Milorad Ekmečić (; * 4. Oktober 1928 in Prebilovci; † 29. August 2015 in Belgrad) war ein jugoslawischer bzw. serbischer Historiker, dessen Spezialgebiet die Geschichte der Serben und Südslawen vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1918 war.Milena Milanović (Hrsg.): Biographical Lexicon: Serbs who marked the 20th century – five hundred persons. Belgrad 2006, S. 170. Er lehrte an der Philosophischen Fakultät in Sarajevo (1968–1992) sowie an der Philosophischen Fakultät in Belgrad (1992–1994). Ekmečić war ständiges Mitglied der Serbischen Akademie sowie der Akademie der Wissenschaften und Künste Bosnien-Herzegowinas.Serbische Akademie der Wissenschaften und Künste Er war Träger zahlreicher Auszeichnungen für sein umfangreiches historiographisches Œuvre zur modernen Geschichte Jugoslawiens und des Balkans,Politika, 20. April 2008 Portret bez rama: Milorad Ekmečić Cenjeni istoričar sowie Mitbegründer der ultranationalistischen Partei SDSCathie Carmichael: Ethnic Cleansing in the Balkans. Nationalism and the Destruction of Tradition. Routledge, 2003, ISBN 1-134-47953-0, S. 125.. Ekmečićs historische Hauptleistung bildete eine in den 1980ern begonnene Debatte über Grundsatzfragen in der Rollen der beiden größten Kirchen des ehemaligen Jugoslawiens im Zerfall des Gesamtstaates angeregt zu haben, an der sich auf kroatischer Seite der Historiker Ivo Banac beteiligte.Vjekoslav Perica 2002: Balkan Idols – Religion and Nationalism in Yugolsav States. Oxford University Press, New York. ISBN 0-19-514856-8. Hier S. IX

Leben Geboren wurde Ekmečić im Ort Prebilovci in der Gemeinde Čapljina in der Herzegowina am 4. Oktober 1928. In Čapljina besuchte er die vierjährige Grundschule und schloss das Gymnasium in Mostar 1947 unter Befreiung vom Abitur ab. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er bis 1943 in Čapljina. Nach dem Tod beider Eltern schloss er sich den Partisanen in Prigilovci an und war vom Oktober 1944 bis Juli 1945 Mitglied im NOV. Er diplomierte 1952 an der Philosophischen Fakultät in Zagreb, wo er 1958 gleichfalls doktorierte. Nach Abschluss seiner Doktorarbeit über den Aufstand in Bosnien 1875–1878 („Устанак у Босни 1875–1878.“), schrieb er sich zu einer einjährigen wissenschaftlichen Spezialisierung in Princeton ein. Nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten war er bis zum Ausbruch des Bosnienkrieges 1992 an der Philosophischen Fakultät Sarajevo angestellt. Von 1992 bis 1994 lehrte er an der Philosophischen Fakultät in Belgrad. Seit 1973 war er Mitglied der Bosnischen Akademie, seit 1978 Mitglied der Serbischen Akademie.

Ekmečić wurde 1996 ständiges Mitglied im Senat der Republika Srpska.

Werk Milorad Ekmečić hat tiefgreifende wissenschaftlichen Synthese zu den agrarischer Gesellschaften, Nationalideologien und -bewegungen, sowie im Speziellen den religiösen Faktoren bei Südslawen und der Balkangeschichte geliefert. Insbesondere stammt von Ekmečić ein bedeutender historiographischer Beitrag zu der Typologie des Nationalismus der Südslawen, den er auf Basis der Metamorphose vom linguistischen zum religiösen Typ des Nationalismus beschreibt. Diesen Typus hat er als Doomsday Nationalism als hauptverantwortlich für den Kollaps der Zwei jugoslawischen Staaten 1941 und 1991 verantwortlich gemacht.Milena Milanović (Hrsg.): Biographical Lexicon: Serbs who marked the 20th century – five hundred persons. S. 170

In seinen frühen Schriften befasste sich Ekmečić überwiegend mit der Geschichte Bosniens. Er ist einer der führenden Kenner der bosnischen Historiographie und trat während des Bosnienkrieges durch seine wissenschaftliche Polemik an der Rezeption der damaligen bosnischen Geschichtsschreibung in Erscheinung.New York Times, 26. November 1994 Five Years Later: Eastern Europe, Post-Cummunism -- A special report; Ethnic and Religious Conflicts Now Threaten Europe's Stability Seit der Ko-Autorschaft mit Vladimir Dedijer, Ivan Božić und Sima Ćirković in der Geschichte Jugoslawiens (1972) bearbeitete Ekmečić vielfach Themen der allgemeinen jugoslawischen Geschichte. Nach seinem Opus magnumNIN, 14. Januar 1990, Polemika o Jugoslaviji – „STVARANjE JUGOSLAVIJE 1790–1918“ MILORAD EKMEČIĆ in zwei Bänden von 662 und 842 Seiten über die Entstehung Jugoslawiens (Stvaranje Jugosavije: 1790–1918, 1989), für das er 1990 den begehrten NIN-Preis erhalten hatte, publizierte Ekmečić über die Geschichte Serbiens im Ersten Weltkrieg, sowie nach der Auflösung des jugoslawischen Gesamtstaates über die neuere Serbische Geschichte, sowie dem historischen Schicksal der Serben in der Neuzeit (Dugo kretanje između klanja i oranja. Istorija Srba u novom veku 1492–1992, 2007). Er gilt heute als Doyen der serbischen GeschichtsschreibungPolitika, 6. Mai 2011 Nagrada Pečat Vremena Miloradu Ekmečiću und neben Dobrica Ćosić als Eminenz der intellektuellen serbischen Kritik an der westlichen und europäischen Balkanpolitik.Pečat, 11. Januar 2011 MILORAD EKMEČIĆ Mi smo za Ameriku narod koji u sebi nosi opasan virusVecernje Novosti, 28. August 2010 Milorad Ekmečić: Evropa nije čokolada već vojni blok

Thesen Ekmečić baute in der Geschichte Jugoslawiens (1972) eine frühere These, das eine religiöse Wasserscheide entscheidend für das Zugehörigkeitsgefühl der Volksgruppen in Jugoslawien wäre, aus.Pečat, 12. Mai 2011 Jedino protiv srba su svi slozniNIN, 7. und 14. Januar 2010, Komplette Abschrift bei Nova srpska plitička misao – Časopis za političku teoriju i društvena iztraživanja, 16. Januar 2010 Kuda ide Srbija – Budućnost gledamo kroz tamu Er postulierte, dass diese religiöse Basis als Definition und Unterscheidungsmerkmal der jugoslawischen Völker zur Irrationalität führte und taufte diesen Typus Nationalismus als Nationalismus des jüngsten Gerichts (nationalisam sudnjeg dana).Sonja Biserko, The Serbian elites and Genocide in Bosnia. The Serbian elites and Genocide in Bosnia (PDF; 160 kB)Abschrift eines Interviews der Politika mit Ekmečić vom 5. Mai 2007 Den Ausdruck Nationalismus des jüngsten Gerichts entlehnte er dabei einer Aussage Winston Churchills, der das nationale Problem der Iren am Jüngsten Tag geregelt sah, da es auf der Religion basierte. Zur Unterscheidung von Nations-Typen nahm Ekmečić an, dass diese drei Formen einer gemeinsamen Sprache, einer gemeinsamen Religion oder einer stabilen und mehrhundertjährigen staatlichen Entwicklung entstammen. Die ideologische Kritik an der Geschichte Jugoslawiens wurde insbesondere Ekmečić zuteil, da er gegen die damalige offizielle These einer systematischen Unabhängigkeit der Völker Jugoslawiens, die er mit der These jede Nation hat ihren eigenen Adam vergleicht, abwich. Er gab den westlichen Staaten eine wesentliche Schuld am Krieg in Jugoslawien und trat dazu schon zum 70. Jahrestag der Gründung Jugoslawiens 1988 mit der Parole Europa hat Jugoslawien aufgebaut, Europa wird es auch abbauen auf. Ekmečić verteidigte das SANU-Memorandum als angebrachte Reaktion auf die Probleme im Kosovo und Bosnien.Milorad Ekmečić, CLASH OF CIVILIZATIONS OR A NEW GLOBAL SYSTEM OF GREAT POWERS? CLASH OF CIVILIZATIONS OR A NEW GLOBAL SYSTEM OF GREAT POWERS?Radio slobodna Evropa, 10. September 2010 'Memorandumska' Srbija prošlost ili sadašnjost? Nach dem westlichen Eingreifen unter Führung der Vereinigten Staaten von Amerika in den Balkankonflikten 1995–1999 (insb. Kosovokrieg) entwickelte Ekmečić eine ausgeprägte anti-amerikakritische Position. Er gehört in Serbien auch zu der stark prorussisch ausgerichteten Fraktion, die in einer vermeintlichen antiserbischen Reaktion des Westens eine Verlängerung antirussischer Tendenzen auch nach Ende des Ost-West-Konfliktes sieht. Ekmečić sieht im Kollaps Jugoslawiens als Hauptverantwortliche einen Teil der Jugoslawischen Kommunisten, die in Kombination mit amerikanischer Hilfe die nationalen Fragen des damaligen Jugoslawiens zugunsten einer katholischen Lösung im mitteleuropäischen Kontext bedient haben.Milena Milanović (Hrsg.): Biographical Lexicon: Serbs who marked the 20th century – five hundred persons. S. 170.

Die Neukonfiguration Europas und der Welt seit dem Fall der Berliner Mauer, mit dem Zusammenbruch älterer Projekte und Staatsstrukturen, der tiefen Krise in der Demokratie, die sich an die Großen Finanzmärkte und globalen Firmen hat anspannen lassen, bestimmten in den letzten beiden Jahrzehnten Ekmečićs Unruhe über die weitere Entwicklung. Zum großen Teil waren die traumatischen Kindheitserinnerungen durch das Massaker vom 6. August 1941 an einem bedeutenden Teil seiner Familie (darunter seinem Vater) von insgesamt 600 Einwohnern des Dorfes Prebilovci nahe Čapljina durch Angehörige der Ustascha ursächlich für seine tiefgehenden Analysen über das Staatsprojekt Jugoslawiens, aus denen er auch einen Teil seiner Thesen über dessen Scheitern gewann.Politika, 30. Aug. 2015 Затишје пред буру Поводом смрти академика Милорада Екмечића (1928–2015) Ekmečić nahm an, dass die US-amerikanische Außenpolitik die weitere historische Entwicklung der Serben steuern werde und die nach seiner Ansicht in Zweihundert Jahren verwirklichte historische Leistung einer staatlichen Vereinigung der über den Balkan fragmentierten serbischen Bevölkerungsgruppen, wie sie im früheren Jugoslawien verwirklicht war, zukünftig auch mit militärischen Mitteln verhindern werde.Milorad Ekmečić 2014: Dugo kretanje izmedu kljanja i oranja – istorija srba u novom veku (1492–1992). S. 555

Politik Ekmečić engagierte sich für die Unabhängigkeit der Republika Srpska in Bosnien und war ab 1992 Mitglied im Ausschuss der SDS. Er wurde 1992 von den Bosnischen Paramilitärischen Truppen (Zelene Beretke) festgenommen, floh danach aber mit seiner Familie nach Belgrad, wo er nach der erfolgten körperlichen Misshandlung operiert werden musste.Standard, 11. März 2011 über das wayback-archiv Er war ein Anhänger Miloševićs, den er selbst als „gemäßigten Degaullisten“ bezeichnete, lehnte aber dessen Bitte, die bosnische Serbenführung um Radovan Karadžić zur Annahme des Vance-Owen-Plans und Beilegung des Krieges zu bewegen, ab. Während der Anklage vor dem Völkergerichtshof in Den Haag sollte er auf Seite der Verteidigung im Prozess als Zeuge und Experte für die moderne Geschichte Jugoslawiens und des Balkans aussagen. Ekmečićs wollte dabei eine wissenschaftliche Analyse zum Bosnienkrieg liefern, die auf seiner Arbeit Spoljni uzroci građanskog rata u BiH 1992 (dt. Die äußeren Gründe für den Krieg in Bosnien und Herzegowina 1992) basierte. Da der Milošević-Prozess aufgrund des vorzeitigen Ablebens des Angeklagten beendet wurde, kam es dazu nicht mehr.

Kritik Ekmečić galt als in der wissenschaftlichen Welt als „serbisch-revisionistischer“ Historiker, der eine revisionistische, nationalistische, serbische Geschichtsschreibung betrieb, die nach dem Zerfall Jugoslawiens unter anderem die Kriege gegen Kroatien, in Bosnien-Herzegowina und den Kosovo rechtfertigte – so die norwegische Professorin für Politikwissenschaft und Jugoslawienexpertin Ramet in einem Beitrag in den Communist and Post-Communist Studies.Sabrina Petra Ramet: The denial syndrome and its consequences – Serbian political culture since 2000. In Communist and Post-Communist Studies, Elsevier Publishing Company Inc. Philadelphia US., Vol 40 I, 2007, S. 41–58. Hier S. 46.

Werkrezeption Das Werk Ekmečićs wurde mehrfach übersetzt, die in Koautorschaft entstandene Historija Jugoslavije (1972) ins Englische, seine Dissertation Ustanak u Bosni: 1875–1878 (1960) ins Deutsche.