ausschließlich ein Geschehen im Spanischen Bürgerkrieg thematisiert. In dieser Kurzgeschichte gestaltet Hemingway in wenigen Sätzen ein nahezu „archetypisches menschliches Schicksal“, indem die ganze Sinnlosigkeit des Krieges überhaupt sowie die Hilflosigkeit der unschuldigen Opfer an dem Beispiel des harmlosen, friedlichen alten Mannes, dessen ganze Sorge nur seinen Tieren gegolten hat, beispielhaft beleuchtet wird. Die Aussage der Geschichte erhält derart eine zeitlose, universelle Gültigkeit jenseits der wenigen individuellen Züge, mit denen Hemingway den alten Mann und den Offizier in dieser Kurzgeschichte zeichnet.Gerd Kaiser: Stundenblätter Hemingway Short Stories · Indian Camp / The Killers / The Battler / Old Man at the Bridge. Klett Verlag Stuttgart 1984, ISBN 3-12-925151-0, S. 67 und 73. Vgl. auch detailliert Paul Goetsch: Der Umfang von Hemingways „Old Man at the Bridge“. In: Paul Goetsch (Hrsg.): Studien und Materialien zur Short Story. Diesterweg Verlag, 3. Aufl., Frankfurt a. M. et al. 1978, ISBN 3-425-04215-7, S. 86–88.
Erzähltechnische Gestaltung Neben der Hilflosigkeit des alten Mannes und des Offiziers wird in Alter Mann an der Brücke erzähltechnisch auf engstem Raum eine Fluchtbewegung eingefangen, an der zahlreiche Soldaten und Zivilisten teilnehmen. Anfangs überqueren Flüchtlinge zu Fuß, in Karren und Lastwagen die Behelfsbrücke, erst allmählich lässt der Flüchtlingsstrom im Verlauf der Geschichte nach, um dann ganz zu versiegen. Gegen Ende der Erzählung sind die Lastwagen, die den alten Mann noch mitnehmen könnten, bereits weit entfernt auf der Straße nach Tortosa, die Feindberührung steht unmittelbar bevor.
Der Offizier ist von seinem Erkundungsgang zurückgekehrt, möglicherweise um die Sprengung der Brücke einzuleiten. Die Fülle der Ereignisse nimmt eine geraume Zeit des Ostersonntags ein; darüber hinaus greift Hemingways Erzählung stellenweise über die Gegenwartshandlung hinaus und verweist sowohl auf die Vergangenheit als auch die Zukunft; analog ist der Handlungsrahmen nicht nur auf den Nahraum begrenzt, sondern bezieht auch den zweifach geteilten Fernraum mit ein. Tortosa und Barcelona verweisen auf den Fluchtraum jenseits des Ebro, San Carlos konkretisiert dagegen die in die Hand der faschistischen Truppen gefallene Heimat des alten Mannes.Paul Goetsch: Der Umfang von Hemingways „Old Man at the Bridge“. In: Paul Goetsch (Hrsg.): Studien und Materialien zur Short Story. Diesterweg Verlag, 3. Aufl., Frankfurt a. M. et al. 1978, ISBN 3-425-04215-7, S. 87. Diese kontrastive Aufteilung des realen Raums in ein „Diesseits“ und ein „Jenseits“ des Ebro entspricht der dualistischen Gliederung der handlungsbestimmenden Motive und der Handlung selbst in eine „Vorwärts-“ und eine „Rückwärtsorientierung“ und spiegelt damit die Zerrissenheit der Kriegssituation.Vgl. Reiner Poppe: Old Man at the Bridge. In: Reiner Poppe: Ernest Hemingway · Aus dem Erzählwerk · Untersuchungen und Kommentare, S. 65.
Der thematische Stoff der Erzählung wird von Hemingway mit Hilfe verschiedener Darstellungsprinzipien und -techniken in extremer Form verdichtet. Die menschliche Tragik und die Implikationen der Flucht im Krieg werden beispielhaft dargeboten; die Gesamtsituation bleibt dabei umrisshaft und wird nur ansatzweise individualisiert, um die Darstellung in der Geschichte ganz auf typische Ereignisse während der Flucht zu konzentrieren: Hemingways Intention ist es dabei, „das Allgemeine am Einzelfall zu illustrieren“.Paul Goetsch: Der Umfang von Hemingways „Old Man at the Bridge“. In: Paul Goetsch (Hrsg.): Studien und Materialien zur Short Story. Diesterweg Verlag, 3. Aufl., Frankfurt a. M. et al. 1978, ISBN 3-425-04215-7, S. 88.
Der Wechsel der Erzählformen in der Geschichte zeigt die unterschiedliche Raffungsintensität in der Darstellung. Im Anfangsteil beginnt die Kurzgeschichte mit einer Zusammenfassung verschiedener Vorgänge, deren Dauer durch den wiederholten Hinweis auf den alten Mann, der die ganze Zeit lang regungslos dasitzt, näher bestimmt wird. Um den Kontrast zwischen der Bewegung des Flüchtlingsstroms und der Bewegungslosigkeit des alten Mannes weiter zu betonen, geht Hemingway im zweiten Absatz von der durativen Raffung zur Sprungraffung über. Der Ich-Erzähler beschreibt knapp seinen militärischen Auftrag und gibt einen Kurzbericht über seinen längere Zeit dauernden Erkundungsgang. Nach der erneuten Beobachtung der Flüchtlinge, während der alte Mann weiterhin am Straßenrand verharrt, greift Hemingway überwiegend auf das Mittel der szenischen Gestaltung zurück.Paul Goetsch: Der Umfang von Hemingways „Old Man at the Bridge“. In: Paul Goetsch (Hrsg.): Studien und Materialien zur Short Story. Diesterweg Verlag, 3. Aufl., Frankfurt a. M. et al. 1978, ISBN 3-425-04215-7, S. 88 f.
Der Dialog wird erstmals unterbrochen, als der Offizier seine Tätigkeit als Beobachter wieder aufnimmt und das Ergebnis wiederum in durativer Raffung zusammenfasst. In seinem Gespräch mit dem alten Mann ist sich der Ich-Erzähler der Gesamtsituation bewusst, erfragt nur das, was zur Klärung der besonderen Situation des alten Manners erforderlich ist. Der in den szenischen Partien angelegte Gegensatz von Aktivität und Passivität, von Bewegung und Starrheit trägt weiterhin zur thematischen Straffung bei; alle Ereignisse werden von Hemingway auf das Thema der Flucht hin gespiegelt oder moduliert. Zweimal drängt der Ich-Erzähler zum Aufbruch; der alte Mann ist jedoch nicht in der Lage, seine Flucht fortzusetzen, deshalb genügt ein kurzer Kommentar, um die Erzählung abzuschließen.Paul Goetsch: Der Umfang von Hemingways „Old Man at the Bridge“. In: Paul Goetsch (Hrsg.): Studien und Materialien zur Short Story. Diesterweg Verlag, 3. Aufl., Frankfurt a. M. et al. 1978, ISBN 3-425-04215-7, S. 89.
Neben der Typisierung der beiden Hauptfiguren ist Hemingways Handhabung des Erzählstandpunktes in dieser Kurzgeschichte auffällig. Das erzählende Ich wird nur eingesetzt, um Vorgänge oder Ereignisse summarisch darzulegen; der Hauptvorgang wird in der Sichtweise des Offiziers aus der Perspektive des erlebenden Ichs vermittelt. Dieser Wechsel der Erzählperspektive ermöglicht die Aussparung für die Aussage der Geschichte nebensächlicher Details wie beispielsweise die Vergangenheit oder das weitere Schicksal des Offiziers. Ebenso entfällt die Reflexion über das Erlebte im Moment des Erlebens; der Erzähler beschränkt sich auf die Wiedergabe seiner Wahrnehmungen und der dialogischen Äußerungen; die Betrachtungen des erlebenden Ichs werden, wie Goetsch in seiner Analyse der Erzählung ausführt, auf ein Minimum reduziert. So erfährt der Leser von dem Ich-Erzähler explizit nicht einmal ansatzweise, was das Schicksal des alten Mannes an der Brücke für ihn bedeutet; ein derartiger Kommentar des Erzählers ist jedoch auf Grund der gesamten Anlage dieser short story überflüssig; das Vermeiden einer Selbstreflexion oder einer Darstellung der Empfindungen oder Gefühle des Ich-Erzählers hebt hervor, wie sehr der Erzähler im Gegensatz zu dem alten Mann auf die gegenwärtige faktische Situation und seine Aufgabe der Beobachtung der Flüchtlinge und feindlichen Truppenbewegungen konzentriert ist.