mini|hochkant|Pfarrkirche St. Martin mit Pfarrhaus Illertissen ist eine Stadt im bayerisch-schwäbischen Landkreis Neu-Ulm. Sie liegt etwa 25 Kilometer südlich von Ulm und 30 Kilometer nördlich von Memmingen in Mittelschwaben.
Geographie Geographische Lage Die Gemeinde liegt auf einer Höhe von im Südwesten des Bundeslandes Bayern im Regierungsbezirk Schwaben. Die Stadt hat ihren Namen von der unmittelbar an der westlichen Stadtgrenze vorbeifließenden Iller. Sie liegt etwa mittig zwischen Memmingen und Ulm.
Nachbargemeinden Die Gemeinde wird im Uhrzeigersinn von Bellenberg, Weißenhorn, Buch, Unterroth, Altenstadt an der Iller, Balzheim und Dietenheim umschlossen. Westlich schließt sich zunächst das gemeindefreie Gebiet „Auwald“ an, bevor die Landesgrenze zu Baden-Württemberg und dann die Gemeindegebiete von Dietenheim beziehungsweise Balzheim erreicht werden.
Stadtgliederung Es gibt fünf Gemarkungen und 13 Gemeindeteile: Illertissen mit Aumühle, Jungviehweide, Tannenhärtle und Unteres Ried Au mit Bruckhof und Dornweiler Betlinshausen Jedesheim mit Binsengraben und Ölmühle Tiefenbach
Klima Die Gemeinde liegt mit der Jahresdurchschnittstemperatur und der Niederschlagsmenge in der gemäßigten Zone. Der Niederschlag ist meist etwas höher und die Tiefsttemperaturen etwas niedriger als der Durchschnitt Deutschlands. Im Frühjahr und Herbst kann es durch die nahe Iller zu dichtem Nebel kommen.
Geschichte mini|Vöhlinschloss 1923 mini|Vöhlinschloss aus nördlicher Himmelsrichtung
Bis zum 18. Jahrhundert Der älteste bekannte Nachweis einer Besiedlung geht bis auf die Römerzeit zurück. Im Gebiet der oberen Vöhlinstraße wurde ein römisches Badehaus ausgegraben. Es ist anzunehmen, dass in der Nähe die Römerstraße von Caelio Mons (Kellmünz) nach Guntia (Günzburg) vorbeigeführt hat. Die erste nachweisliche urkundliche Erwähnung unter dem Ortsnamen „Tussa“ erfolgte im Jahre 954 n. Chr. anlässlich eines Waffenstillstands zwischen König Otto I. und seinem Sohn Herzog Liudolf von Schwaben durch Vermittlung des Bischofs von Augsburg, Ulrich, und des Bischofs von Chur, Hartbert, die den Liudolfinischen Aufstand beendete und im Folgejahr die Einigkeit der ostfränkischen Herzöge bei der Abwehr der Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld ermöglichte. Im 12. bis 13. Jahrhundert entstand nach der Schlacht von Jedesheim unter den Grafen von Kirchberg (Schwaben) die Burg Tissen, ein Vorläuferbau des heutigen Vöhlinschlosses. Es ist anzunehmen, dass die Kirchberger zumindest zu Beginn die Herrschaft Illertissen nicht selbst verwalteten, sondern sie den benachbarten Herren von Aichheim als Lehen auftrugen. Die Aichheimer amtierten in Hochmittelalter zudem als Vögte der Illertaler Besitzungen des Klosters Einsiedeln. Mit dem Tod des letzten Aichheimers, Bertold, im Jahr 1330 geriet die Herrschaft Illertissen über Tochtererbe und Lehensrückfall an die Grafen von Kirchberg. Unter diesen erhielt Tissen 1430 das Marktrecht sowie von Kaiser König Sigismund die hohe Gerichtsbarkeit verliehen. Fortan blühten Handel und Handwerk auf. Neben Bauern und Handwerkern waren in Illertissen auch Bierbrauer und Weber ansässig. Das Handelsgeschlecht der Vöhlin (1520–1757), eine Memminger Patrizierfamilie, bestimmte wesentlich die Geschichte Illertissens. Es erwarb nach dem Aussterben der Kirchberger 1520 das Schloss und die Herrschaft über Illertissen. In die Zeit der Vöhlinherrschaft fielen umfangreiche Neubauprojekte wie Renovierung des Schlosses und Errichtung der Pfarrkirche St. Martin (Illertissen). Mit Johann Joseph II. endete im 18. Jahrhundert die Zeit der Vöhlin mit deren Bankrott und dem Verkauf der Herrschaft (1756) an den Bayerischen Kurfürsten Max Josef III.
19. und 20. Jahrhundert Seit 1803 ist das Vöhlinschloss im Besitz des bayerischen Staates. Zunächst waren hier Rentamt und Landgericht, später Bezirksamt, Landratsamt und Finanzamt sowie das Amtsgericht untergebracht. Seit 1983 nutzen das Bienen- und das Heimatmuseum das Schloss. Im Hauptgebäude und im Seitentrakt erfährt das Vöhlinschloss seit 2010 eine neue Nutzung als gemeinsames Fortbildungs-, Management- und Tagungszentrum der Hochschulen Augsburg, Kempten und Neu-Ulm.
Mit dem bayerischen Gemeindeedikt von 1818 entstand die politische Gemeinde Illertissen. Einen wichtigen Entwicklungsschub für den agrarisch geprägten Markt brachte der Bau der Eisenbahnstrecke Ulm–Kempten 1861/62 (Illertalbahn).
Westlich der Bahn siedelten sich Industriebetriebe an, die Einwohnerzahl entwickelte sich entsprechend von ca. 1.000 um das Jahr 1800 auf ca. 1.800 im Jahre 1905 bis auf 2.500 im Jahre 1930. Nach der Inflation 1923 lebte die Marktgemeinde erst ab 1926 wieder auf. Am Ende des Zweiten Weltkrieges, im April 1945, entging Illertissen nur knapp der Drohung der Amerikaner, „den Markt in Schutt und Asche zu legen“. Erst nach drei Jahren vielfältiger Not leiteten Währungsreform und Marktwirtschaft einen Aufschwung ein. Neue Produktionszweige siedelten sich an. Somit konnte Illertissen relativ schnell an der allgemeinen Industrialisierung teilhaben, ohne dass der natürliche Lebensraum, das soziale Gleichgewicht oder das Stadtbild gestört worden wären. Dazu leisteten auch die Heimatvertriebenen einen bemerkenswerten Beitrag.
Anlässlich der 1000-Jahr-Feier wurde Illertissen 1954 zur Stadt erhoben. Der Landkreis Illertissen wurde im Jahr 1972 aufgelöst, der Ort selbst kam zum Landkreis Neu-Ulm.
Eingemeindungen Mit dem am 1. Juli 1971 eingegliederten Gemeindeteil Betlinshausen sowie den 1978 im Rahmen der kommunalen Gebietsreform hinzugekommenen Gemeindeteilen Au (am 1. Januar 1978 eingemeindet), Jedesheim und Tiefenbach (beide am 1. Mai 1978 eingemeindet) ist Illertissen zu einer Stadt mit etwa 16.500 Einwohnern gewachsen.
Einwohnerentwicklung Zwischen 1988 und 2018 wuchs die Stadt von 13.641 auf 17.473 um 3.832 Einwohner bzw. um 28,1 Prozent.
Politik Stadtrat
mini|Rathaus von Illertissen
Dem Stadtrat gehören 24 gewählte Mitglieder sowie der hauptamtliche Erste Bürgermeister an. Bei den Kommunalwahlen 2026 verteilten sich die Sitze entsprechend dem rechts dargestellten Wahlergebnis wie folgt auf die einzelnen Parteien und Wählervereinigungen:
CSU SPD FWG Bürgerliste FDP ödp AfD Gesamt 2026Stadtratswahl Illertissen 2026 11 2 6 – – 4 1 24 Sitze Frühere Wahlen 2020Stadtratswahl Illertissen 2020 9 3 8 – – 4 24 Sitze 2014 10 4 7 – – 3 24 Sitze 2008 9 3 6 3 0 3 24 Sitze 2002 10 5 6 1 1 1 24 Sitze
Bürgermeister Im März 2014 wurde Jürgen Eisen zum Ersten Bürgermeister gewählt, der sich dabei gegen Amtsinhaberin Marita Kaiser durchgesetzt hatte.Jürgen Eisen ist neuer Bürgermeister. In: Augsburger Allgemeine, 30. März 2014. Bei der Wahl am 15. März 2020 wurde er ohne Mitbewerber mit 95,0 % der Stimmen bestätigt, bei der Kommunalwahl 2026 setzte er sich mit 68,7 % der Stimmen gegen Mitbewerber der SPD und der AfD durch.
Wappen
Städtepartnerschaften und Patenschaften Zum ca. 1200 km entfernten Carnac in der Bretagne (Frankreich) besteht eine langjährige Städtepartnerschaft mit regelmäßigen gegenseitigen Besuchen (z. B. Schüleraustausch).
Im Jahr 1953 wurde vom Markt Illertissen eine Patenschaft über die Stadt Elbogen (Loket) im Egerland (Tschechien) übernommen, begründet aus der Verbundenheit mit den vertriebenen Egerländern, der Erhaltung des Kulturgutes dieser Stadt und den mehrfachen historischen Beziehungen Illertissens mit Elbogen. Aus dieser Patenschaft wurde 1999 eine Städtepartnerschaft.Das Tagebuch einer Partnerschaft. In: illertissen-elbogen.de.
Anlässlich der Stadterhebung Illertissens im Jahr 1954 wurde von der Stadt Augsburg eine Patenschaft über die junge Stadt Illertissen übernommen. Sie wurde zur 50-Jahr-Feier der Erhebung 2004 erneuert.
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|Panoramaaufnahme des Vöhlinschlosses aus östlicher Himmelsrichtung mini|Historische Schranne
Bauwerke In Illertissen befindet sich das Vöhlinschloss, das im 12./13. Jahrhundert als Burg Tissen der Grafen von Kirchberg entstanden ist. In den Jahren 1520 bis 1756 war das Schloss im Besitz der Memminger Patrizierfamilie Vöhlin. Es ist mit einer Rokokokapelle ausgestattet.
Die Pfarrkirche St. Martin aus dem Jahr 1590 verfügt über einen Hochaltar der Hochrenaissance von Christoph Rodt (1604) und einen Carillon.
Eine historische Schranne wurde etwa 1697 als Zehentstadel erbaut. Renovierung und Umbau zum Sitzungssaal erfolgten im Jahr 1993.
Das Rathaus der Stadt entstand im Jahr 1891.
Theater In der Nähe des Schlosses im ehemaligen Schlossgarten besteht seit Anfang der 1980er Jahre die Freilichtbühne „Schwabenbühne Roth- und Illertal e. V.“, auf der jeden Sommer zwei Theaterstücke von Amateuren in der regionalen Mundart aufgeführt werden. Zudem wird im Winter ebenfalls ein Stück aufgeführt, welches traditionell in der Historischen Schranne Premiere feiert und danach auf Tour durch den Landkreis geht.Homepage der Schwabenbühne Roth- und Illertal
Museen Das 2013 eröffnete Museum der Gartenkultur befindet sich auf dem Gelände einer Staudengärtnerei östlich von Illertissen, in der Nähe des Flugplatzes. Das Areal untergliedert sich in ein Gartenarsenal mit einer großen Sammlung historischer Gartenarbeitsgeräte, ein Sortenarsenal zur Erhaltung und Pflege alter Pflanzensorten und offene Gärten mit besonderen Sehenswürdigkeiten. Weiterhin gibt es dort eine Präsenzbibliothek historischer und moderner Gartenliteratur, ein Bienenhaus als öffentlicher Bücherschrank und eine Gartenakademie als freie Bildungseinrichtung.
Im Vöhlinschloss sind seit 1983 das Bienenmuseum und das Heimatmuseum untergebracht. Das Bienenmuseum ging aus der Sammlung von K.A. Forster hervor und dokumentiert die wirtschaftliche sowie kulturelle Rolle der Biene seit dem Altertum. Seit 2015 wird es ergänzt durch einen Bienen-Lehrpfad am östlichen Stadtrand von Illertissen.
Das „Museum Illertissen – Geschichten und Geschichte im Schloss“ zeigt mit über 500 Exponaten die Geschichte der Familie Vöhlin, des unteren Illertals und der Stadt Illertissen.
Im ehemaligen Gasthof Adler befindet sich das von der Eghalanda Gmoi (Egerländer Gemeinde) aufgebaute Egerländer und Elbogener Museum. Dort werden circa 4000 Exponate zur Geschichte und Tradition des Egerlandes und der Partnerstadt Elbogen (Loket) gezeigt.
Musik Illertissen ist die Geburtsstätte zweier international bekannter Musikgruppen. Zum einen der 1977 gegründeten Heavy-Metal-Band Gravestone, die besonders Mitte der 1980er Jahre mit mehreren Alben sowie Auftritten in Zentraleuropa Erfolge feierte. Zum anderen der 1987 gegründeten Death-Metal-Band Fleshcrawl, die etliche Alben veröffentlichte, Tourneen in Europa, Asien und Nordamerika absolvierte und auf großen Musikfestivals wie dem Wacken Open Air oder dem Summer Breeze Open Air auftrat.Homepage der Musikgruppe Fleshcrawl – Biography (englisch) Die Stadtkapelle Illertissen, deren sinfonisches Blasorchester eines der größten Orchester im Allgäu-Schwäbischen Musikbund verkörpert, ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und musiziert bei Wettbewerben auf höchstem Level.
Sport Der lokale Fußballverein FV Illertissen spielt Stand Saison 2024/25 in der Regionalliga Bayern, während die SpVgg Au/Iller aus dem Stadtteil Au in der Kreisliga A antritt.
Wirtschaft und Infrastruktur Auch wenn die ehemalige Kreisstadt Illertissen im Zuge der Kreisreform Einrichtungen an den Landkreis Neu-Ulm abgeben musste, hat die Stadt als regionales Mittelzentrum im südlichen Landkreis nichts von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung eingebüßt.