Als Hirntod wird das irreversible Ende aller Hirnfunktionen – bei vorhandener Kreislaufaktivität und künstlich aufrechterhaltener Atmung – aufgrund von weiträumig abgestorbenen NervenzellenClaudia Wiesemann: Hirntod. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 601–602, hier: S. 601. bezeichnet. Der Hirntod wird oft als sicheres inneres Todeszeichen oder als „Äquivalent des menschlichen Todes“Claudia Wiesemann: Hirntod. 2005, S. 601. angesehen. Wenn keine exogene Vergiftung oder Unterkühlung vorliegt, sind Bewusstlosigkeit, fehlende Reflexe, weite lichtstarre Pupillen und fehlende Spontanatmung sowie eine isoelektrische Linie im Elektroenzephalogramm Zeichen des eingetretenen Hirntods. Ist der Hirntod bei einer Person eingetreten, wird diese als hirntot bezeichnet.

Geschichte Im Menschenbild der alten Ägypter wurde das Herz als Zentralorgan des Körpers gesehen und repräsentierte daher auch die Seele des Toten. Deshalb wurde das Herz bei der Mumifizierung als Sitz aller Körper- und Verstandeskräfte im Körper belassen, während die Eingeweide, Lunge, Leber und Magen in vier eigene Gefäße (Kanopen) gelegt wurden.Dag Moskopp: Hirntod. Stuttgart 2015, S. 38. Das Gehirn wurde vor der Mumifizierung meist entfernt. Dieses kardiozentrische Menschenbild prägte für Jahrtausende die meisten nachfolgenden Religionen und Kulturen.Dag Moskopp: Hirntod. Stuttgart 2015, S. 44. Das Ausbleiben von Herzschlag, Atmung und spontanen Bewegungen blieb bis zum Zeitalter der Aufklärung das allgemein gültige, allerdings nirgends normativ festgelegte Todeszeichen.

Im Jahr 1744 soll in England ein erstickter Bergmann von einem Chirurgen erfolgreich beatmet worden sein. 1774 berichteten die Transactions of the Royal Humane Society über die Reanimation eines Mädchens, das aus dem 1. Stock stürzte und von Ärzten im Krankenhaus für tot gehalten wurde. Elektroschocks hätten den Herzschlag wieder hergestellt.Klaus Schäfer: Vom Scheintod zum Hirntod. Karlsruhe 2016, S. 16 f.

Das Dogma des Herzstillstandes (Asystolie bzw. Kreislaufstillstand) als endgültiger Tod des Menschen geriet dadurch, aber auch durch die Ergebnisse der seitdem durchgeführten elektrischen Experimente an Gehirnen und Körpern frisch Verstorbener, ins Wanken. Dies führte zur Scheintodhysterie des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts: Weil man den Vorgang der Reanimation nicht verstand, hatten die Menschen die Sorge, scheintot begraben zu werden. Auf der Suche nach neuen sicheren Todeszeichen fand man schließlich die Todesstarre und die Todesflecken.Klaus Schäfer: Vom Scheintod zum Hirntod. Karlsruhe 2015.

M.-F.-X. Bichat folgerte um 1800 aus seinen ausgedehnten anatomischen, histologischen und physiologischen Untersuchungen, dass die Aufrechterhaltung einer zellulären Ordnung ein wesentliches Merkmal des Lebens sei und die Auflösung dieser Ordnung den Tod bedeutet. Er postulierte, dass ein Organismus aus Funktionen auf unterschiedlichen zellulären Ebenen beruhe und dass diese Funktionen nicht zwangsläufig gleichzeitig enden müssen. Er grenzte vegetative Grundfunktionen (Atmung, Kreislauf, Stoffwechsel) als „organisches Leben“ von dem Komplex höherer Gehirnleistungen (Bewusstsein, Sinneswahrnehmungen) ab.M.-F.-X. Bichat: Physiological Researches Upon Life and Death. Smith & Maxwell, Philadelphia 1809. In Konsequenz dieser Ergebnisse prägte er den Begriff „Hirntod“.G. Sutton: The Physical and Chemical Path to Vitalism: Xavier Bichat’s Physiological Researcheson Life and Death. In: Bulletin of the History of Medicine. Band 58, 1984, S. 53–71. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Deutsche Stiftung Organtransplantation: Kein Weg zurück … Informationen zum Hirntod. Frankfurt am Main 2012, S. 10.

Trotz Bichats Erkenntnissen galt in der Medizin weiterhin ein Mensch dann als tot, wenn seine Atmung und seine Herztätigkeit stillstanden. Der russische Reanimationsforscher Wladimir A. Negowski (1909–2003) stellte fest, dass der Versuch einer Reanimation aussichtslos ist, wenn das Gehirn abgestorben ist. So schrieb er in den 1940er-Jahren: „Für eine lange Zeit waren wir der Ansicht, dass die jüngste Kontraktion des Herzens der letzte ‚Akkord des Lebens‘ sei. Wir sprechen jetzt nicht so, denn nach Beendigung der Herztätigkeit ist noch für einige Minuten die Wiederherstellung des zentralen Nervensystems möglich. In der Tat ist der letzte ‚Akkord des Lebens‘ die noch verbleibenden Zeichen der Vitalität des Gehirns.“Klaus Schäfer: Vom Koma zum Hirntod. Pflege und Begleitung auf der Intensivstation. Stuttgart 2017, S. 32.

Durch Einführung der künstlichen Beatmung und anderer intensivmedizinischer Techniken gab es ab den 1950er Jahren immer wieder Patienten mit schwerer Hirnschädigung ohne Eigenatmung. Bald erkannte man, dass bei einigen von ihnen nach einigen Tagen des tiefen Komas unweigerlich der Blutkreislauf zusammenbricht. Auf die Frage, wie man mit ihnen verfahren sollte, antwortete 1957 Papst Pius XII.: „Wenn tiefe Bewußtlosigkeit für permanent befunden wird, dann sind außerordentliche Mittel zur Weitererhaltung des Lebens nicht obligatorisch. Man kann sie einstellen und dem Patienten erlauben zu sterben.“Papst Pius XII.: Moralische Probleme der Wiederbelebung. 24. November 1957, In Antwort auf einen Fragenkatalog leitender Anästhesisten. Zitiert nach: Matthias Thöns: Wann ist der Mensch tot? Akademievortrag. 26. März 1996. (PDF) abgerufen am 29. September 2016Die gesamte Ansprache vom 24. November 1957 ist enthalten in: AAS. XLIX, 1957, S. 1027–1033. Sie wurde übersetzt von Dag Moskopp: Hirntod. Stuttgart 2015, S. 160–163.

Pierre Mollaret und Maurice Goulon beschrieben 1959 erstmals mit dem Begriff „Coma dépassé“ (jenseits/unterhalb des Komas) einen Zustand, welcher bei künstlicher Beatmung keinerlei Lebenszeichen des Gehirns erkennen ließ, der nicht umkehrbar war und irgendwann zum Tod durch Herzversagen führte. Der Begriff „Hirntod“ von Bichat wurde von ihnen nicht aufgegriffen.Dag Moskopp: Hirntod. Stuttgart 2015, S. 76.

1960 veröffentlichten Wertheimer, Rougemont, Jouvet und Descotes in einem Artikel, dass sie eine künstliche Beatmung beendet haben. Als Kriterien für ihr Handeln nannten sie: Nachweis der völligen Areflexie, keine Eigenatmung, die Nulllinie im EEG und eine fehlende angiographische Darstellung der Hirndurchblutung.Dag Moskopp: Hirntod. Stuttgart 2015, S. 76. Diese Untersuchungen sind noch heute Grundlage der Hirntoddiagnostik.

Am 10. Mai 1966 stellte die Kommission der französischen „Académie Nationale de Médicine“ das Ergebnis ihrer Arbeit vor: Der irreversible Funktionsverlust des Gehirns wurde als neues Todeskriterium eingeführt.Gesa Lindemann: Beunruhigende Sicherheiten. Konstanz 2003, S. 99.

Im April 1968 stellte die Kommission der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie das Ergebnis ihrer Arbeit unter dem Titel „Todeszeichen und Todeszeitbestimmung“ vor. Nach der französischen medizinischen Akademie bejaht auch die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie das Hirntodkonzept. Menschen mit irreversiblem Funktionsverlust des Gehirns werden als Tote angesehen.Gesa Lindemann: Beunruhigende Sicherheiten. Konstanz 2003, S. 113 f.

Eine Kommission der Harvard Medical School veröffentlichte am 5. August 1968 eine Definition dieses Begriffs und schlug vor, den entsprechenden Zustand als Hirntod zu bezeichnen und als neues Todeskriterium festzulegen.A definition of irreversible coma. Report of the Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School to Examine the Definition of Brain Death. In: JAMA. Band 205, Nr. 6, August 1968, S. 85–88. Begründet wurde dies einerseits damit, den Status der komatösen Patienten zu klären und die künstliche Beatmung einstellen zu können, und andererseits damit, Kontroversen bei der Beschaffung von Organen zur Transplantation zu vermeiden.Der Wortlaut dieser beiden Gründe lautet übersetzt: "Unser primäres Anliegen ist es, das irreversible Koma als neues Todeskriterium zu definieren. Es gibt zwei Gründe für den Bedarf an einer neuen Definition: Der medizinische Fortschritt auf den Gebieten der Wiederbelebung und der Unterstützung lebenserhaltender Funktionen hat zu verstärkten Bemühungen geführt, das Leben auch schwerstverletzter Menschen zu retten. Manchmal haben diese Bemühungen nur teilweise Erfolg: Das Ergebnis sind dann Individuen, deren Herz fortfährt zu schlagen, während ihr Gehirn irreversibel zerstört ist. Eine schwere Last ruht auf den Patienten, die den permanenten Verlust ihres Intellekts erleiden, auf ihren Familien, auf den Krankenhäusern und auf solchen Patienten, die auf von diesen komatösen Patienten belegte Krankenhausbetten angewiesen sind. Überholte Kriterien für die Definition des Todes können zu Kontroversen bei der Beschaffung von Organen zur Transplantation führen." Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Hoff. In: J. i. d. Schmitten (Hrsg.): Wann ist der Mensch tot? Reinbek 1994, S. 157. Zitat: „Our primary purpose is to define irreversible coma as a new criterion for death. There are two reasons why there is need for a definition: (1) Improvements in resuscitative and supportive measures have led to increased efforts to save those who are desperately injured. Sometimes these efforts have only partial success so that the result is an individual whose heart continues to beat but whose brain is irreversibly damaged. The burden is great on patients who suffer permanent loss of intellect, on their families, on the hospitals, and on those in need of hospital beds already occupied by these comatose patients. (2) Obsolete criteria for the definition of death can lead to controversy in obtaining organs for transplantation.“ (‘Ad Hoc’ Committee (1968), S. 337.)

Diese neue Todesdefinition wurde in den folgenden Jahren von vielen Ländern übernommen.

In Deutschland brachte der Wissenschaftliche Beirat der deutschen Bundesärztekammer im Jahr 1982 eine „Entscheidungshilfe zur Feststellung des Hirntodes“ heraus. In ihr hat man den Hirntod als einen „irreversiblen Verlust der Großhirn- und der Hirnstammfunktion“ gekennzeichnet.Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer zur Frage der Kriterien des Hirntodes. Abgerufen am 1. August 2016. 1986 erfolgte die 1. Fortschreibung. Darin definierte man den Hirntod wiederum als einen „irreversiblen Verlust der Großhirn- und der Hirnstammfunktion“.Kriterien des Hirntodes. Abgerufen am 1. August 2016. 1991 folgte die 2. Fortschreibung, in ihr wurde der Hirntod definiert „als Zustand des irreversiblen Erloschenseins der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms“.Kriterien des Hirntodes Entscheidungshilfen zur Feststellung des Hirntodes. aerzteblatt.de; abgerufen am 1. August 2016. 1997 folgte die 3. Fortschreibung mit ähnlichem Wortlaut.Kriterien des Hirntodes Entscheidungshilfen zur Feststellung des Hirntodes. aerzteblatt.de; abgerufen am 1. August 2016.

Im Herbst 1997 wurde in Deutschland das Transplantationsgesetz (TPG) verabschiedet. Dort wurde in Abs. 2 der Hirntod als der „nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach Verfahrensregeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen“, legal definiert. In sprachlicher Anpassung an das TPG erfolgte im Jahr 1998 eine neue Ausgabe der 3. Fortschreibung, die nun zur „Richtlinie“ aufgewertet wurde. Am 30. März 2015 brachte das Bundesministerium für Gesundheit die 4. Fortschreibung als neue Richtlinie „zur Feststellung des Todes“ heraus. Darin heißt es in Anlehnung an § 3 Abs. 2 TPG:

Hirntod als Tod des Menschen Deutschland In Deutschland ist in keinem Gesetzeswerk der Tod definiert. Im Transplantationsgesetz (TPG) ist der Tod des Menschen indirekt mit dem Hirntod verknüpft: