Die postprozessuale Archäologie, manchmal auch Interpretative Archäologie genannt,Johnson (1999): S. 98 f. ist eine archäologische Theorie, die die Subjektivität archäologischer Interpretationen betont. Anstelle einer unscharf umrissenen Reihe von Gemeinsamkeiten besteht postprozessuale Archäologie aus vielseitigen Gedankensträngen, die zu einem losen Gefüge von Traditionen zusammengefasst werden.Johnson (1999): S. 101. Innerhalb des Post-Prozessualismus wurde eine Vielzahl theoretischer archäologischer Blickpunkte zusammengefasst, darunter Strukturalismus und Neomarxismus, sowie eine Reihe verschiedener archäologischer Techniken wie etwa die Phänomenologie.
Forschungsgeschichte Die postprozessuale Archäologie wird als kritische Antwort auf die New Archaeology bzw. die „prozessuale Archäologie“ verstanden. Der durch den britischen Archäologen Ian Hodder geprägte Begriff umfasst neue Strömungen in der Archäologie, die sich seit den 1980er Jahren kritisch mit der New Archaeology auseinandersetzten. Führend in dieser Debatte waren Universitäten in England (besonders Cambridge) und Skandinavien. Zu den sich neu entwickelten Ansätzen gehören der aus Frankreich übernommene Strukturalismus, der Poststrukturalismus, die kontextuelle Archäologie mit dem theoretischen Hintergrund der Hermeneutik und die Phänomenologie. Ebenfalls flossen Ideen aus feministischen, marxistischen und literaturwissenschaftlichen Strömungen, sowie aus der allgemeinen Kulturtheorie ein.Reinhard Bernbeck, Theorien in der Archäologie (Tübingen 1997) 271–294.Michael Shanks, Post-Processual Archaeology and After. In: R. Alexander Bentley – Herbert D. G. Maschner – Christopher Chippindale, Handbook of Archaeological Theories (Lanham 2008) 133–143.
All diesen Strömungen liegt die Opposition zur prozessualen Archäologie zu Grunde, an der vier Aspekte stark kritisiert werden.Reinhard Bernbeck, Theorien in der Archäologie (Tübingen 1997) 271–294.Matthew Johnson, Archaeological Theory: An Introduction (Oxford 1999) 98–115.Ian Hodder, Post-Processual and Interpretive Archaeology. In: Archaeology: Paul Bahn – Colin Renfrew (eds), The Key Concepts (New York 2005) 207–211. Erstens ihr Positivismus, wonach Interpretationen aufgrund von Theorien entwickelt werden können, die auf der objektiven Erkenntnis der gesammelten Daten beruhen. Vertreter des Postprozessualismus halten dagegen, dass schon bei der Datensammlung bzw. der Dokumentation einer Ausgrabung, erst recht aber bei der Modellbildung und Interpretation subjektive Wahrnehmungen mit einfließen. Zweitens wird kritisiert, dass keine Versuche unternommen werden, die Denkweisen und Mentalitäten vergangener sozialer Gruppen zu erforschen und in die Interpretationen einzubeziehen. In der postprozessualen Archäologie wurde dies zu einem Thema von zentraler Bedeutung. Drittens würden in der prozessualen Archäologie sowohl das Individuum als auch die materielle Kultur zu passiv und von äußeren Einflüssen (Natur, Umwelt) abhängig dargestellt. Gesellschaftlicher Wandel sollte vielmehr das Handeln von Individuen mit einbeziehen. Materielle Kultur wird in diesem Zusammenhang sowohl als Werkzeug als auch als eigenwirksam konzeptualisiert. Viertens ist die Methode der kulturübergreifenden Vergleiche insofern problematisch, als dadurch das Eigene einer Gesellschaft, Kultur oder sozialen Gruppe, und damit die Geschichte, vernachlässigt wird. Die postprozessuale Archäologie hingegen interessiert sich für den spezifischen Wandel von lokalen Entitäten im Spiegel von Handlungsvollzügen.
Insgesamt war es das Ziel der postprozessualen Archäologie, soziale Praktiken in den Mittelpunkt des Vergangenheitsinteresses zu stellen sowie die Bedeutungen von Symbolen für archäologisch fassbare gesellschaftliche Gruppen zu eruieren. Daneben sollte die Verengung auf eine scheinbar richtige Interpretation durch größere Interpretationsspielräume vermieden werden.Michael Shanks, Post-Processual Archaeology and After. In: Alexander Bentley – Herbert D. G. Maschner – Christopher Chippindale (Hrsg.), Handbook of Archaeological Theories (Lanham 2008) 133–143.Ian Hodder, Post-Processual and Interpretive Archaeology. In: Paul Bahn – Colin Renfrew (eds), Archaeology: The Key Concepts (New York 2005) 207–211. Bis in die 1990er Jahre blieb die postprozessuale Archäologie hiermit aber oft eine Kritik an einem älteren Paradigma. 1980 kam es unter der Ägide von Ian Hodder zu einer Konferenz, die bis heute als erster öffentlicher Auftritt dieser neuen Richtung angesehen werden kann.Bruce G. Trigger, A History of Archaeological Thought (Cambridge 1996) 444–478.
Ab den 1990ern wurde die archäologische Theoriebildung stärker mit Praxis verbunden und die postprozessuale Archäologie wurde nun für einige Zeit auch unter dem Begriff „Interpretative Archäologie“ zusammengefasst. Es wurde angenommen, dass verschiedene Personen mit je unterschiedlichen sozialen Hintergründen die Vergangenheit automatisch unterschiedlich interpretieren.Ian Hodder, Post-Processual and Interpretive Archaeology. In: Paul Bahn – Colin Renfrew (Hrsg.), Archaeology: The Key Concepts (New York 2005) 207–211. Hermeneutik und der Rückgriff auf Literatur und Philosophie (u. a. Barthes, Derrida) führten dazu, dass postprozessuale Archäologen die Vergangenheit mit einem Text verglichen, den es zu „lesen“ galt und der nicht nur einen „wahren“ Inhalt besitzt, sondern je nach Lesenden mit verschiedenen Wahrheiten aufgeladen werden kann.Reinhard Bernbeck, Theorien in der Archäologie (Tübingen 1997) 271–294. Heute herrscht in der englischsprachigen Archäologie allgemeine Übereinstimmung, dass es keine einzige und beste Theorie geben kann – ein Theorie-Pragmatismus kennzeichnet die rezente Phase des Postprozessualismus.Robert W. Preucel, Robert – Stephen A. Mrozowski (Hrsg.), Contemporary Archaeology in Theory. The New Pragmatism. (New York 2010) Ian Hodder, Post-Processual and Interpretive Archaeology. In: Paul Bahn – Colin Renfrew (eds), Archaeology: The Key Concepts (New York 2005) 207–211. Die wichtigsten Vertreter des Postprozessualismus sind Ian Hodder, Michael Shanks, Christopher Tilley, John C. Barrett und Julian Thomas.Michael Shanks, Post-Processual Archaeology and After. In: Alexander Bentley – Herbert D. G. Maschner – Christopher Chippindale (Hrsg.), Handbook of Archaeological Theories (Lanham 2008) 133–143.
Symbole und Bedeutung Im Gegensatz zur prozessualen Archäologie, die den Schwerpunkt auf Funktionen, Gebrauch und Herstellungsart eines Artefakts legt, wird in der kontextuellen Archäologie die kulturelle Bedeutung materieller Kultur betont. Als Hintergrund dient die Annahme, dass alle Bestandteile einer Kultur so konstruiert sind, dass sie immer schon mit Sinn aufgeladen sind. Durch ein zunehmendes Interesse an Linguistik, Strukturalismus und Semiotik ab Mitte der 1970er Jahre in den Geisteswissenschaften beeinflusst, entstand die Theorie, dass materielle Hinterlassenschaften als Symbole zu betrachten sind, die ähnlich wie ein Text gelesen werden können und bestimmten Regeln unterliegen.Michael Shanks, Post-Processual Archaeology and After. In: Alexander Bentley – Herbert D. G. Maschner – Christopher Chippindale (Hrsg.), Handbook of Archaeological Theories (Lanham 2008) 140 Symbole sind als Bedeutungsträger zu definieren, die mit einer oder mehreren Vorstellungen verbunden sind. Sie können nicht nur Zeichen und Bilder, sondern auch Gegenstände und Installationen sein.Reinhard Bernbeck, Theorien in der Archäologie (Tübingen 1997) 281 Zum Beispiel kann ein Herd in seiner funktionellen Bedeutung als Kochstelle begriffen, intuitiv aber auch als Mittelpunkt eines Haushaltes empfunden werden. Solche Sinneinheiten können in unterschiedlichen Kontexten verschiedene, auch widersprüchliche Bedeutungen haben. Dabei liegt die Betonung auf dem Kontext von Objekten. Das Objekt erhält seine konkrete(n) Bedeutung(en) aus dem Kontext und gibt gleichzeitig dem Kontext einen Sinngehalt. Zwischen Objekt und Kontext besteht also eine dynamische Wechselbeziehung.Ian Hodder (ed.) Symbolic and structural archaeology (Cambridge 2007). Ein Objekt kann außerdem unterschiedliche Bedeutung(en) für seinen Hersteller, die Menschen, die es benutzt haben und für die Archäologen haben. Demnach ändern sich Bedeutungen im Laufe der Zeit und sind abhängig von sich wandelnden Kontexten und Interpreten. Deren Verständnis wiederum ist an den Kontext und/oder an das Vorhandensein relevanten Vorwissens geknüpft. Da Objekte mehrfache Interpretationen erlauben, sind Bedeutungen immer polysemisch, d. h., es gibt nicht eine richtige, sondern verschiedene, vom Kontext abhängige, gültige Bedeutungen.Hans Peter Hahn, Dinge als Zeichen eine unscharfe Beziehung. In: U. Veit (Hrsg.) Spuren und Botschaften: Interpretationen materieller Kultur (Tübingen 2003) 29–52. Am Beispiel des Herdes würden die oben genannten Prinzipien folgendermaßen aussehen: Die Denotationen für die Erbauer des Herdes sind die Möglichkeiten zur Zubereitung warmer Speisen sowie die Nutzung als Wärmequelle für Hausbewohner. Die Konnotationen, die ein Herd aufweisen kann, ergeben sich aus dem Kontext. Ist der Herd die einzige Wärmequelle des Haushalts, symbolisiert er mit ziemlicher Sicherheit sein soziales und kommunikatives Zentrum, was im Kontext eines kalten Klimas wiederum eine höhere Relevanz besitzt als in Äquatornähe. In der Erfahrungswelt eines Kindes wird ein Herd eine ganz andere Bedeutung besitzen als für einen Erwachsenen, wobei natürlich das Feuer und dessen Bändigung eine eigene Symbolik haben, von der ausgehend man eine weitere Bedeutungskette bilden könnte.
Methoden: Hermeneutik Als zentrale Methode der postprozessualen Archäologie zur Entschlüsselung der Symbole dient die Hermeneutik. Eine Annäherung an fremde Ideenwelten sollte durch das Verfahren des hermeneutischen Zirkels erreicht werden. Ausgangspunkt hierbei ist eine möglichst umfangreiche Materialsammlung, mit deren Hilfe eine sinnvolle Frage gestellt werden soll. Das vorhandene Vorwissen wird dann auf eine Antwort auf die vorher formulierte Frage abgesucht, in der Hoffnung auf einen Erkenntnisgewinn, der das Ausgangswissen erweitert. Auf Basis des neuen Wissens kann dieser Vorgang beliebig wiederholt werden (gleich einer Spirale) und soll so zu einem immer besseren „Verstehen“ vergangener Vorstellungen führen.Reinhard Bernbeck, Theorien in der Archäologie (Tübingen 1997) 278. Als Ergebnis erhält man eine Anzahl gleichwertiger, sich eventuell gar widersprechender Interpretationen, die nicht falsifiziert werden können, sondern nur unterschiedlich plausibel sind.Ian Hodder, Reading the Past (Cambridge 1986) 49–53. Aus dem Konzept des hermeneutischen Zirkels wird klar, dass in diesem Bereich der Forschung keine objektive Wissenschaft möglich ist, denn wir können nie vollkommen unvoreingenommen sein. Vorurteile sozialer, politischer und wissenschaftlicher Natur beeinflussen unbewusst alle Interpretationen der Vergangenheit.Matthew Johnson, Archaeological Theory: An Introduction (Oxford 1999) 102f. Es ist keine „korrekte“ und endgültige Interpretation möglich, weswegen jedem das Recht eingeräumt wird, sich eine eigene Meinung über die Vergangenheit zu bilden.Michael Shanks – Christopher Tilley, Re-Constructing Archaeology. Theory and Practice (Cambridge 1992) 108–110.Matthew Johnson, Archaeological Theory: An Introduction (Oxford 1999) 106. Der hermeneutische Zirkel stellt einen nie endenden Prozess dar, in dem jede neue Generation ermutigt werden soll, das vorhandene Wissen zu re-evaluieren.
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