mini|hochkant=0.7|Denkmal Albrechts in der Zitadelle Spandau, Berlin (ehemals auf der Siegesallee)
Das populäre Geschichtsbild von der Entstehung der Mark Brandenburg beruht auf einem Gründungsmythos: Die Mark Brandenburg sei entstanden, nachdem Markgraf Albrecht der Bär die Brandenburg in Brandenburg an der Havel als Mittelpunkt des Stammesgebietes der slawischen Heveller erobert hatte. Der Ausbau der Mark unter der Dynastie der askanischen Markgrafen von Brandenburg sei durch den Zuzug deutscher Siedler und Bürger erfolgt, die gesellschaftliche Änderungen mit sich brachten (insbesondere durch Christianisierung und agrartechnische Verbesserungen). Der Artikel bezieht sich also ausschließlich auf die Gründungsphase bis zum Aussterben der Askanier 1320.
Der populärste Ausdruck des nicht zuletzt auch politisch inspirierten Gründungsmythos ist die Statue Albrechts des Bären aus der ehemaligen Siegesallee in Berlin: Der bewaffnete Markgraf reckt das Kreuz empor als Symbol des Triumphes über die heidnischen Slawen durch Christianisierung und Kultivierung; sein eiserner Fuß ruht auf dem Kopf einer zerstörten slawischen Götterfigur. Das in dieser Statue verdichtete „Geschichtsbild“ der gewaltsamen Christianisierung wird ausführlicher in der Schildhornsage erzählt.
Den Prozess des folgenden Landesausbaus und der Kultivierung der Slawen wurde am populärsten durch Theodor Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg geschildert, und zwar im 1873 erschienenen dritten Band (Havelland), dort im Kapitel „Die Wenden und die Kolonisation der Mark durch die Zisterzienser“. Da die schriftstellerische Bearbeitung des Geschichtsstoffs durch ihre hohen Auflagen den höchsten Verbreitungsgrad fand, hat die nichtwissenschaftliche Literatur das populäre Geschichtsbild am stärksten geprägt.Wolfgang Wippermann: „Gen Ostland wollen wir reiten!“ Ordensstaat und Ostsiedlung in der historischen Belletristik Deutschlands. In: Wolfgang H. Fritze (Hrsg.): Germania Slavica, II, 1981 (= Berliner historische Studien, Band 4), S. 190. Auf die besonders wirkungsmächtige Bedeutung Fontanes für das Geschichtsbild weist hin Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen. Berlin 2009, S. 223–227.
Dieses im engsten Kern richtige, aber durch national-ethnische Sichtweisen verzerrte populäre Geschichtsbild ist insbesondere seit 1945 durch historisch-archäologische Forschungsergebnisse relativiert worden. Die wichtigsten Differenzen zwischen dem allgemeinen, bis heute wirksamen Geschichtsbild und dem aktuellen wissenschaftlichen Geschichtsbild (siehe hierzu Entstehung der Mark Brandenburg) erläutert der folgende Artikel, beruhend vor allem auf den Forschungsergebnissen der Germania Slavica.
mini|Denkmal in Neuruppin: Fontane als Wanderer in der Mark Brandenburg
Allgemeines und wissenschaftliches Geschichtsbild Allgemeines Geschichtsbild und Geschichtsbewusstsein sind subjektiv geprägt von persönlichen Erfahrungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen (hier bezüglich der slawischen Nachbarn z. B. die polnischen Teilungen und ihre Folgen für die östlichen Teile Deutschlands bis hin zu den beiden Weltkriegen gegen slawische Staaten), nur bedingt beeinflusst durch die jeweils neuesten Erkenntnisse der Geschichtsforschung.
Diese beruhte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ganz überwiegend auf der Analyse schriftlicher Quellen, mit der Folge der Einseitigkeit, da die Slawen zwischen Elbe und Oder vor ihrer Christianisierung keine eigenen Schriftquellen kannten. Erst durch die Verstärkung und Intensivierung der Archäologie wurde auch der slawische Anteil an der Entstehung der Mark Brandenburg erkennbar. Die neue Forschungsrichtung Mittelalterarchäologie entstand, mit differenzierten Erkenntnismöglichkeiten, vor allem durch die Dendrochronologie und die Archäobiologie. Zum Beispiel ermöglicht nun die Pollenanalyse Aussagen darüber, wann und wie bestimmte Örtlichkeiten bewachsen bzw. landwirtschaftlich genutzt worden waren. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Mediävistik und Archäologie ist also gerade für die slawisch-deutsche Übergangszeit unverzichtbar. In diese Interdisziplinarität werden noch stärker und systematischer als bisher andere Quellengruppen einbezogen: Onomastik, Siedlungsgeographie, Numismatik und Kunstgeschichte. Hierzu gehört auch die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus den slawischen Nachbarländern. Richtungsweisend für diese immer qualifiziertere Forschung steht das in den 1970er-Jahren an der Freien Universität in Berlin gegründete Projekt der Germania Slavica, seit 1996 fortgeführt durch das GWZO in Leipzig.
Das wissenschaftliche Geschichtsbild wirkt sich nur mit Verzögerung auf das allgemeine Geschichtsbild aus.Dieser Absatz beruht auf Hans-Werner Goetz: Proseminar Geschichte: Mittelalter (UTB 1719, 1993), S. 13–24.
Eckpunkte der märkischen Geschichtsschreibung Das sich in der Statue Albrechts des Bären und dem Fontaneschen Wenden-Kapitel ausdrückende Geschichtsbild entstand nicht voraussetzungslos. Ob die Schildhornsage schon im Mittelalter entstand, ist nicht bekannt; schriftlich erwähnt wird sie erstmals 1722. Aus diesem Grund ist auch nicht klar, ob und wie sich Sage und Geschichtsschreibung gegenseitig beeinflusst haben. Bis Fontane standen daher die beiden Topoi „blutiger Kampf“ und „Christianisierung“ im Mittelpunkt. Wenige Jahre vor Fontanes Wenden-Kapitel wurde der Zusammenhang und die Autorschaft von verschiedenen mittelalterlichen Quellen-Bruchstücken entdeckt. Doch erst als der Tractatus de captione urbis Brandenburg des Heinrich von Antwerpen zwei Jahre nach Fontanes Wenden-Kapitel publiziert wurde, konnte erkannt werden, dass den Topoi „blutiger Kampf“ und „Christianisierung“ nicht die Bedeutung zukam, die ihnen bisher zugemessen worden waren, und dass die Gründungsphase der Mark durch Albrecht mehr von Gemeinsamkeiten als durch Gegnerschaft zwischen Deutschen und Slawen gekennzeichnet war.
Helmold von Bosau, Heinrich von Antwerpen und Pribik Pulkava (Mittelalter) Helmold von Bosau beschreibt in seiner Chronica Slavorum vor allem die Geschichte im Bereich der Obotriten, aber er erwähnt auch Albrecht den Bären sowohl in Hinsicht auf den Wendenkreuzzug 1147 als auch auf dessen Siedlungspolitik nach 1157. Helmold war, obwohl in Bosau ein eher fern stehender Beobachter, für die märkische Geschichtsschreibung mangels besserer Quellen der entscheidende Kronzeuge, bis 1868 der Zusammenhang mehrerer schon länger bekannter chronikalischer Bruchstücke erkannt und Heinrich von Antwerpen als ihr Verfasser identifiziert wurde. Sein Tractat war als eine „verloren gegangene brandenburgische Chronik“ in die Böhmische Chronik des Pribik Pulkava (+ vermutlich 1380) eingegangen, dessen Arbeit auf Mitteilungen aus mehreren älteren Chroniken beruhte. Erst durch zweifelsfreie Zuordnung dieser Quelle wurde erkennbar: die genaue Identität von Pribislaw-Heinrich von Brandenburg, der bis dahin vielfach mit dem Obotritenfürsten Pribislaw (Alt-Lübeck) verwechselt worden war, das während der gesamten Regierungszeit des Hevellerfürsten Pribislaw bestehende Bündnis mit Albrecht dem Bären (Erbvertrag sowie Patengeschenk Zauche für Albrechts Sohn Otto) sowie der Umstand, dass sowohl Pribislaw als auch Jaxa von Köpenick von Geburt an getaufte Christen waren (wie nahezu alle Slawenfürsten dieser Zeit).
Von Kampf und Christianisierung in Bezug auf Pribislaw konnte also nicht die Rede sein.
mini|Krantz: Wandalia (Titelblatt von 1636)
Albert Krantz (1448–1517) Albert Krantz hat in seiner „Beschreibung Wendischer Geschichte“ (Wandalia, 1519) auch mehrfach Albrecht den Bären erwähnt, obwohl sich sein Werk im Wesentlichen mit den Obotriten in der ehemaligen Billunger Mark beschäftigt. Die wichtigsten frühen märkischen Geschichtsschreiber, Bekmann und Gundling, haben daher mehrfach auf den „berühmten Scribenten“ Bezug genommen. Seine Hauptquellen sind Adam von Bremen und Helmold von Bosau.
Krantz, Gelehrter und Diplomat in Diensten der Hansestädte Hamburg und Lübeck, führte das von ihm vertretene Wendische Quartier der Hanse, zu dem auch die brandenburgischen Hansestädte gehörten, auf die Wenden zurück. Er schilderte ihre ruhmreiche Vergangenheit, z. B. unter Berufung auf Adams von Bremen Schilderung der prachtvollen slawischen Handelsstadt Vineta, bedauert, dass unter den erobernden Sachsen Heinrich der Löwe und Albrecht der Bär ihr Name „verächtlich“ gemacht worden sei („Sklaven“), und meint abschließend, wer sich „aber unser Vorfahren Geschichte und Thaten recht zu Bewusstsein“ bringe, der könne es nur als „eine Ehre ansehen, daß wir von solchen Leuten hergeboren“.
Krantz war der Meinung, dass Heinrich der Löwe und Albrecht der Bär bei der Wiedereroberung der im Slawenaufstand von 983 verloren gegangenen Gebiete die Slawen entweder erschlagen oder vertrieben hätten. (Die These von der „Ausrottung“ der Slawen wurde erstmals ausführlich 1960 von Werner Vogel widerlegt.Vogel, Werner: Der Verbleib der wendischen Bevölkerung in der Mark Brandenburg, Berlin 1960.) Laut Krantz hat König Heinrich I. 929 „die eroberte Stadt Brandenburg zu einer Sächsischen Colonien gemachet“. (Das Wort Kolonie fand Eingang in den Begriff der Ostkolonisation und verband sich Ende des 19. Jahrhunderts bedeutungsverzerrend mit der Vorstellungen der wilhelminischen Kolonialpolitik.)
Johann Christoph Bekmann (1641–1717) mini|Bekmann: Historische Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg (Titelblatt) Johann Christoph Bekmann erhielt 1707 vom preußischen König Friedrich I. den offiziellen Auftrag, eine Geschichte der Mark Brandenburg zu verfassen. Mit ihm begann die offizielle märkische Geschichtsschreibung. Bekmann nahm Bezug auf Krantz; bei den von Bekmann genutzten Chronisten steht Helmold von Bosau noch stärker im Vordergrund. Ausführlicher als Krantz zitierte er Helmold in Bezug auf die Geschehnisse in Brandenburg, fügte aber sonst nichts hinzu, was über Helmold und Krantz hinausgehen würde. Da auch ihm die Quelle Heinrich von Antwerpen nur in Bruchstücken bekannt war, standen „blutiger Kampf“ und „Christianisierung“ im Vordergrund. Die positive Identifikation des Hanseaten Krantz’ mit den Wenden war dem Märker Bekmann fremd. Dadurch verschoben sich die Akzente.
Freiherr Jacob von Gundling (1673–1731) mini|Die Lebensbeschreibung Albrechts des Bären von Gundling (Titelblatt)
Auf Krantz als „berühmten Scribenten“ hat auch der Historiker Freiherr Jacob von Gundling ausdrücklich Bezug genommen, denn die Obotriten haben zeitweise auch das Stammesgebiet der Heveller beherrscht und Albrecht hat mit den Obotriten gekämpft. Gundling war Präsident der Preußischen Akademie der Wissenschaften und führte eine systematische Quellenauswertung in die Geisteswissenschaften Preußens ein. Er war der Erste, der nicht nur Quellen sammelte, sondern sie auch (sorgfältiger als Krantz und Bekmann) zitierte und kritisch wertete:
Zu Beginn seines Werkes über Albrecht den Bären korrigierte er „grosse Irrungen bey der Genealogie“ der Askanier. In Paragraph 2 fährt er fort: „Da ich nunmehro die Genealogie gegenwärtiger Ahnen-Tafel in die Ordnung gebracht, so habe ich in der Historie gleichfalls die Irrthümer entdecket, und dieselbe aus dem Weg geräumet.“ Anschließend wendet er sich wiederum gegen einzelne „irrige“ Meinungen. Unter den 15 aufgelisteten Punkten sind drei von besonderer Bedeutung für das überlieferte Geschichtsbild (hier zitiert und kommentiert):
„Irrig ist es, was man von einem Marggraf Pribislau, so A. 1103 gestorben vorgiebt. Pribislau war kein Marggraf, sondern ein Abkömmling der Obotritischen Fürsten, welcher nicht A. 1103, sondern etwan A. 1139 verstorben.“Gundling erkannte nicht, dass es sich bei den häufigen Nennungen von Pribislaw in den Schriftquellen um verschiedene Fürsten handelte. Der Hevellerfürst starb 1150, der Obotritenfürst nach 1156.