mini|300px|Luftbildübersicht des Kastells (2016)
Apsaros oder Apsarus, auch Apsaruntos oder Apsirtus (griechisch: Ἄψαρος oder Ἄψυρτος; georgisch: გონიო oder გონია), war eine römische, militärisch-zivile Siedlungsagglomeration aus einem Kastell und einer bürgerlichen Stadt in der Nähe des heutigen georgischen Dorfes Gonio in der Munizipalität Chelwatschauri der Autonomen Republik Adscharien. Administrativ gehörte Apsaros zur römischen Provinz Cappadocia. Nach dem Ende des Römischen Reiches wurde die Befestigung im Byzantinischen Reich weiter, und später im Osmanischen Reich wieder genutzt und ausgebaut.
Lage, Etymologie, Quellen und Forschungsgeschichte Das heutige Bodendenkmal liegt am Ostufer des Schwarzen Meers nur einen halben Kilometer von dessen aktueller Küstenlinie entfernt, wobei zu berücksichtigen ist, dass sich die Landmasse tektonisch bedingt im jährlichen Mittel um etwa einen Zentimeter hebt, so dass davon ausgegangen werden kann, dass sich das Kastell bei seiner Gründung unmittelbar an der Küste befunden hat.David J. Breeze, Radosław Karasiewicz-Szczypiorski, Shota Mamuladze: The Roman Frontier in Georgia / რომაული სასაზღვრო ხაზი საქართველოში. Archaeopress, Oxford 2024, ISBN 978-1-80327-753-0, S. 39–96, hier: S. 42 f. (Digitalisat). Die Ruinen des Kastells liegen knapp zehn Kilometer südlich der Hafenstadt Batumi und sechs Kilometer nördlich der türkischen Grenze. Rund 2,5 km weiter nördlich mündet der Fluss Acampsis, der heutige Tschorochi, in das Meer.
Ἄψυρτος, der griechische Name der Stadt, leitet sich von Absyrtos ab, dem Bruder der kolchischen Königstochter Medea in der Argonautensage von Iason und seiner Suche nach dem Goldenen Vlies.Gustav Schwab: Die Argonauten, verfolgt, entkommen mit Medea auf sagen.at, abgerufen am 21. Juli 2026. Der Name des heutigen Gonio stammt aus dem 12. Jahrhundert.
In vorrömischer Zeit lag das Gebiet von Apsaros in der Region Kolchis und war seit dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung Bestandteil des Königreichs Pontos.
(Siehe auch: Geschichte Georgiens in der Antike.) mini|links|100px|Dem Arrian zugeschriebenes Porträt Der älteste literarische Hinweis auf das Kastell stammt von Plinius dem Älteren in seiner Naturalis historia aus dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung.Plinius der Ältere: Naturalis historia VI, 12 und 13 (Digitalisat lateinisch). In den griechischen und römischen Quellen ist der Ort unter verschiedenen Schreibweisen bekannt; so kommt er unter anderem als bedeutende Zwischenstation Apsaro auf der Route von Trabzon am Schwarzen Meer über die Seidenstraße nach Osten in der spätrömischen Straßenkarte Tabula Peutingeriana vor.Apsaros als Apsaro auf der Tabula Peutingeriana. Im zweiten Jahrhundert wird Apsaros bei Appian in dessen Μιθριδάτειος (Mithridateios) erwähntAppian: Mithridateios XV, 101 (Digitalisat englisch). und bei Arrian im Periplus Ponti Euxini (deutsch: „Umsegelung des Schwarzen Meeres“).Arrian: Periplus Ponti Euxini IV, 7 (Digitalisat französisch). Im 6. Jahrhundert nennt Agathias Scholasticus die Stadt in seiner Chronikē diēgēsis tēs basileias Ioustinianou (deutsch: „Chronologische Erzählung der Regierung Justinians“)Agathias: Chronikē diēgēsis tēs basileias Ioustinianou III, 14; siehe dazu bei Clavis Historicorum Antiquitatis Posterioris. und Stephanos von Byzanz erwähnt sie in der Ethnika.Margarethe Billerbeck et al. (Bearb.): Stephani Byzantii Ethnica (= Corpus Fontium Historiae Byzantinae. Band 43/1–5). De Gruyter, Berlin 2006–2017. Im 7. Jahrhundert wird Apsaros im Chronicon Paschale genanntMary Whitby, Michael Whitby: Chronicon Paschale 284–628. Liverpool University Press, Liverpool 2007², ISBN 0-85323-096-X (Digitalisat). und schließlich ist noch Konstantin Porphyrogennetos aufzuführen, der im 10. Jahrhundert den Ort in seiner Schrift De administrando imperio erwähnt.Konstantin Porphyrogennetos: De administrando imperio, 46.
Der Schweizer Reiseschriftsteller, Naturforscher, Archäologe und Historiker Frédéric Dubois de Montpéreux (1798–1850) war der Erste, der Apsaros mit Gonio identifizierte,Frédéric Dubois de Montpéreux: Voyage autour du Caucase, chez les Tscherkesses et les Abkhases, en Colchide, en Géorgie, en Arménie et en Crimée. Librairie de Gide, Paris, 1839–1849 (Digitalisat) der russische Byzantinist Fjodor Iwanowitsch Uspenski setzte die Erforschung fort und publizierte 1917 einen ersten Aufsatz über die Festung.Fjodor Iwanowitsch Uspenski: Staraâ krepost’ na yst’e Čoroha. In: Izvestiâ Imperatorskoj Akademii Nauk, Band 11.2, 1917, 163–169. Archäologische Schwerpunktforschungen in der Zeit der Sowjetunion unter der Denkmalschutzbehörde von Adscharien wurden nach der Unabhängigkeit Georgiens 1991 durch georgische Archäologen fortgesetzt, im 21. Jahrhundert insbesondere auch in internationaler Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Universität Warschau,Radosław Karasiewicz-Szczypiorski, Shota Mamuladze, Marcin Wagner: Gonio (Apsaros) in Adjara. Excavation of a Roman fort. Interim report on the first season of the Polish–Georgian archaeological expedition. In: Polish Archaeology in the Mediterranean 25, 2016, S. 521–532 (Digitalisat). aber auch unter deutscher Beteiligung durch ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unter Leitung von Angelika Geyer und Annegret Plontke-Lüning von der Universität Jena.Archäologische Expedition ins ferne Kolchis im Informationsdienst Wissenschaft am 16. Dezember 1999, abgerufen am 22. Juli 2026.
Archäologische Befunde, Baustruktur und Geschichte mini|Osmanische Kastellumwehrung (2023) mini|Ruine der römischen Thermen (2017) mini|Teilausgegrabenes Kastellinneres (2015) mini|Befund mit römischen Wasserleitungen (2011) mini|Römisch-byzantinische Besiedlung der Südostküste des Schwarzen Meers(Römische Gründungen rot, byzantinische Gründung dunkelrot) Militärische Anlagen Das rezente, steinerne Kastell hat einen rechteckigen Grundriss von maximal 222 m mal 195 m, was einer Fläche von 4,33 Hektar entspricht, seine Ausrichtung änderte sich wiederholt. Die heute sichtbare Umwehrung stammt im Aufgehenden überwiegend aus der osmanischen Zeit, lediglich in den unteren Bereichen ist partiell noch römisches Mauerwerk zu sehen. Die Mauer war an jeder der vier Himmelsrichtungen mit einem Tor versehen. Die Umwehrung war zwischenzeitlich von 22 Türmen mit rechteckigem Grundriss besetzt, von denen noch 18 erhalten sind. Die Ecktürme besaßen eine größere Grundfläche als die Tor- und Zwischentürme. Das Kastell war der bedeutendste Truppenstandort für die in Kappadokien stehenden römischen Armeeverbände.
Römische Truppen erschienen erstmals um 63 v. u. Z. im Kontext der Kriege mit Mithridates VI. Eupator, König von Pontus, in der Gegend, blieben jedoch nur vorübergehend. Aus dieser Zeit liegen keine archäologischen Befunde vor. Die Römer kehrten in neronischer Zeit während des Krieges gegen die Parther (57–64 u. Z.) nach Pontus zurück. Die Legio IIII Scythica, die Legio V Macedonica und die Legio XII Fulminata wurden in Kappadokien stationiert bevor das Reich des Polemon II. spätestens im Jahr 64 formell in das Imperium eingegliedert wurde. Die Festungen an der Küste sollten die Schifffahrtsroute um das Schwarze Meer vor Piraten zu sichern, wozu laut Flavius Josephus 40 Schiffe und 3000 Soldaten eingesetzt worden sein sollen.Flavius Josephus: De bello Iudaico, II, 16, 4. In dieser Zeit wurde in Asparos ein erstes Kastell errichtet, wie Funde von Münzen, Terra sigillata und Glas belegen, und möglicherweise von Vexillationen der Legion V Macedonica belegt. In dieser Zeit war das Lager mit seiner Porta praetoria nach Westen, zum Meer hin ausgerichtet. Es war jedoch noch nicht so groß wie seine Nachfolger und wurde infolge der Rebellion des Ancietus (68/69) schon bald wieder aufgegeben.Tacitus: Historiae, III, 48 (Digitalisat). Aus dieser Phase konnten ein Horreum (Getreidespeicher) und zwei Fundamentdeponierungen identifiziert werden.Piotr Jaworski, Radosław Karasiewicz-Szczypiorski, Shota Mamuladze: The rise and fall of the Roman fort in Apsaros. Recent numismatic evidence. In: Polish Archaeology in the Mediterranean, Band 30/2, 2021, S. 289–306 (Digitalisat).
Eine neue Stationierung von Truppen in Apsaros erfolgte erst wieder in trajanischer Zeit (98–117), wohl im Rahmen der Vorbereitungen zum Partherkrieg (114–117). Es war deutlich größer als das vorangehende Bauwerk und diesmal nach Norden hin orientiert. Aus dieser Zeit stammen ein Badehaus und ein weiterer Deponierungsfund. Das trajanische Kastell blieb auch unter dem Nachfolger Hadrian (117–138) bestehen, unter dem es noch einmal erneuert wurde. Die Wehrmauern wurden verstärkt, die Principia (Stabsgebäude) modernisiert. An die Stelle des vormaligen Badehauses trat ein 1200 m² umfassendes Praetorium (Wohnquartier und Dienstgebäude des Kommandanten) mit privaten Thermen und einem großen Peristyl. Mindestens drei seiner Räume waren mit Mosaikböden ausgestattet. Die Principia wurden modernisiert und mit einem neuen Fliesenboden ausgestattet. Westlich der Principia und des Praetoriums wurde eine neue und größere öffentliche Thermenanlage errichtet. Auch eine vierte Fundamentdeponierung konnte aus dieser Zeit identifiziert werden. Laut Arrian, von 131 bis 137 Statthalter der Provinz Kappadokien und Befehlshaber der römischen Truppen an der Grenze zu Armenien, waren in Apsaros bei seiner Inspektionsreise des Jahres 135 gleichzeitig fünf verschiedene Legionsvexillationen stationiert, darunter vier Kohorten der Legio V Macedonica und eine der Legio XV Apollinaris.David J. Breeze, Radosław Karasiewicz-Szczypiorski, Shota Mamuladze: The Roman Frontier in Georgia / რომაული სასაზღვრო ხაზი საქართველოში. Archaeopress, Oxford 2024, ISBN 978-1-80327-753-0, S. 39–96, hier: S. 48–50 und 62–64. (Digitalisat). Aus dieser Zeit stammt die Inschrift des Numerius Marcius Plaetorius Celer, der im Laufe seiner abwechslungsreichen Karriere auch als Praepositus das Kommando über eine Spezialeinheit zur Bewachung der Brücke von Apsaros innehatte: = Lupa 34441Brian Dobson: The primipilares of the Roman army. Durham University, PhD thesis, 1955, (Digitalisat Volume 2, Nr. 297, S. 197 f.).
Noch im selben Jahrzehnt wurde das Praetorium durch ein Erdbeben schwer beschädigt und von einer Mannschaftskaserne ersetzt, die mindestens zwei Bauphasen aufwies, bevor die Festung durch ein weiteres Erdbeben in den 250er Jahre zerstört wurde. Ein neuerlicher Wiederaufbau begann zwar unmittelbar danach, jedoch zeigten die Ausgrabungsergebnisse und architektonische Analysen, dass nur noch die Fundamente vollständig fertiggestellt worden waren und die Errichtung des Aufgehenden gerade erst begonnen hatte, als man die Bauarbeiten einstellte und Apsaros (vermutlich aus geostrategischen Gründen, oder infolge der Auseinandersetzungen mit den Boranern)Zosimos: Historia nea, I, 33.3 (Digitalisat englisch). verlassen wurde. Stempel aus Apsaros mit den Inschrifte COH ∞... und ∞ lassen vermuten, dass die Festung in nachhadrianischer Zeit von einer Coh(ors) milliaria [c(ivium) R(omanorum)] besetzt war,Michael Alexander Speidel: New and Revised Tile Stamps from the Roman Fort of Apsaros. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, Band 219, 2021, S. 269–280 (Digitalisat). und auch eine Cohors Aurelia civium Romanorum könnte in Apsaros stationiert gewesen sein, ist dort allerdings nur durch eine einzige Inschrift auf einem bronzenen Kerzenleuchter belegt.David J. Breeze, Radosław Karasiewicz-Szczypiorski, Shota Mamuladze: The Roman Frontier in Georgia / რომაული სასაზღვრო ხაზი საქართველოში. Archaeopress, Oxford 2024, ISBN 978-1-80327-753-0, S. 39–96, hier: S. 57 f. und S. 64 (Digitalisat).