Paul Vogt (* 27. April 1877 in Burg (bei Magdeburg); † nach 1964) war Senatspräsident am Reichsgericht. Er war der Untersuchungsrichter im Reichstagsbrandprozess.
Leben Der evangelische Sohn eines königlichen Musikdirektors legte die juristischen Prüfungen 1900 und 1906 jeweils mit der Note „ausreichend“ ab. 1906 ernannte man ihn zum Gerichtsassessor. 1909 wurde er zum Staatsanwalt in Insterburg befördert und 1912 nach Berlin versetzt. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Hauptmann der Artillerie teil. 1920 stieg er zum Staatsanwaltschaftsrat auf und wurde I. Staatsanwalt bei der Generalstaatsanwaltschaft. 1922 wechselte er auf die Richterbank als Landgerichtsdirektor beim Landgericht Berlin I. In dieser Zeit war er Untersuchungsrichter beim Staatsgerichtshof zum Schutz der Republik im Tscheka-Prozess 1924/25. 1931 kam er als Hilfsrichter an das Reichsgericht. Von 1918 bis 1927/28 war er Mitglied der DNVP.
1932 wurde er zum Reichsgerichtsrat ernannt. Er war im II. Strafsenat durchgehend tätig und somit mitverantwortlich für die regimetreue Rassenschanderechtsprechung des Senats. Zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.989.215).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/46150983 Im Reichstagsbrandprozess ersetzte er auf persönliche Intervention Adolf Hitlers und Hermann Görings den vormaligen Untersuchungsrichter Braune.Hans-Georg Breydy: Der Reichstagsbrandprozeß in Leipzig 1933 (Zentral- und Landesbibliothek Berlin), abgerufen am 5. September 2011. Nach Hans Mommsen gehörte er zu der „Generation deutscher Juristen, die glaubte, die abstrakte Staatsordnung mit rücksichtsloser Schärfe vor marxistischem Umsturz bewahren zu müssen, und die in politischen Sachen zweierlei Maß anzulegen geneigt war“ und es war nach Mommsen „die Schuld Vogts, daß der Prozeß vor dem Reichsgericht einen so kläglichen Verlauf nahm.“Hans Mommsen: Der Reichstagsbrand und seine politischen Folgen (PDF; 6,9 MB), VfZ Jahrgang 12 (1964), Heft 4, S. 351–413. 1937 erfolgte die Ernennung zum Senatspräsidenten. 1944 wurde er in den Ruhestand versetzt.Kaul gibt als Ruhestandsdatum den 31. Oktober, Fritz Hartung: Jurist unter vier Reichen, Köln, Berlin, Bonn, München 1971, S. 616 den 6. Juni an.
Nach der Besetzung Leipzigs durch die Rote Armee wurde er durch den NKWD verhaftet. Nach Aufenthalten in den Speziallagern in Mühlberg und Buchenwald wurde er 1950 im Rahmen der Waldheimer Prozesse zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er kam 1952 frei und lebte noch Jahrzehnte nahe Stade in Niedersachsen.Ingo Müller: Der Reichstagsbrandprozess vor dem Reichsgericht, in: Dieter Deiseroth (Hrsg.) Der Reichstagsbrand und der Prozess vor dem Reichsgericht, Berlin 2006, S. 41.
Literarische Verarbeitung Im 1935 verfassten Roman "Die Tochter des Generals" aus der Feder von Arkadij Maslow taucht Vogt als Untersuchungsrichter beim Reichsgericht auf. Dort verhört er im Stile eines Inquisitors mehrere Charaktere, unter anderem Marie Louise von Bimmelburg – eine Figur, die der Tochter des Reichswehrgenerals Kurt von Hammerstein-Equord nachempfunden ist. Maslow charakterisierte seine Figur als Musterbeispiel des untergeordneten NS-Technokraten:
"Herr Vogt machte seine Sache gut, wenn es um leichte Fälle ging, aber Herr Vogt war jederzeit nur ein Werkzeug, ein Transmissionsmechanismus, eine Art Rieselfeld, das man mit den unappetitlichsten Abfällen bewirft, die es verarbeitet, um daraus nahrhaftes Gemüse zu liefern, das andere konsumieren"Arkadij Maslow, Die Tochter des Generals, BeBra Wissenschaftsverlag, Berlin 2011, S. 114, ISBN 978-3-937233-76-5
Ehrungen 1938 Goldenes Treudienst-Ehrenzeichen 1943 Kriegsverdienstkreuz II. Klasse
Literatur Friedrich Karl Kaul, Geschichte des Reichsgerichts, Band IV (1933–1945), Ost-Berlin 1971, S. 61f David von Mayenburg: Hentig, Hans von, in: Kurt Groenewold, Alexander Ignor, Arnd Koch (Hrsg.): Lexikon der Politischen Strafprozesse, Online, Stand: März 2019.
Weblinks
DDR-Justiz und NS-Verbrechen: Band XIV Waldheimverfahren: Lfd.Nr.2082 Bundesarchiv: Findbuch: Sammlung Konzentrationslager und Haftanstalten der NS-Zeit / 1 Ministerium des Innern / 5 Kriegsverbrecher und Kriegsverbrecherprozesse DO 1/32687 Personalakte des Senatspräsidenten beim Reichsgericht Leipzig Paul Vogt, geb. am 20.11.1886
Einzelnachweise
Kategorie:Richter (Reichsgericht) Kategorie:DNVP-Mitglied Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:Verurteilte Person (NS-Täter) Kategorie:Verurteilte Person (Waldheimer Prozesse) Kategorie:Speziallagerhäftling Kategorie:Person im Ersten Weltkrieg (Deutsches Reich) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1877 Kategorie:Gestorben im 20. Jahrhundert Kategorie:Mann