Edgar ist eine Oper (Originalbezeichnung: „Dramma lirico“) in drei bzw. vier Akten von Giacomo Puccini. Das Libretto stammt von Ferdinando Fontana. Die Oper hatte ihre Premiere am 21. April 1889 im Teatro alla Scala in Mailand.

Handlung

Die Oper spielt in Flandern im Jahr 1302. Den historischen Hintergrund bilden die Kriege der Flamen gegen den Machtanspruch Frankreichs.

In einem Dorf bei Courtrai begrüßt Fidelia liebevoll ihren Verlobten Edgar. Tigrana, die als ungarisch-moriskisches Findelkind von den Dorfbewohnern aufgezogen worden war und zuvor ein Verhältnis mit Edgar gehabt hatte, macht sich über die beiden lustig. Als die Dorfbewohner aus der Kirche kommen, verhöhnt Tigrana auch diese auf blasphemische Weise. Die verärgerten Bauern treiben sie bis zum Haus Edgars, der sie leidenschaftlich verteidigt. Edgar hat genug von dem langweiligen Dorf. Er zündet sein Haus an, verwundet Tigranas Verehrer Frank in einem Zweikampf und flieht mit ihr.

Die beiden führen ein ausschweifendes Leben, dessen Edgar aber bald überdrüssig wird. Er versöhnt sich mit dem inzwischen in die Armee eingetretenen Frank und schließt sich ihm an, um in den Krieg zu ziehen.

Edgar ist in der Schlacht von Courtrai gefallen. Bei der Trauerfeier gedenkt Fidelia ihrer gemeinsamen Zeit. Ein geheimnisvoller Mönch erinnert alle an die Untaten und das lasterhafte Leben Edgars. Fidelia verteidigt ihn. Der Mönch bietet Tigrana Schmuck an, damit sie ihm bestätigt, dass Edgar das Vaterland verraten wollte. Tigrana geht darauf ein. Die anwesenden Soldaten stürzen sich wutentbrannt auf die Bahre und erkennen, dass die Rüstung leer ist. Der Mönch gibt sich als Edgar selbst zu erkennen. Er hatte seinen Tod lediglich vorgetäuscht und verflucht nun Tigrana. In der dreiaktigen Fassung fällt Edgar Fidelia in die Arme. Tigrana ersticht sie, und Edgar bricht über Fidelias Leiche zusammen.

In der ursprünglichen Fassung ist Fidelia in ihr Haus zurückgekehrt, bevor sich Edgar zu erkennen gegeben hat. Sie trauert und träumt, dass sie noch heute im Tod mit ihm vereint werde. Edgar und die Dorfbewohner kommen zu ihr und erklären alles. Edgar und Fidelia wollen heiraten. Tigrana schleicht sich in die Wohnung und ermordet Fidelia. Frank und Gualtiero halten Edgar davon ab, Selbstjustiz zu üben. Tigrana wird zum Richtplatz geführt.

Die folgende Inhaltsangabe basiert auf dem Libretto von 1889. Die Szenenanweisungen daraus sind kursiv gekennzeichnet.

Erster Akt

Ein Dorf bei Courtrai

Auf der rechten Seite vorne das Haus Edgars; in der Nähe der Haustür eine Steinbank; etwas weiter hinten eine Kirche. Auf der linken Seite vorne eine Taverne mit einer Pergola und einem Tisch und Bänken darunter; weiter hinten eine Baumgruppe. Direkt hinter der Kirche eine Anhöhe quer über die gesamte Szene, die auf der linken Seite hinter einer Baumgruppe verläuft; in der Mitte des Hügels ein blühender Mandelbaum, an dem ein Pfad über den Platz verläuft. Im Hintergrund der heiteren Landschaft in einiger Entfernung die Dächer der Dorfhäuser. Frühester Morgen.

Szene 1. Bauern und Bäuerinnen besingen den angebrochenen Morgen. Auch Fidelia genießt die Natur. Sie erblickt den schlafenden Edgar, weckt ihn und überreicht ihm liebevoll einen Zweig des Mandelbaums. Dann geht sie.

Szene 2. Tigrana macht sich über die Liebesszene lustig.

Szene 3. Sie erinnert Edgar an ihre frühere feurige Liebe, die nichts mit dieser Bauernliebe gemein hatte. Edgar will nichts davon hören. Ironisch rät Tigrana ihm, doch in die Kirche zu gehen. Er tritt in sein Haus. Tigrana macht sich auf den Weg zur Taverne. Dort begegnet sie ihrem Verehrer Frank.

Szene 4. Frank beklagt sich, dass Tigrana am gestrigen Abend nicht zu ihrer Verabredung erschienen sei. Tigrana entgegnet, dass sie seine Liebe langweile.

Szene 5. Frank erinnert sich daran, wie Tigrana fünfzehn Jahre zuvor von durchziehenden Ungarn und Morisken im Dorf zurückgelassen und von der Dorfgemeinschaft aufgenommen worden war. Nun liebt er sie unglücklich („Questo amor, vergogna mia“).

Szene 6. Nach dem Gottesdienst verlassen die Bauern in einer Prozession die Kirche. Tigrana verhöhnt sie auf blasphemische Weise („Tu il cuor mi strazi“). Die Bauern treiben sie erzürnt bis zum Haus Edgars. Dort sieht sie keinen anderen Ausweg mehr und klopft an der Tür.

Szene 7. Edgar öffnet. Er stellt sich den Bauern entgegen und verteidigt Tigrana leidenschaftlich. Die Bauern halten ihn für verrückt. Edgar stimmt ihnen zu. Er hatte schon lange den Wunsch, dieses langweilige Tal zu verlassen. Kurz entschlossen steckt er sein Haus in Brand und ergreift Tigrana an der Hand, um mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Entsetzt weichen die Umstehenden aus. Nur Frank stellt sich ihnen in den Weg.

Szene 8. Frank zieht seinen Dolch und versucht Edgar gewaltsam aufzuhalten.

Szene 9. Franks Vater Gualtiero fleht seinen Sohn an, den Streit zu beenden. Fidelia versucht das gleiche mit Edgar. Als die beiden tatsächlich die Waffen sinken lassen, erklärt Tigrana sie für Feiglinge. Die Bauern jedoch sind erleichtert. Der Streit bricht jedoch erneut aus, und Edgar verwundet Frank leicht. Gualtiero entreißt dem immer noch tobenden Frank die Waffe. Edgar und Tigrana entfernen sich schnell. Die Dorfbewohner mit Ausnahme Fidelias schleudern ihnen Flüche nach.

Zweiter Akt

Große Vorhalle eines Schlosses

Eine teppichbelegte Treppe führt zum Bankettsaal. Hinten kann man über eine Terrasse von der Halle bis zur Straße hinabsteigen. Im Hintergrund eine mondbeschienene Landschaft mit Bäumen. Rechts Gärten. Blumen und Leuchter. Verschiedenfarbige Hängelampen. An den Wänden Gobelins, Federn usw.

Szene 1. Gäste und Kurtisanen feiern im Schloss Tigranas und Edgars.

Szene 2. Edgar ist der Ausschweifungen der letzten Zeit schon überdrüssig geworden. Er sehnt sich wieder nach dem anmutigen Bild jenes Aprilmorgens („O soave vision“) und entfernt sich grübelnd.

Szene 3. Tigrana feiert ausgelassen mit den Gästen und Kurtisanen. Die Diener bringen Spieltische herbei. Die Gäste setzen sich und beginnen zu spielen.

Szene 4. Tigrana fragt Edgar nach dem Grund für seine Trübsinnigkeit. Sie bemerkt, dass er sie nicht mehr liebt und erinnert ihn daran, dass er ihretwegen seine Heimat verlassen hatte. Nun habe er nur noch sie. Ihre Schönheit werde ihm Genuss verschaffen, und sie werde ihn nie ziehen lassen. In der Ferne verkünden Trommeln und Trompeten die Ankunft von Soldaten.

Szene 5. Frank, der sich inzwischen der Armee angeschlossen hat, hat seinen Stolz wiedergefunden. Er erscheint mit seinen Soldaten am Schloss und erkennt überrascht Edgar und Tigrana. Edgar überreicht Frank, den er wegen seines Helms noch nicht erkennt, ein Glas. Er erklärt, ebenfalls Soldat werden und mit ihnen fortziehen zu wollen, da er genug von diesem faulen Leben habe. Frank nimmt seinen Helm ab, um sich erkennen zu geben. Edgar verliert die Hoffnung. Geplagt von Schuldgefühlen hält er sich Frank und seiner Heimat nicht mehr für würdig. Frank aber bittet ihn selbst um Verzeihung, da er es war, der durch seine unwürdige Liebe dazu gebracht worden war, Edgar zu beleidigen. Da entschließt sich Edgar endgültig, für Flandern gegen König Philipp IV. in den Krieg zu ziehen. Tigranas schwört Rache.

Dritter Akt

Weite Ebene bei Courtrai

Ein Feldlager im Hintergrund. Hügel und ein Dorf rechts in der Ferne. Links auf einer kurzen Freitreppe ein Trauer-Katafalk. Sonnenuntergang. Der flammende Himmel ist durchdrungen von schwarzen Wolkenstreifen.

Szene 1. Nach der gewonnenen Schlacht von Courtrai bringen Mädchen die Bahren der gefallenen Soldaten zum Katafalk.

Szene 2. Mönche und Soldaten beklagen den Tod des heldenhaft gefallenen Edgar. Unter ihnen befindet sich auch Fidelia, die ihr Leben nun seiner Erinnerung weihen will und auf ein Wiedersehen im Tode hofft. Frank steigt zum Katafalk hinauf, um die Trauerrede zu halten. Einer der Mönche erinnert die Anwesenden an die negativen Eigenschaften Edgars. Er habe sein Vaterhaus in Brand gesetzt und ein Leben in Ausschweifung geführt. Frank will ihn zum Schweigen bringen, aber einige der Soldaten und Trauergäste wollen den unbekannten Mönch anhören. Der erklärt, dass Edgar selbst ihn auf dem Totenbett damit beauftragt habe, seine Schuld als Zeichen der Sühne zu offenbaren. Er bittet die Anwesenden Dorfbewohner, seine Anschuldigungen zu bestätigen – was diese tun. Fidelia ist entsetzt. Nachdem der Mönch geendet hat, stürzen sich die Anwesenden auf den Katafalk, um den Leichnam herunterzureißen. Nur Fidelia stellt sich ihnen entgegen und verteidigt Edgar, ihre einzige Liebe. Trotz seiner feurigen Gedanken sei sein Herz fromm gewesen, und er habe seine Jugendfehler mit seinem Blut und seiner Ehre gebüßt („Nel villaggio d’Edgar“). Sie hofft, einst im Tod wieder mit ihm vereint zu sein („Addio, mio dolce amor“). Alle sind gerührt von ihren Worten, ihrer Schönheit und Freundlichkeit.

Szene 3. Tigrana drängt sich durch die Menge, um bei Edgar Totenwache zu halten und zu beten. Der Mönch lässt sie ein. Aber insgeheim zweifelt er an ihrer Frömmigkeit.

Szene 4. Tigrana beklagt den Tod Edgars, den sie als einzigen lieben konnte. Gerade als sie gehen will, kommen Frank und der Mönch.

Szene 5. Während Tigrana sich wieder dem Gebet zuwendet, erklärt der Mönch Frank, dass sie gar nicht wirklich beten und lieben könne, sondern ihren Schmerz lediglich zur Schau stellen wolle. Er rät Tigrana, ihre Augen und ihre Knie zu schonen (Terzett: „Bella signora, il pianto sciupa gli occhi“). Frank bietet Tigrana eine Perlenkette, damit sie um ihn ebenso klagt wie um Edgar. Tigrana wird kurz schwach, lehnt dann aber ab. Der Mönch zeigt ihr ein anderes Schmuckstück, dass sie bekommen soll, wenn sie sich bereit erklärt, mit einem Wort „seinem Hass zu dienen“. Überwältigt von der Schönheit des Schmuckes sagt Tigrana zu.

Szene 6. Der Mönch ruft die Soldaten herbei und fragt Tigrana in deren Gegenwart, ob Edgar vorhatte, für Gold die Heimat zu verraten. Er zeigt ihr noch einmal den Schmuck, den sie erhalten soll, wenn sie „ja“ sagt. Nach einigem Zögern bestätigt Tigrana die Verleumdung. Die Soldaten stürzen sich wutentbrannt auf die Bahre, müssen aber erkennen, dass die darauf liegende Rüstung leer ist. Der Mönch reißt sich die Kutte vom Leib, unter der sich ein Kriegergewand befindet. Er ist Edgar selbst. Er verflucht Tigrana, die vergeblich bei den Soldaten Hilfe sucht und dann flieht.

In der dreiaktigen Fassung umarmt Edgar Fidelia. Tigrana kehrt jedoch zurück und ersticht sie. Edgar bricht über ihrer Leiche zusammen. Damit endet die Oper.

Vierter Akt

Ein Zimmer im Haus Gualtieros im Dorf bei Courtrai

Eine verglaste Haustür hinten in der Mitte. Bei der Tür, links, ein großes Fenster. Außerdem, ebenfalls links, ein großer Kamin; daneben eine Bank. Zur Vorbühne hin die Tür zum Zimmer Gualtieros. Zwischen dem Kamin und der Tür eine Kniebank, vor dieser auf einem in die Wand eingebetteten Tisch eine kleine Madonnen-Statue. Links der Haustür ein Alkoven mit einem Vorhang; im Alkoven ein Bett. Des Weiteren Glastüren, die zum Garten führen. Zur Vorbühne hin, immer auf der linken Seite, ein Tisch mit einer brennenden Lampe und einer Vase mit Lorbeerzweigen, die Fidelia von der Bahre Edgars genommen hatte. Links vom Tisch ein Sofa. Alles macht einen patriarchalischen Eindruck. Kurz vor Sonnenaufgang.

Szene 1. Fidelia beklagt den Tod Edgars, den sie noch immer für tot hält. Endlich kann sie einschlafen.