mini|Die Lage von Annamatia am niederpannonischen Donaulimes. Das Kastell Annamatia war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am pannonischen Donaulimes zuständig war. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die sich unmittelbar am Hochufer der Donau befindenden Reste des Kastells liegen in der Flur Baracspuszta im Südosten des ungarischen Dorfes Baracs im Komitat Fejér. Die nächstgelegene Stadt, Dunaújváros, befindet sich nur wenige Kilometer nördlich. Insbesondere durch den im frühen 2. Jahrhundert errichteten zwingerartigen Bau seines Nordtores ist Annamatia einem größeren Fachpublikum bekannt geworden.

Lage mini|Die Limesstraße Aquincum – Vetus Salina (Vetusallo) – Annamatia (ganz rechts) im oberen Bildbereich der Tabula Peutingeriana.

Der Name Annamatia wird unter anderem auf der Kopie einer spätantiken Straßenkarte, der Tabula Peutingeriana, genannt. Das Kastell liegt östlich der von Aquincum über das etwas nördlicher gelegene Hilfstruppenkastell Dunaújváros führenden Limesstraße, in einer Senke unmittelbar am damals von Überschwemmungen bedrohten Westufer der Donau. Der über dem Hochufer des Flusses gelegene Standort wies allerdings auf seiner Landseite in Richtung Norden, Süden und Westen nur ein beschränktes Sichtfeld auf. Um dieses Manko etwas auszugleichen und um vor drohendem Hochwasser sicher zu sein, wurde die Festung auf einer leichten Geländekuppe errichtet. Bei feuchten klimatischen Bedingungen und Überschwemmungen konnte das Wasser aufgrund des stellenweise vorhandenen Lehmbodens nur langsam abfließen und bildete zeitweilig sumpfartige Abschnitte, die in Schönwetterphasen rasch wieder austrockneten. Im 4. Jahrhundert versuchten die römischen Ingenieure, die mangelhafte Rundumsicht durch die Errichtung je eines nördlich und südlich der Senke auf höher gelegenem Terrain postierten Wachturmes auszugleichen.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 110.

Forschungsgeschichte Im Bereich des nördlichen Kastellwalls wurde eine spätbronzezeitliche Schicht der Urnenfelderkultur beobachtet.Péter Kovács: A new gate-tower type in Pannonia Inferior. The northern Gate of Annamatia. In: Acta archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae, Nr. 57, Akadémiai Kiadó, Budapest 2006, S. 238. Dies weist auf die frühe Besiedlung dieses Platzes hin, wie sie sich auch an anderen Stellen auf dem Gemeindegebiet von Baracs nachweisen lässt. Der Fundplatz selbst ist schon seit mehreren Generationen bekannt und erhebt sich noch heute rund 3 bis 4 Meter über das umliegende Gelände. Dennoch blieben systematische Grabungen in der Flur Baracspuszta bis weit in das 20. Jahrhundert aus. Noch im 18. Jahrhundert war der Kastellgrundriss anhand der Mauerreste gut zu erkennen. Dies verdeutlicht eine – in diesem Zusammenhang jedoch sehr ungenaue – Karte des italienischen Offiziers und Gelehrten Luigi Ferdinando Marsigli (1658–1730) von 1726. Etwas später wurde der Grundriss in teilweise realistischerer Form auf der detaillierten Landkarte des Michael Karpe von 1775 abgebildet. Insbesondere der östlich gelegene vordere Teil des Lagers, die Praetentura mit den dortigen Kasernenbauten und der Porta praetoria, dem zur Donau gerichtete Haupttor der Befestigung, war bereits von der Donau abgetragen worden.Péter Kovács: Annamatia (Baracs) a roman auxiliary fort in Pannonia. In: Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae, Nr. 41, Akadémiai Kiadó, Budapest 2001, S. 59. Die Kastellwälle öffneten sich bereits U-förmig zum Flussufer hinZsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 82. und im Inneren ließen sich über dem Bodenniveau keine Mauerzüge mehr ausmachen. Der ungarische Statistiker und Geograph Elek Fényes (1807–1876) berichtet um 1850, dass man

„...hier vor einigen Jahren an einer Anhöhe unter dem Erdboden ein Haus römischer Art, mit unterschiedlichen Gefäßen, Münzen und bildlichen Darstellungen…“

gefunden habe. Auch Ziegelstempel der Cohors VII Breucorum (7. Kohorte der Breuker) kamen hier zu Tage. Zwischen 1860 und 1870 wurde ein Weinberg auf dem Areal des Kastells angelegt. In den ausgehenden 1860er Jahren kamen beim Tiefpflügen wieder Mauerreste zu Tage, die jedoch ohne jede Sachkenntnis und der damit verbundenen Sorgfalt freigelegt wurden. Viele weitere Zufallsfunde wurden von Bauern aus dem Boden geborgen, darunter ein Altarstein und einige hundert antike Münzen.

Der erste Archäologe von Rang, der den Fundplatz untersuchte, war Flóris Rómer (1815–1889), der Begründer der archäologischen Forschung in Ungarn. Er vermaß unter anderem die zu seiner Zeit noch erhaltenen Reste der Umwallung. Ihm nachfolgend gelang es am Ende des 19. Jahrhunderts dem Archäologiepionier Mór Wosinsky (1854–1907) erstmals, das Kastell von Baracspuszta als das antike Annamatia zu identifizieren. Ab 1999 fanden nach modernen Methoden durchgeführte Ausgrabungskampagnen unter der Leitung des Historikers und Archäologen Péter Kovács von der Katholischen Péter-Pázmány-Universität statt.Péter Kovács: A new imperial epithet of the cohors VII Breucorum. In: Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae, Nr. 56, 1–3, 2005, S. 245. Von 2000 bis 2001 wurde die Porta principalis sinistra untersucht und von 2005 bis 2006 fanden die Ausgrabungen mit der Freilegung der Porta decumana ihren Abschluss.Zsolt Mráv: Baracs (Annamatia) – auxiliáris castellum. In: György Terei, Gyula Nováki, Zsolt Mráv, István Feld, Sebestyén Sárközy: Fejér Megye Várai az õskortól a kuruc korig (= Magyarország várainak topográfiája 3), Civertan, Budapest 2011, ISBN 978-963-08-2486-6. S. 29–31, Abb. S. 158–236; hier. S. 30.

Baugeschichte Zum Fundgut aus Annamatia gehört eine große Menge an Terra-Sigillata-Keramik, die aus den letzten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts n. Chr. stammt. Dieses Material deutete bereits in der Vergangenheit auf ein Vorgängerkastell in Holz-Erde-Bauweise hin, wie es sich auch an vielen anderen Garnisonsorten am Limes nachweisen ließ.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 109. Doch erst während der Ausgrabungen durch Kovács konnte unter dem – nach Ausweis von Terra Sigillata-Scherben – um 150 errichteten Erddamm, der als Wehrgang hinter der eigentlichen Kastellmauer lag, ein noch älterer Wall aus grauem Lehm entdeckt werden, der während der späteren Bauphase des Steinkastells nicht vollständig einplaniert worden war. Aus dem Inneren dieses älteren Damms wurde Terra Sigillata der claudisch-vespasianischen Zeit geborgen.Péter Kovács: Annamatia Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 119. Es wurde nachgewiesen, dass das unter der Herrschaft des Kaisers Vespasian (69–79) erbaute Holz-Erde-Lager ungefähr die gleichen Ausmaße besessen hat wie das spätere Steinkastell.Péter Kovács: Annamatia (Baracs) a roman auxiliary fort in Pannonia. In: Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae, 41, 2001, S. 76. Ein untersuchter Abschnitt des noch zum Holz-Erde-Lager gehörenden Grabens war 2,2 Meter breit und einen Meter tief.Péter Kovács: Annamatia (Baracs) a roman auxiliary fort in Pannonia. In: Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae, 41, 2001, S. 63.

Der Untergang der Garnison vollzog sich möglicherweise während eines im Jahr 374 vorgetragenen Einfalles der germanischen Quaden und ihrer Verbündeten, der Jazygen. Dieser für Pannonien verheerende Rachefeldzug wurde durch die heimtückische Ermordung des Quadenkönigs Gabinius ausgelöst, die der damalige Oberbefehlshaber (Dux Valeriae ripensis) der Provinz Valeria, Marcellianus zu verantworten hatte. Als Beleg führte Kovács einen Münz-Hortfund an, der während der Grabungen im Eingangsbereich des nordwestlichen Eckturms zu Tage kam.

In nachantiker Zeit fiel die Kastellruine der anhaltenden Fluvialerosion zum Opfer, die beständig Sedimente aus dem Uferhang abschwemmt und dadurch bis heute schon zwei Drittel der Baureste fortgerissen hat.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 108. Zudem wurde das Steinmaterial des Kastells ab dem späten 18. Jahrhundert von der in der Umgebung siedelnden Bevölkerung systematisch und stellenweise bis zu den Fundamenten ausgebrochen. Der Grund hierfür lag in der umfangreichen Neubesiedlung Ungarns – insbesondere durch deutsche Kolonisten – nach den verheerenden Türkenkriegen. Die Soldaten des osmanischen Sultans hatten dabei auch die Dörfer Baracs und Kisapostag zerstört und die angestammte ungarische Bevölkerung vertrieben oder getötet. Ein großer Teil des Baumaterials aus dem Kastellareal wurde auch für mehrere Herrenhäuser benötigt, da das Land um die Flur Baracspuszta nach der Befreiung von der osmanischen Vorherrschaft auch an adelige Familien vergeben wurde.

Umwehrung Die ursprünglich von Rómer vermessenen, durch die Zerstörungen des Flusses nur noch fragmentarisch auswertbaren Fundamente der Umfassungsmauern des Kastells betrugen 80 × 40 Klafter (rund 152 × 76 Meter). Dies entspricht auch den später durchgeführten Nachmessungen. In der Forschung geht man heute davon aus, dass die Fortifikation ursprünglich eine Fläche von rund 160 × 180 Metern beansprucht haben und damit für die Stationierung einer Kohorte gedacht gewesen sein könnte. Dies wird auch durch das bisherige Fundmaterial bestätigt.

Ziegelstempel der Cohors VII Breucorum. wurden in mehreren römischen Niederlassungen am unterpannonischen Limes gefunden. Das Stammlager dieser Truppe lag im Gebiet von Dunaszekeső, die Einheit betrieb dort ihre eigene Ziegelei und belieferte mehrere Baustellen im Umland. Ihre in Annamatia aufgetauchten Ziegelstempel sind noch zusätzlich mit dem Ehrennamen Maximiana versehen, den die Breukerkohorte während der Herrschaft von Kaiser Maximinus Thrax (235–238) verliehen bekam.. Da diese Stempel im Kastellbereich vor allem an der Porta principalis sinistra und am nordwestlichen Eckturm gefunden wurden, muss von einer Renovierung, einem Wiederaufbau und/oder einer Umbaumaßnahme während der 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts ausgegangen werden.Péter Kovács: A new imperial epithet of the cohors VII Breucorum. In: Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae, 56, 2005, S. 247. Die Cohors VII Breucorum ist in Annamatia auch mit ihren Ehrennamen

Alexandriana, verliehen unter Kaiser Severus Alexander (222–235) und Philippiana, verliehen unter Kaiser Philippus Arabs (244–249) vertreten.

Neben diesen sind hier auch Ziegelstempel der in Aquincum (Budapest) stationierten Legio II Adiutrix entdeckt worden.....

Wie die Untersuchungen von Kovács ergaben, war die auf kalkhaltigen und lehmigen Boden stehende Anlage nach den für mittelkaiserzeitliche Kastelle typischen Aufbauschematismus errichtet worden. Die Ecken der rund einen Meter breiten steinernen Wehrmauer waren abgerundet (sog. Spielkartenform) und mit je einem im Inneren an die Mauer angesetzten, trapezförmigen Eckturm verstärkt. Kovács konnte bis 2004 die Reste des südwestlichen und nordwestlichen Eckturmes ergraben. Die Wehrmauer stand auf einem 0,75 Meter hohen Fundament, wobei die letzten vier Steinreihen in Ton gesetzt waren. Die rechteckige Befestigung besaß vier Tore, je eines an jeder Längs- und Breitseite. Zwei dieser Zugänge standen sich dabei direkt gegenüber. Hinter der Wehrmauer erhob sich eine aus Rasensoden und aus dem tonhaltigen Aushubmaterial des Kastellgrabens aufgeworfene, 3,8 Meter breite Erdrampe, die zum Lagerinneren hin schräg nach unten abfiel und vor der Via sagularis, einer um das gesamte Lagerinnere führende Straße, endete. Diese Rampe diente als Wehrgang und Abstützung der mit Zinnen als Brustwehr bekrönten Kastellmauer. Vor dieser Mauer lag als Annäherungshindernis ein Doppelspitzgraben.