mini|Das einzige bekannte Porträt Melantrichs von Aventin – Ausschnitt aus dem Titelblatt der Melantrich-Bibel von 1570 Georg Melantrich von Aventin (, ursprünglich Jiří Černý Rožďalovický; * um 1511 in Rožďalovice; † 19. November 1580 in Prag) war ein tschechischer Drucker und Verleger in der Zeit der Renaissance.
Seine Druckerei baute Melantrich zu einem Unternehmen von europäischem Format aus. Zur Grundlage seines Geschäfts wurde die Bibel in tschechischer Sprache, die er wahrscheinlich vier- oder fünfmal herausgab. Er verlegte eine breite Palette religiöser und erbaulicher Werke für katholisches und lutherisches Publikum, humanistische Literatur und lateinische Poesie. Von internationaler Bedeutung war seine Zusammenarbeit mit dem italienischen Arzt und Botaniker Pietro Andrea Mattioli. Aus seiner Werkstatt gingen außerdem Handbücher und Wörterbücher, juristische Werke und Unterhaltungsliteratur hervor.
Melantrich war Mitglied des Rates der Prager Altstadt. 1557 wurde er in den Adelsstand erhoben. Er war ein humanistisch gebildeter Utraquist, beeinflusst vom lutherischen Glauben und tolerant gegenüber Katholiken.
Ab 1576 arbeitete er mit seinem Schwiegersohn Daniel Adam z Veleslavína zusammen, welcher die Druckerei nach Melantrichs Tod übernahm und erfolgreich weiterführte.
Kindheit und Jugend Das Geburtsdatum Jiří Černýs, des späteren Melantrich von Aventin, ist unbekannt. Das oft angegebene Jahr 1511 stützt sich auf den historischen Kalender des Daniel Adam, nach dem Melantrich 69 Jahre alt wurde. Er stammte aus einer einfachen utraquistischen Familie. 1534 trat er in Prag als Bakkalaureus in die artistische Fakultät der Karls-Universität ein.
Es wird angenommen, dass er nach Erlangung des Bakkalaureats zum weiteren Studium nach Wittenberg ging, wo damals der Humanist und Theologe Philipp Melanchthon unterrichtete. In dieser Zeit änderte Jiří Černý seinen Nachnamen zu Melantrichos (griechisch „Schwarzkopf“). Die oft geäußerte Vermutung, dass Melantrich auf Sigismund Gelenius traf, der seit 1524 in der Druckerei des Johann Froben in Basel beschäftigt war, stützen die Quellen nicht.
Der Historiker Zikmund Winter schreibt, dass ein gewisser Jiří Černý im Jahre 1541 eine erbauliche Broschüre druckte. Es handelte sich um sein erstes und letztes Werk, denn seine Druckerei ging nach der Herausgabe bankrott. Ob dieser Jiří Černý mit Melantrich identisch war, ist aber unbewiesen. Sicher belegt ist Melantrich im Jahr 1545 auf der Herrschaft des Johann von Pernstein im mährischen Prostějov, wo er in der Druckerei des Jan Günther an dem Buch Doktora Urbana Rhegia rozmlouvání s Annou, manželkou svou (Des Doktor Urbanus Rhegius Gespräch mit seiner Frau Anna) arbeitete. Dieses Buch gab Melantrich später noch zweimal heraus.Jiří Pešek: Jiří Melantrich z Aventýna – Příběh pražského arcitiskaře, Slovo k historii 32, Melantrich, Prag 1991, S. 1–4.
Anfänge in Prag mini|hochkant|Bible Česká aus dem Jahr 1549, gemeinsame Ausgabe von Netolický und Melantrich, Titelblatt Melantrich wirkte bis Ende 1546 oder Anfang 1547 in Prostějov. Dann ging er nach Prag, das zu jener Zeit einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Schon seit 1488 arbeitete dort die Druckerei Severin–Kamp. Sie produzierte unter anderem 1529 und 1537 zwei Bibelausgaben.Karel Herain: Jiří Melantrich z Aventina, Umění V., 1932, S. 129. Nur dieser eine Betrieb hatte die Krise in den 1520er Jahren überlebt. 1544 arbeiteten in Prag allerdings wieder zehn Druckereien und ihre Zahl wuchs ständig.Jiří Pešek, S. 5.
Melantrich brachte aus Mähren Druckermaterial mit und 1547 gab er ein weiteres Werk Rhegios heraus, die tschechische Übersetzung seines Katechismus. Den vielversprechenden Anfang der Werkstatt unterbrach jedoch ein Druckverbot, das Ferdinand I. als Reaktion auf den ersten Ständeaufstand in Böhmen 1547 erließ. Melantrich trat daraufhin in den Betrieb des Bartoloměj Netolický ein, der als gemäßigter Katholik von dem Verbot nicht betroffen war. Offiziell nur ein Angestellter, war Melantrich in geschäftlicher Hinsicht offensichtlich ein gleichwertiger Partner. Nach den benutzten Lettern und weiterem typographischen Material kann man die Arbeit der beiden Drucker deutlich unterscheiden. Melantrich beteiligte sich am Druck der Dokumente, die Ferdinand I. zum Ständeaufstand zusammenstellen ließDie Sammlung erschien 1548 unter dem Titel Akta těch všech věcí, které jsou se mezi nejjasnějším knížetem a pánem panem Ferdinandem I. a některými osobami ze stavův panského, rytířského a městského královstvi čes. léta 1547 zběhly, vgl. die Anzeige des Nachdrucks von 1880 hier. und des religiösen Werkes Testamentové a neb kšaftové dvanácti patriarchův (Testamente der zwölf Patriarchen). Er bereitete sich dabei intensiv auf das Hauptprojekt der kommenden Jahre vor, die Neuausgabe der tschechischen Bibel. Sie wurde später als Melantrich-Bibel oder Melantriška bezeichnet.Jiří Pešek, S. 5–6.
Die Bibel, insbesondere als Komplettausgabe in tschechischer Sprache, war in Böhmen des 16. Jahrhunderts eine lukrative Ware. Ihre Edition erhöhte das Prestige eines Druckers stark. Dessen war sich Melantrich voll bewusst. Darum wird er bereits in der ersten Ausgabe von 1549 als Partner des Netolický aufgeführt. Obwohl die Bibel einen sicheren Gewinn versprach, waren Vorbereitung und Druck eines so umfangreichen Buches außerordentlich aufwendig und dauerten mehrere Jahre. Ohne große Ersparnisse oder einen reichen Sponsor konnte das Vorhaben nicht ausgeführt werden. Neben der rechtlichen Absicherung unterstützte Netolický Melantrich also offenbar auch finanziell. Zweifellos auf das Betreiben Melantrichs sicherte sich Netolický auch das Privileg für Druck und Verkaufsmonopol der Bibel auf Dauer von zehn Jahren. Den tschechischen Text der Melantrich-Bibel unterzog der Übersetzer und Kanzler der Prager Altstadt Sixt von Ottersdorf einer sprachlichen Prüfung, und auch die typographische Gestaltung war sorgfältig geplant. Die Ausgabe brachte Melantrich einen ansehnlichen Gewinn und wurde zusammen mit weiteren Bibelausgaben zum Stützpfeiler seiner Unternehmung.Jiří Pešek, S. 6–9.
Bis zum Jahr 1552 gab Melantrich weitere 17 Titel heraus. Bis auf das Neue Testament von 1551 waren sie eher von kleinerem Umfang.Jiří Pešek, S. 10.
Selbständigkeit Die Jahre 1552–1560 mini|hochkant|Arbeit in der Offizin, Abbildung von 1520: Der Mann links hält die Kissen, mit denen die Farbe aufgetragen wird, ein zweiter bedient die Druckerpresse, auf dem Tisch liegen saubere und bereits bedruckte Bögen, ein dritter Mann an einem Pult am Fenster bereitet den Satz der nächsten Seite vor, nach dem aufgeschlagenen Buch, das ein Manuskript oder eine ältere Ausgabe des Werkes enthält. Im Jahre 1552 übernahm Melantrich die Druckerei von Netolický und machte sich selbständig. Schon seit 1550 wurden den Prager Druckern allmählich erneut Privilegien erteilt, zunächst nur auf einzelne Bücher beschränkt. Entscheidend war aber offensichtlich, dass es Melantrich gelang, Netolický das Privileg für die Bibel abzukaufen. Er verlegte die Druckerei von der Kleinseite in die Altstadt, wo er bereits 1551 ein Haus gekauft und das Bürgerrecht erworben hatte.
In jener Zeit druckte er eher kleinere Titel, zum Beispiel Aderlasskalender (minutio sanguinis), Wetterregeln, ein Gebetbuch, eine weitere Übersetzung des Urbanus Rhegius, ein Buch namens Studnice života (Brunnen des Lebens) oder das Kanzleihandbuch Formy a notule čili Tytulář. 1554 heiratete Melantrich, seine Frau starb jedoch kurze Zeit später. Schon im Jahr darauf heiratete er erneut. Offenbar hielt er sich nach Beginn der Selbständigkeit geschäftlich zurück, weil er mit dem Kauf und der Renovierung des Hauses ausgelastet war. Er knüpfte jedoch auch neue Kontakte. Melantrich hatte Verbindung mit dem Humanisten und Mäzen Jan Hodějovský z Hodějova und mit weiteren Gelehrten aus dessen Kreis, zum Beispiel mit dem jungen Thaddaeus Hagecius. Wichtig war auch sein Kontakt zum Hof des böhmischen Statthalters Ferdinand II. von Tirol.Jiří Pešek, S. 10–12.
Am 7. Dezember 1556 erschien die zweite Ausgabe der Melantrich-Bibel. Er hatte seit 1555 an ihr gearbeitet und gab sie in einer hohen Auflage heraus, denn 1559 endete das Privileg für den Verkauf. Die Ausgabe war mit einem neuen Titelblatt versehen und Melantrich benutzte hier zum ersten Mal ein neues Druckersignet. Obwohl sie neu gesetzt wurde, unterschied sich die Bibel von der vorigen Ausgabe nur in Details.Jiří Pešek, S. 13–14.
Gleich nach dem Ende des Bibeldruckes begann die Arbeit an weiteren Titeln. Darunter war zum Beispiel das Buch der Leichenpredigten des Reformators Johann Spangenberg. Vom Umfang und Auflage klein, aber von hoher Qualität in Typographie sind die lateinischen Poesiesammlungen der humanistischen Freunde Melantrichs. Eine dieser Sammlungen enthielt Verse zur Feier der Hochzeit des Wilhelm von Rosenberg am 28. Februar 1557. Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Adlige später die Ausgabe des damals beliebten lutherischen Erbauungsbuches Jesus Syrach, jinak Ecclesisticus mit dem Untertitel zrcadlo pobožnosti, ctnosti, kázně i počestnosti (Spiegel der Frömmigkeit, Zucht, Tugend und Ehrbarkeit) unterstützte, das Luthers Freund Caspar Huberinus geschrieben und das Tomas Reschl, katholischer Pfarrer in Königgrätz, ins Tschechische übersetzt hatte. Das Buch kam erstmals 1557 und anschließend noch einige weitere Male heraus.Jiří Pešek, S. 14–15.
mini|hochkant|Koloriertes Wappen des Georg Melantrich, das ihm zusammen mit dem Titel von Aventin 1557 verliehen wurde. Mitte August 1557 wurde Melantrich mit einem Wappen und dem Adelsprädikat von Aventin geehrt. Der Name nimmt Bezug auf das römische Aventin, wo die erste öffentliche Bibliothek gestanden hatte. Am 20. Juni 1558 wurde er Ratsherr der Prager Altstadt. Mit Unterbrechung in den Jahren 1560–1565, in die Melantrichs unternehmerische Hauptaktivität fällt, beteiligte er sich bis 1579 als Ratsherr an der Stadtverwaltung.Jiří Pešek, S. 15–16.
In dieser Zeit gab Melantrich eher kleinere Drucke heraus. 1558 druckte er das Neue Testament im Kleinformat, ein Jahr später eine ähnliche Oktavausgabe der illustrierten Evangelien und Episteln. Er gab jedes Jahr den Aderlasskalender und die Wetterregeln heraus und druckte auch die Sitzungsakten des böhmischen Landtages.Jiří Pešek, S. 16.
Die Jahre 1561–1564 mini|hochkant|Textseite von Mattiolis Epistolarum Medicinalium aus dem Jahr 1561 mini|hochkant|Mattiolis Herbarium aus dem Jahr 1562 – Textseite mit Abbildung 1561 wurde neben einer neuen Ausgabe des Jesus Syrach und einer dritten Bibelausgabe, das Buch Epistolarum Medicinalium libri quinque (Arztbriefe in fünf Büchern) gedruckt, das Briefe des italienischen Arztes, Naturforschers und Botanikers Pietro Andrea Mattioli an bedeutende Patienten enthielt. Mattioli lebte seit 1554 als Leibarzt Ferdinands von Tirol in Prag. Die Arztbriefe, mit deren Abdruck in jener Zeit neue medizinische Entdeckungen publiziert wurden, waren ein Prestigeprojekt und Melantrich ließ sich für diese Gelegenheit wieder ein neues Signet anfertigen, das stolz den lateinischen Wahlspruch nec igne nec ferro (weder durch Feuer noch durch Eisen (gehe ich unter)) verkündete. Das Buch wurde in ganz Europa verkauft und für diesen Markt mit herrschaftlichen Privilegien ausgestattet.Jiří Pešek, S. 17–19.