mini|Druck der Historiae adversus paganos von 1561 Paulus Orosius (* um 385; † nach 418) war ein in Hispanien (möglicherweise in Braga in der römischen Provinz Gallaecia) geborener spätantiker Historiker und christlicher Theologe. Er lebte in der Spätphase des Römischen Reichs, reiste um 414 nach Nordafrika und wurde dort Student des Kirchenvaters Augustinus. Er suchte dessen Unterstützung in seinem Kampf gegen den von ihm als christliche Irrlehre betrachteten Priscillianismus. 415 begab er sich nach Palästina und traf dort mit Hieronymus zusammen. In Jerusalem nahm er an einer Synode teil und focht dabei eine theologische Kontroverse mit Pelagius aus, dessen Lehren er ebenfalls als Häresie auffasste. Auf der Rückreise brachte er die angeblichen Reliquien des heiligen Stephanus nach Menorca. In Nordafrika verfasste er auf Anregung des Augustinus um 416 bis 418 in lateinischer Sprache eine im Mittelalter sehr einflussreiche Geschichte gegen die Heiden (Historiae adversus paganos), die mit Abstand sein bedeutendstes literarisches Werk darstellt.

Leben Dass Orosius den Vornamen Paulus führte, ist erst durch ein Zitat bei dem ein Jahrhundert nach Orosius schreibenden Geschichtsschreiber Jordanes (Getica 9, 58) und danach durch eine Handschrift des 8. Jahrhunderts bezeugt. Somit gilt dieser Orosius zugeschriebene Vorname als nicht gesichert. Wie Orosius selbst angibt, wurde er auf der Iberischen Halbinsel geboren. Teils wurde in der Forschung die Meinung vertreten, dass er aus Tarraco (heute Tarragona) gebürtig war, weil er an einer Stelle seines Geschichtswerks Historiae adversus paganos (Buch 7, Kapitel 22) von Tarraconem nostram („unser Tarraco“) spricht. Heute gehen aber die meisten Althistoriker davon aus, dass Orosius eher in Bracara (heute Braga) geboren wurde.

Die Lebensumstände des Orosius sind infolge der dürftigen Quellenlage – Informationen liefern vor allem seine eigenen Schriften und vereinzelte Bemerkungen des Augustinus – nur für einen kurzen Zeitraum von etwa 414–418 n. Chr. bekannt. Er hatte eine umfassende theologische und rhetorische Ausbildung erhalten, als er um 414 aus seiner Heimat aufbrach, um als christlicher Priester stärker wirksam zu werden. Eventuell war seine Abreise aber auch durch den Einfall barbarischer Stämme veranlasst – 409 waren Sueben, Alanen und Vandalen in Hispanien eingedrungen –, da Orosius angibt,Historiae adversus paganos 3, 20, 6 f. von Barbaren verfolgt worden zu sein. Jedenfalls segelte er von der Iberischen Halbinsel nach Nordafrika, wo er Augustinus in Hippo aufsuchte. In seinem Geburtsland hatte sich der Priscillianismus ausgebreitet, und die Streitigkeiten mit den Priscillianisten und Origenisten beunruhigten die iberische Kirche. Orosius suchte bezüglich dieser religiösen Differenzen den Rat des großen Kirchenlehrers, um sich auf dessen Autorität berufen zu können. Augustinus gab auf diese Anfrage in einem kurzen Aufsatz eine allgemeine Belehrung,Justus Cobet: Orosius. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 26, 2015, Sp. 567–576 (hier; Sp. 567 f.);

Nachdem Orosius einige Zeit in Africa als Schüler des Augustinus geblieben war, wurde er von ihm 415 mit einem Empfehlungsbrief an den Kirchenvater Hieronymus gesandt,Augustinus, Epistel 166. der in Bethlehem weilte. Der vordergründige Zweck seiner Mission (abgesehen von einer Pilgerfahrt und vielleicht dem Erwerb von Reliquien) war, weitere Unterweisung von Hieronymus zu den von den Priscillianern und Origenes aufgeworfenen Fragen zu erhalten und einen exegetische Fragen enthaltenden Brief des Augustinus zu überbringen. Hauptsächlich aber sollte Orosius offenbar Hieronymus (und andere) gegen Augustinus’ Gegner Pelagius unterstützen, der seit der Synode von Karthago 411 in Palästina lebte und dort unter zahlreichen Origenisten Akzeptanz fand.Justus Cobet: Orosius. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 26, 2015, Sp. 567–576 (hier; Sp. 568);

Das Ergebnis von Orosius’ und Hieronymus’ Auftreten gegen Pelagius war, dass Johannes, der Bischof von Jerusalem, sich veranlasst sah, in seiner Residenz für den 28. Juli 415 eine Synode einzuberufen, zu der Orosius als Presbyter eingeladen wurde. Auf dieser Kirchenversammlung berichtete Orosius über die gegen den Pelagianismus in Afrika getroffenen Entscheidungen, sowie über die Verurteilung von Pelagius’ Freund Caelestius auf der Synode von Karthago und verlas aus Augustinus’ Schriften jene Abschnitte, die sich gegen Pelagius richteten. Dieser konnte sich aber erfolgreich verteidigen. Erfolg war für Orosius ohnehin schwerlich zu erwarten bei den orientalischen Christen, die vielfach kaum Latein verstanden und deren Sinn für Pietät zuvor durch Pelagius’ Frage et quis est mihi Augustinus? („Wer ist Augustinus für mich?“) berührt worden war. Alles, was Orosius erreichte, war Johannes’ Zusage, einen Brief und eine Gesandtschaft nach Rom zum dortigen Papst Innozenz I. zu schicken. Später zieh Bischof Johannes den Orosius der Blasphemie, gegen welchen Vorwurf sich Orosius in der Rechtfertigungsschrift Liber apologeticus contra Pelagium de arbitrii libertate wehrte.Justus Cobet: Orosius. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 26, 2015, Sp. 567–576 (hier; Sp. 568);

Nachdem Orosius lange genug gewartet hatte, um die unvorteilhaften Entscheidungen der Synode von Diospolis (Lydda) vom Dezember 415 zur Kenntnis zu nehmen, machte er sich auf den Weg in die Heimat. Dabei übernahm er ein Schreiben des Hieronymus an Augustinus,Augustinus, Epistel 172 = Hieronymus, Epistel 134. die Bestellung eines für den Römer Oceanus bestimmten Traktats des Hieronymus über die Auferstehung des FleischesAugustinus, Epistel 180. und eine von den in Palästina anwesenden gallischen Bischöfen Heros von Arles und Lazarus von Aix niedergeschriebene Abhandlung über die Zurückweisung der Lehren des Pelagius in der Ostkirche, die den nordafrikanischen Klerikern zugestellt werden sollte.Augustinus, Epistel 175. Damals glaubte der Presbyter Lucianus, die Gebeine des ersten christlichen Märtyrers Stephanus in Kaphar Gamala bei Jerusalem entdeckt zu haben. Deren Stätte sei ihm laut seinem eigenen, auf Griechisch abgefassten Bericht (den der Presbyter Avitus aus Bracara ins Lateinische übersetzteJacques-Paul Migne: Patrologia Latina Bd. 41, S. 807–818.) durch göttliche Offenbarung angezeigt worden. Avitus erwarb Teile der Reliquien des Stephanus und wollte sie samt seiner Übersetzung des Berichts über ihre Auffindung dem Bischof Balchonius von Bracara schicken. Diese Aufgabe übernahm Orosius, so dass er außer mit den erwähnten Schreiben auch mit den Reliquien des Stephanus Ende 415 in seine Heimat aufbrach.Justus Cobet: Orosius. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 26, 2015, Sp. 567–576 (hier; Sp. 568);

Orosius brachte aber die Reliquien des Heiligen nur bis Menorca, wo er sie dem dortigen Bischof Severus anvertraute. Er hatte nämlich beunruhigende Informationen über die Lage in seiner Heimat erhalten und entschieden, sich nach Nordafrika zu begeben und dort bis zu einem besseren Moment für die Heimkehr zu bleiben. Der Verbleib der Stephanus-Reliquien in Menorca führte zu einem Aufruhr der dortigen Christen gegen die auf der Insel wohnenden Juden, woraufhin deren Konversion zum Christentum versucht wurde. Darüber referierte Severus in einem Sendschreiben.Jacques-Paul Migne: Patrologia Latina Bd. 20, S. 731–746 und Bd. 41, S. 821–832. In Nordafrika traf Orosius wieder mit Augustinus zusammen und händigte ihm den an ihn gerichteten Brief des Hieronymus aus. Hier war er möglicherweise 416 als Berichterstatter bei den Synoden von Karthago und Mileve anwesend und verfasste auf Veranlassung des Augustinus relativ zügig sein sieben Bücher umfassendes Geschichtswerk Historiae adversus paganos, das er spätestens 418 fertigstellte. Gennadius, der eine kurze Vita über ihn verfasste,Gennadius, De viris illustribus 39. wusste nichts von späteren Aktivitäten des Orosius zu schildern. Sein Todeszeitpunkt ist unbekannt.Justus Cobet: Orosius. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 26, 2015, Sp. 567–576 (hier; Sp. 568);

Werke Commonitorium Das früheste Werk des Orosius, Consultatio sive commonitorium ad Augustinum de errore Priscillianistarum et Origenistarum (d. h. „Warnungen und Mahnungen an Augustinus gegen die Irrtümer der Priscillianisten und Origenisten“) zielte vor allem darauf ab, Augustinus gegen die Lehren des Priscillianus einzunehmen, um die Autorität des Kirchenvaters ins Treffen führen zu können. Orosius schrieb diese Schrift wohl um 414 bald nach seiner ersten Ankunft in Nordafrika nieder. Da Augustinus über die lokal auf die Iberische Halbinsel beschränkte Häresie, wo sie sich großer Beliebtheit erfreute, wenig wusste, fasste Orosius am Anfang seines Werks die bedeutendsten Lehrsätze des Priscillianismus summarisch zusammen. Im Kern ging es um die Frage nach dem Ursprung der Seele, nämlich ob sie von Gott aus dem Nichts erschaffen oder eine eigenständige Wesenheit sei. Daraufhin referiert Orosius die Lehrsätze zweier spanischer Kleriker, die beide Avitus hießen und sich um die Widerlegung des Priscillianismus bemüht hatten, Erwähnt werden die Lehrmeinungen der beiden Kleriker über den Ursprung der Seelen, die Ewigkeit der Schöpfung und die Wiederbringung aller Dinge, worin sich der Origenismus ausdrückt, den der eine Geistliche in Jerusalem kennengelernt, der andere, nachdem er in Rom für die Lehre des neuplatonisch orientierten christlichen Philosophen Gaius Marius Victorinus gewonnen geworden war, sich gleichfalls von seinem Namensbruder angeeignet hatte. Dabei sei es zur Verbreitung mehrerer origenistischer Irrtümer gekommen, die Orosius in seinem Werk anführt. Schließlich bittet der Verfasser Augustinus um eine genaue Unterweisung in der rechtgläubigen Lehre vom Wesen und Ursprung der Seele. Um den Wünschen des Orosius nach einer Widerlegung der von der Orthodoxie abweichenden theologischen Lehren zu genügen, verfasste Augustinus 415 eine kurze Schrift unter dem Titel Liber ad Orosium contra Priscillianistas et Origenistas.

Liber apologeticus Seine nächste Abhandlung, Liber apologeticus contra Pelagium de arbitrii libertate, verfasste Orosius im Herbst 415 während seines Aufenthalts in Palästina. Er schildert darin zunächst in den Kapiteln 3–7 seine sich um die Lehren des Pelagius drehende Kontroverse mit Bischof Johannes von Jerusalem sowie über die Vorgeschichte seit seinem Eintreffen bei Hieronymus in Bethlehem. Auf der von Johannes im Juli 415 zur Untersuchung der Lehren des Pelagius einberufenen Synode kam es zu einer hitzigen Diskussion zwischen Orosius und dem ebenfalls anwesenden Pelagius. Einige Zeit später, anlässlich des Festes der Enkämien, des Kirchweihfestes der Grabeskirche, bezeichnete der Pelagius gewogene Bischof Johannes den Orosius als Gotteslästerer, weil er gesagt habe, dass der Mensch auch mit dem allmächtigen Beistand Gottes nicht ohne Sünde sein könne. Um diesen Vorwurf unmissverständlich zurückzuweisen, sah sich Orosius veranlasst, den an die auf der Synode versammelt gewesenen Jerusalemer Presbyter gerichteten Liber apologeticus als Rechtfertigungsschrift zu verfassen. In dieser berichtet er neben der Darlegung des Streitfalls in den folgenden Kapiteln 8–33 ausführlich über seine Vorstellungen von der Notwendigkeit und Wirksamkeit des göttlichen Beistands, in denen er missverstanden worden sei, polemisiert aber vor allem gegen Pelagius, den er als rohen, unwissenden Menschen darstellt, sowie gegen Bischof Johannes. Ähnlich wie sein Geschichtswerk enthält auch der Liber apologeticus eine heilsgeschichtliche Konzeption.

Historiae adversus paganos Zielsetzung