Das Institut national de l’audiovisuel (INA) ist ein öffentlich-rechtliches französisches Unternehmen (établissement public à caractère industriel et commercial, EPIC). Das INA war das erste digitalisierte Archiv Europas.Interview vom 28. April 2006 des französischen Internetmagazins LeJournalduNet mit Emmanuel Hoog, dem ehemaligen Generaldirektor des INA (2001–2010); abgerufen am 27. August 2011. Sein Auftrag ist es, alle französischen Rundfunk- und Fernsehproduktionen zu sammeln, zu bewahren und öffentlich zugänglich zu machen, in etwa vergleichbar dem Auftrag der Bibliothèque nationale de France (BnF), geschriebene und gedruckte Dokumente aller Art zu archivieren. Die Sammlungen des INA sind über seine Website für die Öffentlichkeit teilweise kostenlos zugänglich, der Rest unterliegt urheberrechtlichen Beschränkungen.
Geschichte Artikel 3 des Gesetzes vom 7. August 1974 beauftragte das Institut national de l’audiovisuel mit der Archivierung von sowie der Forschung und beruflichen Bildung zur Erzeugung von audiovisuellen Medien. Sein gesetzlicher Auftrag wurde seitdem mehrfach angepasst und erweitert.Chronologie de la politique de l’audiovisuel. Direction de l’information légale et administrative (DILA; Informationsabteilung des französischen Premierministers); abgerufen am 25. August 2011.
Auftrag Archiv für audiovisuelle Medien und digitale Archivdatenbank
Das INA sammelt, bewahrt, digitalisiert, restauriert und vermittelt die französischen Rundfunk- und Fernseharchive aus mehr als 70 Jahren Rundfunkprogramm und 60 Jahren Fernsehen. Mit drei Millionen Stunden aufgezeichneter Rundfunk- und Fernsehsendungen und mehr als einer Million abgelichteter Dokumente zählen seine Sammlungen zu den bedeutendsten audiovisuellen Beständen der Welt. Feuilletons, Fernsehfilme, Dokumentarsendungen, Nachrichten-, Sport-, Unterhaltungssendungen, Gespräche, Hörspiele, Konzerte stehen als Quelle für Neuproduktionen, für Wiederholungssendungen, für Forschung und Ausbildung und nicht zuletzt online für die Öffentlichkeit zur Verfügung.
Das INA kann private Sammlungen erwerben oder übernehmen, diese aufbewahren und gegebenenfalls auch deren kommerzielle Verwertung übernehmen, seine gesetzlich definierten Hauptaufgaben bleiben jedoch: die professionelle Archivierung des öffentlich-rechtlichen französischen Rundfunks und Fernsehens seit 1945 (Gesetze aus den Jahren 1974, 1982, 1986 und 2000) mit 1.400.000 dokumentierten Stunden (Stand Ende 2006; davon entfallen jeweils 700.000 Stunden auf Rundfunk- bzw. Fernsehsendungen) die gesetzlich vorgeschriebene Hinterlegung von Pflichtexemplaren (dépôt légal) aller französischen Rundfunk- und Fernsehsendungen. Die Archive des «dépôt légal» dürfen nicht vertrieben werden, können aber für Forschungszwecke genutzt werden.
Dazu sammelt das INA fortlaufend ca. 300.000 Programmstunden jährlich und bewahrt und digitalisiert Programme, die ansonsten vom Verschwinden bedroht wären. Wegen der wachsenden Nachfrage nach Bildmaterial in guter Qualität bei gleichzeitig sich verschlechterndem physikalischen Zustand müssen dazu jedes Jahr ca. 500 Stunden Film-, Video- und Tonmaterial mit intern entwickelter Software aufwändig restauriert werden.
Bis 2015 soll das INA im Rahmen eines Plan de sauvegarde et de numérisation (PSN) aus dem Jahr 1999 alle seine vom endgültigen Zerfall bedrohten Archivbestände digitalisiert haben. Bei einem Gesamtbestand von rund drei Millionen Stunden sollen ursprünglich etwa 835.000 Stunden gefährdet gewesen sein, wovon bis zum Jahr 2009 bereits 600.000 Stunden Programm vor der «unwiderruflichen Zerstörung» bewahrt worden seien.Jérôme Bouteiller: «La culture est trop précieuse pour être abandonnée à un moteur de recherche.» Gespräch mit Emmanuel Hoog mit dem französischen Wirtschaftsmagazin L’Expansion, 23. September 2009. Nathalie Silbert, Jean-Christophe Feraud: Les Échos, 25. September 2009; abgerufen am 27. August 2011.
Das INA gewährleistet den Zugang für: professionelle Nutzer: Um die professionelle Vermarktung der Archive national und international zu erleichtern, hat das INA ergänzend zur Digitalisierung begonnen, seine Bestände auch thematisch zu erschließen. Mehr als 300 corpus thématiques sind verfügbar: Politik, Ereignisse, Gesellschaft, Kultur, Aufführungen, Sport, Persönlichkeiten usw. Seit Februar 2004 bietet das INA mit inamediapro.comService professionnel d’accès aux archives de l’Institut national de l’audiovisuel. Abgerufen am 25. August 2011. eine online verfügbare audiovisuelle Archivdatenbank. 2005 erhielt diese Datenbank den Focal Award der Federation of Commercial Audiovisual Libraries für die weltweit beste Bilddatenbank. Federation of Commercial Audiovisual Libraries International; abgerufen am 25. August 2011. wissenschaftliche Nutzer: Eine online-Recherche ist über die Website des Hochschulinstituts Ina’Sup. Pôle européen des sciences et métiers de l’image et du son in allen Beständen des INA möglich.Ina’Sup: . Institutionen und die breite Öffentlichkeit: Das INA erschließt seine Archive für Bildungs- und kulturelle Zwecke und geht dafür Partnerschaften und Kooperationen ein. Der Zugang wird durch thematische Portale oder besondere Online-Angebote zusätzlich erleichtert.
Forschung und Entwicklung in Bild- und Tonverarbeitung
Von Anfang an beschäftigte sich das INA intensiv mit Forschung zur synthetischen Bilderzeugung, insbesondere für die französische Trickfilmindustrie. Das Institut hat 1982 in Monaco die jährliche Messe Imagina ins Leben gerufen und bis 2000 auch organisiert, ein Treffen für digitale Bilderstellung..
Der Hauptteil der Forschungskapazität dient der Erfassung, der Restaurierung, der Sicherung und der Aufbewahrung audiovisueller Aufzeichnungen. Das INA arbeitet an der Entwicklung von Systemen zur Klassifizierung und Auswertung multimedialer Inhalte, Techniken der Bildmarkierung und Navigationsinstrumente für die Suche in Bildarchiven. Das INA arbeitet dazu mit öffentlich-rechtlichen und privatwirtschaftlichen Unternehmen (z. B. CEA, France Télécom, Thomson, Thales Group), Universitäten sowie französischen und internationalen Forschungseinrichtungen zusammen. Ab Februar 2004 koordinierte das Institut das europäische Forschungsprojekt Prestospace zur Bereitstellung von technischen Lösungen und integrierten Systemen für eine vollständige digitale Sicherung aller Arten von audiovisuellen Sammlungen abgerufen am 27. August 2011.. Auch am IT-Kompetenzzentrum Île-de-France Cap Digitalinzwischen ein rein französisches Wirtschaftsförderungsprojekt. Wirtschaftsagentur der Region Paris, dem Internetportal Europeana und dem kurzlebigen deutsch-französischen Suchmaschinen-Projekt Quaero ist bzw. war das INA beteiligt.
Die Groupe de recherches musicales (GRM) des INA dient der Erforschung, Schöpfung und Konservierung akustischer Aufzeichnungen und elektronischer Musik.
Produktion und Veröffentlichung von audiovisuellen und Multimediaprogrammen
Das INA produziert und veröffentlicht audiovisuelle und Multimedia-Programme für nationale und internationale Medien. In den ersten 30 Jahren seines Bestehens hat das Institut mehr als 2.000 Arbeiten (ca. 1.800 Programmstunden) produziert, von denen 1.500 im Fernsehen ausgestrahlt und 200 als Filme auf internationalen Festivals gezeigt wurden. Viele Eigenproduktionen (bzw. Co-Produktionen) befassen sich mit historischen Persönlichkeiten (Dante), Politikern (Moi, Fidel Castro), Wissenschaftlern (Claude Lévi-Strauss) oder Künstlern (Marc Chagall), geschichtlichen Ereignissen (La saga des immigrés, Une histoire de langue française) oder gesellschaftlichen Themen (Grandir au collège).
Seit dem 27. April 2006 gibt es für das breite Publikum per Download oder per DVD einen Zugriff auf mehr als 100.000 Rundfunk- oder Fernsehsendungen. Das Angebot wächst um 5.000 Stunden jährlich und wird auch themenzentriert erschlossen, z. B. seit Oktober 2006 mit den Projekten Apprendre INA; abgerufen am 25. August 2011. mit Videos für den Schulunterricht zu Themen wie Musik, Kino, Geschichte, Kultur und mit Jalons pour l’histoire du temps présent,Jalons pour l’histoire du temps présent. Abgerufen am 25. August 2011. online-Mediatheken im Bereich Pädagogik und Unterrichtsgestaltung, die zusammen mit dem Ministère de l'Éducation nationale entwickelt wurden. seit 2007 mit dem Projekt Les présidentielles (Die Präsidentschaftswahlen) zur französischen Politik seit 1946 (Wahlen, Kandidaten, Themen und Debatten), mit dem Projekt Chroniques d’un festival abgerufen am 25. August 2011. zu 60 Jahren Internationale Filmfestspiele von Cannes und mit dem Projekt Place aux chansons INA; abgerufen am 25. August 2011. zum französischen Chanson seit 2008 mit dem Projekt Charles de Gaulle – paroles publiques INA; abgerufen am 25. August 2011., mit dem Projekt Mai 68, la révolution en images INA; abgerufen am 25. August 2011. zum 40. Jahrestag des Mai 68 und mit dem Projekt Europe des cultures50 künstlerisches Schaffen und kulturelles Leben in den 27 Ländern der Europäischen Union. Abgerufen am 25. August 2011. zur europäischen Kultur. seit 2009 mit dem Projekt Repères Méditerranéens50 Jahre Kunst, Kultur, Wirtschaft, Politik, Landschaft in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur. Abgerufen am 25. August 2011. zur Geschichte der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur und mit dem Projekt elles@centrepompidou abgerufen am 25. August 2011. zu den Künstlerinnen in den Sammlungen des Centre Pompidou
Das INA ist Herausgeber oder Mitherausgeber von Audio- oder Videokollektionen, die bedeutende Rundfunk- oder Fernsehereignisse dokumentieren. Die Rundfunk-Kollektion Ina mémoire vive bietet bedeutende Aufführungen klassischer Musik sowie Ansprachen, Vorlesungen, Vorträge von oder Gespräche mit Persönlichkeiten wie André Malraux, Pierre Mendès France, Georges Pompidou und Michel Foucault. Aus dem Fernsehbereich gibt es Sammlungen bedeutsamer Sendungen: z. B. unter Mitherausgeberschaft von Gallimard Les grands entretiens de Bernard Pivot Aufzeichnungen von Gesprächen des französischen „Literaturpapstes“ Pivot mit Marguerite Yourcenar, Julien Green, Marguerite Duras, Françoise Dolto ou Albert Cohen. Eine collection humoristique ist Sendungen wie den Shadoks oder Bonne nuit les petits (dem französischen Pendant zu Unser Sandmännchen) gewidmet.
Ausbildungszentrum für audiovisuelle und Informationstechnik
Das INA ist eines der wichtigsten europäischen Ausbildungszentren für professionelle Bild- und Tonbearbeitung. Das Institut bietet seit Oktober 2007 an der Ina’Sup, der Hochschule für audiovisuelle und digitale Technik, ein Universitätsdiplom in «Marketing und Vertrieb in der europäischen audiovisuellen Wirtschaft» (Marketing et distribution dans l’industrie audiovisuelle européenne) bzw. einen Master-Abschluss «Multimediale Kreation und Produktion» (Création et production multimédiale). Seit 2010 kann außerdem eine Berufsausbildung zum «Multimedia-Dokumentar» absolviert werden.
Internationale Zusammenarbeit Als Pionier auf dem Gebiet der Digitalisierung berät das INA Unternehmen und Institutionen in anderen Ländern bei der Erhaltung ihrer audiovisuellen Archive. Im Rahmen von Solidaritätsaktionen werden Afghanistan und Kambodscha bei der Rekonstruktion ihres audiovisuellen Erbes unterstützt.
Das Institut ist Mitglied in der Fédération Internationale des Archives de Télévision/International Federation of Television Archives (FIAT/IFTA), einer internationalen Organisation, in der sich fast 180 Fernseh-Archive aus 70 Ländern zusammengeschlossen haben und die 2004 einen internationalen Aufruf zur Bewahrung des audiovisuellen Welterbes erlassen hat.FIAT/IFTA 2004 Fédération Internationale des Archives de Télévision/International Federation of Television Archives (FIAT/IFTA): International Appeal for the Preservation of the World Audiovisual Heritage. 13. Dezember 2004.
Die Archive der INA