mini|Macrobius und sein Sohn. Phantasiebild in einer mittelalterlichen italienischen Handschrift Macrobius Ambrosius Theodosius (die Reihenfolge der Namen variiert;Zur korrekten Reihenfolge siehe Alan Cameron: The Date and Identity of Macrobius. In: The Journal of Roman Studies 56, 1966, S. 25–38, hier: 26; Mireille Armisen-Marchetti (Hrsg.): Macrobe: Commentaire au Songe de Scipion, Bd. 1, Paris 2003, S. VIII; Bruce C. Barker-Benfield: The manuscripts of Macrobius’ Commentary on the Somnium Scipionis, Oxford 1975, S. 3. * vermutlich um 385/390; † vermutlich nach 430) war ein vorzüglich gebildeter spätantiker römischer Philosoph und Grammatiker. Sein Werk spielte im Mittelalter bei der Vermittlung antiken Bildungsguts eine wichtige Rolle. Sicher ist, dass er ein hoher Beamter war, doch die Frage, ob er mit einem der bekannten gleichnamigen Amtsträger identifiziert werden kann, wird in der Forschung seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert und bleibt weiterhin offen. Er war ein konservativer Vertreter der neuplatonischen Weltanschauung. Zum Christentum äußerte er sich nicht.
Seine drei Werke – die Saturnalia („Saturnalien“), ein Kommentar zu Ciceros Somnium Scipionis und eine nur auszugsweise erhaltene grammatische Schrift – sind wohl im zweiten und dritten Jahrzehnt des 5. Jahrhunderts entstanden. Die Saturnalia schildern die Gespräche bei einem Gastmahl im späten 4. Jahrhundert. Sie idealisieren das damalige Gelehrtentum konservativer Persönlichkeiten des „Symmachuskreises“ um Quintus Aurelius Symmachus und führen dem Leser vor Augen, wie in diesem Milieu Traditionspflege betrieben wurde. Der Cicero-Kommentar, in dem das Somnium Scipionis aus neuplatonischer Sicht gedeutet wird, gehörte im Mittelalter zu den beliebtesten antiken Werken.
Leben Über das Leben des Macrobius ist sehr wenig bekannt, Annahmen über seine Herkunft sind spekulativ. Einer beiläufigen Äußerung in den Saturnalia ist zu entnehmen, dass er nicht aus Italien stammte.Macrobius, Saturnalia 1, praefatio 11: nos sub alio ortos caelo („uns unter einem anderen Himmel Geborene“). Sein Umgang mit dem Griechischen lässt erkennen, dass es nicht seine Muttersprache war. Seit dem 19. Jahrhundert ist wiederholt eine afrikanische Herkunft vermutet worden.Mireille Armisen-Marchetti (Hrsg.): Macrobe: Commentaire au Songe de Scipion, Bd. 1, Paris 2003, S. X f.
Sein in Handschriften der Saturnalia und des Cicero-Kommentars überlieferter Titel vir clarissimus et illustris zeigt, dass er senatorischen Ranges war und sehr hohe Ämter bekleidet hatte. Er war, wie aus seinen Werken ersichtlich ist, ein Anhänger der neuplatonischen Philosophie, die damals den gebildeten Gegnern der christlichen Staatsreligion als Grundlage ihrer religiösen Weltanschauung diente. Macrobius vermied eine Stellungnahme zu dem religiösen Konflikt. Er griff das Christentum nicht an, auch nicht indirekt, sondern verschwieg es konsequent.Mireille Armisen-Marchetti (Hrsg.): Macrobe: Commentaire au Songe de Scipion, Bd. 1, Paris 2003, S. XVIII f.; Pedro Pablo Fuentes González: Macrobius. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 4, Paris 2005, S. 227–242, hier: 231 f. In der Forschung wird überwiegend die Auffassung vertreten, dass Macrobius ein Anhänger der alten römischen Religion war. Dem widersprach Michele Bevilacqua: Introduzione a Macrobio, Lecce 1973, S. 23–32, der meinte, er sei möglicherweise nominell Christ gewesen. Diese Hypothese wurde erneut vorgetragen von Alan Cameron: The Last Pagans of Rome, Oxford 2011, S. 265–272. Vgl. die zusammenfassende Darstellung der Argumente für die verschiedenen Forschungsmeinungen bei Philippe Brugisser: Macrobius. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 23, Stuttgart 2010, Sp. 831–856, hier: 842–852. Übereinstimmung besteht in der Forschung darüber, dass ein Bekenntnis zum Christentum gegebenenfalls nur sehr oberflächlich war.
Macrobius hatte einen Sohn, der Flavius Macrobius Plotinus EustathiusNicht, wie eine abweichende Schreibung lautet, Eustachius; siehe Mireille Armisen-Marchetti (Hrsg.): Macrobe: Commentaire au Songe de Scipion, Bd. 1, Paris 2003, S. XIV f. hieß und in den sechziger Jahren des 5. Jahrhunderts Stadtpräfekt von Rom (praefectus urbi) war. Ein Gelehrter namens Macrobius Plotinus Eudoxius, der zusammen mit Quintus Aurelius Memmius Symmachus vor 485 in Ravenna eine Abschrift von Macrobius’ Kommentar zum Somnium Scipionis durchsah und korrigierte, war vermutlich ein Enkel des Schriftstellers.Zu ihm siehe Jacques Flamant: Macrobe et le néo-platonisme latin, à la fin du IVe siècle, Leiden 1977, S. 129–131. Schon in einem ägyptischen Papyrus des frühen 4. Jahrhunderts aus Oxyrhynchos tauchen die Namen Makrobios und Eudoxios nahe beieinander auf; daher ist vermutet worden, dass der Schriftsteller Macrobius und sein Enkel Eudoxius einer Familie oberägyptischer Herkunft angehörten, in der diese beiden Namen traditionell gebräuchlich waren.Bruce C. Barker-Benfield: The manuscripts of Macrobius’ Commentary on the Somnium Scipionis, Oxford 1975, S. 7 f.; Mireille Armisen-Marchetti (Hrsg.): Macrobe: Commentaire au Songe de Scipion, Bd. 1, Paris 2003, S. XI f.
Die Frage, ob der Schriftsteller mit anderweitig bekannten gleichnamigen Personen identifiziert werden kann, ist in der Forschung intensiv diskutiert worden. Aus ihrer Beantwortung ergeben sich Konsequenzen für die Datierung seines Lebens und seiner Werke. Mehrere hohe Beamte, die im Codex Theodosianus (438) erwähnt sind, sind in Betracht gezogen worden: ein Prätorianerpräfekt, ein Prokonsul der Provinz Africa, ein vicarius von Hispanien und ein Oberkämmerer (praepositus sacri cubiculi) in Konstantinopel. Einige Forscher nahmen an, es handle sich bei den drei letztgenannten um ein und dieselbe Person, doch diese Vermutung hat sich als irrig erwiesen. Der Oberkämmerer und vir illustris Macrobius ist 422 als amtierender praepositus sacri cubiculi bezeugt. Da der Inhaber dieses Amtes stets ein Eunuch war, kann dieser Oberkämmerer aber nicht, wie man früher vermutete, mit dem paganen Schriftsteller, der Nachkommen hatte, identisch sein.Pedro Pablo Fuentes González: Macrobius. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 4, Paris 2005, S. 227–242, hier: 231; Mireille Armisen-Marchetti (Hrsg.): Macrobe: Commentaire au Songe de Scipion, Bd. 1, Paris 2003, S. XIII. Der vicarius von Hispanien namens Macrobius war in den Jahren 399 und 400 nachweislich im Amt. Damals trug er den Titel vir illustris nicht. Da er wegen einer Kompetenzüberschreitung gemaßregelt wurde, ist es unwahrscheinlich, dass er später eine glänzende Karriere gemacht hat und in den exklusiven Kreis der viri illustres aufgestiegen ist. Daher dürfte er kaum mit dem Schriftsteller identisch sein.Jacques Flamant: Macrobe et le néo-platonisme latin, à la fin du IVe siècle, Leiden 1977, S. 98–102, 122. Ein Macrobius war 410 Prokonsul der Provinz Africa. Da er wie der Schriftsteller ein paganer Spitzenbeamter war und das mutmaßliche Lebensalter passt, gilt die Gleichsetzung als plausible Vermutung. Für den Prätorianerpräfekten (praefectus praetorio Italiae, Illyrici et Africae), der 430 bezeugt ist, ist nur der Name Theodosius überliefert. Das spricht aber nicht gegen seine Identität mit dem Schriftsteller Macrobius, dessen Rufname ebenfalls Theodosius gewesen sein kann. Das Argument für die Identitätshypothese ist das hohe Amt, das zu dem für den Schriftsteller bezeugten Rang als vir illustris passt.Hierzu und zur strittigen Frage des Rufnamens siehe Mireille Armisen-Marchetti (Hrsg.): Macrobe: Commentaire au Songe de Scipion, Bd. 1, Paris 2003, S. VIII–X, XII–XIV und Alan Cameron: The Last Pagans of Rome, Oxford 2011, S. 231–239. Cameron befürwortet die Identitätshypothese.
Wahrscheinlich handelt es sich bei dem Theodosius, dem der Dichter Avianus seine Fabeln widmete, um den Schriftsteller Macrobius.Alan Cameron: Macrobius, Avienus, and Avianus. In: The Classical Quarterly, New Series 17, 1967, S. 385–399, hier: 386–389.
Werke Die Datierung der drei bekannten Werke des Macrobius ist unsicher. Zuerst verfasste er, als er noch nicht vir illustris war, die grammatische Abhandlung; sie entstand wohl zwischen 420 und 430.Zur Datierung siehe Paolo De Paolis (Hrsg.): Macrobii Theodosii De verborum Graeci et Latini differentiis vel societatibus excerpta, Urbino 1990, S. XV f. Sein zweites Werk waren die Saturnalia, die er seinem Sohn Eustathius widmete, als dieser noch ein Schulkind war. Als Macrobius das dritte Werk, den Kommentar zum Somnium Scipionis, Eustathius widmete, war sein Sohn bereits ein junger Mann, der eine philosophische Ausbildung erhalten konnte, also ungefähr zwanzig Jahre alt. Daher wird der Kommentar etwa fünf bis zehn Jahre später als die Saturnalia datiert. Als wahrscheinlicher Zeitraum für die Abfassung dieser beiden Werke gelten heute die zwanziger und dreißiger Jahre des 5. Jahrhunderts.Mireille Armisen-Marchetti (Hrsg.): Macrobe: Commentaire au Songe de Scipion, Bd. 1, Paris 2003, S. XVI f.; Pedro Pablo Fuentes González: Macrobius. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 4, Paris 2005, S. 227–242, hier: 233; Alan Cameron: The Last Pagans of Rome, Oxford 2011, S. 238.
Macrobius erweist sich als gewandter Stilist, der sich in gehobener, aber nicht gekünstelter Sprache auszudrücken weiß. Er versteht es, seinen Stoff geschickt zu ordnen. Nachdrücklich bringt er seine konservative Gesinnung zur Geltung; Homer und Platon, Vergil und Cicero sind für ihn Autoritäten höchsten Ranges und Vertreter einer einheitlichen, unzweifelhaft richtigen Weisheitslehre.
Saturnalia mini|Erstes Blatt einer 1466 in Rom angefertigten Handschrift der Saturnalia
Literarische Gestaltung und Quellen Die Saturnalia sind das letzte bekannte antike Werk aus der Gattung der Symposion-Literatur, die fiktive Gespräche bei Gastmählern wiedergibt. Diesen Rahmen verwendet der Autor zur Darbietung von Wissensstoff aus unterschiedlichen Bereichen. Als formales Vorbild dient ihm Platons Symposion.Zur Literaturgattung siehe Jacques Flamant: La technique du banquet dans les Saturnales de Macrobe. In: Revue des Études latines 46, 1968, S. 303–319. Die Gespräche sollen während des Festes der Saturnalien geführt worden sein. Das Jahr des Zusammentreffens nennt Macrobius nicht; da Vettius Agorius Praetextatus, einer der Hauptredner, 384 starb, muss die Handlung davor angesetzt werden, vielleicht ins Jahr 382.Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford 2011, ISBN 978-0-19-974727-6, S. 243–246, der darin seine eigene frühere Datierung auf 384 zu 382 revidiert. Macrobius lässt prominente historische Persönlichkeiten des späten 4. Jahrhunderts auftreten. Unter den Teilnehmern sind einflussreiche stadtrömische Vertreter der paganen Bildungstradition: die Senatoren Vettius Agorius Praetextatus, Quintus Aurelius Symmachus, Virius Nicomachus Flavianus, Ceionius Rufius Albinus und Publilius Ceionius Caecina Albinus. Auch der noch junge Grammatiker Servius, der später als Verfasser von Kommentaren zu den drei großen Dichtungen Vergils hervorgetreten ist, gehört zu dem erlesenen Kreis.Zur Rolle des Servius in den Saturnalia und zu seinem Verhältnis zu Macrobius siehe Nino Marinone: Per la cronologia di Servio. In: Atti della Accademia delle Scienze di Torino. Classe di Scienze Morali, Storiche e Filologiche 104, 1970, S. 181–211 und Robert Kaster: Macrobius and Servius: Verecundia and the Grammarian’s Function. In: Harvard Studies in Classical Philology 84, 1980, S. 219–262. Es sind zwölf Personen, die aber nicht alle ständig anwesend sind; überwiegend Römer, aber auch einige Griechen und ein Ägypter. Indem Macrobius einen ägyptischen Gast namens Horus auftreten lässt, schafft er Gelegenheit zur Erörterung römischer Einrichtungen, die dem Ägypter unbekannt sind. Horus vertritt in der Runde den Kynismus.