Eine Hippe (auch Heppe, Häbe, Hape, Knipp, Säsle, Sesel, Winzer- bzw. Rebmesser, Schneier oder Gertel) ist ein Werkzeug, das je nach Größe und Ausführung zu unterschiedlichen Arbeiten in der Land- und Forstwirtschaft, im Wein- und im Gartenbau verwendet wird. Typisch ist die sichelförmig geschwungene Klinge mit einer mehr oder weniger nach unten gebogenen Spitze. Unter Beibehaltung dieser Grundform haben sich je nach Region und Verwendungsart im Laufe der Jahrhunderte die unterschiedlichsten Varianten entwickelt. Hippenförmige Werkzeuge sind in vielen Ländern Europas seit der Römerzeit bekannt und teilweise, etwa in der Forstwirtschaft und im Gartenbau, bis heute gebräuchlich.
Hippen mit schwerer Klinge werden wie Buschmesser als Haumesser verwendet. Die Schwungmasse von Klinge und gekrümmter Spitze ermöglicht das Abschlagen von Zweigen und Stauden. Die Krümmung der Spitze verhindert, dass das Messer dabei an stärkeren Ästen oder beim bodennahen Arbeiten an Steinen hängenbleibt. Auch Span- und Scheitholz können mit Hippen geschnitten bzw. abgespalten werden. Rebmesser und Gartenhippen sind demgegenüber wesentlich kleiner und leichter und werden zum Schneiden statt zum Schlagen verwendet.
Größere Hippen wurden früher auch als Waffen verwendet (siehe dazu Hippe als Waffe) und hatten teilweise eigene, heute noch gebräuchliche Bezeichnungen, wie das Säsle für ein mittelalterliches Kurzschwert oder das (oder der) Sax, wobei der Begriff etwa im pfälzischen Raum auch auf das als Sesel bezeichnete Rebmesser überging. Andere regionale Bezeichnungen haben ihren Ursprung in der von den Römern verwendeten Falx.
Rebmesser sind auf zahlreichen Gemeindewappen abgebildet. Hippenförmige Werkzeuge wurden früher kunstvoll verziert, etwa das Knipp im Siegerland oder die Griffe von Rebmessern in der Pfalz. In manchen Regionen haben Hippen bis heute eine kulturelle Bedeutung, so in England, wo das Sammeln der billhooks auch in Vereinen gepflegt wird. In der Literatur wurde die Hippe ähnlich der Sense als Allegorie für den Tod verwendet.
mini|hochkant=1.5|Stielhippe, (Zollstock zum Größenvergleich), Schweizer Gertel, Säsli (Breisgau), Staudenroncola (Piemont), Rebmesser (Markgräflerland); Gärtnerhippe
Bezeichnungen Martin Luther verwendete 1522 die ostmitteldeutsche Bezeichnung „Hippe“ für Sichelmesser, Handbeil viermal für die Übersetzung des griechischen () und führte sie damit ins Neuhochdeutsche ein.Kluge, Mitzka. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Die althochdeutschen Varianten hā̌bba, hā̌ppa, hebba, heppa führen über urgermanisch *haƀjō, *heƀjō beziehungsweise *habbō auf indogermanisch *(s)kē̌p-, *(s)kō̌p-, *(s)kā̌p- zurück.
Die Bezeichnung Hippe wurde jedoch regional auch synonym zu Sichel verwendet. Im Wörterbuch der deutschen Synonymen wird dazu folgendes vermerkt:Friedrich Ludwig Karl Weigand: Wörterbuch der deutschen Synonymen. 2. Band, Florian Kupferberg, Mainz 1842 ( – Google Books).
Weiter wird dort angemerkt: „Die Hippe ist Nebenform v. d. gleichbed. ahd ‚diu happa‘, mhd. happa, landschaftl. auch Heppe, Häpe (am Niederrhein), Hâpe (in Wirtemberg) u.s.w.“
In Südbaden, im Elsass und in der Schweiz wird die Hippe in einer längeren Ausführung mit 40 cm eingesetzt und unter anderem als Säsli (Breisgau, Ortenau und mittlerer Schwarzwald) oder Gertel (Schweiz und angrenzendes Markgräflerland) bezeichnet. Alleine in Südbaden sind dreizehn Namen bekannt, so neben dem Gertel und dem Säsli örtliche Bezeichnungen wie Bäcksel, Dechsel, Schnäker, Riisäsli, Gertmesser oder Häpe.Scheer-Nahor: Der Sprung zur Motorsäge war zu groß. Was hat das Säsle mit den Sachsen zu tun? Im Schwäbischen ist auch die Bezeichnung Hoob gebräuchlich. In anderen Teilen Schwabens, so in der bayerischen Region Schwaben um Augsburg, wird die Hippe (Reisachmesser) auch als Schnaier bezeichnet, im Mindeltal in der Abwandlung Schnaiter.Birlinger, Schwäbisch-augsburgisches Wörterbuch, S. 400.
Die Bezeichnung Säsli (oder Sächsli) leitet sich von dem im Mittelalter von den Sachsen verwendeten Kurzschwert, dem Sax, ab. Aus althochdeutsch gertari oder kertari „Messer zum Abschneiden oder Abhauen von Reisern“ hat sich über mittelhochdeutsch gerter und gertel die Bezeichnung Gertel entwickelt.Oskar Schade: Althochdeutsches Wörterbuch. Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, Halle 1866, S. 186 ( – Google Books). Im Walsermuseum in Alagna Valsesia findet sich ein Ausstellungsstück eines Haumessers, das dort als Pfailtscha, abgeleitet von italienisch falce „Falx“, bezeichnet wird.Hoffmann-Krayer: Besprechung von Giovanni Giordani. S. 34.
Im Siegerland werden neben der Bezeichnung Knipp auch Häbe, Häpe und Häwe verwendet. Dort ist der Knipp Bestandteil im Wappen des Landkreises Siegen-Wittgenstein.
In Österreich ist die Bezeichnung Praxe für die haumesserartige Hippenform verbreitet. So nennt MachatschekMachatschek, Laubgeschichten, S. 117. für Kärnten die Bezeichnung Braxe oder Praxn. Die in der Jagd verwendete Praxe hat keine gebogene Klinge.
In Luxemburg heißen die haumessergroßen Hippen Hipp, Héip, Häpp oder Heep, in einigen Gegenden werden sie nach ihrer Form auch als Kromm, Krëmmes oder Krummeß bezeichnet (Luxemburger Wörterbuch, Der Weinbau an Mosel und Saar 1845S. Muhl: Der Weinbau an Mosel und Saar, so weit diese der Krone Preußens angehören. Verlag C. Troschel, Trier 1845 ( – Google Books).), während in der Pfalz die gekrümmten Rebmesser Sesel genannt werden. Das ebenfalls in der Pfalz verwendete Wort Sächsel bezeichnet auch das „Winzermesser mit gekrümmter Schneide zum Abschneiden der Trauben oder zum Rebschnitt“, hat darüber hinaus in manchen Orten weitere Bedeutungen wie „schwach sichelartig gebogenes Messer zum Hauen“, „Messer zur Pflege der Obstbäume“ oder „gebogenes Messer zum Schneiden von Weiden“. Nach dem Pfälzischen WörterbuchPfälzisches Wörterbuch leiten sich diese Bezeichnungen von althochdeutsch sahsilîn, sehselin ab und sind eine Verkleinerungsform zu ahd. sahs „Schwert, Messer“ und haben damit die gleiche Wurzel wie das südbadische Säsli.
Weitere Bezeichnungen sind Laubmesser, Haumesser, Gertmesser, Spitzmesser, Hagmesser, Stockmesser oder Holzmesser. Eine regionale Besonderheit stellt die Bezeichnung Stäckespitzer in einigen Weinbauorten im Kaiserstuhl und am Tuniberg dar. Hier wurden mit dem Haumesser insbesondere Rebpfähle (Rebstecken) angespitzt, weshalb in diesen Gemeinden die ansonsten im Breisgau verbreitete Bezeichnung Säsli nicht üblich ist.Jürgen Sutter: Opfinger Wörterbuch. Schillinger Verlag, Freiburg 2008.Horst Christian Höfflin: Zur Sprache des Weinbaus am Kaiserstuhl und Tuniberg. Kümmerle, Göttingen 1983.
Für die kleinen Varianten, mit denen Reben geschnitten werden oder die für Gartenarbeiten benutzt werden, gibt es ebenfalls eine Vielfalt an regionalen Bezeichnungen bzw. das Messer wird in ein und derselben Gegend nach der Funktion unterschiedlich benannt. Diese sollte auch unbedingt beachtet werden, denn Sicheln sind in der Regel Schneidwerkzeuge, während Gertel, Praxe und Hääp (Hunsrück) Haumesser sind. Diese unterschiedlichen Einsatzbereiche drücken sich selbstredend auch in der Klingengeometrie und Dimensionierung aus. Während die Hauwerkzeuge kräftige Klingen mit Schneidwinkeln ab 30° aufweisen, sind Sicheln meist filigran geschmiedet und haben dünne Klingen, die sich sehr scharf schleifen lassen.
Beispielsweise ist in Südtirol für hippenförmige Messer, die zum Rebenschneiden verwendet werden, die Bezeichnung Runggl oder Runggel verbreitet, während Rebmesser, die bei der Traubenlese verwendet werden, in manchen Orten als Reber oder Raggaun bezeichnet werden.Wimmer: Zur Geschichte der Hippe. S. 67. Das Wort Runggel leitet sich vom italienischen Roncola ab, dem Wort für eine kleine Hippe.Wimmer, Die Häpe, S. 10. Im Raum Bern ist die Bezeichnung Rebmutz bekannt.Internationales und interregionales Fachwörterbuch zur Sprache und Kultur des Weines. Eintrag: Rebmutz (online, Universität Trier).
In Frankreich ist das gewöhnliche massive Haumesser für den Rebschnitt die Serpe,Präziser serpe à tailler la vigne. die in der Provence verbreitete zweischneidige Sonderform die Poudadouire.Abgeleitet von dem provenzalischen Verb poudar, das die Tätigkeit des Rebschnitts bezeichnet.Annales des Sciences physiques et naturelles, d'Agriculture et d'Industrie, publiées par la Société royale d'Agriculture, etc., de Lyon, Band VIII. Barret, Lyon, 1845 (französisch; – Google Books). Die SerpettePräziser serpette à vendanger. steht als Diminutiv des Substantivs Serpe für das leichtere bei der Traubenlese benutzte Messer.
Historische Darstellungen Hippenförmige Messer werden seit der Bronzezeit für Rodungsarbeiten verwendet. Nachgewiesen sind schwere haumesserartige Sicheln aus Bronze, die als Laubsicheln verwendet wurden.Schultz-Klinken. Die Entwicklung der ländlichen Handarbeitsgeräte in Südwest-Deutschland. S. 71f Ein Exemplar kann im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart besichtigt werden. Die Römer verwendeten ein der Hippe ähnliches Werkzeug mit der Bezeichnung falx arboria et silvatica,Demmin. Die Kriegswaffen in ihren geschichtlichen Entwicklungen. S. 711. um Laubwerk und Zweige zu schneiden, die frisch oder getrocknet dem Vieh verfüttert wurden. Diese falces wurden auch an langen Griffstangen befestigt, um Laub in größeren Höhen schneiden zu können. Auch römische Handwerker wie Korbflechter und Rutenbinder schnitten mit diesen Laubmessern Zweige. Eine haumesserartige Falx wurde beispielsweise bei Kastell Niederbieber gefunden (Wolfgang Gaitzsch). Eine kleinere Variante war das Rebmesser, die falx vinatoria.
Columella beschreibt in seinem umfangreichen Lehrbuch zum Landbau De re rustica, das 1538 in deutscher Sprache erschienen ist, ein Mehrzweckgerät für den Wein- und Obstbau.
In der deutschen Ausgabe des von Petrus de Crescentiis um 1300 herausgegebenen Lehrbuchs Ruralia commoda wird die Verwendung des heppelyn zum Veredeln von Granatapfeldie Beschreibung findet sich im Kapitel Von öpffeln von affrica, von deren Anbau auch in der deutschen Ausgabe berichtet wird, obwohl der Granatapfel nördlich der Alpen nie angebaut wurde. beschrieben: Sie werden gemanchfeltiget mit den pflantzen die man abeschnydet von irer muter stāme. Doch ist es besser das es sy ein zwyg einer elenlang und also dicke als ein axt helme an beyden enden geschlichtet mit einem scharpffen cleynen heppelyn und das er werde mit suwe mist wole bestrichen an dem haupte un(n) an dem untern teyle und werde schlim ingesenckt.
Eine weitere Darstellung für die Verwendung einer haumesserartigen Hippe findet sich in der deutschen Ausgabe des Waldbau-Handbuchs des Franzosen Henri Louis Duhamel du Monceau von 1766. Es beschreibt die Herstellung von Faschinen, wie sie auch damals im Flussbau zur Befestigung der Ufer gebraucht wurden. Weiter wurden Faschinen zum Einbau von Schutzwehren beim Bau von Schanzen vom Militär in größeren Mengen gebraucht. Ebenso wurden Hippen bei militärischen Befestigungen verwendet, um das notwendige Holz für die Herstellung von Verhauen zu gewinnen und zu bearbeiten.
Formen und Verwendung Größere Haumesser wie Gertel, Knipp oder Säsle werden zum Abschlagen von Zweigen und Ästen, Beseitigen von Gestrüpp oder zur Herstellung von Reisigbündeln oder Grobholzwaren verwendet, während die früher gebräuchlichen Rebmesser kleine Hippen sind, die je nach Landschaft wieder eigene Namen haben. Im Obst- und Gartenbau verwendet man noch kleinere Versionen, die vielfach als Klappmesser angeboten werden.
Das Typische an einer Hippe ist die sichelähnlich geschwungene Klinge mit einer mehr oder weniger nach vorn zeigenden Spitze. Bei der Arbeit im Unterholz kann man mit dem gebogenen Vorderteil auch reißen. Je nach Verwendungsart und Region unterscheiden sich die Hippen auch in ihrer Gestalt. Bei schweren Ausführungen für Hauarbeiten ist die Schneide bis auf den vordersten Teil fast gerade. Es gibt regional auch Formen mit weniger ausgeprägtem oder gänzlich fehlendem „Adlerschnabel“.