Die Große oder Gewöhnliche Winkelspinne (Eratigena atrica, Syn.: Tegenaria atrica), auch Große Hauswinkelspinne oder einfach „Hausspinne“ genannt, ist eine Spinne aus der Familie der Trichterspinnen (Agelenidae). Sie war ursprünglich in Europa verbreitet und wurde in Nordamerika eingeführt. Die sehr anpassungsfähige Art kommt aufgrund ihrer Synanthropie (Anpassung an menschliche Siedlungsbereiche) auch in und an Gebäuden häufig vor und zählt zu den größten in Mitteleuropa vorkommenden Spinnen. Sie zeichnet sich durch ihre mehrheitlich dunklere und braune Färbung sowie die für Trichterspinnen üblich langbeinige Gestalt aus.

Wie alle Trichterspinnen legt die nachtaktive Große Winkelspinne ein Trichternetz für den Beutefang an, das sich zu einer Wohnröhre verjüngt. Die Spinne selber verweilt bei Inaktivität in der Röhre und schnellt hervor, sobald ein Beutetier auf der Netzdecke registriert wurde. Das mit einem Giftbiss außer Gefecht gesetzte Beutetier wird anschließend in die Röhre transportiert und dort verzehrt. Die Große Winkelspinne ist somit ein Lauerjäger und lebt wie alle Spinnen räuberisch, ein spezialisiertes Beutespektrum hat die euryphage (nicht auf bestimmte Nahrung angewiesene) Art dabei nicht. Ein geschlechtsreifes Männchen verlässt sein Netz und sucht das eines Weibchens auf. Dann vollführt es eine Balz und es erfolgt, bei Paarungswilligkeit des Weibchens, die Begattung. Das begattete Weibchen überwintert, legt im Folgejahr mehrere Eikokons an und betreibt keine weitere Brutpflege. Die Jungtiere wachsen selbstständig über mehrere Fresshäute (Häutungsstadien) heran.

Alleine das häufige Vorkommen der Großen Winkelspinne in Bauwerken macht ein Zusammentreffen zwischen ihr und Mensch relativ wahrscheinlich. Durch ihre langbeinige und verglichen mit vielen anderen in Mitteleuropa vorkommenden Spinnen große Körpergröße wird sie von vielen Menschen als auffällig oder furchteinflößend empfunden. Eine Gefahr stellt die Spinne für den Menschen nicht dar und sie gilt auch nicht als aggressiv. Zwar kann sie den Menschen beißen, doch geht der Biss für gewöhnlich lediglich mit Schwellungen und leichten Schmerzen der Bisswunde einher und gilt somit nicht als medizinisch relevant, zumal die Art nur bei starker Bedrängung beißt. Die Große Winkelspinne wurde von der Arachnologischen Gesellschaft (AraGes) aufgrund dieses Verrufs zur Spinne des Jahres 2008 gewählt.

Merkmale mini|Männchen Das Weibchen der Großen Winkelspinne erreicht eine Körperlänge von 12 bis 18, das Männchen eine von 10 bis 15 Millimetern. Die Beinspannweite kann auf gut 100 Millimeter heranreichen, insbesondere bei den langbeinigeren Männchen. Diese Maße verleihen der Großen Winkelspinne ein imposantes Erscheinungsbild. Der grundsätzliche Körperbau der Art gleicht dem anderer Winkelspinnen (Eratigena).

+ Maße des Prosomas (Vorderkörpers) einzelner Individuen nach Angelo Bolzern, Daniel Burckhardt & Ambross Hänggi (2013) in Millimetern Geschlecht Länge des Carapax (Rückenschild des Prosomas) Breite des Carapax Länge des Sternums (Brustschild des Prosomas) Breite des Sternums Anzahl untersuchter IndividuenMännchen4,87 bis 6,783,65 bis 5,122,35 bis 3,232,12 bis 32Weibchen5,844,12,822,491

mini|Weibchen im Größenvergleich Das Opisthosoma (Hinterleib) des von Bolzern, Burckhardt & Hänggi vermessenen Weibchens hat eine Länge von 6,27 und eine Breite von 4,13 Millimetern und die Höhe von dessen Clypeus (Abschnitt zwischen den anterioren Augen und dem Carapax) entspricht dem 2- bis 2,5-fachem des Durchmessers der anterior (vorne) medianen (mittigen), bzw. dem 1,5- bis zweifachen der anterior lateralen (seitlichen) Augen. Anderweitig beschränkt sich der Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) abgesehen von den Dimensionen auf die Beinbestachelung. Die Färbung von Männchen und Weibchen ist identisch.

Auf dem Carapax verlaufen dorsal (oben) zwei dunkle Längsbänder, die manchmal gezackt oder zu dreieckigen Punkten reduziert sind. Die Cheliceren (Kieferklauen) besitzen marginal (am Rand) je drei, retromarginal (hinten seitlich) sieben bis neun Zähne. Das Sternum verfügt über ein deutliches Muster aus hellem Mittelstreifen und lateral jeweils drei symmetrischen Paare heller Punkte.

+ Augenmaße des von Bolzern, Burckhardt & Hänggi vermessenen Weibchens Gemessener Bereich WertDurchmesser der Augen in MillimeternAnterior median 0,25 bis 0,27Anterior lateral0,26 bis 0,27Posterior (hinten) median0,22 bis 0,24Posterior lateral0,23 bis 0,25Abstand der Augen in Relation mit dem Durchmesser der jeweiligen AugenAnterior median zueinander0,5 x anterior medianAnterior median-Anterior lateral< 0,5 x anterior medianPosterior median zueinander1 x posterior medianPosterior median-Posterior lateral1 bis 1,5 x posterior medianPosterior median-Anterior lateral1–1,5 x posterior medianAnterior median-Posterior median0,5 x posterior median

mini|Ventrale Detailansicht eines Männchens Die Cheliceren (Kieferklauen) tragen promarginal (vorne seitlich) je drei, retromarginal sieben bis neun Zähne. Das Sternum weist ein deutliches Muster aus einem hellen medianen (mittleren Band) und lateral (seitlich) jeweils drei symmetrischen Paaren heller Punkte seitlich auf. Die Beine tragen anders als bei anderen Winkelspinnen keinerlei Ringel und erscheinen allgemein verdunkelt. Gelegentlich sind auf den Coxae (Hüftgliedern) und dem proximalen (zur Körpermitte gelegenen) Bereich der Femora (Schenkel) dunkle Flecken ausgebildet. Auf den Tarsen (Fußgliedern) befinden sich je sieben bis zehn Trichobothria (Tastsetae, bzw. chitinisierte Haare). Bei der Großen Winkelspinne fehlen diese allerdings im Gegensatz zu anderen Arten der Gattung auf den Tarsen der Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich). Die paarigen Klauen des ersten Beinpaares weisen paarige Zähne auf.

+ Längen der Beine nach Bolzern, Burckhardt & Hänggi in Millimetern Beinpaar  Femur Patella Tibia (Schiene) Metatarsus (Fersenglied) Tarsus GesamtlängeMännchen Pedipalpen 2,5 bis 3,24 0,92 bis 1,26 1,1 bis 1,42 2,22 bis 2,81 1,26 bis 1,3 (hier das Cymbium) 8 bis 10,03 1 7,66 bis 11,12 1,91 bis 2,85 7,4 bis 11,4 7,79 bis 11,31 3,52 bis 4,43 28,28 bis 41,11 2 6,17 bis 8,69 1,76 bis 2,69 5,42 bis 7,93 6,29 bis 9,38 2,79 bis 3,43 22,43 bis 32,12 3 5,42 bis 7,52 1,62 bis 2,3 4,47 bis 6,32 6,23 bis 8,94 2,48 bis 3,36 20,22 bis 28,44 4 6,95 bis 9,32 1,69 bis 2,49 6,33 bis 8,6 8,58 bis 12,56 3,19 bis 4,21 26,74 bis 37,18Weibchen (stellenweise unvollständig) Pedipalpen 2,78 1,1 1,8 - 2,68 8,36 (ohne Metatarsen) 1 6,94 2,28 6,61 - 3,21 19,04 (ohne Metatarsen) 2 6,12 2,03 5,08 5,83 2,85 21,46 3 5,6 1,94 4,37 6,05 2,55 20,87 4 7,1 1,99 6,43 8,67 2,96 27,15

+ Anordnung der Stacheln an den Beinen nach Bolzern, Burckhardt & Hänggi Femur Patella Tibia Metatarsus Tarsus d2–3–3–0 or 2–3–4–0 oder 3–3–2–0 oder 3–3–3–0 oder 3–3–4–0 oder 3–4–4–0, pr2–3–2–0, r2–3–3–0 oderr 2–3–4–0 oder 2–4–2–0, v2–2–1–0 oder 2–3–1–0 oder 2–3–2–0 d2–0–0, pr2–0–0, r2–0–0, v2–0–0 d0–0–0–1p+1+1p oder 0–0–0–2p oder 0–1–0–1p+1, pr0–1–0–2p oder 0–2–0–2p oder 2–2–0–2p, r2–1–1–1p+2+1p oder 2–2–2–1p+1+1p oder 2–2–2–2p oder 2–2–3–2p, v2–2–2–1p+1+1p+1 oder 2–2–2–2p oder 2–2–2–3p d0–0–0–1p+2+1p+1 oder 0–0–0–4p+1, pr0–2–0–4p+1 oder 0–3–0–3p+1+2p oder 0–3–0–5p, r1+1p–4–3–5p oder 2–4–4–5p, v3–4–4–1p+1+1p+2+2p oder 3–4–4–5p+1 d0, pr0 oder 0–1–0–0 oder 0–1–1–0 oder 0–1–3–0 oder 0–2–2–0, r0 oder 0–1–0–0 oder 0–1–1–0 oder 0–1–3–0 oder 0–2–2–0, v0

+ Anordnung der Stacheln an den Pedipalpen nach Bolzern, Burckhardt & Hänggi Geschlecht Stacheln Männchen d2–0–0–0 oder 2–1–0–0 oder 2–1–1–0, pr2–0–0, r1–2p–0–0 Weibchen d2–0–0–0 oder 2–0–1–0 oder 2–1–0–0, pr2–0–0, r2–2p–0–0 Legende: d = dorsal P = Paar aus Stacheln an der ungefähr gleichen Längsposition pr = prolateral r = retrolateral v = ventral (unten)

mini|Dorsale Detailansicht eines Weibchens Das Opisthosoma hat eine dunkle Färbung und ein helles Medianband anterior und lateral hellen Punkte, die in posteriore Richtung in V-förmigen Streifen übergehen. Wie alle Trichterspinnen (Agelenidae) ist die Große Winkelspinne ecribellat (dickere Spinnenseide produzierend). Die anterior lateralen Spinnwarzen sind leicht verdunkelt, die posterior lateralen auf ihre beiden Segmenten verteilt dorsal (oben) verdunkelt. Ihr distales (von der Körpermitte entfernt liegendes) Segment erscheint einigermaßen heller. Die posterior medianen Spinnwarzen sind mit deutlich ausgebildeten kleinen Ampullendrüsen und drei bis vier zylindrischen Drüsen lateral davon. Der Colulus (funktionsloser Hügel und Rest des einstigen sog. Cribellums) verfügt über eine rechteckige Gestalt samt einem W-förmigen distalen Rand.

Genitalmorphologische Merkmale mini|Bulbi eines Männchens Die Pedipalpen des Männchens besitzen je einen kurzen dorsalen Dorn und die retrolaterale Apophyse (Fortsatz) eines Bulbus (männliches Geschlechtsorgan) verfügt bei der Großen Winkelspinne über zwei Gabelungen, eine davon lateral und einfach und spitz gebaut, und eine dorsal mitsamt einem großen Hügel, der wiederum eine stark sklerotisierte (verhärtete) und spitzen Ausstülpung hat. Der Embolus (drittes und letztes Sklerit, bzw. Hartteil des Bulbus) ist in etwa 1 bis 1,5 mal so lang wie das Cymbiums (erstes und vorderstes Sklerit) und entspringt einer 10- bis 12-Uhr-Position des Tegulums (zweites und mittleres Sklerit). Dem Cymbium fehlen genau wie den Tarsen der Pedipalpen Trichobothria. Die distale Spitze des Embolus befindet sich dabei in einer 4-Uhr-Position. Der Konduktor (den Embolus führender und stützender Fortsatz) ist vergleichsweise kräftig, sein distaler Abschnitt ist allerdings nicht verlängert und nur in der terminalen (hinteren) Hälfte gefaltet. Das terminale Ende des Konduktors erscheint als stark sklerotisierte und in ventrale Richtung verlaufende, längliche Spitze. Die transversal (quer) verlaufende Rille des Konduktors ist als membranöse Lamelle ausgebildet. Die für Winkelspinnen (Eratigena) typische mediane Apophyse entspringt bei dieser Art in einer 7- bis 9-Uhr-Position und ist mäßig vorstehend. Außerdem ist diese Apophyse breiter als lang und distal mit einer taschenartigen Skleritstruktur versehen. Die Verbindung der medianen Apophyse zum Tegulum ist zumindest teilweise sklerotisiert.

mini|links|Epigyne eines Weibchens Die Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) weist bei dem von Bolzern, Burckhardt & Hänggi vermessenen Weibchen eine Länge von 1,19 und eine Breite von 1,41 Millimetern auf, während dessen Atrium (innere Kammer am Eingang) eine Länge von 0,95 und eine Breite von 0,6 Millimetern aufweist. Die Epigyne der Großen Winkelspinne verfügt medial über eine stark sklerotisierte, lange, rechteckige Platte, an deren anteriorer Fläche die Kopulationsöffnungen münden. Das für Winkelspinnen typische posteriore Sklerit fehlt bei der Großen Winkelspinne wie auch die epigynalen Zähne, wobei jedoch dafür einige zahnartige Gebilde vorhanden sind. Die Vulva besteht ihrerseits aus den für sich sehr unterschiedlichen Spermatheken (Samentaschen), den Befruchtungs- und den Kopulationskanälen. Letztere sind kurz und gerade verlaufend, ihnen fehlen die gattungstypischen langen Erweiterungen. Die Spermatheken weisen eine unregelmäßig längliche Gestalt auf und sind überdies sklerotisiert und umschließen gewundene Kanäle, die durch mehr als das Zweifache ihres Durchmessers voneinander getrennt sind. Die Befruchtungskanäle treten als kleine, blattförmige Anhängsel in Erscheinung.

Differenzierung von ähnlichen Winkelspinnen