Gesundheitsberichterstattung (kurz: GBE), veraltet auch MedizinalstatistikManfred Stürzbecher: Medizinalstatistik. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 950. genannt, dient der Information von Politik, Wissenschaft, Akteuren des Gesundheitssystems und der interessierten Öffentlichkeit. Die Gesundheitsberichterstattung stellt gesundheitlich relevante Aspekte, die häufig einen Bevölkerungsbezug oder einen regionalen Bezug haben, dar und interpretiert sie. Zu den zentralen Aspektes der Gesundheitsberichterstattung zählen zum Beispiel: gesundheitliche Risikofaktoren und Risikoverhalten Gesundheitskosten Inanspruchnahme des Gesundheitssystems Krankheiten und Gesundheitsstörungen Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung Pharmakoepidemiologie

Die Datenquellen der Gesundheitsberichterstattung sind im Wesentlichen die amtliche Statistik, die Statistiken der Akteure des Gesundheitssystems (Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigungen, Ärztekammern etc.) und Befragungen oder andere Erhebungen.

Wegen starker Interdependenzen der Gesundheit und gesundheitlicher Verhaltensweisen mit der sozialen Lage werden auch sozialstrukturelle Daten in die Gesundheitsberichterstattung aufgenommen, soweit sie einen Beitrag zur Erklärung gesundheitlicher Phänomene leisten können. Unter dem Paradigma einer umfassenden Definition von Gesundheit ist eine strikte Trennung von Sozial- und Gesundheitsberichterstattung nicht sinnvoll.

Gesundheitsberichterstattung in Deutschland Gesundheitsberichterstattung wird in Deutschland auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene und von verschiedenen weiteren Einrichtungen durchgeführt.

Auf Bundesebene werden Informationen und Daten zum Gesundheitszustand und zur Gesundheitsversorgung der Bevölkerung durch die Gesundheitsberichterstattung (GBE) des Bundes am Robert Koch-Institut bereitgestellt. Die Themen reichen von Krankheiten, Beschwerden und Risikofaktoren über die subjektive Gesundheit und gesundheitsbezogene Lebensqualität. Die Inanspruchnahme von Präventions- und Versorgungsangeboten sowie Strukturen und Kosten des Gesundheitswesens werden ebenfalls behandelt.rki.de Im Informationssystem der Gesundheitsberichterstattung des Bundes werden umfangreiche Daten durch das Statistische Bundesamt und das Robert Koch-Institut bereitgestellt. Durch die GBE werden regelmäßig Themenhefte, die Online-Publikationsreihe GBE kompakt und in größeren Abständen der Bericht „Gesundheit in Deutschland“ herausgegeben.

Die Informationen zum Gesundheitszustand, Gesundheitsverhalten und zur Gesundheitsversorgung werden durch das Gesundheitsmonitoring am Robert Koch-Institut ermöglicht.T. Lampert, K. Horch, S. List u. a.: Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Ziele, Aufgaben und Nutzungsmöglichkeiten. (= GBE kompakt. 1/2010). Hrsg. Robert Koch-Institut Berlin. rki.de Ein Studienzweig ist KiGGS, die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland des Robert Koch-Instituts (RKI). KiGGS wurde in den Jahren 2003 bis 2006 erstmals in Deutschland durchgeführt. An der Basiserhebung nahmen rund 17.600 Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 17 Jahren teil. Damit sollen bundesweit langfristig vergleichbare Aussagen zum Gesundheitszustand möglich werden, da fast alle Familien damit einverstanden waren, dass die Kinder in den nächsten Jahren wieder befragt werden. Ein Ergebnis: Bei 22 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen gibt es psychische Auffälligkeiten, und die Arzneimittelanwendung von Kindern und Jugendlichen erfordert mehr Aufmerksamkeit, insbesondere im Bereich der Selbstmedikation.Y. Du, H. Knopf: Self-medication among children and adolescents in Germany: results of the National Health Survey for Children and Adolescents (KiGGS). In: British Journal of Clinical Pharmacology. BJCP. 68, 4, Oct. 2009, S. 599–608, . PMID 19843063.Hans-Ulrich Melchert: Arzneimittelsurveys als Datenquelle für die GBE. In: Robert Koch-Institut (Hrsg.): Der Bundes-Gesundheitssurvey. Baustein der Gesundheitssurveillance in Deutschland. Robert Koch-Institut, Berlin 2002, ISBN 3-89606-135-6, S. 17ff. Die Datenerhebungen zu KiGGS Welle 1 wurden im Juni 2012 beendet. Die zwei weiteren Studienzweige des Gesundheitsmonitorings am RKI sind DEGS, die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschlanddegs-studie.de ebenfalls eine Untersuchungs- und Befragungsstudie sowie GEDA, Gesundheit in Deutschland aktuell,geda-studie.de eine Befragungsstudie.

Ein Erster Frauen-Gesundheitsbericht der Bundesregierung erschien 2001. Das 700-seitige Buch geht auch auf die Lebenswelt von Frauen ein, untersucht Gesundheitsrisiken und der sozialen Lage in Ost und West, frauentypische Berufsgruppen, die Auswirkung von häuslicher Gewalt. Er nennt Möglichkeiten der Gesundheitsförderung.

Indikatorensatz der Länder Auf Landesebene existiert ein Katalog der Gesundheitsberichterstattung der Länder, der in der aktuellen Fassung im Jahr 2003 durch die Gesundheitsministerkonferenz der Länder (GMK) verabschiedet wurde. Federführend an der aktuellen Fassung des Indikatorensatzes der Länder war das Landesinstitut für den öffentlichen Gesundheitsdienst in Nordrhein-Westfalen. In diesem Katalog sind etwa 300 Indikatoren zu verschiedenen gesundheitsrelevanten Themen erfasst, die eine vergleichbare Datenbasis auf Bundesländerebene ermöglichen sollen. Da nicht alle Daten gleichermaßen in den Bundesländern verfügbar sind, wurde innerhalb des Indikatorensatzes eine Auswahl an sog. Kernindikatoren getroffen, die in allen Bundesländern einheitlich zur Verfügung stehen sollen. Daten sind über die Internetseiten der zuständigen Ministerien, Landeseinrichtungen oder Statistischen Landesämter verfügbar.

Die Indikatoren werden nach Themenfeldern geordnet. Themenfelder sind dabei Demografische Angaben Bevölkerung und bevölkerungsspezifische Rahmenbedingungen des Gesundheitswesens Gesundheitszustand der Bevölkerung (Mortalität und Morbidität, Krankheitsgruppen) Gesundheitsrelevante Verhaltensweisen Gesundheitsrisiken aus der natürlichen und technischen Umwelt Einrichtungen des Gesundheitswesens Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitswesens Berufe und Beschäftigtenzahlen im Gesundheitswesen Ausbildung im Gesundheitswesen Ausgaben und Finanzierung Kosten in ausgewählten Bereichen

Kommunale Ebene Auf kommunaler Ebene liegen sehr verschiedene Gesundheitsberichte vor, die sich auch mit speziellen lokalen Gesundheitsproblemen beschäftigen. Die kommunale Gesundheitsberichterstattung ist eine relativ neue Aufgabe des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Sie ist darüber hinaus aufgrund des föderalen Systems nicht in allen Bundesländern in gleicher Weise gesetzlich verankert. Auch dort, wo eine gesetzliche Grundlage besteht, unterscheidet sich die Umsetzung je nach lokalen Gegebenheiten deutlich, etwa in Abhängigkeit von der gesundheitswissenschaftlichen Expertise, der regionalen Informationslage und der Einbettung in Planungsstrukturen.B. Szagun, D. Starke: Prävention und Gesundheitsberichterstattung im ÖGD – Bedingungen und Chancen. In: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz. 48, 2005, S. 1125–1129. Eine wesentliche Rolle spielen speziell landesgesetzliche Regelungen zur Etablierung gesundheitspolitischer Strukturen, die den Aufbau einer kommunalen Gesundheitsberichterstattung als Planungsgrundlage notwendig machen.O. von dem Knesebeck, B. Badura u. a.: Evaluation einer gesundheitspolitischen Intervention auf kommunaler Ebene - Das Modellprojekt "Ortsnahe Koordinierung der gesundheitlichen und sozialen Versorgung" in Nordrhein-Westfalen. In: Gesundheitswesen. 63, 2001, S. 35–41.Ministerium für Arbeit, Soziales Baden-Württemberg: AG Standortfaktor Gesundheit: Bericht der Projektgruppe "Kommunale Gesundheitskonferenzen". In: Gesundheitsstrategie Baden-Württemberg. AG Standortfaktor Gesundheit des Gesundheitsforums Baden-Württemberg, Reutlingen 2010.

Berichte der Akteure zu Einzelaspekten Die Techniker Krankenkasse (TK) befasst sich traditionell in ihrer jährlichen Gesundheitsberichterstattung seit dem Jahr 2000 mit Arbeitsunfähigkeiten sowie mit Arzneimittelverordnungen bei Erwerbspersonen. Grundlage der Auswertungen bilden routinemäßig erfasste und anonymisierte Daten zu den sozialversicherungspflichtig beschäftigten oder arbeitslos gemeldeten Mitgliedern der Techniker Krankenkasse. Der Gesundheitsreport 2010 der TK ermöglicht einen Rückblick auf zehn Jahre Gesundheitsberichterstattung und enthält unter anderem Auswertungen zum Krankenstand nach Alter und Geschlecht, Bundesländern, Diagnosen und Berufsgruppen.

Die Krankenkasse DAK untersucht anhand ihrer Unterlagen in den jährlichen DAK-Gesundheitsreports den Krankenstand in ihrer Versichertengemeinschaft. Der Krankenstand dient dabei als ein wichtiger Indikator für die Betroffenen, die wirtschaftliche Belastung von an den Beiträgen beteiligten Unternehmen, Krankenkassen und natürlich der Volkswirtschaft insgesamt. Zudem werden Krankheitsursachen in einzelnen Berufen hinterfragt.

Ähnliche Veröffentlichungen gab es von der Gmünder ErsatzKasse (heute: Barmer GEK) jährlich seit 1998 unter dem Titel „GEK-Gesundheitsreport“. Diese Reihe wurde ab 2006 unter dem Titel „GEK-Report ambulant-ärztliche Versorgung“ fortgeführt. Enthalten waren unter anderem Auswertungen zum Krankenstand nach Alter und Geschlecht, nach Regionen, nach Diagnosen und nach Berufsgruppen.

Gesundheitsberichterstattung in Österreich Gesundheitsberichte werden in Österreich vorrangig auf Bundes- und Landesebene erstellt. Darüber hinaus gibt es Gesundheitsberichte für einzelne Bevölkerungsgruppen (z. B. Frauen-Gesundheitsbericht, Männer-Gesundheitsbericht, Kinder-Gesundheitsbericht) oder für bestimmte Sektoren (z. B. zur onkologischen und palliativmedizinischen Versorgung in Tirol). Die Gesundheitsberichte werden von verschiedenen Institutionen bzw. Autoren erstellt, sodass eine überregionale und methodische Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit der Berichte nicht immer gewährleistet ist.

Seit dem Jahr 2000 koordiniert die Gesundheit Österreich GmbH GÖG die Gesundheitsberichterstattung (GBE) auf Bundes- und Landesebene. In diesem Rahmen wurde 2003 die Österreichische Plattform für die Gesundheitsberichterstattung gegründet. Ziel der Plattform ist es, Gesundheitsberichterstattung als kontinuierlichen und politikrelevanten Prozess zu etablieren und methodisch weiterzuentwickeln. In der Plattform sind die Gesundheitsressorts von Bund und Ländern und von diesen nominierte Fachleute, die Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger sowie die Statistik Austria vertreten.

Die GÖG unterhält im Auftrag der Plattform Gesundheitsberichterstattung mit dem Gesundheitsberichtearchiv ein öffentliches Archiv für Gesundheitsberichte.

Gesundheitsberichterstattung in der Schweiz