mini|hochkant|Bergkirche Niedergründau mini|Ansicht von Südosten Die Bergkirche Niedergründau ist eine evangelische Kirche auf dem Schieferberg (in der Gemarkung Niedergründau) in der Gemeinde Gründau im südhessischen Main-Kinzig-Kreis. Der wuchtige Westturm geht im Kern auf das 12. Jahrhundert zurück und wurde 1556/1557 neu gebaut. Die Saalkirche wurde 1840 im Stil des Klassizismus errichtet. Sie gehört der evangelischen Kirchengemeinde „Auf dem Berg“ und ist die zentrale Kirche für die Bevölkerung der Gründauer Ortsteile und der ehemaligen Gemeinde Roth, heute ein Stadtteil von Gelnhausen. Westlich des Kirchengebäudes befindet sich das Pfarrhaus, südlich das Glöcknerhaus/Küsterhaus und etliche Nebengebäude, meist zu landwirtschaftlichen Zwecken; um die Kirche herum und vor allem östlich der Kirchhof und außerhalb eine ehemalige Ziegelhütte.
Geschichte Geschichte des Kirchensprengels und des Kirchengebäudes mini|hochkant|Eingemauerter Keltenkopf Die dem heiligen Petrus geweihte Kirche wurde erstmals am 15. August 1217 urkundlich erwähnt (Friedrich II.: parrochialem ecclesiam in Grinda) und war wohl schon vorher im Besitz des Klosters Selbold, von dem aus die Geistlichen die Seelsorge in den umliegenden Dörfern wahrnahmen. Schon vor 1170 muss die Stiftung der Kirche auf dem Berg durch Gräfin Gisela erfolgt sein.Bickell (Hrsg.): Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel. 1901, S. 165 (uni-heidelberg.de). Ein keltischer Sandsteinkopf, der als Spolie vermauert wurde, lässt an dem Ort ein früheres Heiligtum vermuten,Erwin Rückriegel: Flyer Bergkirche und Kirchberg Niedergründau; abgerufen am 24. Dezember 2019. das bisher aber nicht nachgewiesen wurde. Bei archäologischen Untersuchungen im November 1998 anlässlich des Einbaus einer neuen Heizungsanlage trat der Umriss der Chors der Vorgängerkirche zutage. Eine Nord-Süd-Mauer der ersten nachweisbaren Kirche weist Fischgrätenverband aus dem 11./12. Jahrhundert auf. Dies könnte die vor 1170 gestiftete Kirche sein, die nach ihrer mutmaßlichen Zerstörung wohl durch eine Fachwerkkirche in Ständerbauweise ersetzt wurde, bevor der heutige Bau entstand.Rückriegel: Die Bergkirche. 2017, S. 10–11.
Ein Centgericht, das Gericht Gründau, fand bei der Kirche auf dem Berg statt und wurde 1260 erstmals erwähnt (in iudicio Grindaha). Der Pfarrsprengel der Kirche auf dem Berg umfasste die Orte Gettenbach, Haingründau (nur bis 1581Gustav Schöner: Geschichte des Dorfes Hain-Gründau – Skizze. Selbstverlag (Druck: A. Heller’sche Hofbuchdruckerei), Büdingen 1891, S. 8; erneut herausgegeben zur 750-Jahr-Feier 1998 von Klaus von Berg in: Grindaha – Veröffentlichungen des Geschichtsvereins Gründau e. V. Heft 7. Gründau 1997, S. 20.), Kaltenborn (heute zu Haitz gehörig), Lieblos, Mittelgründau, Niedergründau, Roth, Rothenbergen und den untergegangenen Ort Rodenborn. Kirchlich gehörte Niedergründau im späten Mittelalter im Dekanat Roßdorf zum Archidiakonat St. Mariengreden im Bistum Mainz.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau. Band 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 41. Kloster Selbold behielt seine Rechte an der Kirche bis 1543, danach ging das Patronatsrecht an die Ysenburger über.
Mit Einführung der Reformation wechselte die Kirchengemeinde unter Pfarrer Nikolaus Molitor (Müller) vor 1549 zum evangelischen Bekenntnis in der Grafschaft Isenburg-Ronneburg und nach deren Aussterben letztlich zu Isenburg-Büdingen. Nach einer Besetzung während des Dreißigjährigen Krieges durch Hessen-Darmstadt (der lutherische Darmstädter Landgraf war Administrator für ganz Hessen geworden) fand ein Wechsel zum lutherischen Bekenntnis und nach Beilegung des Streites die Rückkehr zum reformierten Bekenntnis statt.
Nach Reparaturen des Turmdachs im Jahr 1553 wurde der heutige Turm 1556/1557 im Stil der Gotik neu erbautDehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Hessen II. 2008, S. 617. und am 15. Oktober 1557 eingeweiht. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren umfassende Reparaturmaßnahmen erforderlich. In diesem Zug ließ die Gemeinde 1651 das Kirchengestühl, die Emporen („Bohrkirchen“) und die Kanzel neu anfertigen.Bickell (Hrsg.): Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel. 1901, S. 166 (uni-heidelberg.de). Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde die Kirche immer baufälliger; zudem reichte sie der Kirchengemeinde, die auf 2500–3000 Mitglieder angewachsen war, nicht mehr aus. Teile des Emporenboden brachen in den 1820er Jahren durch und fielen auf die darunter sitzenden Frauen.Der Bote vom Berg. Gemeindebrief der evangelischen Kirchengemeinde „Auf dem Berg“. (PDF; 3,2 MB) 3/2015, S. 26; abgerufen am 24. Dezember 2019.
Das heutige Kirchenschiff wurde ab dem 5. März 1838 im klassizistischen Stil neu gebaut und am 8. November 1840 eingeweiht. Das spätmittelalterliche Vorgängerschiff stammte im Kern wohl noch vom ursprünglichen Bau aus romanischer Zeit. Das Schiff hatte an der Nordseite ein kleines Rundbogenfenster, das dem Fenster der angebauten Sakristei an der Nordseite glich. Der gerade Chorschluss war später im gotischen Stil mit Spitzbogenfenstern, Kreuzgewölbe und Strebepfeilern umgebaut worden.Siehe das Modell und den Grundriss des Vorgängerbaus in: Ludwig Bickell (Hrsg.): Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel. Band 1: Kreis Gelnhausen. Atlas. Elwert, Marburg 1901, Tafel 261; abgerufen am 24. Dezember 2019. Wenige Wochen nach der Einweihung zeigten sich die ersten Schäden in der Kirche, vor allem durch Feuchtigkeit. Eine große Renovierung wurde ab dem 8. August 1884 durchgeführt: „Nichts ist von der Kirche stehen geblieben als die Mauern, die Orgel und die Kanzel. Die 24 Säulen – 8 im Schiff und 16 an den Wänden – stehen.“Der Bote vom Berg. Gemeindebrief der evangelischen Kirchengemeinde „Auf dem Berg“. (PDF; 3,2 MB) 3/2015, S. 15; abgerufen am 24. Dezember 2019.
Im Jahr 1920 wurde die Kirche elektrifiziert. Im Rahmen einer Renovierung in den 1930er Jahren wurden die Fenster im Altarbereich vermauert. Eine Turmsanierung fand 1933 statt. Bei der Innenrenovierung der Kirche 1950–1954 wurden die Kirchen in den Seitenschiffen abgesenkt. In den Jahren 1996 bis 1999 erfolgte eine umfassende Renovierung der Kirche, bei der die Seitenschiffe wieder ihre ursprüngliche Höhe erhielten. Die Fensterscheiben wurden erneuert und der Fußboden ausgehoben und neu aufgefüllt. Die heutige farbliche Fassung orientierte sich stärker an der originalen. Um flexibel Raum für größere Veranstaltungen zu haben, wurde der Altar beweglich eingerichtet. Den Abschluss der Innenrenovierung bildete die Orgelsanierung in den Jahren 2006–2008.Der Bote vom Berg. Gemeindebrief der evangelischen Kirchengemeinde „Auf dem Berg“. (PDF; 3,2 MB) 3/2015, S. 16–17; abgerufen am 24. Dezember 2019.
Geschichte der Höhenstraße Die Kirche lag an der Straße des Reiches von Frankfurt nach Leipzig (Via Regia), die gleichzeitig ein Jakobsweg ist. Dieser Pilgerweg ist mit einer Jakobsmuschel markiert.Via Regia; abgerufen am 23. Dezember 2019. Das Teilstück Bergstraße von Langenselbold bis Gelnhausen (Langenselbold: die Abtshecke, Niedergründau: der Schieferberg=Schiwwerberg und durch den südlichen Teil des Büdinger Waldes über den Hohlweg DürichGeschichtsverein Gelnhausen e. V.: Kulturweg Gelnhausen, abgerufen am 27. Dezember 2019., oberhalb der Stadt Gelnhausen und durch den Obermarkt und die Leipziger Straße der freien Reichsstadt) war bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts ein schwieriges Stück der alten Reichsstraße von Frankfurt nach Leipzig. Der Verlauf der Reichsstraße ist um die Jahrhundertwende des 18. zum 19. Jahrhundert (ca. 1798 bis 1810) in das (Kinzig-)Tal verlegt worden (wohl nicht nur wegen der zahlreichen Klagen der Kaufleute, sondern auch wegen der Beschwerden der Militärs, die Schwierigkeiten mit dem Transport des immer schwereren Kriegsgeräts über die Hügel hatten).
Mit der neuen Talstraße (über Rothenbergen, die Neue Herberge südlich von Lieblos und Roth nach Gelnhausen) verlagerten sich auch die Truppentransporte – u. a. auch die der Armee Napoleons – in das Tal, obwohl bei dem Rückzug von der Leipziger Völkerschlacht die Verfolger der Armee des Kaisers der Franzosen – eine russische Kosakeneinheit des Generals Tschernyschow mit ca. 8.000 Mann – das Gelände an der Bergkirche bis zum Hühnerhof bei Gettenbach 1813 als Feldlager nutzte. Von dem höher gelegenen Gelände ließ sich die neue Talstraße gut überwachen. Ein ergreifender Bericht über die französische RetiradeAdolph Henke: Darstellung des Feldzuges der Verbündeten gegen Napoleon im Jahr 1813. Neue Auflage, 1814, S. 377 ff. und das Schicksal dreier Sänitätssoldaten (einer von ihnen ist später vermutlich bei Mittelgründau erschlagen worden), die die Pfarrerswitwe – trotz der auch ihr und ihren Kindern (darunter auch der spätere Theologe und Historiker Anton Calaminus) drohenden Gefahr – in den letzten drei Oktobertagen 1813 im schwer zugänglichen Turm der Bergkirche versteckte, ist überliefert.Karl-Heinz Wiederhold (Bearbeiter): Erinnerungen aus den Tagen der Schlacht bei Hanau Ende Oktober 1813. Aus dem handschriftlichen Original eines Zeitzeugen übertragen und zusammengestellt 1985. In: Grindaha, Veröffentlichungen des Geschichtsvereins Gründau e. V. Heft 2.1 (veränderte Ausgabe), Gründau 1993, Nr. 2, S. 1–14 und Anhang: Fotokopien des Originalberichts (elf Seiten).
Kirchspielschule im Glöcknerhaus mini|Glöckner-/Küsterhaus Der Pfarrer auf dem Berg war nach der Einführung des reformierten Bekenntnisses für die Unterweisung der Kinder und Erwachsenen des gesamten Kirchspiels in der neuen Lehre (Katechismus, Gebete und Lieder) verantwortlich. Deshalb fand der Unterricht jeden Sonntag nach dem Gottesdienst statt. Wer nicht teilnahm, solls jedesmal gestraft werden (Kirchen disciplin Undt policey Ordnung von 1643). Nachdem der Glöckner zunächst nur Gehilfe des Pfarrers war, ging der Unterricht nach und nach ganz auf ihn über (Schulmeister). Ende des 17. Jahrhunderts stieg die Schülerzahl erheblich an, so dass die Herrschaft (Georg Albrecht zu Ysenburg und Büdingen in Meerholz) in die Anstellung eines weiteren Dorfschulmeisters für die Kinder der Ortschaften Roth und Lieblos einwilligte. Um 1730 richteten auch die Dörfer Rothenbergen und Mittelgründau örtliche Schulen ein (das alte Mittelgründau war im Dreißigjährigen Krieg eingegangen, die verbliebenen Einwohner mussten sich in Buchen ansiedeln, das später in Mittelgründau umbenannt wurde). Auch das Dorf Roth richtete nach der Abtrennung von Lieblos eine eigene Schule ein – die Dorfschule war eine allgemeine Erscheinung in ganz Deutschland geworden.Dieter Zimmerer: Als das Glöcknerhaus noch Schule war... Beiträge zur Geschichte der Kirchspielschule zu Grindau uffm bergh –. In: Zwischen Vogelsberg und Spessart, Heimat-Jahrbuch 1979, Jahreskalender für Familie und Heim in Stadt und Land zwischen Vogelsberg und Spessart, Herausgegeben vom Main-Kinzig-Kreis, Hauptverwaltungsstelle Gelnhausen, Gelnhausen 1978, S. 118–121.
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