mini|Hans Georg Schmidt von Altenstadt als Oberst im Generalstab (1944)
Hans Georg Schmidt von Altenstadt, eigentlich Johann Georg Schmidt von Altenstadt, (* 21. August 1904 in Danzig-Langfuhr; † 25. Juli 1944 in Bad Tölz) war ein deutscher Generalmajor.
Leben mini|Fabricius gen Schmidt auf Altenstadt Wappen 1713 mini|Hans Georg Schmidt von Altenstadt 1942
Schmidt von Altenstadts Vater Ulrich war als Major Adjutant bei Generalfeldmarschall von Mackensen, dem Kommandeur der Leib-Husaren-Brigade in Danzig-Langfuhr. Sein Großvater Eduard Schmidt von Altenstadt war preußischer Generalmajor. Hans Georg wuchs in Danzig und auf dem elterlichen Rittergut Medunischken im Kreis Angerapp auf. Er war mit einer Dänin verheiratet und hatte drei Kinder. Er besuchte nach dem Abitur die Kriegsschule und wurde Berufsoffizier.
1923 trat er in das 4. (Preußisches) Reiter-Regiment der Reichswehr ein.Ulrich S. v. Altenstadt, Christoph Bauer (Hrsg.): Eid und Gewissen – Zwischen Hitlers Mühlsteinen. EPUBI, Berlin 2016, ISBN 978-3-7375-8594-1, S. 194 ff. 1939 wurde er Quartiermeister des XVIII. Armeekorps. Im November 1939 trat er den Posten des Ersten Generalstabsoffiziers der 18. Infanterie-Division an. Unter Eduard Wagner, dem Generalquartiermeister im Oberkommando des Heeres, wurde er im Sommer 1940 Leiter der Abteilung Kriegsverwaltung. Auf diesem Posten verantwortete er grundlegende administrative Befehle zum Umgang mit der Zivilbevölkerung der Sowjetunion. Zugleich hatte er wichtige Koordinationsaufgaben mit den Reichsverwaltungen und den Parteistellen der NSDAP zu leisten. Im August 1943 wechselte er an die italienische Front. Dort fungierte er als Generalstabschef der Kampfverbände (→ Schlacht um Monte Cassino). Er erlitt VerletzungenHans-Jörg Mauss: Als Sanitätsoffizier im II. Weltkrieg. Das Kriegstagebuch des Dr. Wilhelm Mauss. Verlag Dr. Köster, Berlin 2008, S. 332 ff. bei einem AutounfallUlrich Schmidt von Altenstadt: Hans-Georg Schmidt von Altenstadt, 1904-1944: Bericht aus Hitlers Mahlwerk. S. 45. (online) und starb im Lazarett von Bad Tölz an den Folgen einer Lungenembolie. Zum 1. Juli 1944, drei Wochen vor seinem Unfalltod, wurde er zum Generalmajor befördert.Ulrich Schmidt von Altenstadt, Christoph Bauer: Hans-Georg Schmidt von Altenstadt – 1904–1944. EPUBLI, Berlin 2014, ISBN 978-3-8442-8477-5, S. 72.
Forscher hielten Schmidt von Altenstadt lange für einen Befürworter einer moderaten Besatzungspolitik. Verschiedentlich wird er mit Kreisen des militärischen Widerstandes in Verbindung gebracht.Joachim Hoffmann: Kaukasien 1942/43 – Das deutsche Heer und die Orientvölker der Sowjetunion. Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.). Rombach Verlag, Freiburg 1991, ISBN 3-7930-0194-6, S. 38.Jürgen Thorwald: Die Illusion – Rotarmisten in Hitlers Heeren. Droemer Knaur Verlag, Zürich 1974, ISBN 3-85886-029-8, S. 167.Sven Steenberg: General Wlassow – Der Führer der russischen Befreiungsarmee – Verräter oder Patriot. Moewig, Rastatt 1986, ISBN 3-8118-4356-7, S. 156.Dieter Pohl nennt hier Walter Bußmann. (Siehe Dieter Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941–1944. 2. Auflage. Oldenbourg, München 2009, ISBN 978-3-486-59174-3, S. 95, Fußnote 29.) Bußmann gehörte während des Krieges unter anderem der Abteilung QU 4 B beim Generalquartiermeister OKH, Eduard Wagner an. Er führte dort während des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion das Kriegstagebuch. Walter Bußmann: „Notizen“ aus der Abteilung Kriegsverwaltung beim Generalquartiermeister (1941/42. In: Deutsche Frage und europäisches Gleichgewicht. Festschrift für Andreas Hillgruber zum 60. Geburtstag. herausgegeben von Klaus Hildebrand und Reiner Pommerin. Böhlau, Köln 1985, ISBN 3-412-07984-7, S. 229.) Im Rahmen seiner dortigen Tätigkeiten wertete Bußmann ebenfalls die Tötungsmeldungen der SS-Einsatzgruppen aus, hatte also aus erster Hand Kenntnisse vom Holocaust. Ein Beispiel für die Zuordnung Schmidt von Altenstadts zum Widerstand in der Memoirenliteratur ist Hans von Herwarth: Zwischen Hitler und Stalin. Erlebte Zeitgeschichte 1931–1945, Propyläen, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1982, ISBN 3-549-07627-4, S. 286 ff.Mathias Schröder: Deutschbaltische Offiziere im Zweiten Weltkrieg und ihre politischen Initiativen für General Wlassow. In: Michael Garleff (Hrsg.): Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich. Band 2. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2008, ISBN 978-3-412-12299-7, S. 337 f.Joachim Kramarz: Claus Graf Stauffenberg – 15. November 1907–20. Juli 1944 – Das Leben eines Offiziers. Bernhard & Graefe, Frankfurt am Main 1965, S. 135. Bereits im September 1942 hatte er Kenntnis von Plänen von Claus Schenk Graf von Stauffenberg zur Beseitigung Hitlers.Peter Hoffmann: Claus Schenk Graf von Stauffenberg – Die Biografie. 2. Auflage. Pantheon, München 2008, ISBN 978-3-570-55046-5, S. 267.Georg Mayer: Auswirkungen des 20. Juli 1944. In: Thomas Vogel (Hrsg.): Aufstand des Gewissens – Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933–1944. Verlag E.S. Mittler Sohn, Hamburg / Berlin / Bonn 2000, ISBN 3-8132-0708-0, S. 303. Zudem versuchte Schmidt von Altenstadt gemeinsam mit dem mit ihm befreundetenOtto Bräutigam: So hat es sich zugetragen – Ein Leben als Soldat und Diplomat. Holzner-Verlag, Würzburg 1968, S. 685. Stauffenberg, Oberbefehlshaber einzelner Heeresgruppen für einen politischen Umsturz zu gewinnen.Frido von Senger und Etterlin: Krieg in Europa. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1960, S. 251 ff. Er selbst vertrat bereits Ende 1941 die Ansicht, dass der Umsturz nur gelingen könne, wenn man Hitler töte, statt ihn gefangen zu nehmen. Nur dann wäre der Eid gebrochen, den die Soldaten der Wehrmacht auf Hitler geschworen hatten.Joachim Kramarz: Claus Graf Stauffenberg – 15. November 1907-20. Juli 1944 – Das Leben eines Offiziers. Bernhard & Graefe, Frankfurt am Main 1965, S. 144 f.Otto Bräutigam: So hat es sich zugetragen – Ein Leben als Soldat und Diplomat. Holzner-Verlag, Würzburg 1968, S. 482 ff. Den Rückhalt der Generalität für den Umsturz schätzte von Altenstadt jedoch für gering ein.Herberg Franke: Als Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Oberkommando des Heeres in: Rainer A. Blasius (Hrsg.): Hasso von Etzdorf – Ein deutscher Diplomat im 20. Jahrhundert, Haumesser Verlag, Zürich 1994, ISBN 3-9520313-1-3, S. 71 ff. Als Abteilungschef im Generalstab des Heeres konnte er die Verschwörer mit Informationen über das tatsächliche Geschehen in den besetzten Gebieten versorgen.Harold C. Deutsch: Verschwörung gegen den Krieg – Der Widerstand in den Jahren 1939-1940, Verlag C. H. Beck, München 1969, S. 193f.
Als Chef der Abteilung Kriegsverwaltung war er direkt am Holocaust beteiligt, er gehörte beispielsweise zu jenen, die am 25. August 1941 das Massaker von Kamenez-Podolsk verabredeten.Andrej Angrick: The Escalation of German-Rumanian Anti-Jewish Policy after the Attack on the Soviet Union, June 22, 1941. S. 23, Fußnote 65 (PDF, Abruf am 10. August 2011); Dieter Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941–1944. Oldenbourg, München 2008, ISBN 978-3-486-58065-5, S. 258. Die verheerende Besatzungspolitik der Wehrmacht machte er sich zunächst voll zu eigen, in weiten Teilen organisierte er sie selbst. Erst nachdem der Vormarsch der deutschen Truppen stockte, riet er zu einer gemäßigteren Haltung gegenüber nichtrussischen Bevölkerungsteilen.Dieter Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941–1944. Oldenbourg, München 2008, ISBN 978-3-486-58065-5, S. 95.
Im Februar 1942 formulierte Major i. G. Schmidt von Altenstadt für das OKH Vorschläge für eine Umkehr in der Kriegspolitik. Der russische Widerstand könne unterlaufen werden, indem die Versorgungslage in der Bevölkerung verbessert würde. Ebenso sollten einheimische Verbände zum Kampf gegen den Bolschewismus aufgestellt werden. Auch das Kolchossystem sollte aufgelöst und somit Landeigentum für die Bauern möglich werden, zudem sollten die religiösen Bedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigt werden.Jurgen Forster: Operation Barbarossa in Historical Perspective in: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Germany an the Second World War, Vol 4: Attac on the Soviet Union, Oxford University Press, Deutsche Verlags Anstalt, Stuttgart 1996, ISBN 0-19-822886-4, S. 1243. Ab September 1942 forderte Altenstadt von Hitler die Einstellung der Judenverfolgung.Peter Hoffmann: Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder. Deutsche Verlagsanstalt, Sonderausg. 2004, Stuttgart 1992, ISBN 3-421-05774-5, S. 252 f.
Mit dem Generalquartiermeister Generalleutnant Eduard Wagner und Major Graf von Stauffenberg richtete Schmidt von Altenstadt Ende 1942 im Kaukasus eine politische Selbstverwaltung für die kaukasischen Völker (Georgier, Aserbaidschaner, Armenier und Weitere) ein. Mit der Garantie völliger politischer Unabhängigkeit hofften Wagner, Stauffenberg und Altenstadt, die Kaukasier für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Dieser Versuch der politischen Kriegsführung ist später als „kaukasisches Experiment“ bekannt geworden. In den eroberten Gebieten sollte den Völkern eine attraktive Alternative zu Stalins Sowjetsystem geboten werden.Manfred Oldenbourg: Ideologie und militärisches Kalkül, Böhlau, Köln 2004, ISBN 3-412-14503-3, S. 260 f.
Nachdem die Bevölkerung in den besetzten Gebieten gewonnen war, sollten einheimische Verbände für den Kampf gegen Stalins Sowjet-Regime aufgestellt werden. Altenstadts Abteilung Kriegsverwaltung und die Organisationsabteilung im Generalstab des Heeres leiteten die Aufstellung einer Armee unter dem russischen General Wlassov in die Wege. So wurden ohne Wissen Hitlers in den Jahren 1942–43 unter der Parole „Russland kann nur von Russen besiegt werden“ eine Million ehemalige Rotarmisten in Freiwilligenverbänden aufgestellt. Schmidt von Altenstadt war der Auffassung, dass die Bevölkerung Russlands auch über den Bereich der Front hinaus für den Kampf gegen Stalin mobilisiert werden könnte. Der Kampf in der Tiefe des russischen Raumes könne nur von Russen erfolgreich geführt werden.Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.), Jürgen Thorwald: Oberst a. D. Heinz Danko Herre, Seite 49–59, PDF, Abruf am 2. Februar 2016. Siehe ebenso: Jürgen Thorwald: Die Illusion – Rotarmisten in Hitlers Heeren, Droemer Knaur, Zürich 1974, Umschlagtext, ISBN 3-85886-029-8.