Der 104. Psalm (nach Zählung des griechischen Septuaginta-Psalters und der Vulgata der 103. Psalm) ist ein poetischer, im Original hebräischer Text aus dem biblischen Buch der Psalmen.

Gattung und Gliederung Hermann Gunkel, der Begründer der Form- und Gattungskritik, kategorisierte Psalm 104 als „Hymnus eines Einzelnen,“Hermann Gunkel: Die Psalmen, übersetzt und erklärt, 6. Auflage Göttingen 1986, S. 447. was auf breite Zustimmung stieß, da der Psalm die drei Merkmale aufweist, die ein Hymnus nach Gunkels klassischer Definition haben sollte: 1. Aufforderung zum Lob, 2. Hauptteil (Corpus Hymni), der JHWHs lobwürdige Eigenschaften und Taten beschreibt, 3. Abgesang, in dem der Dichter sein eigenes Singen und Musizieren erwähnt.Annette Krüger: Das Lob des Schöpfers: Studien zu Sprache, Motivik und Theologie von Psalm 104, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 84.

Odil Hannes Steck schlug 1982 folgende Gliederung dieses Hymnus vor:

Hymnuseinleitung: Vers 1a „Lobe, meine Seele, JHWH!“ Hauptteil des Hymnus: Verse 1b–2a – Majestät JHWHs JHWH als Schöpfer in den drei kosmologischen Räumen: 1. dem überirdischen Luftraum (Verse 2b–4), 2. Festland und 3. Meer, zunächst die Scheidung beider (Verse 5–9), dann das Festland ausführlich (Verse 10–23) und das Meer in knapper Form (Verse 25–26) je für sich Verse 27–30 „in gewichtiger Schlußstellung“ als Abschnitt, der JHWH „als den Spender des Lebens preist, seines Daseins, seiner Frist und seiner Versorgung mit Nahrung.“Odil Hannes Steck: Der Wein unter den Schöpfungsgaben: Überlegungen zu Psalm 104. In: Ders., Wahrnehmungen Gottes im Alten Testament: Gesammelte Studien. Kaiser, München 1982, S. 248 f. Verse 31–32 – Majestät JHWHs Vierteiliger Abgesang: Verse 33–35

Diese „magistrale Analyse“Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101–150, Freiburg/Basel/Wien 2008, S. 72. Stecks übernimmt Frank-Lothar Hossfeld für seinen endtextorientierten Kommentar (2008) und bietet für Psalm 104 ein vierteiliges Aufbauschema: I Verse 1–4: Eröffnung II Verse 5–26: Die Erde als Lebenshaus III Verse 27–30: „Theologische Reflexion: Abhängigkeit der Geschöpfe vom Schöpfer“,Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101–150, Freiburg/Basel/Wien 2008, S. 75. dem Spender des Lebensatems und der Nahrung IV Verse 31–35: Abschluss Literar- und Redaktionskritik Klaus Dieter Seybold schied 1984 den Schlussteil von Psalm 104 als sekundär aus. Die Verse 31–35 seien eine lockere Abfolge von Unterschriften, die von verschiedenen Händen, mutmaßlich in der Reihenfolge, in der sie sich jetzt finden, an den eigentlichen Psalmschluss in Vers 30 angefügt worden seien und somit die lebhafte Diskussion über diesen Psalm bei seinen frühen Lesern erkennen lassen.Klaus Seybold: Psalm 104 im Spiegel seiner Unterschrift. In: Theologische Zeitschrift, Band 40 (1984), S. 1–11, besonders S. 10 f.

Hermann Spieckermann nahm 1989 einen Grundtext des Psalms und drei Fortschreibungen an:Hermann Spieckermann: Heilsgegenwart: Eine Theologie der Psalmen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, S. 331 f. (Digitalisat) Grundform: Verse 1aβ–4. 10–11. 14–18. 20–24aα. 24b. 27–29a. 30. 33. Erste Fortschreibung: Verse 5–7. 9. 12–13. 19. 24aβ. 25–26. 29b. 31–32. 34–35a. Zweite Fortschreibung: Verse 8 und 35bα Dritte Fortschreibung: Vers 35bβ (das Halleluja).

Matthias Köckert (2000) sieht ein dreistufiges Wachstum des Psalms. Die älteste Schicht, eine Partizipialreihe, sei im 7. Jhd. v. Chr. oder später durch eine „Du-Schicht“ erweitert worden. Hinzu kam in nachexilischer Zeit eine Ergänzung durch einen Verfasser, der an der uranfänglichen göttlichen Gründungsakt der Schöpfung interessiert war, und zuletzt noch kleine Eingriffe von Redaktoren bei der Aufnahme des Textes in das Buch der Psalmen.

Integration ins Buch der Psalmen Aufbauend auf Spieckermanns und Köckerts Annahme eines Grundpsalms mit Fortschreibungen, erklärt Hossfeld die oft beobachtete Bezogenheit der Psalmen 103 und 104 aufeinander so: Aus exilischer Zeit stammen sowohl der Grundpsalm 103 (Verse 1–14) als auch der Grundpsalm 104. Beide stimmen überein in den Konzepten von JHWH als Spender guter Gaben und Lebenserneuerer sowie der (Mit-)Geschöpflichkeit des Menschen. Es habe sich für eine wohl nachexilische Redaktion nahegelegt, diese beiden Grundpsalmen „in einer Art Diptychon“ zusammenzustellen. Dann erweiterte die Redaktion Psalm 103 und entfaltete dort das vom Anfang des Psalms 104 angeregte Motiv von JHWH als Herrscher mit himmlischem Hofstaat; umgekehrt trug die Redaktion das Motiv des Staubes aus in ein. Die Verklammerung beider Psalmen wird durch die übereinstimmenden Rahmenverse beider Psalmen (Selbstaufforderung zum Lob JHWHs) betont.Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101–150, Freiburg/Basel/Wien 2008, S. 88.

Übereinstimmend mit Spieckermann, nimmt Hossfeld darüber hinaus eine zweite nachexilische Redaktion an, die sich ebenso wie die beiden nachfolgenden Geschichtspsalmen 105 und 106 deutlich auf die Schöpfungsgeschichte der Priesterschrift bezieht. Daraus ergibt sich nach Hossfeld ein „Janusgesicht“ von Psalm 104: als Grundpsalm feiert er JHWH als Bewahrer und Lenker der Schöpfung; durch die zweite nachexilische Redaktion kommt der Bezug auf den uranfänglichen göttlichen Gründungsakt der Schöpfung hinzu – das ältere Diptychon der Psalmen 103 und 104 werde „aufgesprengt“, und die beiden Psalmen je unterschiedlichen Dreiergruppen (101–102–103 und 104–105–106) zugeteilt.Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101–150, Freiburg/Basel/Wien 2008, S. 88 f.

Psalm 104 und der Große Sonnenhymnus Seit James H. Breasted 1905 die Ähnlichkeit des großen Aton-Hymnus aus Amarna mit Psalm 104 erkannt hatte,James H. Breasted: A History of Egypt from the earliest times to the Persian conquest. Charles Scribner’s Sons, New York 1905, S. 371: “The one hundred and fourth Psalm of the Hebrews shows a notable similarity to our hymn both in the thought and the sequence, so that it seemed desirable to place the most noticeably parallel passages side by side.” (Digitalisat) wird das Verhältnis beider Texte zueinander diskutiert. Hier eine Übersicht der auffälligsten Parallelen beider Hymnen; bis auf den Ausruf „Wie viele sind deine Werke!“ stimmt auch die Reihenfolge der Motive überein:Sirje Reichmann: Psalm 104 und der „Große Sonnenhymnus des Echnaton“: Erwägungen zu ihrem literarischen Verhältnis, Münster 2009, S. 263 f. +Großer Aton-Hymnus (Zeile)Psalm 104 (Vers)Löwen kommen nachts aus ihren Höhlen, um Beute zu jagen 3321–22Die Sonne geht auf, Menschen beginnen mit ihrer Arbeit42–4523„Wie viele sind deine Werke!“7624aαSchiffe und Meerestiere46–5824–26Die Gottheit spendet allen Lebewesen ihre Nahrung85–8627Leben und Tod stehen in direkter Beziehung zur Gottheit126–12729–30a

Wegen des zeitlichen Abstands ist nur eine literarische Abhängigkeit des hebräischen Hymnus vom ägyptischen Hymnus möglich, nicht umgekehrt. Allerdings setzte sich Echnatons Religionsreform nicht durch. Zeugnisse seiner Aton-Verehrung wurden nach seinem Tod wieder getilgt und blieben nur als Inschriften in Grabanlagen erhalten. Es ist also schwer vorstellbar, wie der hebräische Dichter Jahrhunderte später Kenntnis von diesem Aton-Hymnus erhalten konnte. Sirje Reichmann plädiert für literarische Abhängigkeit und skizziert zwei mögliche Überlieferungswege. Beide setzen voraus, dass der Große Aton-Hymnus oder Auszüge daraus zur Zeit Echnatons in einem Papyrus-Archiv in Amarna vorhanden war und dort im Kult und im religiösen Unterricht Verwendung fand; beide haben die Schwierigkeit, dass eine vorexilische Entstehung von Psalm 104 angenommen wird und nicht klar ist, wie dieser Psalm die Zerstörung Jerusalems (und des dortigen Tempelarchivs) durch die Neubabylonier 587/586 v. Chr. überstanden haben kann. Variante 1: Während der Amarna-Zeit gelangt dieser Text über die höfische Korrespondenz in die Stadtstaaten der syro-phönizischen Küste und in ein dortiges Archiv, wo er weiter tradiert wird. Verzögert gelangt er aus diesem Archiv zur Kenntnis des vor dem Babylonischen Exil lebenden Psalmdichters. Variante 2: Diplomaten und schreibkundige Handelsreisende aus Syrien-Palästina besuchen zur Regierungszeit Echnatons Amarna und bringen eine Abschrift des Textes in ihre Heimatstadt, wo er in einem Archiv aufbewahrt wird. Auch nach dieser Variante erfolgt die Rezeption durch den Psalmdichter zeitverzögert.Sirje Reichmann: Bei Übernahme Korrektur? Aufnahme und Wandlung ägyptischer Tradition im Alten Testament anhand der Beispiele Proverbia 22–24 und Psalm 104, Münster 2016, S. 183 f.

Annette Krüger sieht dagegen keine literarische Abhängigkeit des Psalms 104 vom Großen Aton-Hymnus. Der Autor, der wohl im Umkreis des nachexilischen (Zweiten) Jerusalemer Tempels zu denken ist, zeige vielmehr große Gelehrsamkeit und Kenntnis mesopotamischer, ägyptischer und möglicherweise auch ugaritischer Literatur. Die vielfältigen Motive und Traditionen der Nachbarkulturen verbinde er zu einer eigenen Dichtung, die deutlich „palästinisches Gepräge“ trage.Annette Krüger: Das Lob des Schöpfers: Studien zu Sprache, Motivik und Theologie von Psalm 104, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 445–448. Ein Beispiel ist die typisch levantinische Trias Wein–Öl–Brot anstelle der sowohl in Ägypten als auch in Mesopotamien gängigen Trias Nahrung–Kleidung–Salböl.Annette Krüger: Das Lob des Schöpfers: Studien zu Sprache, Motivik und Theologie von Psalm 104, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 440.

Rezeption Antike Übersetzungen Im Septuaginta-Psalter hat Psalm 103 (= Psalm 104 im hebräischen Psalter und in modernen Übersetzungen) die Überschrift „Bezogen auf David;“ einige Manuskripte vermerken, dieser Psalm sei „ohne Überschrift bei den Hebräern.“ Vers 1cd lautet in der antiken griechischen Übersetzung: „Herr, mein Gott, du wurdest sehr groß gemacht (Passiv); mit Lobpreis und Wohlgestalt hast du dich bekleidet.“Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 856. Die Wiedergabe von „Hoheit“ durch „Lobpreis“ begegnet im Septuaginta-Psalter mehrfach. Davon abgesehen, hatte der antike Übersetzer ins Griechische bei diesem Psalm mit dem ungewöhnlichen hebräischen Vokabular (mehrere Hapaxlegomena) zu kämpfen und erriet mehrfach eine Bedeutung unbekannter Wörter: Vers 3b: „der die Wolke zu seinem Zugang macht.“ Vers 12: „Bei ihnen werden die Vögel des Himmels wohnen, mitten aus dem Felsen werden sie (ihre) Stimme erschallen lassen.“ Vers 16a. 17: „Die Bäume des Feldes werden gesättigt werden … dort werden Sperlinge nisten, und das Haus des Reihers führt sie an.“ Vers 26: „Dort ziehen Schiffe umher, dieser Drache, den du geformt hast, um ihn zu verspotten.“Jonathan Hong: Der ursprüngliche Septuaginta-Psalter und seine Rezensionen. Eine Untersuchung anhand der Septuaginta-Psalmen 2, 8, 33, 49 und 103. Kohlhammer, Stuttgart 2019, S. 321; Übersetzung: Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 856 f.