Die 6-Pfünder-Feldkanone C/61 war in der preußischen Armee eines der ersten Hinterladergeschütze mit gezogenem Rohr. Zur Baureihe C/61 gehörten 6-, 12- und 24-pfündige Kanonen. Der Feldartillerie wurde der 6-Pfünder als erstes Geschütz mit einem Gussstahlrohr zugeteilt, während die 12- und 24-Pfünder zur Belagerungs- und Festungsartillerie gehörten.
Der 6-Pfünder hatte ein Kaliber von 9,15 cm. Die korrekte Bezeichnung für dieses Geschütz lautete „gezog. Gußstahl 6pfdr. mit Kolbenverschluß“. 1871 wurde im Rahmen einer Neuorganisation die Typenbezeichnung in „9 cm Stahlkanone mit Kolbenverschluß“ geändert.Armee-Verordnungs-Blatt. 5. Jahrgang, Nr. 18 vom 14. August 1871, S. 195. Hrsg. Kriegs-Ministerium Berlin, Verlag Mittler und Sohn Berlin. (Die Schreibweisen entsprechen der damaligen Rechtschreibung.)
Sie war der Vorgänger der 6-Pfünder-Feldkanone C/64.
Geschichte Historisch betrachtet sind die Hinterladergeschütze Nachfolger der mittelalterlichen Kammerstücke (Kammerladerkanonen). Es gab immer wieder Versuche, Hinterladerkanonen zu fertigen. Im Wesentlichen scheiterten diese Versuche jedoch an technischen Problemen. Um 1840 startete der schwedische Fabrikant Martin von Wahrendorff erneut den Versuch, Hinterladergeschütze marktfähig zu machen. Er begann mit glatten Hinterladern. Als Verschluss benutzte er einen Kolbenverschluss und als Geschosse verbleite Vollkugeln.
1843 begann auch Preußen mit entsprechenden Versuchen. Diese wurden mit glatten 6-, 12- und 24-pfündigen Kanonen Wahrendoff’scher Konstruktion durchgeführt. Diese Kanonen hatten bereits einen verbesserten Verschluss.Josef Schmölzl: Ergänzungs-Waffenlehre. 2. Auflage. Verlag Literarisch-artistische Anstalt der I.G.Golla’schen Buchhandlung, München 1857, S. 225. reader.digitale-sammlungen.de
Auf Grund der Erfahrungen, die man zwischenzeitlich mit gezogenen Infanteriewaffen unter der Verwendung von Langgeschossen gemacht hatte, wurde Wahrendorff 1846 durch den Italiener Cavalli angeregt, seine Kanonen gleichfalls mit Zügen zu versehen. Auch verwendete er jetzt verbleite Langgeschosse.
Zwischenzeitlich war man auch in Preußen zu der Erkenntnis gekommen, dass wegen der Leistungssteigerungen der Infanteriewaffen auch eine Leistungssteigerung der Geschütze erforderlich wäre. Auf Grund dieser Feststellung erteilte Se. Königl. Hoheit Prinz Adalbert von Preußen am 20. Februar 1850 der Artillerie-Prüfungs-Kommission (APK) den Auftrag, sich hierzu gutachterlich zu äußern.Taubert: Die historische Entwicklung des preußischen Systemes der gezogenen Geschütze. In: Archiv für die Offiziere der königlich preußischen Artillerie. Band 61, Verlag Ernst Mittler und Sohn, Berlin 1867, S. 223.
Dieser Termin ist als die Geburtsstunde der modernen preußischen Artillerie anzusehen. Nach vielen Diskussionen entschied sich die APK dann, als Grundlage für die weitere Entwicklung das Wahrendorff’sche System zu verwenden. Mit den konkreten Versuchen wurde 1851 begonnen.Taubert: Die historische Entwicklung des preußischen Systemes der gezogenen Geschütze. In: Archiv für die Offiziere der königlich preußischen Artillerie. Band 61, Verlag Ernst Mittler und Sohn, Berlin 1867, S. 225–237. Die Versuche wurden zunächst mit Rohren aus Gusseisen, später aus Bronze durchgeführt. Beide Materialien erwiesen sich für die Verwendung bei gezogenen Geschützen allerdings als wenig geeignet. Auf Grund von Erfahrungen, welche man schon vorher mit Krupp’schen Gussstahlrohren gemacht hatte, wurden 1855 zwei Gussstahlblöcke zur Herstellung gezogener 6-Pfünder-Hinterladerkanonen bestellt.Diedrich Baedecker: Alfred Krupp und die Entwicklung der Gussstahlfabrik zu Essen. Verlag G. D. Baedecker, Essen 1889, S. 39. Krupp lieferte hierfür nur die Rohlinge. Die Endbearbeitung erfolgte in den Artilleriewerkstätten Spandau. Bei den nachfolgenden Schießversuchen wurde diese Variante als sehr geeignet befunden.
Im Mai 1857 wurde dann von Major v. Wedell eine Denkschrift erstellt, in der er die Notwendigkeit zur Einführung eines gezogenen Sechspfünders als Äquivalent gegenüber den gezogenen Infanteriewaffen nachzuweisen versuchte. August Encke, der damalige Leiter der APK, war von dieser Idee allerdings nicht ganz überzeugt. Er wollte den bisherigen glatten Sechspfünder aus Bronze durch einen neuen kurzen Zwölfpfünder ersetzen, da er glaubte, mit diesem Geschütz den Feldanforderungen besser gerecht werden zu können. Dieses Geschütz wurde dann auch am 10. März 1859 wirklich eingeführt und verblieb bis Ende 1866 im Bestand.Diedrich Baedecker: Alfred Krupp und die Entwicklung der Gussstahlfabrik zu Essen. Verlag G. D. Baedecker, Essen 1889, S. 44–45.
Die Versuche mit dem gezogenen Sechspfünder wurden allerdings weiter fortgeführt und so kam es, dass bei einem Probeschießen am 7. Mai 1859 vom damaligen Prinzregent Wilhelm die sofortige Beschaffung von 300 Stück Sechspfündergeschützen veranlasst wurde. Die Rohrrohlinge wurden von Krupp geliefert. Die mechanische Bearbeitung wurde bei den Firmen Wöhlert und Schwarzkopf in Berlin durchgeführt.
Bereits im Januar 1860 wurde die Einführung der gezogenen Gussstahl-6-Pfünder mittels Allerhöchster Kabinett-Order in der Art befohlen, dass bei jedem Artillerie-Regiment drei 12-pfündige Batterien in 6-pfündige umzuwandeln seien.Taubert: Die historische Entwicklung des preußischen Systems der gezogenen Geschütze. In: Archiv für die Offiziere der königlich preußischen Artillerie. Band 61, Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Berlin 1867, S. 242.
Diese Umwandlung erfolgte im Laufe des Sommers 1860.H. von Müller: Die Entwicklung der Feldartillerie. Verlag von Robert Oppenheim, Berlin 1873, S. 170. Nachdruck. Salzwasser Verlag GmbH, Paderborn. ISBN 978-3-8460-3766-9.
Besondere Verdienste bei der Einführung der Krupp’schen Kanonenrohre erwarb sich der damalige Vorsitzende der Artillerie-Prüfungskommission August Encke. Nach ihm wurde in Anerkennung seiner Leistungen 1889 das bisherige Magdeburgische Fußartillerie-Regiment Nr. 4 in „Fußartillerie-Regiment Encke (Magdeburgisches) Nr. 4“ umbenannt.W.Witte: Die gezogenen Feldgeschütze C/61, C/64 und C/64/67. 3. Auflage. Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Berlin 1867. Hier Nachdruck bei J. Olmes, Krefeld 1971, S. XXI.
Die neuen Geschütze wurden mit der Bezeichnung „gezog. Gußstahl 6pfdr. mit Kolbenverschluß“Es gibt hierfür in der zeitgenössischen Literatur die unterschiedlichsten Schreibweisen. in das preußische Heer eingeführt. Der Zusatz „C/61“, als Klassifizierungsmerkmal wurde erst zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt.
Technische Beschreibung Technisch betrachtet war die Typenreihe C/61 eine Weiterentwicklung der mittelalterlichen Kammerladerkanonen. Ähnlich diesen wurden auch sie von hinten geladen. Der ursprüngliche Gedanke von Wahrendorff lag darin, dass er einen Geschütztyp schaffen wollte, der in den beengten Verhältnissen von Schiffen oder Kasematten einfacher zu bedienen sein würde. Als weiterer Grund kam nach 1846 hinzu, dass es unmöglich war, die verbleiten Langgeschosse von vorne zu laden. Im europäischen Ausland ging man allerdings einen anderen Weg, indem man gezogene Vorderlader mit einer anderen Geschossform verwendete (Siehe hierzu das System La Hitte).
Das Rohr hochkant=4|mini|Preußisches gezogenes Kanonenrohr C/61 Das Rohr bestand aus Gussstahl und war in seiner ursprünglichen Konstruktion hinten auf ca. ⅓ seiner Länge zylindrisch gestaltet und verjüngte sich anschließend kegelförmig nach vorne. Den Abschluss bildete vorne eine Mundfriese, welche mit einer Hohlkehle mit dem Rohrkörper verbunden war. An der Stelle, an welcher das Querloch für den Verschluss in das Rohr eingebracht war, waren auf beiden Seiten des Rohres Verstärkungen angebracht. Etwa in der Mitte des Rohres befanden sich auf beiden Seiten die sogenannten Schildzapfen mit welchen das Rohr in der Lafette gelagert war. Am Übergang der Schildzapfen auf das Rohr befanden sich zusätzliche Verstärkungen, welche die Aufgabe hatten, das Rohr in der Lafette zu fixieren. Das Zündloch stand mit seiner Achse ; Durchmesser Ca 1/4 Zoll etwa 1,6 Zoll vor der vorderen Fläche des Verschlusskolbens. Das Rohr war mit 18 Parallelzügen ausgestattet.
Der Verschluss Als Verschluss kam der sogenannte Wahrendorff’sche Kolbenverschluss zur Anwendung. Dieser bestand aus dem Verschlusskolben aus Schmiedeeisen, dem Querzylinder aus Gussstahl, der Verschlusstür aus Bronze und der Kurbel. Die Kurbel der Spannschraube des Verschlusskolbens war bei dieser ersten serienmäßigen Verwendung mit zwei Muttern gesichert. Bei späteren Ausführungen wurden diese Muttern durch einen eisernen Splintkeil ersetzt. Zur Liderung wurden napfförmige Pressspanscheiben verwendet, welche beim 6-Pfünder bereits fest mit den Kartuschen verbunden waren.
Die Lafette mini|Preußische 6-Pfünder Feldlafette C 42/56 Als Lafette wurde die Konstruktion C 42/56 verwendet. In der Literatur findet man auch die Bezeichnung C 56/61. Die Lafetten waren nach dem preußischen Wand-Lafetten-System gefertigt. Die Wände sind bei diesem System parallel gestellt und gleichmäßig stark. Bei diesem System wurden sie durch drei Riegel (Stirn-, Mittel- und Schwanzriegel) auf Distanz gehalten. Die Oberkante der Lafettenwände war zweimal gebrochen und unterteilte die Lafette in Brust-, Mittel- und Schwanzstück. Die Unterkante der Lafettenwände war gerade und nur am Schwanzende schlittenartig abgerundet um ein leichteres Gleiten beim Rücklauf zu ermöglichen. Die Wände waren gleichmäßig 2,65 Zoll (ca. 6,95 cm) stark, bei einer Höhe von 12,9 Zoll (ca. 33,75 cm) im Bruststück. Das lichte Maß zwischen den Lafettenwänden betrug 9,05 Zoll (ca. 23,7 cm). Die Wände hatten Ausschnitte für die Schildzapfenlager und das Achsfutter sowie Wanddurchbrüche für die Zapfen der Riegel und die Richtwellenlagerung. Zur Stabilisierung waren die Lafettenwände mit drei Seitenbändern umgürtet. In die Lafette war eine Wellenrichtmaschine integriert. Diese bestand aus einer schmiedeeisernen Richtwelle, der Richtschraube, der Richtsohle und der Kurbel mit der Stellmutter. Die Richtwelle war in den Wänden schwenkbar gelagert. Die schmiedeeiserne Achse war mittels eines hölzernen Achsfutter in den Wänden befestigt. Neben der linken Lafettenwand war auf dem Achsfutter ein sogenannter Achskasten aus Eisenblech angebracht, welcher zur Aufnahme von kleinerem Geschützzubehör bestimmt war.W. Hoffmann: Die Elemente der Waffenlehre. Verlag von A. Bath, Berlin 1860, S. 77. Die Räder waren gewöhnliche Holzräder und hatten inkl. des Radreifens einen Durchmesser, von 58 Zoll (ca. 151 cm). Die Lagerhöhe, d. h.der Abstand zwischen der Aufstellfläche bis zur Mitte der Schildzapfen, betrug 41,4 Zoll (ca. 109 cm).J. Schott: Grundriss der Waffenlehre. Eduard Zernin, Darmstadt/Leipzig 1868, S. 99.
Die Protze mini|Verpackung des Protzkasten C/61.Stand 1861 Als Protze wurde gleichfalls das Material C42/56 verwendet. In der Literatur findet man auch hier die Bezeichnung C 56/61. Die Protze bestand im Wesentlichen aus dem Protzgestell, der schmiedeeisernen Achse in einem hölzernen Achsfutter, den beiden Rädern, der Raddurchmesser betrug, inkl. der Radreifen 47,50 Zoll (ca 124 cm), der Deichsel, der festmontierten Hinterbracke für die Stangenpferde (die Mittelpferden waren an einer beweglichen Vorderbracke angespannt) und dem Protzkasten sowie einer Reihe von erforderlichen Beschlagteilen. Der Protzkasten war zur Aufnahme von 30 Geschossen in hölzernen Geschosskästen eingerichtet. Die komplette Bestückung, jedoch ohne das erforderliche Geschützzubehör, findet man in der eingefügten Tabelle.Hoffmann (Hauptmann a la suite der 4. Artillerie-Brigade): Der Feldkanonier. Verlage der Vossischen Buchhandlung. Berlin 1865, S. 121.